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Gerald Murauer © Oliver Wolf
Gerald Murauer © Oliver Wolf

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Murauer: "Qualität geht vor Geschwindigkeit"

06.04.2020

Seit 1. April ist Gerald Murauer neuer Geschäftsführer der Silicon Austria Labs (SAL). Erste Priorität ab der Amtsübernahme von seinem Vorgänger Werner Luschnig ist für den Manager neben dem Ausbau weiterer Kooperationsprojekte mit der Industrie die Rekrutierung von Forscherinnen und Forschern. Wegen der Coronakrise sieht Murauer zwar das Wachstum verlangsamt, den grundsätzlichen Weg aber nicht gefährdet.

Der gebürtige Oberösterreicher hat schon beim Institute of Science and Technology (IST) Austria (bis 2012) oder als Siemens-Geschäftsführer beim Aspern Smart City Forschungszentrum Aufbauarbeit geleistet. Nachdem er zuletzt bei einem Personalberatungsunternehmen tätig war, nimmt er sich nun dem nächsten großen Forschungsprojekt an. Seine Aufgaben für die kommenden fünf Jahre sind dem Maßstab gemäß umfangreich, sollen die SAL doch im Endausbau das drittgrößte Forschungszentrum Österreichs sein.

Geht man nach den offiziellen Zielvorgaben von SAL, erscheint vor allem das Vorhaben, bis 2023 bis zu 400 Mitarbeiter zu rekrutieren, angesichts des allgemeinen Fachkräftemangels ambitioniert - auch vor dem Hintergrund, dass Exzellenz in der Forschung angestrebt wird. "Das ist eine große Herausforderung. Beim IST Austria ist es uns gelungen, hohe Qualität und Geschwindigkeit gleichzeitig umzusetzen. Wobei auch beim IST immer das Mantra war: Qualität geht vor Geschwindigkeit." Das gelte voll inhaltlich auch für die kommende Arbeit: "Es ist wunderbar, dass wir ein Wachstumspotenzial haben und die Shareholder bereit sind, das mitzutragen. Aber es ist noch viel wichtiger, dass ein solides Fundament gebaut wird."

Für Murauer ist klar, dass über die Landesgrenzen hinaus nach Personal gesucht werden muss: "In Österreich raufen wir uns um die gleichen Leute und es wird auch in zehn Jahren wahrscheinlich noch zu wenige geben." Einen Hebel, Schlüsselkräfte für SAL zu gewinnen, sieht er in dem gemeinsamen Doktoratskolleg mit der TU Graz, der Johannes Kepler Universität Linz, der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und der TU Wien (siehe "Das Rückgrat wissenschaftlicher Forschung: ein Doktoratskolleg"). Als erst im Aufbau befindliche Institution könne man nur versuchen, potenzielle Kandidaten für die Vision zu begeistern, "aber genau das ist auch die Chance".

Langsameres Wachstum möglich

Wegen der Coronakrise geht Murauer (Stand 18. März; Anm.) zwar davon aus, "dass das Wachstum eine Spur langsamer sein wird, als wir noch vor ein paar Wochen vermutet hätten", zeigt sich aber zuversichtlich, dass der grundsätzliche Weg weitergeführt werden kann. Mit den derzeit 150 Mitarbeitern sei das Zentrum gut aufgestellt, allerdings gebe es noch wesentliche Kompetenzbereiche, "wo wir noch keine Leute haben". Dazu zähle das zukunftsweisende Thema Systemintegration, speziell in den Bereichen modellbasierte Systeme und Edge Computing.

Der Aufbau der entsprechenden beiden Forschungsgruppen in Graz und die Suche nach deren Leitern stehe daher weit oben auf der Agenda. Da Villach durch die Fusion mit Carinthian Tech Research (CTR) im Vorjahr einen Vorsprung hat und "gut funktioniere" und auch Linz schon "auf einem guten Weg" sei, liege der Fokus nun generell klar auf dem Unternehmenssitz Graz. Erst Anfang März sei man in das neue EBS-Gebäude (Electronic Based Systems Center) am Campus der TU Graz eingezogen - schon aus räumlichen Gründen eine dringende Voraussetzung für künftiges Wachstum.

"Kein Silodenken in der Organisation"

Drei Standorte zu leiten und zu koordinieren sei eine ziemliche Herausforderung, gelte es doch, die fünf Forschungs-Divisionen - Hochfrequenzsysteme, Leistungselektronik, Sensorsysteme, Embedded Systems und System Integration Technologies - standortübergreifend zu verstehen. "Ganz wichtig ist, dass es in keiner Form irgendeine Art von Silodenken gibt in der Organisation." So sei die Divisionsleitung immer klar einem Standort zugeordnet, die Divisions arbeiten aber immer Standort übergreifend. "Das wird bei allen Themen so sein", betont er.

Die Finanzierung - 280 Mio. Euro bis 2023 - sei eine solide, damit könne man aber thematisch nicht alles machen. Die Budgetmittel müsse man so fokussieren, dass man in dem jeweiligen Tätigkeitsbereich die Forschungsinfrastruktur anschaffen könne und die Mitarbeiter die bestmöglichen Arbeitsbedingungen hätten. "Deshalb kann man nicht 100 Themen machen, sondern muss sich auf ein, zwei Dutzend Themen fokussieren." Der Industrieanteil von 140 Mio. Euro sei daran gekoppelt, Kooperationsprojekte mit der Industrie auf die Beine zu stellen. "Diese 400 Leute sind darauf ausgelegt, dass es uns gelingt, in diesen Kooperationsprojekten sehr erfolgreich zu sein", so Murauer, entsprechend liege in der Forschung der Schwerpunkt auch darauf. Ziel sei es, Innovationen hervorzubringen, "die der Industrie helfen, in drei, fünf oder zehn Jahren einen Wettbewerbsvorteil zu haben gegenüber anderen Unternehmen, die nicht mit uns kooperieren".

Energiewende und Champions League

Sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu stellen, wie im aktuellen Jahresbericht der SAL angekündigt, bedeutet für Murauer, "zum Schutz des Klimas bzw. zur Energiewende etwas beizutragen". Einen Beitrag dazu sieht der Experte etwa in dem Projekt "Tiny Power Box", das die Optimierung der Leistungsdichte von eingebauten Ladegeräten in E-Autos ("Onboard-Charger") zum Ziel hat (siehe "Klein aber fein - ein Blick auf die Leistungselektronik"). "Das zweite Beispiel ist Industrie 4.0. Das kann nur funktionieren, wenn man in verteilten Systemen Sensoren so einbauen kann und diese eine entsprechende Rückmeldung geben, dass man Produktionen auch steuern kann."

Ob "Grand Challenges" der Forschung anzugehen oder sich im Bereich der Mikroelektronik einen Namen mit Nachhall zu machen, für beides ist ein langer Atem eine Grundvoraussetzung. Um in der Weltspitze mitzuspielen, brauche es ungefähr zehn Jahre, so Murauer. Der Vertrag des Geschäftsführers läuft auf fünf Jahre, also bis Ende März 2025. "Was uns schon gelingen kann bis zum Ende dieser Laufzeit, ist, in der europäischen Champions League der Forschung zumindest einmal mitzuspielen." Werde man dann mit Einrichtungen wie Fraunhofer, IMEC oder Leti einmal in einem Atemzug genannt, "dann wäre ich sehr glücklich und zufrieden".

Von Mario Wasserfaller / APA-Science

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