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Gastbeitrag / Georg Frank / Freitag 18.12.20

Natur­wald­re­ser­va­te in Österreich

Naturwaldreservate sind Waldflächen, in denen jede forstliche Nutzung unterbleibt. Es wird nicht geschlägert, nicht durchforstet, nicht aufgeforstet. Die Bäume und der ganze Wald sollen wachsen, wie sie wollen, alt werden, absterben. Und dann beginnt der Kreislauf von vorne.

Geschichtliche Entwicklung

Naturwaldreservate sind keine neue Idee. Bereits im 19. Jahrhundert, lange vor der Abhaltung internationaler Biodiversitätskonferenzen, wurden von engagierten Forstleuten bestimmte Waldteile ganz bewusst von Axt und Säge verschont. Sie sollten in ihrer Einzigartigkeit als Zeugnisse der Schöpfung der Nachwelt erhalten bleiben. Die wertvollsten bis heute erhaltenen Restflächen des ursprünglichen Urwaldes verdanken wir solchen persönlichen Initiativen.

Seit 1965 wurden zusätzlich zu den bekannten und wissenschaftlich dokumentierten Urwaldresten (z. B. Rothwald und Neuwald) immer wieder neue Waldflächen als Naturwaldreservate vorgeschlagen und eingerichtet. Dabei wurden bereits sehr moderne Ansätze der Flächenauswahl verfolgt. Es sollte nicht der Waldzustand konserviert werden, sondern die dem Wald eigene Dynamik zugelassen werden. Allerdings wurden diese Reservate ohne finanzielles Entgelt für den Waldeigentümer ausgewiesen und nicht durch langfristige Verträge gesichert. Nur das Bundesland Salzburg wählte den Verordnungsweg und Entschädigungszahlungen.

Erst durch die Unterzeichnung der Resolutionen der Forstministerkonferenz 1993 in Helsinki wurde in Österreich ein Programm zur Errichtung von Naturwaldreservaten initiiert. 1995 wurde mit dem systematischen Aufbau eines österreichweiten Netzes von Naturwaldreservaten begonnen. Dazu wurde ein Rahmenkonzept erstellt, das drei gleichrangige Ziele verfolgt: Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität, Monitoring und Forschung sowie die Nutzung als Bildungsobjekte.

Das Österreichische Naturwaldreservate-Programm

Mit der fachlichen und wissenschaftlichen Durchführung ist seither das Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) betraut. Es muss sichergestellt werden, dass nur wirklich geeignete Waldflächen in das Netz aufgenommen werden, dass eine korrekte Abgeltung der Nutzungsverzichte der Eigentümer erfolgt und dass die Waldbestände auch langfristig wissenschaftlich genutzt werden können. Die administrative und finanzielle Abwicklung des Programmes erfolgt durch das Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus.

Das Programm wurde so konzipiert, dass alle in Österreich vorkommenden Waldgesellschaften, repräsentativ nach ihrer Verbreitung darin vertreten sein sollen. Die Vielfalt an Waldgesellschaften ist mit 118 Einheiten sehr groß und spiegelt gewissermaßen die naturräumliche Vielfalt Österreichs wider. Das Programm beinhaltet ganz bewusst keine strengen Flächenforderungen in Hektaren oder Prozent der Waldfläche, sondern ist darauf ausgerichtet, dass alle Waldgesellschaften differenziert nach biogeographischen Einheiten (Wuchsgebieten), darin enthalten sind.

Jeder Vertragsabschluss erfolgt nur auf ausdrücklichen Wunsch des Waldeigentümers. Das BFW überprüft die angebotene Waldfläche und erstattet ein Gutachten. Dieses begründet einerseits die Eignung der Waldfläche als Naturwaldreservat, andererseits wird damit das jährliche Entgelt für den Eigentümer ermittelt. Das Gutachten ist dann die Grundlage eines zivilrechtlichen Vertrages zwischen der Republik Österreich und dem Waldeigentümer. Damit verzichtet der Waldeigentümer auf die normale forstliche Nutzung und erhält dafür ein jährliches Entgelt. Die Jagd bleibt unberührt, ist sogar ausdrücklich erwünscht, weil sonst Ruheinseln mit einer erhöhten Verbissbelastung durch das Schalenwild entstehen, welche wiederum einer gewünschten natürlichen Entwicklung hinderlich ist.

Stand der Einrichtung

Derzeit gibt es in Österreich 192 Naturwaldreservate mit einer Gesamtfläche von 8.664 ha. Damit ist das geplante repräsentative Netz derzeit zu etwa zwei Drittel eingerichtet. Die meisten weit verbreiteten zonalen Klimax-Waldgesellschaften sind bereits gut abgedeckt, nicht jedoch eine Reihe von meist seltenen oder nur kleinräumig vorkommenden Waldgesellschaften. Das liegt darin, dass das Programm grundsätzlich auf einem freiwilligen Ansatz beruht und selten vorkommende Waldgesellschaften eben selten gemeldet wurden. Das NWR-Netz hat die Größe eines Nationalparks erreicht, allerdings mit 192 Einzelflächen über ganz Österreich verteilt.

Referenzflächen der Biodiversität

Ein Teil der NWR konnte in den letzten Jahren zum zweiten Mal einer Bestandsaufnahme unterzogen werden. Bei der Ersteinrichtung - die meisten NWR wurden 1997 – 1999 unter Schutz genommen - stand die vegetationskundliche Zuordnung und die Erhebung der Waldwachstums-Kennzahlen als Grundlage der Bewertung des jährlichen Entgeltes im Vordergrund. Bei der ersten Wiederholungsaufnahme konnte zusätzlich viel mehr auf ökologische Aspekte und die Waldverjüngung eingegangen werden. Um eine Vergleichbarkeit zwischen den NWR herzustellen wurde eine Standard-Methode entwickelt, die übrigens auch für andere Schutzgebietskategorien nachgefragt wird. Mit zunehmender Dauer der Aufgabe der Waldbewirtschaftung können nun auch natürliche Änderungen in der Artenzusammensetzung, die bis zum Wechsel der Waldgesellschaft gehen können, nachgewiesen werden.

Die meisten NWR haben sich seit ihrem Bestehen überraschend schnell zu besonders naturnahen Waldstrukturen mit hohen Totholzvorräten entwickelt. Sie sind damit zu Hotspots der Biodiversität geworden - insbesondere für Arten, die alte, reife Wald-Ökosysteme benötigen.

Die Naturwaldreservate sind heute wichtige Referenzflächen der natürlichen Waldentwicklung. Durch die Einrichtung permanenter Stichprobennetze können nicht nur die aktuellen Waldstrukturen und die für die Biodiversität wichtigen Totholzmengen erfasst werden, sondern auch Aussagen über die Mortalitätsraten und den Zuwachs getroffen werden. Alle bisherigen Wiederholungsaufnahmen zeigen, dass sich die NWR noch in einer Aufbauphase befinden. In allen Fällen ist der Zuwachs an Holzmasse bedeutend höher als die Masse an absterbendem Holz im selben Zeitraum. Aber nur langfristige Messreihen können solche Trends wirklich quantitativ erfassen. Die Naturwaldreservate bieten die Möglichkeit dazu.

Es ist zu erwarten, dass der Nutzungs-Druck auf den österreichischen Wald stark zunehmen wird. Holz als nachwachsender Rohstoff kann umweltfreundlich produziert werden. Die Nutzung der Biomasse aus dem Wald ersetzt fossile Brennstoffe und trägt zur CO2-Entlastung der Atmosphäre bei. Deswegen ist es wichtig, Beispielsflächen von Wäldern, die sich selbst überlassen und nicht genutzt werden, langfristig zu erhalten, um einen Vergleich mit den Wirtschaftswäldern anstellen zu können - abgesehen von ihrem engeren Zweck als Rückzugsgebiete zur Erhaltung der biologischen Vielfalt unserer Wälder.

Kurzportrait

Georg Frank

Geboren 1960 in Villach. Absolvent der Försterschule in Bruck an der Mur, Studium der Forst- und Holzwirtschaft an der Universität für Bodenkultur. 1987 – 1994 Assistent am Institut für Waldbau der BOKU, 1991 Dissertation über Bestandestypen der Schwarzkiefer in Niederösterreich und Korsika. Seit 1994 Leiter der Abteilung Naturwaldforschung und Naturschutz des Bundesforschungszentrums für Wald (BFW), Aufbau und Leitung des Österreichischen Naturwaldreservate-Programmes. Mitwirkung in Europäischen Forschungsprojekten zur biologischen Vielfalt des Waldes. Leiter des Fachausschuss für Waldbau und Naturschutz des Österreichischen Forstvereines und Engagement in Pro Silva Austria. Lektor an der Universität für Bodenkultur. Allgemein beeideter und gerichtlicher zertifizierter Sachverständiger.

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