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Gastbeitrag / Gerfried Stocker / Freitag 29.10.21

Kunst und Wis­sen­schaft, eine viel­ver­spre­chen­de Allianz

Kunst und Wis­sen­schaft sind Zwil­lin­ge, höchst­wahr­schein­lich sogar ein­ei­ige Zwil­lin­ge, die wir aber in unse­rer Epo­che gleich nach der Geburt tren­nen und sorg­fäl­tig von­ein­an­der fernhalten.

Zumin­dest bis vor nicht all­zu lan­ger Zeit, denn das tie­fe Ein­drin­gen der sich rasant ent­wi­ckeln­den tech­ni­schen Anwen­dun­gen in unse­re Kul­tur, in unser Pri­vat­le­ben eben­so wie in die gesell­schaft­li­chen, poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Sphä­ren unse­rer Welt hat zu Her­aus­for­de­run­gen, Ver­wer­fun­gen und Dis­so­nan­zen geführt, deren Über­win­dung weit über das hin­aus­geht, was wir mit den alt­be­kann­ten Pro­blem­lö­sungs­stra­te­gien in den Griff bekom­men können.

Es braucht nicht nur Dol­met­scher zwi­schen den Sys­te­men oder Brü­cken­bau­er, es braucht ein grund­le­gend neu­es Den­ken über die Bezie­hung von „Mensch und Maschi­ne“. Ein Den­ken, das von Anfang an in die Ent­wick­lung von tech­ni­schen Sys­te­men inte­griert wer­den muss und so die an den mensch­li­chen Bedürf­nis­sen ori­en­tier­ten Prio­ri­tä­ten und Wer­te bereits in die Kon­zep­ti­on und Rea­li­sie­rung der tech­ni­schen Sys­te­me mit ein­be­zieht. Die lang­sam däm­mern­de Erkennt­nis, wie wich­tig dafür ein holis­ti­sches Den­ken bzw. auch ein Den­ken in Alter­na­ti­ven ist, hat uns wie­der die Wir­kungs­macht der Zusam­men­ar­beit von Kunst und Wis­sen­schaft in Erin­ne­rung geru­fen. Was zag­haft damit begann, sich gegen­sei­tig anzu­nä­hern und mit Know­how aus­zu­hel­fen, wur­de lang­sam zum Spaß, sich gegen­sei­tig auch her­aus­zu­for­dern, und immer mehr zu einem Wie­der­ent­de­cken, dass man ja eigent­lich zwei Sei­ten der glei­chen Medail­le ist.

Digi­ta­ler Huma­nis­mus, ein Begriff, der lan­ge Zeit nur bei so unge­wöhn­li­chen Fes­ti­vals wie der Ars Elec­tro­ni­ca in Linz auf­tauch­te, hat sich mitt­ler­wei­le dafür eta­bliert und wird inzwi­schen auch von Techniker*innen und Wissenschaftler*innen (z.B. an der TU Wien oder der FH St.Pölten) kul­ti­viert und mit Leben erfüllt. Der Begriff fin­det sich auch in Dos­siers des Euro­pa­ra­tes, in den För­der­pro­gram­men der EU, in der Digi­ta­li­sie­rungs­stra­te­gie der Stadt Wien, in der Cul­tu­ral Diplo­ma­cy des öster­rei­chi­schen Außenministeriums.
Digi­ta­ler Huma­nis­mus steht für die Ansa­ge, eine digi­ta­le Welt mit mensch­li­chem Ant­litz ein­zu­for­dern, der aktu­el­len Domi­nanz der rück­sichts­los nur an Pro­fit ori­en­tier­ten Daten­mo­no­po­lis­ten die Stirn zu bie­ten, und auch für das Ziel, eine spe­zi­fisch euro­päi­sche Posi­ti­on auf der glo­ba­len Büh­ne der Digi­ta­li­sie­rung zu defi­nie­ren. Und immer wird dabei die Zusam­men­ar­beit von Kunst und Wis­sen­schaft als wich­ti­ges Instru­ment für Neu­ori­en­tie­rung und Inno­va­ti­ons­fä­hig­keit gesehen.

Die Erfolgs­ge­schich­te der Kunst-und-Wis­sen­schafts-Alli­anz ist frei­lich eine lan­ge, wir fin­den sie in den Über­lie­fe­run­gen der Anti­ke oder im gol­de­nen Zeit­al­ter des Islam, in dem schon im Bag­dad des 9.Jh Künst­ler und Wis­sen­schaft­ler die ers­te pro­gram­mier­ba­re Maschi­ne in Form eines von Was­ser­kraft getrie­be­nen, Flö­te spie­len­den Musik­au­to­ma­ten gebaut hat­ten. (1) Nahe­zu sprich­wört­lich ist der Ver­gleich mit der euro­päi­schen Renais­sance und auch an der Wen­de vom 19. ins 20. Jh fin­den sich vie­le Bei­spie­le. In der Auf­bruchs­zeit vor dem ers­ten der bei­den Welt­krie­ge, in denen die kom­bi­nier­te Anwen­dung der tech­ni­schen und wis­sen­schaft­li­chen Errun­gen­schaf­ten, Ent­de­ckun­gen und Erfin­dun­gen zur bis dahin grau­sams­ten Kriegs- und Ver­nich­tungs­ma­schi­ne­rie wur­de. Von den Schüt­zen­grä­ben des 1. Welt­kriegs über die Ver­nich­tungs­la­ger des Holo­caust bis zu den Atom­bom­ben über Hiro­shi­ma und Naga­sa­ki. Die­se Atro­zi­tä­ten haben zu einer tie­fen und lang­an­hal­ten­den Skep­sis (nicht nur) der Kunst­welt gegen­über der Wis­sen­schaft geführt.

Doch wie so oft soll­te man auch hier mit so gro­ßen Begrif­fen wie Kunst und Wis­sen­schaft vor­sich­tig sein. Von wel­cher Kunst spre­chen wir und von wel­cher Wis­sen­schaft? Vie­les an die­ser Vor­stel­lung ist roman­tisch ver­klärt und wir den­ken lie­ber an musen­ge­küss­te Genies und genia­le Geis­tes­blit­ze und weni­ger an jah­re­lan­ge har­te Arbeit und auch nicht an die oft mühe­vol­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ar­beit zwi­schen den bei­den Welten.

Ein Pro­gramm der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on, das sich die­ser Arbeit ver­schrie­ben hat, ist STARTS (2), eine mitt­ler­wei­le auf vie­le Akti­vi­tä­ten ange­wach­se­ne Platt­form für die Zusam­men­ar­beit von Wis­sen­schaft, Tech­no­lo­gie und Kunst. Das Rück­grat des Pro­jekts ist der seit 2016 von der Ars Elec­tro­ni­ca orga­ni­sier­te, inter­na­tio­na­le STARTS Pri­ze (3), der jähr­lich zwei mal 20.000 Euro ver­gibt für inno­va­ti­ve künst­le­ri­sche Explo­ra­tio­nen und inno­va­ti­ve neue Model­le der Koope­ra­ti­on zwi­schen Kunst und Wissenschaft.

Die Band­brei­te der aus­ge­zeich­ne­ten Pro­jek­te ist weit gespannt, vom Ent­de­cken neu­er Per­spek­ti­ven und Denk­wei­sen zur Ent­wick­lung von Arbeits­me­tho­den und alter­na­ti­ven Lösungs­an­sät­zen und wei­ter zu Ver­bes­se­run­gen der Schnitt­stel­len zwi­schen den tech­ni­schen Sys­te­men und den Men­schen, die die­se nut­zen. Aber auch Pro­to­ty­pen für neue Pro­duk­te oder Enga­ge­ment für sozia­le Inno­va­tio­nen fin­den sich unter den Preisträger*innenarbeiten.

STARTS Pri­ze 2017

I’m Human (STARTS Pri­ze 2017)

Die japa­ni­sche Künst­le­rin und popu­lä­re Musi­ke­rin Est­u­ko Yakushima­ro spei­chert ihre Musik in DNA und lässt sie in Bak­te­ri­en­kul­tu­ren wach­sen. (4)

Amsterdam’s 3D Prin­ted Steel Bridge (STARTS Pri­ze 2018) 

MX3D & Joris Laar­man Lab brin­gen Robo­ter dazu, ihre eige­ne Brü­cke über einen Kanal in Ams­ter­dam zu bau­en. (5)

Pro­ject Ali­as (STARTS Pri­ze 2019)

Bjørn Kar­mann, Tore Knud­sen zwei Däni­sche Desi­gner ent­wi­ckeln einen Auf­satz für Ale­xa und Co, mit dem man unge­woll­te Lausch­an­grif­fe ver­hin­dern kann. (6)

Remix El Bario (STARTS Pri­ze 2021)

Ana­sta­sia Pis­to­fidou, Mari­on Real and The Remi­xers at Fab Lab Bar­ce­lo­na arbei­ten mit einem gan­zen Stadt­vier­tel zusam­men um Abfäl­le mit unter­schied­lichs­ten Metho­den wie­der nutz­bar zu machen. (7)

Oce­ans in Trans­for­ma­ti­on (STARTS Pri­ze 2021)

John Pal­me­si­no and Ann-Sofi Rönns­kog ver­wan­deln glo­able Meß­da­ten über den  Zustand unse­rer Ozea­ne in eine raum­fül­len­de Medi­en­in­stal­la­ti­on. (8)

Kunst und Wis­sen­schaft sind bei­de Avant­gar­den unse­rer kul­tu­rel­len Ent­wick­lung, unse­rer Zivi­li­sa­ti­on. Sie müs­sen uns über unse­re Schre­ber­gar­ten­zäu­ne kata­pul­tie­ren, uns zu Neu­em inspi­rie­ren, sie müs­sen uns aber auch an die gefähr­li­chen Abgrün­de füh­ren, die durch acht­lo­ses Umge­hen mit den macht­vol­len neu­en Werk­zeu­gen unse­rer tech­ni­schen Welt entstehen.

Der Gesell­schaft hel­fen mit den Din­gen, die durch Wis­sen­schaft und Tech­no­lo­gie neu in unser Leben kom­men, bes­ser umzu­ge­hen, indem Kunst das tut, was sie immer schon so gut konn­te, Bil­der Sym­bo­le und Geschich­ten zu fin­den und zu erfin­den, die uns in unse­rer Welt und Zeit ver­or­ten und ori­en­tie­ren. Die uns Mut machen und uns mutig machen, selbst­be­wusst und selbst­be­stimmt, nicht ver­blen­det von Mar­ke­ting und Wer­bung und nicht ver­führt von Schar­la­ta­nen und Ver­schwö­rungs­theo­rien zu agieren.

  1. (1) Allahs-Auto­ma­ta https://​zkm​.de/​d​e​/​p​u​b​l​i​k​a​t​i​o​n​/​a​l​l​a​h​s​-​a​u​t​o​m​ata
  2. (2) STARTS – Inno­va­ti­on at the Nexus of Sci­ence, Tech­no­lo­gy, and the ARTS.
    https://​www​.starts​.eu/
  3. (3) Grand pri­ze of the Euro­pean Com­mis­si­on hono­ring Inno­va­ti­on in Tech­no­lo­gy, Indus­try and Socie­ty sti­mu­la­ted by the Arts. https://​starts​-pri​ze​.aec​.at/​de/
  4. (4) https://​starts​-pri​ze​.aec​.at/​d​e​/​i​m​-​h​u​m​a​n​i​ty/
  5. (5) https://​starts​-pri​ze​.aec​.at/​d​e​/​a​m​s​t​e​r​d​a​m​s​-​3​d​-​p​r​i​n​t​e​d​-​s​t​e​e​l​-​b​r​i​d​ge/
  6. (6) https://​starts​-pri​ze​.aec​.at/​d​e​/​p​r​o​j​e​c​t​-​a​l​i​as/
  7. (7) https://​starts​-pri​ze​.aec​.at/​d​e​/​r​e​m​i​x​-​e​l​-​b​a​r​r​io/
  8. (8) https://​starts​-pri​ze​.aec​.at/​d​e​/​o​c​e​a​n​s​-​i​n​-​t​r​a​n​s​f​o​r​m​a​t​i​on/

 

Einen Über­blick über die Ars Elec­tro­ni­ca 2021 fin­den Sie im Bei­trag „Elek­tro­ni­sche Kunst und Digi­ta­le Gesell­schaft

Kurzportrait

Ger­fried Sto­cker ist Medi­en­künst­ler und Inge­nieur der Nach­rich­ten­tech­nik. Seit 1995 ist Ger­fried Sto­cker künst­le­ri­scher Lei­ter und Geschäfts­füh­rer von Ars Elec­tro­ni­ca. Mit einem klei­nen Team von Künst­le­rIn­nen und Tech­ni­ke­rIn­nen ent­wi­ckel­te er 1995/96 die rich­tungs­wei­sen­den neu­en Aus­stel­lungs­stra­te­gien des Ars Elec­tro­ni­ca Cen­ter und betrieb den Auf­bau einer eige­nen For­schungs- und Ent­wick­lungs­ab­tei­lung, dem Ars Elec­tro­ni­ca Future­lab. Unter sei­ner Füh­rung erfolg­te ab 2004 der Auf­bau des Pro­gramms für inter­na­tio­na­le Ars Elec­tro­ni­ca Aus­stel­lun­gen, ab 2005 die Pla­nung und inhalt­li­che Neu­po­si­tio­nie­rung für das 2009 bau­lich erwei­ter­te Ars Elec­tro­ni­ca Cen­ter, ab 2015 die Expan­si­on des Ars Elec­tro­ni­ca Fes­ti­val und im Jahr 2019 die groß­an­ge­leg­te the­ma­ti­sche und innen­ar­chi­tek­to­ni­sche Neu­ge­stal­tung des Ars Elec­tro­ni­ca Cen­ter. Sto­cker berät zahl­rei­che Unter­neh­men und Insti­tu­tio­nen in den Berei­chen Krea­ti­vi­tät und Inno­va­ti­ons­ma­nage­ment, ist Gast­red­ner auf inter­na­tio­na­len Kon­fe­ren­zen und Uni­ver­si­tä­ten. 2019 erhielt er ein Ehren­dok­to­rat der Aal­to Uni­ver­si­ty, Finnland.

 

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