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Mehr zum Thema / Jochen Stadler / Donnerstag 14.04.22

Bau­en in Zei­ten des Klimawandels

Eine hand­gro­ße Robo­ter­spin­ne klet­tert über eine Grün­der­zeit­fas­sa­de an der Äuße­ren Maria­hil­fer­stra­ße in Wien. Sie bohrt Löcher hinein.
Foto: Ener­gie Design / dieAngewandte

„Die Grün­der­zeit war eine Epo­che, in der man die Sta­tik eines Hau­ses noch nicht sehr exakt berech­nen konn­te“, erklärt Bern­hard Som­mer von der Abtei­lung Ener­gy Design (ED) der Uni­ver­si­tät für ange­wand­te Kunst (Die Ange­wand­te) in Wien: „Sicher­heits­hal­ber bau­te man des­we­gen über­di­men­sio­niert. Unse­ren Berech­nun­gen zufol­ge ist unge­fähr ein Drit­tel der Mau­er­werks­brei­te bei Grün­der­zeit­bau­ten sta­tisch nicht notwendig.“

Gemein­sam mit Peter Bau­er vom Insti­tut für Archi­tek­tur­wis­sen­schaf­ten, Trag­werks­pla­nung und Inge­nieur­holz­bau der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät (TU) Wien ent­wi­ckel­te er eine Metho­de, wonach „klei­ne, solar­ge­trie­be­ne Robo­ter gemüt­lich über die Fas­sa­de klet­tern“, und dort eine porö­se Struk­tur schaf­fen. „Immer, wenn etwas porö­ser ist, hat es eine bes­se­re Iso­lie­rung“, sagt Som­mer. Die­se ist bei Grün­der­zeit­häu­sern prin­zi­pi­ell sehr schlecht, sodass man eine gro­ße Wär­me­leis­tung braucht, um sie zu hei­zen. Eine Voll­wär­me­schutz-Iso­lie­rung von außen kommt bei ihren orna­men­tier­ten Fas­sa­den, die wesent­lich zur Cha­rak­te­ris­tik der Stadt Wien bei­tra­gen, meist nicht in Fra­ge. „Wir konn­ten so aber nur durch eine struk­tu­rel­le Maß­nah­me, bei der wir etwas her­aus­neh­men, anstatt zusätz­li­ches Mate­ri­al auf­zu­brin­gen, die Ener­gie­ef­fi­zi­enz der Gebäu­de erhö­hen“, so Som­mer. Damit wur­den bis zu 25 Pro­zent Ver­bes­se­rung erzielt. Noch effi­zi­en­ter ist die Maß­nah­me, wenn man in die so ent­stan­de­nen Löcher Pho­to­zel­len steckt, die Son­nen­en­er­gie auf­fan­gen, zwi­schen­spei­chern, und zeit­ver­setzt wie­der in die Wand abge­ben, berich­tet er: „Damit hat­ten wir Ver­bes­se­rungs­ef­fek­te von bis zu 60 Pro­zent.“ Die Robo­ter­spin­nen bräuch­ten dann weni­ger Löcher boh­ren. „Außer­dem hat uns sehr gut gefal­len, dass wir über die Fas­sa­de der Grün­der­zeit eine zusätz­li­che Orna­men­tik leg­ten, die den kon­struk­ti­ven Kraft­li­ni­en des Gebäu­des folgt“, sagt Sommer.

All-inklu­si­ve Denken

Das SPI­DER-Pro­jekt ist ein expe­ri­men­tel­ler und wohl auch eher exklu­si­ver Ansatz, um Gebäu­de an die Erfor­der­nis­se des Kli­ma­schut­zes anzu­pas­sen. Wegen die­ser The­ma­tik ist jedoch die gan­ze Bau­bran­che im Wan­del, erklärt Azra Kor­je­nic vom Insti­tut für Werk­stoff­tech­no­lo­gie, Bau­phy­sik und Bau­öko­lo­gie der TU Wien: „Wir wis­sen, dass das Bau­we­sen einer der Wirt­schafts­zwei­ge mit den größ­ten Mate­ri­al­flüs­sen, sowie dem größ­ten Ener­gie- und Res­sour­cen­ver­brauch ist, und des­halb gibt es hier viel zu tun.“ Von der Ent­nah­me der Mate­ria­li­en in der Natur, über die Trans­port­we­ge, die Bear­bei­tung, die Nut­zungs­pha­se des Gebäu­des und die Wie­der­ver­wer­tung müs­se man alles inklu­diert betrach­ten und pla­nen. Damit die wert­vol­len Res­sour­cen am Ende der Lebens­zeit eines Gebäu­des wie­der­ver­wend­bar sind, müs­se man mit den bis­he­ri­gen Gewohn­hei­ten bre­chen: „Wir soll­ten nicht alle Mate­ria­li­en ver­men­gen und ver­kle­ben, son­dern mög­lichst wie­der­trenn­bar machen“, sagt sie. Außer­dem müs­se man mehr recy­celn. „Unse­re Städ­te sind eigent­lich rie­si­ge Mate­ri­al­la­ger, und die­se wert­vol­len Mate­ria­li­en könn­te man für mehr als einen Lebens­zy­klus nut­zen.“ Die Bau­stof­fe soll­ten mög­lichst natür­lich sein und aus nach­wach­sen­den Quel­len stam­men. „Die Bau­wirt­schaft ist lei­der noch nicht ganz bereit, dies umzu­set­zen“, meint die Bau­in­ge­nieu­rin: „Das Pro­blem ist, dass sol­che The­men in der Aus­bil­dung der Genera­ti­on noch gefehlt haben, die jetzt baut.“ Es gebe des­halb unbe­grün­de­te Ängs­te, dass öko­lo­gisch ver­träg­li­che­re Kon­struk­tio­nen nicht lang­fris­tig bestehen.

 

 

Treib­haus­gas­bud­get am Bau

Vor fünf bis zehn Jah­ren hat­te die Bau­wirt­schaft den Kli­ma­wan­del noch gar nicht im Fokus, nun muss sie sich aber ganz genau über­le­gen, wie sie das „Treib­haus­gas-Bud­get“ inves­tiert, das ihr laut Welt­kli­ma­rat (IPCC, Inter­go­vern­men­tal Panel on Cli­ma­te Chan­ge) zusteht, erklärt Alex­an­der Pas­ser von der Pro­fes­sur für Nach­hal­ti­ges Bau­en am Insti­tut für Trag­werks­ent­wurf der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät (TU) Graz. Die Kli­ma­po­li­tik muss in Zukunft im Hin­blick auf die Kli­ma­zie­le von Paris eine „här­te­re Spra­che spre­chen als die Bud­get­po­li­tik“, meint er. Zudem müs­se man bei den Treib­haus­gas­emis­sio­nen sowohl den Betrieb als auch das Errich­ten von Neu­bau­ten und Sanie­run­gen berücksichtigen.

 

„Die­se Betrach­tungs­wei­se fin­det gar kei­nen Ein­gang in Plan- und Bau­ent­schei­dun­gen“, sagt er. Des­halb ent­wi­ckelt er mit sei­ner For­schungs­grup­pe Rechen­mo­del­le, um Treib­haus­gas-Bilan­zen für den gan­zen Lebens­zy­klus eines Gebäu­des zu ermit­teln. „Dazu brau­chen wir dyna­mi­sche Model­le, die zukünf­ti­ge kli­ma­ti­sche und tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen vor­weg­neh­men“, so Passer.

Bau­stel­le halb CO2-neutral

Am Bau­stel­len­be­trieb kön­ne man Eini­ges der zehn Pro­zent Treib­haus­gas­emis­sio­nen ein­spa­ren, für die die Bau­in­dus­trie welt­weit ver­ant­wort­lich ist, fan­den die Bau­be­triebs­for­scher Leo­pold Wink­ler und Maxi­mi­li­an Wei­gert vom Insti­tut für Inter­dis­zi­pli­nä­res Bau­pro­zess­ma­nage­ment der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien her­aus. Die von ihnen ver­öf­fent­lich­te Stu­die „CO2 neu­tra­le Bau­stel­le“ zeigt, dass eini­ge tech­ni­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men die CO2-Last bereits um die Hälf­te sen­ken. Klei­ne­re Bag­ger und Maschi­nen müss­ten dafür mit elek­tri­schem Strom betrie­ben wer­den, grö­ße­re mit Was­ser­stoff oder Bio­die­sel. Die Mate­ria­li­en aus der Umge­bung bezo­gen und die Bau­con­tai­ner tech­nisch gedämmt sowie mit Solar­strom ver­sorgt. „Dabei konn­ten wir zei­gen, dass vie­le Maß­nah­men kos­ten­neu­tral bis kos­ten­po­si­tiv sind. Bei­spiels­wei­se ren­tiert sich die Anschaf­fung klei­ner E‑Bagger in vie­len Fäl­len bereits heu­te“, erklä­ren sie.

Sanie­ren, her­rich­ten und ver­dich­ten sind unterbewertet

„Die gro­ßen Schrit­te, um die Kli­ma­zie­le im Bau­sek­tor zu errei­chen, sind aber nicht im Neu­bau, son­dern bei der Bestands­sa­nie­rung zu set­zen“, sagt Mar­kus Leeb vom For­schungs­be­reich Smart Buil­ding and smart City der Fach­hoch­schu­le (FH) Salz­burg. Mit Kol­le­gen hat er ein For­schungs­pro­jekt namens „Zero Car­bon Refur­bish­ment II (ZeCa­Re)“ in einer Salz­bur­ger Wohn­sied­lung aus den 1980er Jah­ren durch­ge­führt, die dadurch kli­ma­neu­tral gestal­tet wur­de. Man hat dort nicht nur ein erneu­er­ba­res Ener­gie­sys­tem mit Pho­to­vol­ta­ik, Abluft­wär­me­rück­ge­win­nung, Abwas­ser­rück­ge­win­nung und Kes­sel­pel­lets instal­liert und das Gebäu­de mit öko­lo­gi­schen Mate­ria­li­en wär­me­iso­liert, son­dern auch vie­les Ande­res berück­sich­tigt: Damit die Mobi­li­tät der Bewoh­ner umwelt- und kli­ma­scho­nen­der wer­den kann, gibt es dort nun eine gro­ße Rad­ga­ra­ge, Car­sha­ring und Las­ten­fahr­rä­der. Weil die zunächst 75 Wohn­ein­hei­ten für den gan­zen Umbau bestand­frei gemacht wer­den muss­ten, gab es sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Beglei­tung und Betreu­ung. Um anders­wo Bau­platz zu spa­ren, wur­de auf­ge­stockt und die Anla­ge auf 99 Wohn­ein­hei­ten nach­ver­dich­tet. Bei die­sem Pro­jekt gab es bei der Bewil­li­gung, der Pla­nung und in der Durch­füh­rung aller­dings vie­le Hür­den zu meis­tern, die man nur bewäl­ti­gen konn­te, weil es sich um ein gut geför­der­tes und mit viel Enga­ge­ment betrie­be­nes For­schungs­pro­jekt han­del­te, meint Leeb: „Die nor­ma­len För­de­run­gen grei­fen hier noch zu wenig: Die The­men der Frei­raum­pla­nung, der Mobi­li­tät und der sozia­len Beglei­tung sind noch nicht imple­men­tiert, es han­delt sich meist nur um rei­ne Bauförderungen.“

Des­halb ist auch die Sanie­rungs­ra­te öster­reich­weit viel zu nied­rig, so Leeb. Der­zeit wür­de sie geschätzt bei rund einem Pro­zent lie­gen. „Sie müss­te min­des­tens auf drei bis fünf Pro­zent gestei­gert wer­den, um die Kli­ma­zie­le zu errei­chen“, sagt er: „Wir müs­sen bei der Sanie­rung auch schnel­ler wer­den“. Am bes­ten soll­te man sie „seri­ell“ gestal­ten. Das heißt, den Bestand auf den Mil­li­me­ter genau ver­mes­sen, die Gebäu­de digi­tal dar­zu­stel­len, und dar­an ange­pass­te vor­ge­fer­tig­te Modu­le her­zu­stel­len, die man vor Ort mon­tiert. „Wir ent­wi­ckeln zur Zeit Pro­to­ty­pen einer Mul­ti­funk­ti­ons­fas­sa­de, die man bei Sanie­run­gen ein­set­zen könn­te“, berich­tet Leeb. Der­zeit gibt es aber außer­halb der For­schung kaum Kapa­zi­tä­ten, sol­che Bau­tei­le her­zu­stel­len. „Die Fer­tig­teil­haus­fir­men, die zum Bei­spiel die nöti­gen Pro­duk­ti­ons­stra­ßen besit­zen, sind mit dem Neu­bau gut aus­ge­las­tet“, sagt er.

Nicht nur, weil es ener­gie­ef­fi­zi­en­ter ist und somit weni­ger Treib­haus­ga­se ver­ur­sacht, son­dern auch weil die ver­füg­ba­ren Bau­flä­chen mitt­ler­wei­le in fast allen Bun­des­län­dern Man­gel­wa­re sind, müs­se man auch mehr in die Nach­ver­dich­tung in den Zen­tren der bestehen­den Sied­lungs­räu­me inves­tie­ren, so Leeb.

„In Zukunft wird man nicht ohne Ener­gie­pro­duk­ti­on am Gebäu­de selbst auskommen.“ Azra Kor­je­nic, Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Wien

Von klei­nen und gro­ßen Hütten

Es gibt auch gro­ße Unter­schie­de zwi­schen klei­ne­ren Fami­li­en­do­mi­zi­len und ande­rer­seits mehr­ge­schos­si­gen Wohn­bau­ten und ‑Sied­lun­gen, so die Exper­ten. „Man hört immer wie­der, dass es mit Lehm und Stroh nach­hal­tig gebau­te Häu­ser gibt, die toll sind und ein wun­der­ba­res Wohn­kli­ma haben“, sagt Kor­je­nic: „Das sind aber alles Ein- und Zwei­fa­mi­li­en­häu­ser.“ Bei grö­ße­ren Bau­ten wäre die Skep­sis gegen­über neu­en Mate­ria­li­en ungleich grö­ßer. „Wir haben des­halb ein Groß­pro­jekt namens Naturebuilt mit 18 Part­nern aus der Wirt­schaft, Archi­tek­ten, Bau­ma­te­ri­al­pro­du­zen­ten und ande­ren gestar­tet, wo wir in einem gro­ßen Kon­sor­ti­um Kon­struk­tio­nen ent­wi­ckeln und sie sowohl mit Simu­la­tio­nen als auch am Frei­land-Prüf­stand tes­ten“, erklärt Kor­je­nic: „Anschlie­ßend wer­den wir die­se öko­lo­gi­schen und geprüf­ten Kon­struk­ti­ons­wei­sen als Kata­log für mehr­ge­schos­si­ges Bau­en ver­öf­fent­li­chen.“ Damit wol­le man der Bau­wirt­schaft maß­geb­lich erleich­tern, Wohn­bau­ten im grö­ße­ren Umfang kli­ma­ver­träg­lich aufzurüsten.

„In Öster­reich leben die meis­ten Men­schen in Ein­fa­mi­li­en­häu­sern“, berich­tet Som­mer. Beim Hei­zen ist dies ein Nach­teil, denn es ist auf­wen­di­ger, sie etwa an Fern­wär­me­net­ze anzu­schlie­ßen, und im Ver­gleich zum Volu­men haben sie eine recht gro­ße Ober­flä­che, über die Wär­me ver­lo­ren geht. „Bei der Ener­gie­pro­duk­ti­on durch Solar­pa­nee­le ist die ver­gleichs­wei­se gro­ße Dach­flä­che jedoch ein Vor­teil, und auch auf der Wie­se rund­her­um kann man wun­der­bar Wär­me­pum­pen auf­stel­len oder Geo­ther­mie nut­zen“, sagt er: „Die­se Mög­lich­kei­ten haben wir im inner­städ­ti­schen Bereich nicht.“

Ener­gie pri­vat hergestellt

„In Zukunft wird man nicht ohne Ener­gie­pro­duk­ti­on am Gebäu­de selbst aus­kom­men“, erklärt Kor­je­nic: „Öster­reich und die Euro­päi­sche Uni­on müs­sen end­lich aus der Ener­gie­ab­hän­gig­keit gelan­gen, egal ob es von Russ­land oder Ame­ri­ka ist.“ Bei Wohn- und Büro­häu­sern wäre aktu­ell die Pho­to­vol­ta­ik am wich­tigs­ten. „Es gibt aber auch noch ande­re Arten der Gewin­nung, wie etwa Geo­ther­mie, und man kann mit Wär­me­pum­pen arbei­ten.“ Wind­rä­der am Gebäu­de selbst könn­ten eben­falls eine Opti­on wer­den. „Davor scheu­en noch vie­le zurück und der­zeit emp­feh­len wir das auch noch nicht“, meint sie.

Kühle(n) wird neben Hei­zen immer wichtiger

„Wäh­rend man sich bei den Gebäu­den bis vor gut einem Jahr­zehnt immer nur auf die Hei­zung, also den Heiz­wär­me­be­darf kon­zen­triert hat, braucht man mitt­ler­wei­le wegen des Kli­ma­wan­dels auch Küh­lung“, sagt Kor­je­nic: „Wir bau­en des­we­gen ganz anders und emp­feh­len zum Bei­spiel, Neu­bau­ten nicht ohne Außen­be­schat­tung zu bau­en, denn Ver­gla­sun­gen sind Schwach­stel­len und las­sen viel Wär­me­strah­lung hinein.“

 

Frei­lich gäbe es auch ande­re Metho­den, Gebäu­de im Som­mer kühl zu hal­ten, aber kei­ne ist so effek­tiv wie die Wär­me erst gar nicht ins Gebäu­de zu las­sen. „Lei­der hat man das bis vor kur­zem sehr oft ver­nach­läs­sigt“, erklärt sie. Wenn am Ende einer Bau­pha­se das Geld zur Nei­ge geht, fal­le oft die Außen­be­schat­tung als Ers­te dem Spar­stift zum Opfer. „Das darf heut­zu­ta­ge eigent­lich nicht sein“, meint sie.

„Ich weh­re mich zwar immer noch sehr stark, im Wohn­be­reich zu küh­len, weil man zuerst alle pas­si­ven Maß­nah­men ergrei­fen soll­te, aber ich weiß, wie es sich in der Groß­stadt anfühlt, wenn zehn Tage hin­ter­ein­an­der die Nacht­tem­pe­ra­tu­ren nicht unter 25 Grad sin­ken“, berich­tet Leeb: „Irgend­wann ist der Lei­dens­druck so hoch, dass eine Küh­lung her muss“. Die­se kann man mit einer her­kömm­li­chen Kli­ma­an­la­ge und Fan Coils (Geblä­se­kon­vek­to­ren) bewerk­stel­li­gen, aber viel effek­ti­ver wäre sie mit­tels „ther­mi­scher Bau­teil­ak­ti­vie­rung“. Dabei wer­den die Bau­tei­le, vul­go Wän­de, zusätz­lich zu ihrer Stütz- und Trenn­funk­ti­on als Wär­me- und Käl­te­spei­cher ver­wen­det. „Das ist bei Beton­bau­wer­ken und im Büro­bau schon Stand der Tech­nik, und wir haben nun Pro­jek­te lau­fen, um die­se Funk­ti­on bei Holz umzu­set­zen“, erklärt er. Damit wol­le man den „grau­en Ruck­sack“ an Treib­haus­gas­emis­sio­nen aus fos­si­len Quel­len los­wer­den, die bei der Zement­her­stel­lung anfallen.

Durch die gro­ßen Abga­be­flä­chen der Bau­tei­le funk­tio­niert eine Bau­teil­ak­ti­vie­rung höchst effi­zi­ent und kann zum Bei­spiel eine Elek­tro­hei­zung ergän­zen, wenn die­se haupt­säch­lich mit Wind­strom betrie­ben wird. Bei stei­fer Bri­se wird über­schüs­si­ge Ener­gie in Form von Wär­me in die Wän­de abge­ge­ben und dort gespei­chert. Wenn beim Wind­strom Flau­te herrscht, zau­bert man die­se qua­si wie­der her­vor. „Damit kann man etwa auch bei Wär­me­pum­pen und Fern­wär­me die Bedarfs­spit­zen abfe­dern“, so der Exper­te. Solch eine Bau­teil­ak­ti­vie­rung wur­de zum Bei­spiel beim For­schungs­pro­jekt Smart City Hal­lein umge­setzt, und zwar so, dass die Bewoh­ner durch die Bau­ar­bei­ten mög­lichst wenig behel­ligt wur­den. „Wir haben zunächst die Heiz- und Kühl­lei­tun­gen außen auf das Bestands­mau­er­werk auf­ge­bracht und dann eine vor­ge­fer­tig­te Mul­ti­funk­ti­ons­fas­sa­de auf­ge­setzt“, sagt er.

Einen sehr ähn­li­chen Ansatz hat Bern­hard Som­mer bei Wie­ner Wohn­häu­sern aus den 1950er- bis 1970er ‑Jah­ren gewählt. „Wäh­rend die Mau­ern der Grün­der­zeit­bau­ten über­di­men­sio­niert waren, war man Mit­te des 20. Jahr­hun­derts sehr spar­sam und die teils unter­di­men­sio­nier­ten Wän­de die­ser Wohn­bau­ten haben kaum Spei­cher­mas­sen und dadurch wenig ther­mi­sche Träg­heit“, berich­tet er. Dadurch wird es im Som­mer drin­nen oft sehr unan­ge­nehm warm. „Doch selbst wäh­rend Hit­ze­wel­len gibt es Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen zwi­schen Tag und Nacht, und mit die­sen kann man viel von der Über­hit­zung abfan­gen“, erklärt Som­mer. Mit Kol­le­gen kre­ierte er Was­ser-gefüll­te Panee­le, die an den Fas­sa­den als halb­be­schat­ten­de Screens ange­bracht wur­den, und in den Wohn­räu­men Pen­dants, die man wie Bil­der an die Wand hängt. „Weil wir von der Ange­wand­ten sind, waren sie nicht nur ein tech­ni­sches Pro­dukt, son­dern wur­den zusätz­lich von Künst­lern gestal­tet“, sagt er. In den Räu­men wer­den Tem­pe­ra­tur­füh­ler instal­liert, die die Bewoh­ner nach Wunsch pro­gram­mie­ren kön­nen, so dass ihnen „nach Wunsch die küh­le Luft qua­si folgt“.

Vege­ta­ti­on am Bau

Bei der soge­nann­ten Inge­nieur­bio­lo­gie wer­den Pflan­zen und Pflan­zen­tei­le zur Sta­bi­li­sie­rung von Bau­wer­ken ver­wen­det, sowie als Ero­si­ons­schutz, sagt Rose­ma­rie Stangl vom Insti­tut für Inge­nieur­bio­lo­gie und Land­schafts­bau (IBLB) der Uni­ver­si­tät für Boden­kul­tur (Boku) in Wien. In der Land­schafts­bau­tech­nik wür­de man wie­der­um mit här­te­ren Natur­ma­te­ria­li­en wie Holz und Stein zum Bei­spiel für die Pflas­te­rung von Frei­räu­men und ande­ren Auf­ent­halts­flä­chen sor­gen. „Eine Spar­te, die jetzt immer rele­van­ter und bri­san­ter wird, ist aber der Rück­bau, um die Sied­lungs­räu­me zu begrü­nen“, sagt sie. Auch wenn es „lei­der noch nicht geleb­te Pra­xis ist“, müss­ten vie­le der zuvor unnö­tig ver­sie­gel­ten Flä­chen wie­der auf­ge­bro­chen und durch­läs­sig gestal­tet wer­den. „Es besteht eine Not­wen­dig­keit, dass wir wie­der ver­mehrt Flä­chen schaf­fen, wo das Was­ser ver­si­ckern kann, und wo im bes­ten Fall Pflan­zen Über­schuss­was­ser zwi­schen­spei­chern und zeit­ver­setzt wie­der abge­ben, um bei Stark­re­ge­n­er­eig­nis­sen die Kanä­le zu ent­las­ten“, erklärt sie. Immer­hin orte sie „ein gewis­ses Bewusst­sein und das eine oder ande­re poli­ti­sche Com­mit­ment für die­se Pro­ble­ma­tik“. In der For­schung wür­de man dafür ganz spe­zi­el­le, leis­tungs­fä­hi­ge „tech­ni­sche Sub­stra­te“ ent­wi­ckeln. Sie könn­ten über­all dort ein­ge­setzt wer­den, wo zuvor groß­flä­chi­ge Flä­chen asphal­tiert und beto­niert wur­den, ohne dass es unbe­dingt nötig war (also pri­mär aus Kos­ten­grün­den). Bei gro­ßen Park­plät­zen müss­te zum Bei­spiel jeweils nur der Fahr­gar­ten selbst mit Beton und Asphalt aus­ge­stal­tet sein, die Stell­plät­ze und ande­re Rand­zo­nen könn­te man mit „offe­ner Bau­wei­se“ umsetzen.

Auch Begrü­nun­gen an Dächern und Fas­sa­den soll­ten ver­mehrt ange­bracht wer­den. „Wenn man auf der grü­nen Wie­se ein Haus baut, dann ist die­se Flä­che fort­an eine Voll­ver­sie­ge­lung“, sagt sie. Begrünt man anschlie­ßend das Dach, wür­de dies zumin­dest teil­wei­se den Ver­lust der Pflan­zen kom­pen­sie­ren, die etwa CO2 auf­neh­men, Feuch­tig­keit spei­chern und für Küh­lung sor­gen. „Aller­dings soll­te man hier einen guten Auf­bau ver­wen­den, der aus­rei­chend Regen­was­ser für die Pflan­zen spei­chern kann“, meint sie: „Es macht wenig Sinn, über­all Grün­be­wach­sun­gen zu machen, die man extra bewäs­sern muss.“

Außer­dem sol­le man jene Böden, die bei Bau­stel­len ent­fernt wer­den, für Grün- und Acker­flä­chen wie­der ver­wen­den“, so die Exper­tin. Es sei all­zu ver­schwen­de­risch, und zudem teu­er, gesun­de Böden durch Bau­ver­fah­ren zu zer­stö­ren und auf Depo­nien ver­schwin­den zu lassen.

For­schen wird gefördert

Wäh­rend die För­de­rung bei kom­mer­zi­el­len Bau- und Reno­vie­rungs­ar­bei­ten laut der Exper­ten noch zu wenig auf Nach­hal­tig­keit und Kli­ma­schutz aus­ge­legt ist, gibt es bei der For­schungs­för­de­rung zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten. So gab es bei der Öster­rei­chi­schen For­schungs­för­de­rungs­ge­sell­schaft FFG schon von 1999 bis 2012 das Pro­gramm Haus der Zukunft und aktu­ell För­der­mög­lich­kei­ten zur Stadt der Zukunft. Zahl­rei­che ein­schlä­gi­ge Pro­jek­te wer­den von ihr finan­zi­ell unter­stützt, wie etwa BIM­stocks, wo Metho­den für digi­ta­le Erfas­sung der Recy­cling­mög­lich­kei­ten des Bestands erar­bei­tet wer­den, Pha­se­Out für Wär­me­pum­pen­tech­no­lo­gien in der Bestands­sa­nie­rung und Sani60ies für mini­mal inva­si­ve ther­mi­sche und ener­ge­ti­sche Sanie­rung klas­si­scher Wohn­haus­an­la­gen der 1950er- und 1960er-Jahre.

Die Wirt­schafts­agen­tur des Lan­des Nie­der­ös­ter­reich (eco­p­lus) lan­ciert ein For­schungs­pro­jekt, wie man den zuneh­men­den Kühl­be­darf „mit pas­si­ven, tech­nisch robus­ten und ener­gie­ef­fi­zi­en­ten Maß­nah­men“ decken kann. Dabei wür­den einer­seits die Mög­lich­kei­ten zur Redu­zie­rung des Kühl­be­darfs unter­sucht (wie etwa Beschat­tungs­vor­rich­tun­gen), und ande­rer­seits eru­iert, “wie die ver­blei­ben­de Kühl­last mit erneu­er­ba­ren Ener­gien unter Ver­wen­dung markt­üb­li­cher und ener­gie­ef­fi­zi­en­ter Tech­no­lo­gien gedeckt wer­den kann“. Hier­un­ter fal­len akti­ve Küh­lungs­maß­nah­men wie Bau­teil­ak­ti­vie­rung und Kli­ma­an­la­gen. Außer­dem wol­len die For­scher des Cool*Buildings Pro­jekts mit­tels Online­um­fra­ge erfah­ren, wie Som­mer-taug­lich die Woh­nun­gen und Häu­ser der Öster­rei­cher aktu­ell sind.

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