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Gastbeitrag / Hannes Raffaseder / Freitag 29.10.21

„Ever­ything we teach should be dif­fe­rent from the machines!“

Die Vor­tei­le der Digi­ta­li­sie­rung sind seit Jah­ren omni­prä­sent. Damit ver­bun­de­ne Her­aus­for­de­run­gen wer­den hin­ge­gen erst seit kur­zem umfas­sen­der dis­ku­tiert. Ein neu­er digi­ta­ler Huma­nis­mus oder – noch bes­ser – eine huma­nis­ti­sche Digi­ta­li­sie­rung, die Mensch und Natur in den Mit­tel­punkt rückt, kann zu mehr Viel­falt, Durch­läs­sig­keit und Inklu­si­on bei­tra­gen und vor allem mehr Frau­en für tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen begeistern.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt!

„Daten sind das neue Gold!“ lau­tet eine Paro­le unse­res digi­ta­len Zeit­al­ters. Quo­ten und Likes schei­nen einen öffent­li­chen Dis­kurs über Qua­li­tät zu erset­zen. Algo­rith­men beein­flus­sen längst Kon­sum­ver­hal­ten und Ent­schei­dungs­pro­zes­se. Dabei wer­den bekann­te Mus­ter wie­der­holt und gän­gi­ge Ver­hal­tens­wei­sen bestä­tigt. So ent­ste­hen jene Fil­ter­bla­sen, die auch dort zu Ver­ein­heit­li­chung und Ver­ein­fa­chung füh­ren, wo Viel­falt, (Meinungs)pluralismus und eine neue Kom­ple­xi­tät not­wen­dig wären. Dass Fake-News, Hass­posts und ande­re demo­kra­tie­ge­fähr­den­de Ent­wick­lun­gen zum gesell­schaft­li­chen Pro­blem gewor­den sind, ist dem­nach wenig ver­wun­der­lich. Trotz­dem wird für einen erfolg­rei­chen digi­ta­len Wan­del noch immer die Not­wen­dig­keit tech­ni­scher Kom­pe­ten­zen betont. Folg­lich wer­den Aus- und Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bo­te seit vie­len Jah­ren vor allem im Bereich MINT (Mathe­ma­tik, Infor­ma­tik, Natur­wis­sen­schaf­ten, Tech­nik) bzw. STEM (Sci­ence, Tech­no­lo­gy, Engi­nee­ring, Mathe­ma­tics) ausgebaut.

Von STEM zu STEAM mit Krea­ti­vi­tät und trans­di­zi­plä­ren Konzepten

Die Bedeu­tung von Digi­tal Skills ist unum­strit­ten. Diver­se Stu­di­en über Schlüs­sel­kom­pe­ten­zen für den Arbeits­markt der Zukunft ergän­zen aber schon seit meh­re­ren Jah­ren vor allem Krea­ti­vi­tät und Lern­fä­hig­keit, kri­ti­sches Hin­ter­fra­gen und Bewer­ten von Inhal­ten, Pro­zes­sen, Metho­den und Trends, Fähig­kei­ten zur Lösung kom­ple­xer, Dis­zi­pli­nen über­grei­fen­der Her­aus­for­de­run­gen eigen­ver­ant­wort­li­ches Han­deln sowie hohe sozia­le Kom­pe­ten­zen. Längst wird ein Über­gang von STEM zu STEAM (Sci­ence, Tech­no­lo­gy, Engi­nee­ring, Arts, Mathe­ma­tics) pro­pa­giert. Den­noch sind trans­dis­zi­pli­nä­re Kon­zep­te, die digi­ta­le Tech­no­lo­gie und Krea­ti­vi­tät, Wis­sen­schaft und Kunst, Geist und Kör­per, ana­ly­ti­sches Den­ken und emo­tio­na­le Intel­li­genz, theo­re­ti­sche Refle­xi­on und anwen­dungs­be­zo­ge­nes, pro­blem- und pro­jekt­ba­sier­tes Ler­nen inte­grie­ren, noch deut­lich in der Minderheit.

Dabei wird doch immer offen­sicht­li­cher, dass Daten sicher nicht das neue Gold und tech­no­lo­gie­ba­sier­te Inno­va­tio­nen kein All­heil­mit­tel sind. Daten sind eben nicht gleich Infor­ma­ti­on, Infor­ma­ti­on ist nicht Wis­sen, Wis­sen nicht Erfah­rung, Erfah­rung nicht Kom­pe­tenz und Kom­pe­tenz noch kei­ne prak­ti­sche Umset­zung! Und sind es nicht vor allem Emo­tio­nen und Träu­me, Inspi­ra­ti­on und Lei­den­schaft, Kunst und Kul­tur, die Men­schen von Maschi­nen unter­schei­den und unser Leben lebens­wert machen? Gera­de weil sich die­se Basis der Mensch­lich­keit der Digi­ta­li­sie­rung weit­ge­hend ent­zieht, soll­te sie viel stär­ker im Mit­tel­punkt des digi­ta­len Wan­dels ste­hen: Ever­ything we teach should be dif­fe­rent from the machi­ne. If the machi­ne can do bet­ter, we have to think about it!, sag­te Jack Ma, der Grün­der des chi­ne­si­schen Inter­net­gi­gan­ten Ali­b­a­ba, 2018 beim World Eco­no­mic Forum in Davos. Er unter­strich die Bedeu­tung von Wer­ten, Über­zeu­gun­gen, Team­ar­beit etc. und schlug vor, dass Sport, Musik und bil­den­de Küns­te einen höhe­ren Stel­len­wert bekom­men soll­ten. Dass wir in Euro­pa der­ar­ti­ge Rat­schlä­ge aus Chi­na benö­ti­gen, soll­te uns doch zu den­ken geben.

Coding is female!?

Ein zu enger Fokus auf MINT lässt auch ein wei­te­res Pro­blem weit­ge­hend unbe­rück­sich­tigt: Vie­le Men­schen und ins­be­son­de­re Frau­en füh­len sich davon nicht ange­spro­chen und emp­fin­den gro­ße Hür­den. Dar­aus resul­tiert eine stark unter­schied­li­che Ver­tei­lung der Geschlech­ter und ein gene­rel­ler Man­gel an Diver­si­tät in tech­ni­schen Berufs­fel­dern. Es gehen drin­gend benö­tig­te Talen­te und wich­ti­ge Per­spek­ti­ven ver­lo­ren, die für einen digi­ta­len Wan­del not­wen­dig wären, der Mensch und Natur in den Mit­tel­punkt stellt. Die Öster­rei­chi­sche Com­pu­ter Gesell­schaft nennt neben erzie­he­ri­schen Ein­flüs­sen und feh­len­den weib­li­chen Role Models nicht mehr zeit­ge­mä­ße Vor­stel­lun­gen von der IT-Bran­che als wesent­li­che Grün­de für die unter­schied­li­che Geschlech­ter­ver­tei­lung. Das Zen­trum für Hoch­schul­ent­wick­lung (CHE) weist dar­auf hin, dass Infor­ma­tik­stu­di­en einen deut­lich höhe­ren Frau­en­an­teil haben, wenn sie Krea­ti­vi­tät und Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät inte­grie­ren und einen hohen Anwen­dungs- und Pra­xis­be­zug aufweisen. 

Infor­ma­tik­stu­di­en haben einen deut­lich höhe­ren Frau­en­an­teil, wenn sie Krea­ti­vi­tät und Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät inte­grie­ren und einen hohen Anwen­dungs- und Pra­xis­be­zug aufweisen. 

Good Prac­ti­ces mit Vorbildwirkung

Selbst­ver­ständ­lich gibt es auch in Öster­reich zahl­rei­che Initia­ti­ven mit Vor­bild­wir­kung. Bei­spiels­wei­se hat die FH St. Pöl­ten bereits vor 25 Jah­ren mit Medi­en­tech­nik den Grund­stein für eine erfolg­rei­che Ver­bin­dung von Tech­no­lo­gie und Krea­ti­vi­tät gelegt. Bereits 2011 wur­de das Insti­tut für Creative\Media/Technologies gegrün­det, um ange­wand­te For­schung an den Schnitt­stel­len von digi­ta­len Tech­no­lo­gien und krea­ti­ven Inhal­ten zu betrei­ben. Mitt­ler­wei­le arbei­ten vier habi­li­tier­te Pro­fes­so­ren und zahl­rei­che wis­sen­schaft­li­chen Mitarbeiter*innen in ein­schlä­gi­gen For­schungs­pro­jek­ten. Um jugend­li­chen Frau­en einen nie­der­schwel­li­gen Ein­stieg in digi­ta­le Tech­no­lo­gien zu ermög­li­chen, wur­de gemein­sam mit exter­nen Gender-Expert*innen die Crea­ti­ve Coding School initi­iert. Dabei ste­hen pra­xis­na­he Inhal­te und die Lösung gesell­schaft­li­cher Her­aus­for­de­run­gen mit­hil­fe von digi­ta­len Tech­no­lo­gien im Fokus. Ähn­li­che Zie­le ver­folgt auch der Lehr­gang Smart World der Sci­ence Aca­de­my des Lan­des Niederösterreich.

Die Erfah­run­gen flie­ßen beim der Ent­wick­lung neu­er Stu­di­en­pro­gram­me, wie dem Bache­lor­stu­di­um Crea­ti­ve Com­pu­ting, genau­so ein, wie in den Digi­tal Makers Hub, die Aus­tri­an Plat­form for Art and Tech Thin­king, das 2019 mit dem Ars Docen­di aus­ge­zeich­ne­te iLAB und in diver­se Akti­vi­tä­ten der Euro­pean Uni­ver­si­ty E³U­DRES². Dar­über hin­aus unter­stützt die FH St. Pöl­ten mit diver­sen Akti­vi­tä­ten, die auf der Web­sei­te „Coding is fema­le“ zusam­men­fas­send dar­ge­stellt wer­den. Der Erfolg lässt sich u.a. dar­an mes­sen, dass der Frau­en­an­teil bei Medi­en­tech­nik und Crea­ti­ve Com­pu­ting in eini­gen Jahr­gän­gen bereits 50% beträgt. Die Zahl an wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­te­rin­nen ist ver­gleichs­wei­se hoch, und es haben wie­der­holt Frau­en die Lei­tung von tech­ni­schen Stu­di­en­gän­gen über­nom­men, die sich im inter­nen Lauf­bahn­mo­dell kon­ti­nu­ier­lich wei­ter­ent­wi­ckeln konnten.

Kurzportrait

Han­nes Raf­fa­se­der stu­dier­te Nach­rich­ten­tech­nik und Com­pu­ter­mu­sik in Wien. Seit 2010 ist er in ver­schie­de­nen Funk­tio­nen des Hoch­schul­ma­nage­ments an der Fach­hoch­schu­le St. Pöl­ten tätig. Seit Sep­tem­ber 2019 ist er als Chief Rese­arch & Inno­va­ti­on Offi­cer Mit­glied der Geschäfts­füh­rung. Außer­dem ist Han­nes Raf­fa­se­der lei­ten­der Koor­di­na­tor der Euro­pean Uni­ver­si­ty E³U­DRES² und des Digi­tal Makers Hub sowie wis­sen­schaft­li­cher Vor­stand des Ver­eins N’Cyan – Inno­va­ti­on für Menschen.

 

In sei­ner lang­jäh­ri­gen Lehr- und For­schungs­tä­tig­keit beschäf­tigt sich Han­nes Raf­fa­se­der mit viel­fäl­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen des digi­ta­len Wan­dels. Er grün­de­te u.a. das IC\M/T – Insti­tut für Creative\Media/Technologies, lei­te­te den Mas­ter­stu­di­en­gang Digi­ta­le Medi­en­tech­no­lo­gien und zahl­rei­che For­schungs­pro­jek­te. Zahl­rei­che wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­tio­nen und das im Han­ser Ver­lag erschie­nen Fach­buch Audi­o­de­sign ver­fass­te er zur Wir­kung und Bedeu­tung von Klang und Musik.  Han­nes Raf­fa­se­der enga­giert sich auch für Auf­bau und Wei­ter­ent­wick­lung regio­na­ler Öko­sys­te­me für Inno­va­ti­on. Bei­spiels­wei­se war er maß­geb­lich an Kon­zep­ti­on und Auf­bau des Crea­ti­ve Pre-Incu­ba­tor® und der Initia­ti­ve SMART­UP St. Pöl­ten betei­ligt. Da ihm ein inten­si­ver Aus­tausch zwi­schen For­schung und Gesell­schaft beson­ders wich­tig ist, war er mehr­fach für den öster­rei­chi­schen Bei­trag zur Euro­pean Rese­ar­chers‘ Night ver­ant­wort­lich. Neben sei­nen Tätig­kei­ten in For­schung, Inno­va­ti­on und Hoch­schul­ma­nage­ment ist er auch als Kom­po­nist und Medi­en­künst­ler inter­na­tio­nal aktiv.

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