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Gastbeitrag / Ljiljana Radonić / Dienstag 23.08.22

Gedenk­ta­ge – wozu?

Der am 23. August bevor­ste­hen­de und in Öster­reich wenig bekann­te Euro­päi­sche Tag des Geden­kens an die Opfer von Sta­li­nis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus bie­tet einen Anlass, um über Sinn und Zweck von Gedenk­ta­gen im All­ge­mei­nen nach­zu­den­ken. Gemein­hin wird ange­nom­men, dass Gedenk­ta­ge dazu die­nen, an his­to­ri­sche Ereig­nis­se, Opfer oder wich­ti­ge Jah­res­ta­ge zu erinnern.
Foto: Ljil­ja­na Radonić Jähr­li­che Gedenk­ver­an­stal­tung in der KZ-Gedenk­stät­te Jasen­o­vac in Kroatien

Dabei muss man aber stets im Blick behal­ten, dass die Fra­ge, wor­an wann wie gedacht wird, aktu­el­len (identitäts-)politischen Zwe­cken dient. So wur­de etwa der Jah­res­tag des anti­se­mi­ti­schen Novem­ber­po­groms 1938 in Öster­reich jahr­zehn­te­lang nur von weni­gen jüdi­schen und anti­fa­schis­ti­schen Grup­pen began­gen. In den letz­ten Jah­ren wur­de es dann schließ­lich zur Staats­rä­son, an den Holo­caust zu erin­nern, und nun wird man mit Ein­la­dun­gen zu Gedenk­ver­an­stal­tun­gen über­häuft. Öster­reich folg­te hier spät, aber doch, dem deut­schen Vor­bild: wenn man sich zur Ver­ant­wor­tung an der NS-Zeit bekennt, kann man stolz sein auf die­ses Öster­reich, das die Ver­gan­gen­heit so gut auf­ge­ar­bei­tet hat.

Gedenk­ta­ge sind also sym­bo­li­sche Akte – damit lau­fen sie jedoch Gefahr, zu lee­ren Bekennt­nis­ri­tua­len zu wer­den. Geden­ken kann hier­bei auf ver­schie­de­nen Ebe­nen eine Funk­ti­on erfül­len. So kann man etwa der Toten geden­ken, als ob es sich um eine abge­schlos­se­ne Geschich­te han­deln wür­de, die mit heu­te nichts zu tun hat – also z.B. den jähr­li­chen Holo­caust-Gedenk­tag bege­hen und kein Wort über den heu­te gras­sie­ren­den Anti­se­mi­tis­mus ver­lie­ren. Oder man begeht vor allem den inter­na­tio­na­len Holo­caust-Gedenk­tag am 27. Jän­ner, dem Jah­res­tag der Befrei­ung von Ausch­witz-Bir­ken­au im Jah­re 1945, und über­deckt damit natio­nal bedeut­sa­me Daten sowie die ein­hei­mi­sche Betei­li­gung am Holo­caust in Län­dern, in denen die Ver­nich­tung der Jüdin­nen und Juden vie­ler­orts auch – oder sogar vor allem – im Inland und nicht im fer­nen Ausch­witz stattfand.

Im güns­tigs­ten Fall kön­nen Gedenk­ta­ge jedoch auch als Anläs­se für eine selbst­kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ver­gan­gen­heit die­nen. So kann am 27. Jän­ner etwa auch der von Öster­rei­che­rin­nen und Öster­rei­chern began­ge­nen Ver­bre­chen gedacht wer­den: der Anschluss­po­gro­me im März 1938, der soge­nann­ten „Mühl­viert­ler Hasen­jagd“ im Febru­ar 1945, bei der sich die Bevöl­ke­rung dar­an betei­lig­te, aus dem KZ Maut­hau­sen ent­lau­fe­ne Häft­lin­ge wie­der ein­zu­fan­gen. Auch könn­ten per­so­nel­le Kon­ti­nui­tä­ten nach 1945 beleuch­tet wer­den oder der heu­ti­ge Anti­se­mi­tis­mus, der sich meist als Anti­zio­nis­mus, also als dämo­ni­sie­ren­der Hass auf Isra­el Bahn bricht. Ob die­se „heik­len“, schmerz­haf­ten Fra­gen an so einem Tag the­ma­ti­siert wer­den, oder nur längst kano­ni­sier­te Erzäh­lun­gen über die Ver­gan­gen­heit breit­ge­tre­ten wer­den, ist eine per­sön­li­che und poli­ti­sche Ent­schei­dung – das For­mat Gedenk­tag lässt bei­des zu.

Der in Öster­reich kaum bekann­te Gedenk­tag zum Jah­res­tag des Hit­ler-Sta­lin-Pakts, genau­er gesagt des nach den bei­den Außen­mi­nis­tern benann­ten Molo­tow-Rib­ben­trop-Pakts vom 23. August 1939, bie­tet in die­sem Sin­ne eine Chan­ce. Er kann deut­lich machen, wie wenig man im deut­schen Sprach­raum und in West­eu­ro­pa über die­sen deutsch-sowje­ti­schen Nicht­an­griffs­pakt und die im gehei­men Zusatz­pro­to­koll getrof­fe­ne Ver­ein­ba­rung zur Auf­tei­lung Ost­mit­tel­eu­ro­pas und ihre schwer­wie­gen­den Kon­se­quen­zen für die ost­mit­tel­eu­ro­päi­schen Län­der weiß. Auch die gera­de bei hie­si­gen Lin­ken viel­fach klein­ge­re­de­ten Ver­bre­chen Sta­lins könn­ten anläss­lich die­ses Tages the­ma­ti­siert werden.

Doch sieht man sich die Ent­ste­hungs­ge­schich­te die­ses Gedenk­tags an, so wird deut­lich, wel­che poli­ti­sche Funk­ti­on auch die­ser Tag in der euro­päi­schen Erin­ne­rungs­kul­tur spielt. Nach der gro­ßen EU-Ost­erwei­te­rung von 2004 bemüh­ten sich die post­so­zia­lis­ti­schen neu­en EU-Mit­glieds­län­der, ihre geschichts­po­li­ti­schen Schwer­punk­te auch im euro­päi­schen Erin­ne­rungs­ka­non zu ver­an­kern. Ihre Wahl fiel dabei, ange­trie­ben ins­be­son­de­re von den bal­ti­schen Län­dern und der Tsche­chi­schen Repu­blik, auf einen Gedenk­tag, der vor allem eine Bot­schaft sen­det: Wir waren Opfer gro­ßer Mäch­te, NS-Deutsch­lands und der Sowjet­uni­on. Was damit an die­sem Tag nicht in den Vor­der­grund gestellt wird, sind Fra­gen nach der Kol­la­bo­ra­ti­on der eige­nen Bevöl­ke­rung mit den bei­den Regi­men sowie nach dem unter­schied­li­chen Cha­rak­ter der bei­den Regime und ihrer Ver­bre­chen. Der Über­be­griff „tota­li­tä­re Regime“ legt nahe, alle sei­en „glei­cher­ma­ßen“ zu Opfern gewor­den. Die­se Ent­ste­hungs­ge­schich­te macht den Umgang mit dem 23. August schwie­rig. Der Spa­gat wäre aber loh­nens­wert: Gelingt eine genaue Auf­ar­bei­tung und brei­te­re Bekannt­ma­chung sta­li­nis­ti­scher Ver­bre­chen einer­seits und zugleich ande­rer­seits die Kri­tik an der post­so­zia­lis­ti­schen Exter­na­li­sie­rung der Ver­ant­wor­tung an exter­ne Mächte?

Auch hier gilt: Jede und jeder, Poli­ti­ke­rin wie Leh­rer oder NGO, kann sich ent­schei­den, Gedenk­ta­ge frucht­bar zu machen, indem man ver­wir­ren­de, ver­un­si­chern­de, „heik­le“, ja schmerz­haf­te Fra­gen stellt – um sta­bi­li­sier­te Ritua­le zu desta­bi­li­sie­ren. Im bes­ten Fall macht das neu­gie­rig, zu ver­ste­hen, wie genau Geschich­te als poli­ti­sche Waf­fe ein­ge­setzt wird. In Zei­ten des rus­si­schen Angriffs­kriegs gegen die Ukrai­ne, der unter dem absur­den Vor­wand geführt wird, die Ukrai­ne zu „ent­na­zi­fi­zie­ren“, könn­te die­ses The­ma aktu­el­ler nicht sein.

Kurzportrait

Ljil­ja­na Rado­nić, geb. 1981 in Zagreb, lei­tet das vom Euro­päi­schen For­schungs­rat (ERC) finan­zier­te Pro­jekt „Glo­ba­li­sed Memo­ri­al Muse­ums. Exhi­bi­t­ing Atro­ci­ties in the Era of Claims for Moral Uni­ver­sals“ am Insti­tut für Kul­tur­wis­sen­schaf­ten und Thea­ter­ge­schich­te der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (ÖAW).

Ihr Habi­li­ta­ti­ons­pro­jekt über den Zwei­ten Welt­krieg in post­so­zia­lis­ti­schen Gedenk­mu­se­en (De Gruy­ter 2021, open access) füh­re sie an der ÖAW durch und habi­li­tier­te sich 2020 am Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Wien, wo sie seit 2004 über Anti­se­mi­tis­mus­theo­rie sowie (Ostmittel-)Europäische Erin­ne­rungs­kon­flik­te seit 1989 lehrt. 2015 war sie Gast­pro­fes­so­rin für Kri­ti­sche Gesell­schafts­theo­rie an der Uni­ver­si­tät Gie­ßen, 2017 am Cen­trum für Jüdi­sche Stu­di­en der Uni­ver­si­tät Graz. Ihre Dis­ser­ta­ti­on schrieb sie über den Krieg um die Erin­ne­rung. Kroa­ti­sche Ver­gan­gen­heits­po­li­tik zwi­schen Revi­sio­nis­mus und euro­päi­schen Stan­dards (Cam­pus 2010).

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