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Gastbeitrag / Matthias Raudaschl / Donnerstag 14.04.22

City Remi­xed – Kreis­lauf­wirt­schaft in Graz

Eine Kreis­lauf­wirt­schaft im Bau­we­sen ent­spricht der Idee, ver­bau­te Res­sour­cen fort­lau­fend neu ein­zu­set­zen und damit den Ver­brauch neu­er Res­sour­cen wie auch das Müll­auf­kom­men dras­tisch zu ver­rin­gern. Zusätz­lich besitzt die­se Form des Bau­ens das Poten­zi­al, nega­ti­ve Umwelt­wir­kun­gen zu redu­zie­ren und die Resi­li­enz, im Sin­ne einer Anpas­sungs­fä­hig­keit an zukünf­ti­ge Anfor­de­run­gen, von Städ­ten und Gebäu­den zu erhöhen. 

In die­sem Kon­text soll die durch das Land Stei­er­mark geför­der­te und der­zeit lau­fen­de Stu­die „City Remi­xed“ die Trans­for­ma­ti­on des Bau­we­sens in Graz hin zu einer Kreis­lauf­wirt­schaft einleiten.

Das Pro­jekt­ziel besteht in der Defi­ni­ti­on von Hand­lungs­fel­dern mit hoher Rele­vanz für die Imple­men­tie­rung einer Kreis­lauf­wirt­schaft und in der Auf­be­rei­tung in Form von Ent­schei­dungs­grund­la­gen und ‑emp­feh­lun­gen für die Akteu­re eines kreis­lauf­fä­hi­gen Bau­ens, unter ande­rem dem Land Stei­er­mark. Hier­zu wird die Kreis­lauf­wirt­schaft anhand zuge­hö­ri­ger Bau­pro­zes­se auf theo­re­ti­scher Ebe­ne simu­liert. Das umschließt die Erfas­sung eines pro­to­ty­pi­schen „Bau­be­stan­des Graz“ in Form eines digi­ta­len 3D-Modells, die Fest­stel­lung poten­zi­el­ler Wie­der­ver­wen­dungs- und Ver­wer­tungs­mög­lich­kei­ten von Bau­tei­len, Bau­pro­duk­ten und Bau­stof­fen in Graz wie auch im Umland, sowie die Dar­stel­lung mög­li­cher Neu­bau­ten oder Erneue­rungs­sze­na­ri­en anhand poten­zi­el­ler Bau­teil- und Stoffflüsse.

Bis­lang lag der Fokus des lau­fen­den Pro­jek­tes auf dem „Bau­be­stand Graz“, wel­cher sich durch die Stadt­gren­ze defi­niert und inner­halb die­ser Gren­ze erho­ben wur­de. Bei die­sem Pro­zess und ergän­zen­den Fach­ge­sprä­chen mit Archi­tek­tur­bü­ros, Ver­tre­tern der Stadt Graz und Expert*innen, zeig­ten sich ers­te Hin­der­nis­se. So bestehen bei­spiels­wei­se Infor­ma­tio­nen über den Zeit­raum der Errich­tung aus­ge­wähl­ter Bau­wer­ke, die­se sind zum über­wie­gen­den Groß­teil jedoch nicht digi­ta­li­siert oder geo­re­fe­ren­ziert. Auch ist eine Ver­knüp­fung von rele­van­ten Daten, wel­che häu­fig an unter­schied­li­chen Orten und in unter­schied­li­chen For­ma­ten auf­lie­gen, nicht gege­ben. Dar­über hin­aus unter­lie­gen man­che Infor­ma­tio­nen dem Daten­schutz oder sind auf­grund von wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen der Erstel­ler nicht zugänglich.

Aus die­sen Grün­den basiert der im Pro­jekt erho­be­ne „Bau­be­stand Graz“ auf öffent­lich zugäng­li­chen Infor­ma­tio­nen. Hier­zu erfolg­te in einem ers­ten Schritt die Erstel­lung eines 3D-Volu­men­mo­dells anhand der Daten­bank Open­Street­Map. Zur anschlie­ßen­den Kate­go­ri­sie­rung der Gebäu­de nach ihrer Nut­zung wur­den Daten der Gebäu­de­zäh­lung der Sta­tis­tik Aus­tria her­an­ge­zo­gen und mit kor­re­lie­ren­den Daten des Lan­des Stei­er­mark, wel­che die Ent­wick­lung des Gebäu­de­be­stan­des über die letz­ten Jahr­zehn­te abbil­den, kom­bi­niert. Dar­aus las­sen sich Gebäu­de­be­stän­de nach bestimm­ten Nut­zungs­ka­te­go­rien und Zeit­span­nen ableiten.

Durch eine anschlie­ßen­de Ana­ly­se aus­ge­wähl­ter Gebäu­de, basie­rend auf der sta­tisch wirk­sa­men Pri­mär­struk­tur (Geschoß­de­cken, Wän­de, Stüt­zen, usw.) und Sekun­där­struk­tur (nicht tra­gen­de Wand‑, Decken‑, Boden- und Fas­sa­den­sys­te­me) kann auf die bau­tech­ni­sche Zusam­men­set­zung geschlos­sen wer­den. Die­se Infor­ma­tio­nen wer­den anhand von wis­sen­schaft­li­chen Publi­ka­tio­nen und durch Plan­ma­te­ri­al (Dis­ser­ta­tio­nen, Mas­ter­ar­bei­ten, Archi­ve, usw.) gewon­nen und durch ört­li­che Bege­hun­gen ergänzt. Der fina­le pro­to­ty­pi­sche „Bau­be­stand Graz“ ent­steht infol­ge einer Hoch­rech­nung der Ergeb­nis­se der bau­tech­ni­schen Ana­ly­se auf den Gebäu­de­be­stand nach Zeit­span­ne und Nutzungskategorie.

Als wesent­li­ches Hand­lungs­feld wur­de dem­entspre­chend die „Doku­men­ta­ti­on von Bau­wer­ken“ defi­niert. Hin­sicht­lich einer Trans­for­ma­ti­on des Bau­we­sens in Graz hin zu einer Kreis­lauf­wirt­schaft emp­fiehlt die­ses Hand­lungs­feld stan­dar­di­sier­te Metho­den der fort­lau­fen­den Daten­er­fas­sung und Daten­ver­wal­tung, über den gesam­ten Lebens­zy­klus von Bau­tei­len hin­weg, wie auch die Nut­zung und Ver­knüp­fung bestehen­der Daten­ban­ken. Hier­bei gilt es eine Viel­zahl an Infor­ma­tio­nen unter­schied­li­cher Akteu­re ent­lang der Wert­schöp­fungs­ket­te zu inte­grie­ren aber auch ent­spre­chen­de recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen zu schaffen.

Neue Anfor­de­run­gen an den Handwerksberuf

Wei­ters konn­te im Pro­jekt­ver­lauf anhand der „Rück­bau­fä­hi­gen Kon­struk­ti­on“ ein wei­te­res poten­zi­el­les Hand­lungs­feld defi­niert wer­den, wel­ches bei­spiels­wei­se die Bau­teil­aus­wahl, die Gestal­tung von Schnitt­stel­len zwi­schen Bau­tei­len unter­schied­li­cher Lebens­dau­er und Mate­ria­li­tät, aber auch Mon­ta­ge- und Demon­ta­ge­pro­zes­se umschließt. Da ein sor­ten­rei­ner Rück­bau von Bau­kom­po­nen­ten der­zeit hän­disch erfolgt, wer­den in die­sem Kon­text auch neue Anfor­de­run­gen an den Hand­werks­be­ruf gestellt und Poten­zia­le eröff­net. Ein wei­te­res Hand­lungs­feld betrifft die „Ver­tei­lung von Bau­res­sour­cen“ infol­ge neu­er Geschäfts­mo­del­le und der Ent­wick­lung und Imple­men­tie­rung von Bau­teil­bör­sen für rück­ge­bau­te und auf­be­rei­te­te Res­sour­cen. In die­sem Kon­text gilt es im Rah­men eines wei­te­ren Hand­lungs­fel­des „Recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen“ zu schaf­fen, wel­che die Anwen­dung rück­ge­bau­ter, ana­ly­sier­ter und bewer­te­ter, oder rück­ge­bau­ter und auf­be­rei­te­ter Bau­kom­po­nen­ten oder Bau­stof­fen regeln und ermöglichen.

Zusam­men­ge­fasst konn­te die Stu­die „City Remi­xed“ bis­lang auf­zei­gen, dass die Imple­men­tie­rung einer Kreis­lauf­wirt­schaft im Bau­we­sen Graz einen hohen Grad an Kom­ple­xi­tät auf­weist und auf unter­schied­li­chen Ebe­nen fach­über­grei­fen­de Hand­lungs­fel­der eröff­net. Hand­lungs­fel­der wel­che wei­ter­füh­ren­de inter­dis­zi­pli­nä­re For­schung und Anwen­dung auf unter­schied­li­chen Ebe­nen und Rea­li­sie­rungs­gra­den erfor­dern, wie auch gro­ßes Poten­zi­al hin­sicht­lich Kli­ma­schutz, Resi­li­enz, Roh­stoff­ver­sor­gungs­si­cher­heit, Inno­va­ti­on und Beschäf­ti­gung bie­ten und bie­ten können.

Das Pro­jekt ist am Insti­tut für Archi­tek­tur­tech­no­lo­gie und am Insti­tut für Mate­ri­al­prü­fung und Bau­stoff­tech­no­lo­gie der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz ver­or­tet und wird durch Ernst Alex­an­der Dengg, Alex­an­der Gün­de­ra, Seli­na Hain­g­art­ner, Bernd Hau­seg­ger, Joa­chim Juhart, Cari­na Kurz, Toni Levak, Mat­thi­as Rau­da­schl, Johan­na Regl, Univ.-Prof. Roger Riewe, David Schlegl sowie Geor­gi­os Tri­an­taf­yl­li­dis umge­setzt. Zudem wer­den Exper­tin­nen und Exper­ten unter­schied­li­cher Fach­rich­tun­gen bera­tend in das Pro­jekt ein­ge­bun­den und tra­gen mit Fach­wis­sen zu den Ergeb­nis­sen bei.

Kurzportrait

Mat­thi­as Rau­da­schl wur­de 1990 in Bad Aus­see gebo­ren und ist Seni­or Sci­en­tist am Insti­tut für Archi­tek­tur­tech­no­lo­gie der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz. Er hat mit einer Dis­ser­ta­ti­on über eine, für das Bau­we­sen neu­ar­ti­ge, rück­bau­fä­hi­ge Ver­bin­dungs­tech­no­lo­gie mit Aus­zeich­nung pro­mo­viert. In sei­ner For­schung behan­delt er Bau­pro­zes­se in unter­schied­li­chen Maß­stä­ben, die Bau­kon­struk­ti­on, Bau­teil­schnitt­stel­len und Bau­sys­te­me. Den über­ge­ord­ne­ten Schwer­punkt bil­den die Begren­zung der nega­ti­ven Umwelt­wir­kun­gen des Bau­we­sens und die Anpass­bar­keit von Gebäu­den und Städ­ten an zukünf­ti­ge Anfor­de­run­gen anhand des kreis­lauf­fä­hi­gen Bauens.

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