apa.at
Gastbeitrag / Matthias Spadinger und Nadine Dimmel / Dienstag 23.08.22

30 Jah­re Gedenkdienst

Seit der Ver­ein GEDENK­DIENST vor 30 Jah­ren die ers­ten Gedenk­dienst­leis­ten­den ins Aus­land ent­sen­de­te, hat sich die öster­rei­chi­sche Erin­ne­rungs­land­schaft stark ver­än­dert. Ein Jahr zuvor, 1991, sprach Bun­des­kanz­ler Franz Vra­nitz­ky zum ers­ten Mal die Mit­schuld Öster­reichs an den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen und dem Zwei­ten Welt­krieg im Par­la­ment in einer Rede an.
Foto: Tobi­as Schmitzberger Der Vor­stand des Ver­eins Gedenkdienst

Er ent­schul­dig­te sich für Öster­reichs Taten, 1995 wur­de der Natio­nal­fonds der Repu­blik für die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus eingerichtet.

Der Ver­ein GEDENK­DIENST ent­stand aus dem Bedürf­nis, vor allem jun­gen Men­schen abseits von Schul­un­ter­richt und Maut­hau­sen­be­such eine tief­ge­hen­de und län­ger­fris­tig wir­ken­de Aus­ein­an­der­set­zung mit den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen und ihren Aus­wir­kun­gen zu ermög­li­chen. Von zivil­ge­sell­schaft­li­chem Enga­ge­ment getra­gen, eta­blier­te sich daher eine Initia­ti­ve ähn­lich dem Ver­ein Süh­ne­zei­chen Frie­dens­diens­te e.V., wel­cher bereits seit 1958 deut­schen Staatsbürger*innen einen ein­jäh­ri­gen Dienst an Holo­caust-Gedenk­stät­ten ermög­licht. In Öster­reich wur­de der Gedenk­dienst als soge­nann­ter “Zivil­ersatz­dienst” geführt und von der Repu­blik finan­zi­ell geför­dert – aller­dings stand er damit nur zivil­dienst­pflich­ti­gen Män­nern offen. Nach­dem der Ver­ein GEDENK­DIENST einen gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Anspruch ver­folgt, konn­te im Jahr 2016 durch­ge­setzt wer­den, dass auch Frau­en und nicht zivil­dienst­pflich­ti­ge Män­ner zu glei­chen Rech­ten und Pflich­ten die­sen Dienst leis­ten kön­nen. Nach wie vor aus­ge­nom­men sind Per­so­nen ohne EU-Staatsbürger*innenschaft.

Par­al­lel zur Ent­sen­de­tä­tig­keit ent­stand inner­halb des Ver­eins ein viel­fäl­ti­ges his­to­risch-poli­ti­sches Bil­dungs­pro­gramm, wel­ches sich als akti­ver Bei­trag zur erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Debat­te in Öster­reich ver­steht. Ehren­amt­li­che Mitarbeiter*innen orga­ni­sie­ren Stu­di­en­fahr­ten, hal­ten Work­shops, Vor­trä­ge und ver­öf­fent­li­chen Publi­ka­tio­nen. Dadurch kön­nen Per­so­nen, die bereits einen Gedenk­dienst geleis­tet haben, ihr Enga­ge­ment in Öster­reich wei­ter­füh­ren. Es dient aber auch als Anknüp­fungs­punkt und Platt­form für Men­schen, die sich aktiv mit Zeit­ge­schich­te aus­ein­an­der­set­zen wol­len. Hier kön­nen im Aus­tausch mit ande­ren Inter­es­sier­ten auch eige­ne Schwer­punk­te gesetzt wer­den, zum Bei­spiel bei unse­rem Stu­di­en­fahr­ten-Pro­jekt Überqu(e)erung eines Kon­ti­nents / Cross(dress)ing Euro­pe, wel­ches sich mit Queer Histo­ry im Kon­text von Holo­caust Edu­ca­ti­on auseinandersetzt.

Der Ver­ein GEDENK­DIENST bewegt sich seit nun 30 Jah­ren in der öster­rei­chi­schen Erin­ne­rungs­land­schaft. Die­se Umge­bung hat sich stark ver­än­dert. Die Betei­li­gung Öster­reichs an natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gräu­el­ta­ten stellt zumin­dest ein Groß­teil der Poli­tik außer Fra­ge. Den­noch ist der Weg zu einem qua­li­ta­ti­ven Geden­ken und einer akti­ven Kul­tur der Erin­ne­rung im poli­ti­schen Öster­reich ein wei­ter. Dass eine Ver­zah­nung zwi­schen staat­li­chen und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Struk­tu­ren von­nö­ten ist, um eben jenes qua­li­ta­ti­ve Geden­ken zu ermög­li­chen, muss von der Poli­tik noch erkannt wer­den. Die Ent­hül­lung von Denk­mä­lern und das Bege­hen von Gedenk­ta­gen mag zwar das Bewusst­sein für die Gescheh­nis­se in der Öffent­lich­keit stär­ken, aber es benö­tigt ein stär­ke­res Enga­ge­ment der Repu­blik, um Kon­ti­nui­tä­ten aus NS-Zeit auf­zu­zei­gen und auf­zu­bre­chen. Anti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus nah­men in den letz­ten Jah­ren in Öster­reich stark zu, was der jähr­li­che Anti­se­mi­tis­mus­be­richt der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de sowie der Ras­sis­mus­be­richt von ZARA (Zivil­cou­ra­ge und Anti-Ras­sis­mus-Arbeit) ein­drück­lich zei­gen. His­to­risch-poli­ti­sche Bil­dungs­ar­beit für jun­ge als auch erwach­se­ne Men­schen in Öster­reich muss eine Ver­bin­dung zwi­schen der Ver­gan­gen­heit und der Gegen­wart eta­blie­ren, um den gesell­schafts­po­li­ti­schen Fra­gen von heu­te, als auch der Ver­ant­wor­tung gegen­über der öster­rei­chi­schen Geschich­te gerecht zu werden.

Auch heu­te noch ist die Arbeit des Ver­ein GEDENK­DIENST, bis auf drei Büro­an­ge­stell­te, ehren­amt­lich. Der hohe büro­kra­ti­sche Auf­wand ist schwie­rig zu stem­men, bei einer För­de­rung, die seit 1992 immer klei­ner wur­de. Es gibt die Hoff­nung, dass durch die anste­hen­de Novel­lie­rung des Frei­wil­li­gen­ge­set­zes wesent­li­che Ver­bes­se­run­gen hin­sicht­lich der staat­li­chen Zuwen­dun­gen für die Gedenk­dienst­leis­ten­den erreicht wer­den können.
Ziel und Anspruch ist es, allen, die in Öster­reich leben und an einem Gedenk­dienst inter­es­siert sind, einen sol­chen zu ermög­li­chen und dadurch akti­ve Erin­ne­rungs­ar­beit im Aus­land zu leis­ten. Dafür wird sich der Ver­ein GEDENK­DIENST auch wei­ter­hin einsetzen.

Nähe­re Infor­ma­tio­nen unter: https://​gedenk​dienst​.at/

Kurzportrait

Mat­thi­as Spa­din­ger ist Obmann des Ver­eins GEDENK­DIENST. Er leis­te­te 2014/15 Gedenk­dienst im Ghet­to Figh­ters‘ House Muse­um nahe Akko in Isra­el. Seit sei­ner Rück­kehr ist er in der Didak­tik­Werk­statt aktiv und seit 2016 Vor­stands­mit­glied sowie Stel­len­be­treu­er für Isra­el. Im Okto­ber 2017 wur­de er Kas­sier des Ver­eins. Er stu­diert Poli­tik­wis­sen­schaft sowie Geschich­te und Geo­gra­phie auf Lehr­amt an der Uni­ver­si­tät Wien.

Nadi­ne Dim­mel ist stell­ver­tre­ten­de Obfrau des Ver­eins GEDENK­DIENST. Sie leis­te­te 2018/19 im Ghet­to Figh­ters’ House Muse­um nahe Akko ihren Gedenk­dienst; stu­diert der­zeit Geschich­te an der Uni­ver­si­tät Wien und ist seit Herbst 2019 zunächst als stv. Schrift­füh­re­rin, dann als stv. Obfrau im Ver­ein tätig.

Stichwörter