„Dual-Use“ scheint das Schlagwort der Stunde. Ein neues Bekenntnis zu Forschung und Entwicklung zu zivilem wie auch militärischem Zwecke ist von den verschiedenen Seiten – der Politik, der Wirtschaft bis hin zur (anwendungsnahen) Forschungs-Community – zu vernehmen. Grund ist die Situation, in der sich Europa und seine Mitgliedsländer befinden: mitten in geopolitischen Veränderungen, mit einem weniger kalkulierbaren transatlantischen Bündnispartner und mit einem Bündel an Herausforderungen bei wirtschaftlichem Wettbewerb und der Verteidigung demokratischer Werte. „Dual-Use“ als „Waffe“, um wieder zur eigenen Stärke zu gelangen?
„Die Verteidigung des Weltraums und die Nutzung des Weltraums für Verteidigungszwecke wird immer dringlicher, denn wir werden bereits angegriffen.“ Diese drastischen Worte wählte der EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius bei seiner Eröffnungsrede zur Konferenz „Space for European Resilience“ Ende Oktober in Brüssel. Auch der aus Tirol stammende Generaldirektor der Europäischen Weltraumagentur ESA, Josef Aschbacher, machte schon weit im Voraus zu der kürzlich abgehaltenen ESA-Ministerratskonferenz mit ähnlichen Ansagen Stimmung.
Weltraumsektor als Stimmungsmacher
Den Ausgang des Treffens, bei dem die Länder einer Aufstockung von Europas Weltraumetat zugestimmt haben, bezeichnete er als „klaren Auftrag“, Weltraumanwendungen für Verteidigungszwecke zu nutzen. Raumfahrtinfrastrukturen und weltraumbasierte Daten seien mittlerweile zur „sicherheitskritischen Komponente der wirtschaftlichen Stabilität, des politischen Handlungsspielraums und der strategischen Autonomie“ geworden, argumentierte auch der für die Weltraumagenden zuständige Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ).
Akteure der Industrie sehen den doppelten Verwendungszweck von Weltraumlösungen sowohl als Segen als auch Fluch. So würden „zivil-militärische Satelliten” zwar zusätzliche Einnahmen ermöglichen, aber auch Fragen hinsichtlich ihres Schutzes aufwerfen, so Kurt Kober, Geschäftsführer des Wiener Weltraumunternehmens Beyond Gravity.
Mehr dazu: „Weltraum wird zum nächsten Schlachtfeld“
IV: Braucht „Anerkennung dieser Dual-Use-Realität“
Wer an Österreichs Rüstungsindustrie denkt, dem kommt der Noricum-Skandal aus den 1980er-Jahren in den Sinn, als eine Tochterfirma der staatlichen VÖEST verbotenerweise Kanonen an die kriegsführenden Staaten Irak und Iran lieferte. Heute sind die Faustfeuerwaffenhersteller Glock und Steyr Arms und der Munitionshersteller Hirtenberger weltweit führende Unternehmen mit Sitz in Österreich.
„Die österreichische Sicherheitswirtschaft erwirtschaftet 4,8 Milliarden Euro an Produktionswert, trägt mit 2,8 Milliarden Euro knapp ein Prozent zur Bruttowertschöpfung bei und sichert über 40.000 Arbeitsplätze direkt und indirekt“, weiß der Vizegeneralsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Peter Koren. Die Dualität ziviler und militärischer Nutzung bedeutet für Industrie und Forschung neue Herausforderungen. Koren plädiert „für eine realistische und verantwortungsvolle Anerkennung dieser Dual-Use-Realität“. Es gehe nicht um die „Militarisierung der Forschung“, gleichzeitig brauche es praxistaugliche Leitlinien.
Mehr dazu: „IV: ‚Es geht nicht um Militarisierung der Forschung‘“
Geopolitische Umwälzungen und damit einhergehende Anstrengungen Europas, sich bei Sicherheit und Verteidigung unabhängiger aufzustellen, wirken sich auch auf Forschung und Technologieentwicklung aus. Dual-Use-Güter, die sowohl dem zivilen wie auch militärischen Zweck dienen, rücken in den Fokus. Worüber lange nicht (oder nur mit Zurückhaltung) gesprochen wurde, gilt nun als Notwendigkeit. Es geht um ökonomischen Nutzen, aber auch die Verteidigung demokratischer Werte.
- Dual-Use-Verordnung (EU) 2021/821: https://go.apa.at/XlCvx0ig
- Europäische Kommission – White Paper zu Dual-Use 2024: https://go.apa.at/73rBmvKv
- Europäische Kommission – Bericht „Align Act Accelerate“, 2024: https://go.apa.at/COrttwRe (s. Recommendation 12 „Dual Use“, S. 111)
- ESPI-Report „Rising Together?“ 2025: https://www.espi.eu/wp-content/uploads
- EU-Publikation „Unlocking the potential of dual-use research and innovation“: https://go.apa.at/W3y8Zdoo
- FORTE Ausschreibung
- KIRAS/K-PASS Ausschreibung
- FFG-Infos zu European Defence Fund
- ESA-Projekt LEO-PNT (Celeste)