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Gastbeitrag / Georg Scattolin / Freitag 18.12.20

Lebens­ader Wälder

Wälder bieten mehr als der Hälfte aller landgebundenen Tier- und Pflanzenarten dieses Planeten eine Heimat. Als Hotspot der Artenvielfalt halten Wälder viele für den Menschen überlebenswichtige natürliche Systeme am Laufen. So stabilisieren sie das Weltklima durch die Aufnahme von Kohlendioxid und die Abgabe von Sauerstoff oder regulieren unsere Wasserversorgung.

Über eine Milliarde Menschen leben in oder in unmittelbarer Nähe zu Wäldern, die ihnen Nahrungsmittel, Brennstoffe oder Medikamente bereitstellen. Wir alle verwenden Holz im täglichen Leben. Dessen universelle Nützlichkeit ist ein wesentlicher Grund dafür, dass die weltweite Nachfrage nach Holzprodukten in den nächsten drei Jahrzehnten voraussichtlich um mehr als das Dreifache steigen wird.

Bereits 40 Prozent der weltweiten Wälder fielen menschlichen Einflüssen und Nutzungsinteressen bisher zum Opfer. Wir verlieren Wälder in einer Geschwindigkeit von 10 Millionen Hektar pro Jahr – zu unserem eigenen Schaden. Die Eindämmung der Entwaldung, der Schutz und die nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder sowie die Wiederbewaldung waren noch nie so dringlich wie heute.

Bei besserem Schutz können Wälder weiterhin intakte Lebensräume für Wildtiere sowie Ressourcen für indigene Völker und lokale Gemeinschaften bieten. Auf globaler Ebene können sie weiterhin wichtige Dienstleistungen wie Klimastabilität und sauberes Wasser erbringen. Mit einem besseren Management können wir die wachsende Nachfrage nach Holzprodukten stillen, ohne die Umwelt zu schädigen. Ein Systemwandel in der Nahrungsmittel-Produktion verhindert, dass Wälder in Ackerland umgewandelt werden müssen.

Die Umwandlung zerstörter oder geschädigter in gesunde Wälder trägt dazu bei, den Klimawandel zu bekämpfen, Lebensräume für Wildtiere zu erweitern und wieder miteinander zu verbinden sowie Überschwemmungen und Bodenerosion zu verringern.

Für 80 Prozent des Waldverlusts sind die Ausweitung intensiver Landwirtschaft von Holz- und Zellstoffplantagen verantwortlich. Südostasien hat in den letzten 15 Jahren etwa 9 Millionen Hektar Regenwald verloren – zumeist wegen illegaler Umwandlung in Holz- und Palmölplantagen. Zwar hat Asien durch Chinas Aufforstung Wald gewonnen, aber massiv an wesentlich artenreicherem Regenwald in Indonesien, Myanmar und Kambodscha verloren.

In Europa, Nordamerika und China nahm die Waldfläche zu. Der Anteil naturferner Holzplantagen und von gepflanzten Forsten – meist mit Baumarten wie Eukalyptus, Akazien oder Nadelholz – an der weltweiten Waldfläche stieg von vier Prozent im Jahr 1990 auf sieben Prozent im Jahr 2015. Auch wenn Forstplantagen wichtige Aufgaben, beispielsweise für die Holzversorgung oder als Erosionsschutz, erfüllen, können sie den Verlust von wertvollen Urwäldern mit ihren vielfältigen Funktionen, etwa für die Artenvielfalt oder als Kohlenstoffspeicher, nicht ausgleichen. Für den Schutz von Ökosystemen und ihren Arten ist es daher essenziell, neben der quantitativen Messung von Waldflächen auch die Qualität der Wälder zu betrachten.

Europas Waldfläche ist gewachsen. Jedoch wird der Großteil naturfern bewirtschaftet. Ein Drittel der Wälder besteht nur aus einer einzigen Hauptbaumart und 70 Prozent aus gleichaltrigen Beständen. Primärwälder, also Urwälder in ihrer unberührten Form, finden sich auf nur noch zwei Prozent der europäischen Waldfläche – Russland ausgenommen. In Asien verlangsamt sich die Naturwaldzerstörung vor allem deshalb, weil diese Wälder schon großräumig verschwunden sind.

Die letzten verbliebenen Urwälder dieser Erde müssen vor allen menschlichen Eingriffen geschützt werden, die über die traditionelle Nutzung durch Indigene hinausgehen. Denn eine im großen Stil nachhaltige Nutzung von Urwäldern ist unmöglich. Jeder äußere Eingriff zerstört Urwald.

Da ein Großteil der Wälder von Menschen genutzt wird, bringt eine verantwortungsvolle Waldbewirtschaftung – die eine Umwandlung von Wald in landwirtschaftliche Flächen und den illegalen Holzeinschlag ausschließt – dauerhaft Arbeitsplätze und Einkommen für viele.

Europa muss seiner besonderen Verantwortung gerecht werden. Denn viele Produkte, für die vor allem Regenwald zerstört wird, landen auf europäischem Boden und sogar auf unseren Tellern. Ein strenges sowie europaweites Waldschutz- und Lieferkettengesetz ist dringend notwendig, um aktiv zum Schutz der Wälder dieser Welt beizutragen.

Kurzportrait

Georg Scattolin hat einen Abschluss in Zoologie und Ökologie an der Universität Wien. Bevor er 2005 zum WWF kam, sammelte Herr Scattolin Erfahrungen in den Bereichen Zoologie, Ökologie, Umweltbildung und Umweltschutz, indem er für die Universität Wien, das Naturhistorische Museum Wien und die Internationale Kommission zum Schutz der Donau arbeitete. 2005 - heute: Mitarbeiter des WWF Österreich; 2006: Stellvertretender Leiter des Teams für Konsum & Nachhaltigkeit beim WWF Österreich; 2006- 2008: Leitung des Engagements des WWF Österreich zu Meeresthemen und nachhaltigem Soja im internationalen Team des WWF Österreich; 2008-2011: Leiter des Meeresprogramms einschließlich einer Entsendung nach Papua-Neuguinea 2009/10; 2011 - 2019: Leiter des internationalen Programms beim WWF Österreich mit Projekten in Lateinamerika, Südostasien, dem Südpazifik und dem Mittelmeerraum; 2019 – heute Bereichsleiter beim WWF Österreich verantwortlich für die Programme Internationaler Naturschutz, Klima & Energie und nachhaltiger Konsum.

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