apa.at
Gastbeitrag / Claudia Schwarz-Plaschg / Donnerstag 03.03.22

Trip­pen ohne Über­wa­chung und Strafen?

Das gegen­wär­ti­ge Revi­val der psy­che­de­li­schen For­schung hat auch zu einem stär­ke­ren Inter­es­se an der Ent­kri­mi­na­li­sie­rung und Lega­li­sie­rung von Psy­che­de­li­ka außer­halb von Kli­nik und Medi­zin geführt. Wird es bald mög­lich sein, im pri­va­ten Rah­men legal zu „trip­pen“? In den USA hat sich dazu eine Ent­kri­mi­na­li­sie­rungs- und Lega­li­sie­rungs­be­we­gung for­miert, die bereits eini­ge Erfol­ge ver­bu­chen konnte.

Als 2019 in der ame­ri­ka­ni­schen Stadt Den­ver im Bun­des­staat Colo­ra­do die per­sön­li­che Ver­wen­dung und der Besitz psi­lo­cyb­in­hal­ti­ger Pil­ze („Zau­ber­pil­ze“) durch voll­jäh­ri­ge Per­so­nen in einer Volks­ab­stim­mung zur nied­rigs­ten Prio­ri­tät für die Straf­ver­fol­gung erklär­te wur­de, war vie­len sofort klar: hier ist etwas an die Ober­flä­che kom­men, des­sen Ver­brei­tung sich—wie ein Myzel—nur schwer auf­hal­ten las­sen wird (1). In den USA ist die psy­che­de­li­sche Ent­kri­mi­na­li­sie­rungs­be­we­gung seit­her in der Tat an vie­len Orten nur so aus dem Boden geschossen.

Ent­heo­ge­ne statt Psychedelika

 

In der kali­for­ni­schen Stadt Oak­land war die Decri­mi­na­li­ze Natu­re Initia­ti­ve bereits kurz nach Den­ver erfolg­reich. In Oak­land wer­den seit­her kei­ne städ­ti­schen Res­sour­cen für die Straf­ver­fol­gung von Erwach­se­nen ver­wen­det, die natür­lich vor­kom­men­de Psy­che­de­li­ka konsumieren—dies betrifft neben psi­lo­cyb­in­hal­ti­gen Pil­zen auch mes­kal­in­hal­ti­ge Kak­teen und das aus Süd­ame­ri­ka stam­men­de, hal­lu­zi­no­gen wir­ken­de Pflan­zen­ge­bräu Aya­huas­ca. Statt von Psy­che­de­li­ka spricht Decri­mi­na­li­ze Natu­re aller­dings von Ent­heo­ge­nen, denn die­se Bezeich­nung ver­weist stär­ker auf die mys­tisch-spi­ri­tu­el­le Erfah­rungs­di­men­si­on, die die­se Pflan­zen und Pil­ze her­vor­ru­fen können.

Mitt­ler­wei­le hat die Decri­mi­na­li­ze Natu­re Bewe­gung in elf wei­te­ren US-Städ­ten zu ähn­li­chen Geset­zes­än­de­run­gen geführt (2). Beglei­tet wer­den die­se meist von Initia­ti­ven zur Scha­dens­mi­ni­mie­rung (Harm Reduc­tion), die von Auf­klä­rung bis zur Beglei­tung schwie­rig ver­lau­fen­der Trips rei­chen. Seit 2021 gibt es mit dem Fire­si­de Pro­ject sogar eine US-wei­te Unter­stüt­zungs­hot­line durch die Per­so­nen mit psy­che­de­li­schen Erfah­run­gen eine kos­ten­lo­se und ver­trau­li­che Beglei­tung auf glei­cher Augen­hö­he erhal­ten könnten.

Zudem gibt es Model­le um den Gebrauch von Psy­che­de­li­ka unter Auf­sicht abseits des bestehen­den medi­zi­ni­schen Sys­tems straf­frei ver­füg­bar zu machen. Ein inno­va­ti­ves Lega­li­sie­rungs­mo­dell für regu­lier­te Psi­lo­cy­bin Ser­vices wur­de 2020 im US-Bun­des­staat Ore­gon von der Bevöl­ke­rung beschlos­sen. Ab 2023 wer­den Lizen­zen für die Her­stel­lung und das Ange­bot von Psi­lo­cy­bin-Pro­duk­ten und Ser­vices in desi­gnier­ten Cen­tern von einer Behör­de ver­ge­ben. Voll­jäh­ri­ge Personen—auch jene ohne medi­zi­ni­sche Indikation—können dann unter aus­ge­bil­de­ter Beglei­tung in die­sen Cen­tern die Wir­kung von psi­lo­cyb­in­hal­ti­gen Pil­zen in einem psy­cho­the­ra­pie­ähn­li­chen Kon­text erfah­ren. Ähn­lich wie in der Ent­kri­mi­na­li­sie­rungs­be­we­gung geht es dar­um, den lega­len Zugang zu psy­che­de­li­schen Sub­stan­zen vor deren Medi­ka­li­sie­rung einer brei­te­ren Bevöl­ke­rungs­schicht zu eröff­nen. Medi­ka­li­sie­rung ermög­licht zwar die Stan­dar­di­sie­rung und Über­wa­chung des Sub­s­tanz­kon­sums, sie beschränkt jedoch den Zugang auf aus­ge­wähl­te Pati­en­tIn­nen­grup­pen. Dabei wird außer Acht gelas­sen, dass psy­che­de­li­sche Erfah­run­gen nicht nur ein Poten­ti­al für Men­schen mit dia­gnos­ti­zier­ten psy­chi­schen Erkran­kun­gen beinhal­ten, son­dern auch „gesun­de“ Men­schen bei ihrer Per­sön­lich­keits­ent­fal­tung und spi­ri­tu­el­len Ent­wick­lung unter­stüt­zen kön­nen. Die Gren­ze zwi­schen patho­lo­gisch und gesund ist letzt­lich immer eine gesell­schaft­lich definierte.

Wäh­rend die psy­che­de­li­sche Ent­kri­mi­na­li­sie­rungs- und Lega­li­sie­rungs­be­we­gung in den USA vol­le Fahrt ange­nom­men hat, konn­ten sich euro­päi­sche Staa­ten wie Por­tu­gal, Spa­ni­en, Deutsch­land, Ita­li­en, die Nie­der­lan­de und Tsche­chi­sche Repu­blik schon län­ger als Vor­rei­ter in der gene­rel­len Ent­kri­mi­na­li­sie­rung von kon­trol­lier­ten Sub­stan­zen posi­tio­nie­ren. In den USA ist Ore­gon erst seit 2020 der ein­zi­ge Bun­des­staat, der den pri­va­ten Besitz von Dro­gen in gerin­gen Men­gen ent­kri­mi­na­li­siert hat. Auch wenn kon­trol­lier­te Sub­stan­zen wie Psy­che­de­li­ka damit wei­ter­hin ille­gal blei­ben, wird Dro­gen­be­sitz zum Eigen­kon­sum in die­sen Län­dern statt mit Gefäng­nis­stra­fen meist nur mit gerin­gen Geld­stra­fen sank­tio­niert bzw. wird anstel­le von Sank­tio­nen psy­cho­lo­gi­sche Unter­stüt­zung vor­ge­schrie­ben. Eine Aus­nah­me bil­den die Nie­der­lan­de, wo zwar psi­lo­cyb­in­hal­ti­ge Pil­ze seit 2008 ver­bo­ten sind, soge­nann­te „Zau­ber­trüf­fel“ davon aber nicht erfasst und daher völ­lig legal und gesetz­lich regu­liert in Smart Shops zum Kauf ange­bo­ten wer­den. Aus die­sem Grund kön­nen auch lega­le Retreatcen­ter wie Syn­the­sis (3) in den Nie­der­lan­den ope­rie­ren. In Öster­reich ist es legal, psi­lo­cyb­in­hal­ti­ge Pil­ze als deko­ra­ti­ve Pflan­zen anzu­bau­en. Sobald die Pil­ze jedoch getrock­net wer­den, bewegt mensch sich in den ille­ga­len Bereich. Von einer voll­stän­di­gen Ent­kri­mi­na­li­sie­rung oder Lega­li­sie­rung psi­lo­cyb­in­hal­ti­ger Pili­ze kann also in Öster­reich nicht wirk­lich gespro­chen wer­den. Ein nähe­rer Blick auf die Gesetz­ge­bung die­ser Pil­ze und natür­lich vor­kom­men­der Psy­che­de­li­ka in ande­ren euro­päi­schen Staa­ten zeigt, dass es sich hier oft um einen recht­li­chen Grau­be­reich handelt.

Die zen­tra­le Fra­ge ist der­zeit vor allem inwie­weit es sinn­voll ist, dem psy­che­de­li­schen Exzep­tio­na­lis­mus, wie er von der US-ame­ri­ka­ni­schen psy­che­de­li­schen Ent­kri­mi­na­li­sie­rungs- und Lega­li­sie­rungs­be­we­gung pos­tu­liert wird, zu fol­gen. Dem­nach wür­den sich Psychedelika—insbesondere natür­lich vorkommende—von ande­ren kon­trol­lier­ten Sub­stan­zen abhe­ben und einer ande­ren Gesetz­ge­bung bedür­fen. Die ame­ri­ka­ni­sche Bewe­gung folgt in die­ser Hin­sicht dem Bei­spiel der Can­na­bis­be­we­gung, die in den USA zu einer brei­ten Medi­ka­li­sie­rung und Lega­li­sie­rung geführt hat. Ein unge­woll­ter Neben­ef­fekt ist dabei aller­dings, dass eine Unter­schei­dung von “guten” natür­lich vor­kom­men­den Psy­che­de­li­ka und “schlech­ten” syn­the­ti­schen Dro­gen die Stig­ma­ti­sie­rung und Ver­fol­gung ande­rer Dro­gen­kon­su­men­tIn­nen nicht in Fra­ge stellt und viel­leicht sogar unter­mau­ert. Statt­des­sen könn­te der Fall der Psy­che­de­li­ka auch einen ande­ren Schluss erlau­ben. Er zeigt näm­lich, dass Set (Erwar­tun­gen, psy­chi­sche Grund­ver­fas­sung) und Set­ting (das Umfeld) mit­ent­schei­den wie Sub­stan­zen letzt­end­lich wir­ken. Sub­stan­zen sind weder die Lösung noch die Ursa­che unse­rer Pro­ble­me, son­dern wer­den Teil des einen oder ande­ren je nach­dem wie und wo sich Men­schen mit ihnen in Bezug setzen.

Die­ser Arti­kel basiert auf Ergeb­nis­sen aus einem For­schungs­pro­jekt (ReMed­Psy), das im EU-For­schungs­rah­men­pro­gramm Hori­zon 2020 unter der Marie Skło­dow­s­ka-Curie För­der­ver­ein­ba­rung 788945 finan­ziert wurde.

(1)   Schwarz-Plaschg, Clau­dia (2020): Why Psy­che­de­lic Rese­ar­chers Should Not Push Back Against Decri­mi­na­liz­a­ti­on https://​cha​cru​na​.net/​w​h​y​-​p​s​y​c​h​e​d​e​l​i​c​-​r​e​s​e​a​r​c​h​e​r​s​-​s​h​o​u​l​d​-​n​o​t​-​p​u​s​h​-​b​a​c​k​-​a​g​a​i​n​s​t​-​d​e​c​r​i​m​i​n​a​l​i​z​a​t​i​on/

(2)   https://​psi​lo​cy​bi​nalpha​.com/​d​a​t​a​/​p​s​y​c​h​e​d​e​l​i​c​-​l​aws

(3)   https://​www​.syn​the​sis​retre​at​.com/

 

Kurzportrait

Clau­dia Schwarz-Plaschg, Dr. Mag., forscht der­zeit als frei­schaf­fen­de Sozi­al­wis­sen­schaf­te­rin in Wien. Sie hat Medi­en- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ten, Eng­lisch und Ame­ri­ka­nis­tik, Sozio­lo­gie, sowie Wis­sen­schafts- und Tech­nik­for­schung stu­diert. Für ihre For­schung war sie in den letz­ten Jah­ren u.a. Gast­wis­sen­schaf­te­rin an Uni­ver­si­tä­ten in den USA (MIT, Har­vard, Ari­zo­na Sta­te Uni­ver­si­ty) und in Ecua­dor (Latin Ame­ri­can Social Sci­en­ces Facul­ty Qui­to). 2021 hat sie ein von der euro­päi­schen Kom­mis­si­on geför­der­tes Marie Skło­dow­s­ka-Curie Pro­jekt abge­schlos­sen, in des­sen Rah­men sie die Medi­ka­li­sie­rung, Ent­kri­mi­na­li­sie­rung und Lega­li­sie­rung von Psy­che­de­li­ka in den USA unter­sucht hat. Ihre For­schungs­in­ter­es­sen krei­sen um die sozio­po­li­ti­schen Dyna­mi­ken auf­kom­men­der wis­sen­schaft­li­cher Fel­der, die Steue­rung und Regu­lie­rung neu­er Tech­no­lo­gien, die Rol­le von Drogen/Medizin/Psychotherapie in Gesell­schaf­ten, ethi­sche Fra­gen, sozia­le Bewe­gun­gen, Geschlech­te­r­un­gleich­hei­ten sowie die Ver­knüp­fung von Wis­sen­schaft und Spiritualität.

Twit­ter: @PsychedelicSTS

Stichwörter