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Gastbeitrag / Markus Stumpf / Dienstag 23.08.22

NS-Pro­ve­ni­enz­for­schung und erin­ne­rungs­kul­tu­rel­le Arbeit in Bibliotheken

Allen Gedächt­nis­in­sti­tu­tio­nen ist gemein, dass es in jedem Resti­tu­ti­ons­fall dar­um geht, eine „fai­re und gerech­te“ Lösung für wäh­rend des NS-Regimes geraub­ten Objek­ten von Jüdin­nen und Juden zu fin­den. Die­se ist nach den Washing­to­ner Prin­zi­pi­en von 1998 die Basis für die Bemü­hun­gen, NS-Pro­ve­ni­enz­for­schung zu betreiben.

Dies gilt natür­lich auch für Biblio­the­ken, neben den ein­schlä­gi­gen gesetz­li­chen Bestim­mun­gen, wie etwa das öster­rei­chi­sche Kunst­rück­ga­be­ge­setz oder der „Gemein­sa­men Erklä­rung“ von Bund, Län­dern und kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­den in Deutsch­land. Oft­mals geht es dabei aber nicht um wert­vol­le alte und sel­te­ne Druck­wer­ke, son­dern um Bücher als Alltagsgegenstand.

Dem Biblio­theks­wis­sen­schaft­ler Jür­gen Baben­drei­er zufol­ge sind den geraub­ten Büchern die Ver­fol­gungs- und Ver­nich­tungs­ge­schich­ten ihrer Vorbesitzer:innen als fac­tum bru­tum ein­ge­schrie­ben. Als unmit­tel­ba­re Zeug­nis­se des NS-Ter­rors stel­len Besitz­ver­mer­ke oder Anno­ta­tio­nen manch­mal die letz­ten Hin­wei­se auf die Geschich­te von Per­so­nen oder Insti­tu­tio­nen vor der NS-Ver­fol­gung dar und sind für die Pro­ve­ni­enz­for­schung Aus­gangs- und End­punkt zugleich. Für die Erb:innen sind sie oft­mals Erin­ne­rungs­stü­cke und daher ist auch das The­ma eines erin­ne­rungs­kul­tu­rel­len Mehr­wer­tes zuneh­mend von Biblio­the­ken zu leis­ten. Nur zurück­ge­ben allei­ne, ohne erin­ne­rungs­kul­tu­rel­le Ein­bet­tung, reicht nicht mehr!

Biblio­the­ka­ri­sche Basis

Zum Selbst­ver­ständ­nis einer wis­sen­schaft­li­chen Biblio­thek als Gedächt­nis­in­sti­tu­ti­on gehört z.B. For­schung am eige­nen Bestand, aber auch über die dabei gewon­ne­nen Erkennt­nis­se zu berich­ten – sei es in Publi­ka­tio­nen, Aus­stel­lun­gen, Blogs, Wikis usw. Prin­zi­pi­ell trifft damit in Biblio­the­ken die erin­ne­rungs­kul­tu­rel­le Ein­bet­tung von zurück­zu­ge­ben­den bzw. bereits resti­tu­ier­ten Kul­tur­ob­jek­ten und die Erin­ne­rungs­ar­beit – beson­ders die Besitzer:innen betref­fend – auf eine gute Basis.

Doch anders als in Muse­en und Archi­ven sind Druck­wer­ke als seri­el­le Pro­duk­te erst durch ihre Exem­plar­spe­zi­fi­ka (indi­vi­du­el­le Merk­ma­le, die sich z.B. auf den Ein­band, das Papier, Papier­qua­li­tät, Druck­ty­pen sowie die Buch­ge­stal­tung und Pro­ve­ni­en­z­hin­wei­se (Wid­mun­gen, Exli­bris …) oder auf Erwer­bungs­vor­gän­ge bezie­hen) von­ein­an­der unter­scheid­bar, die­se sind Aus­druck der Her­kunft und Geschich­te eines bestimm­ten Buches. So beschäf­ti­gen sich Bibliothekar:innen schon lan­ge vor der NS-Pro­ve­ni­enz­for­schung in der exem­plar­spe­zi­fi­schen Erschlie­ßung von Druck­wer­ken des 16. bis 19. Jahr­hun­derts mit die­sen Gebrauchsspuren.

Über­spitz for­mu­liert sind durch die NS-Pro­ve­ni­enz­for­schung und die Resti­tu­ti­ons­ar­beit neben der inhalt­lich neu­en Ebe­ne der zeit­his­to­ri­schen Befas­sung mit den Raub­me­cha­nis­men des Natio­nal­so­zia­lis­mus und dem Umgang damit nach 1945 nun neue For­men der Exem­pla­rer­schlie­ßung und deren Dar­stel­lung hin­zu­ge­kom­men. So sind es einer­seits die Gebrauchs- und Raub- sowie Ver­wer­tungs­spu­ren der NS-Zeit und deren spä­te­re Über­la­ge­run­gen, die gele­sen, zuge­ord­net und inter­pre­tiert wer­den müs­sen, und ande­rer­seits wur­den neue For­men der Dar­stel­lung der Exem­plar­spe­zi­fi­ka benö­tigt, um der Raub- und Ent­zie­hungs­ge­schich­te sowie der Rück­ga­be einer erin­ne­rungs­kul­tu­rel­len Dar­stel­lung gerecht zu wer­den. Bei­de hier skiz­zier­ten Anfor­de­run­gen wur­den in den letz­ten Jah­ren an vie­len wis­sen­schaft­li­chen Biblio­the­ken in Deutsch­land und Öster­reich in diver­sen Pro­jek­ten der NS-Pro­ve­ni­enz­for­schung the­ma­ti­siert und umgesetzt.

„Der char­man­ten Wienerin…”

 

Abb.: Exem­plar­spe­zi­fi­ka eines Buches von Joseph S. Flet­cher Per­ris of the cher­ry-trees (Lon­don: Jenkins 1927) mit der hand­schrift­li­chen Wid­mung an die Wie­ne­rin Eleo­no­re Czem­ber, die 1942 von den Natio­nal­so­zia­lis­ten in den Sui­zid getrie­ben wur­de: „Der char­man­ten Wie­ne­rin Lori Czem­ber, zur Erin­ne­rung an Ihren auf­rich­ti­gen Ver­eh­rer Adolph Alt­schul, genannt Adu­lar mit dem Rie­sen­lo­re­ley­haar. Karls­bad am 10. Juni 1931 dem Tage der Rosen­spen­dung.“ (Signa­tur der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Wien: BL-VIII‑2=Fletcher A‑1).

Biblio­the­ken und ihr spe­zi­fi­scher vir­tu­el­ler erin­ne­rungs­kul­tu­rel­ler Umgang

 

Für die Such- und Auf­find­bar­keit bestimm­ter Eigen­schaf­ten von Exem­pla­ren wie etwa Vorbesitzer:innen, Pro­ve­ni­en­zen, Exli­bris, Zuord­nun­gen zu Resti­tu­ti­ons­fäl­len etc. in den biblio­the­ka­ri­schen Such­ma­schi­nen, wie z. B. etwa jener des Öster­rei­chi­schen Biblio­the­ken­ver­bun­des oder der von eini­gen deut­schen Biblio­the­ken betrie­be­nen Pro­ve­ni­en­z­da­ten­bank Loo­ted Cul­tu­ral Assets ist die Aus­wei­sung und ein­heit­li­che Erfas­sung die­ser Exem­plar­spe­zi­fi­ka not­wen­dig. Und damit erhal­ten die Benutzer:innen einen durch Pro­ve­ni­en­z­hin­wei­se ange­rei­cher­te Kata­log­ein­trag des Buches. Die­ser kann auch kur­ze erin­ne­rungs­kul­tu­rel­le Anga­ben beinhal­ten und somit kön­nen auch berech­tig­te For­de­run­gen der Erb:innen nach Sicht­bar­ma­chung des Rau­bes und der Rück­ga­be erfüllt werden.

 

Abb.: Aus­wei­sung des Wer­kes mit den Pro­ve­ni­en­z­hin­wei­sen im Biblio­theks­sys­tem der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Wien

Digi­ta­le Repräsentationen

 

Zusätz­lich wer­den mitt­ler­wei­le auch die digi­ta­len Reprä­sen­ta­tio­nen der Wer­ke, sprich die ggf. ange­fer­tig­ten Digi­ta­li­sa­te, die in den Repo­si­to­ri­en, das sind digi­ta­le Lang­zeit­ar­chi­ve der jewei­li­gen Biblio­the­ken, die der Öffent­lich­keit zur Ver­fü­gung gestell­ten wer­den, in den erin­ne­rungs­kul­tu­rel­len Umgang mit­ein­be­zo­gen und die mit­di­gi­ta­li­sier­ten Pro­ve­ni­enz­spu­ren kon­tex­tua­li­siert. Durch die­se Ver­än­de­rung erwei­tert sich der erin­ne­rungs­kul­tu­rel­le Umgang in Biblio­the­ken nochmals.

 

Abb.: Ansicht der über­ge­ord­ne­ten Sei­te zu den digi­ta­li­sier­ten Druck­wer­ken mit Exem­plar­spe­zi­fi­ka der Pro­ve­ni­enz Czem­ber im Lang­zeit­re­po­si­to­ri­um PHAI­DRA der UB Wien

Fazit

Letzt­lich zeigt sich, dass Pro­ve­ni­enz­for­schung, aber auch der erin­ne­rungs­kul­tu­rel­le Umgang als Gedächt­nis­in­sti­tu­ti­on schon immer eine Per­spek­ti­ve des biblio­the­ka­ri­schen Han­delns war. Die NS-Pro­ve­ni­enz­for­schung der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Wien wird ent­spre­chend die­ser Hand­lungs­per­spek­ti­ve gemein­sam mit ande­ren Insti­tu­tio­nen der Uni­ver­si­tät Wien in den nächs­ten Mona­ten eini­ge Rück­ga­ben durch­füh­ren und erin­ne­rungs­kul­tu­rel­le Akzen­te set­zen. Umge­setzt wird das einer­seits bei Rück­ga­ben – so bei Objek­ten aus der Astro­no­mi­schen Samm­lung – oder auch bei einer Aus­stel­lung zu Sui­zid-Opfern des Natio­nal­so­zia­lis­mus, ander­seits auch durch den Ankauf des resti­tu­ier­ten Bücher- und Schrift­gut­be­stan­des eines in der NS-Zeit ermor­de­ten Biblio­the­kars sowie dar­über hin­aus mit einem offe­nen Kurs­an­ge­bot zur Pro­ve­ni­enz­for­schung in Biblio­the­ken. Es bleibt spannend!

 

 

Lite­ra­tur­hin­weis zu dem Buch mit den Abbildungen

Mar­kus Stumpf, Jut­ta Fuchs­hu­ber, „Sui­zid-Bücher“ – Pro­ve­ni­enz­for­schung und biblio­the­ka­ri­sche Erin­ne­rungs­ar­beit. In: Künst­li­che Intel­li­genz in Biblio­the­ken. Hrsg. von Chris­ti­na Köst­ner-Pem­sel [u.a.]. Graz: Uni Press 2020, S. 295–312. DOI: https://​doi​.org/​1​0​.​2​5​3​6​4​/​g​u​v​.​2​0​2​0​.​v​o​e​b​s​1​5​.22

 

Zur NS-Pro­ve­ni­enz­for­schung der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Wien

Die NS-Pro­ve­ni­enz­for­schung der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek der Uni­ver­si­tät Wien (UB Wien) ist ein Teil der viel­fäl­ti­gen For­schungs- und Gedenk­pro­jek­te der Uni­ver­si­tät Wien und leis­tet einen akti­ven Bei­trag zur Erin­ne­rung an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Als ers­te Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek in Öster­reich begann die UB Wien 2004 mit der sys­te­ma­ti­schen Durch­sicht der Bestän­de und der wis­sen­schaft­li­chen Auf­ar­bei­tung der eige­nen Erwer­bungs­po­li­tik. 2007 rück­ten zusätz­lich das Uni­ver­si­täts­ar­chiv und ab 2008 die wis­sen­schaft­li­chen Samm­lun­gen in den Fokus der

Pro­ve­ni­enz­for­schung. Im Jahr 2009 erfolg­ten die ers­ten Resti­tu­tio­nen. Web­site: https://​biblio​thek​.uni​vie​.ac​.at/​p​r​o​v​e​n​i​e​n​z​f​o​r​s​c​h​u​n​g​.​h​tml

 

Kurzportrait

Mar­kus Stumpf ist Lei­ter der Fach­be­reichs­bi­blio­thek Zeit­ge­schich­te und der NS-Pro­ve­ni­enz­for­schung der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Wien sowie Rese­arch Fel­low am Insti­tut für Zeit­ge­schich­te der Uni­ver­si­tät Wien. 2021 wur­de Stumpf durch den Öster­rei­chi­schen Bun­des­prä­si­den­ten der Berufs­ti­tel Pro­fes­sor ver­lie­hen. Er ist Vor­stands­mit­glied der Ver­ei­ni­gung Öster­reich­scher Biblio­the­ka­rin­nen und Biblio­the­ka­re sowie Mit­glied der Kom­mis­si­on für Pro­ve­ni­enz­for­schung. Mit­her­aus­ge­ber der Schrif­ten­rei­hen Biblio­thek im Kon­text bei Vien­na Uni­ver­si­ty Press/Vandhoeck & Ruprecht; zahl­rei­che Publi­ka­tio­nen, zuletzt Mit­her­aus­ge­ber des Sam­mel­ban­des Natio­nal­so­zia­lis­mus digi­tal. Die Ver­ant­wor­tung von Biblio­the­ken, Archi­ven und Muse­en sowie For­schungs­ein­rich­tun­gen und Medi­en im Umgang mit der NS-Zeit im Netz.

 

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