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Mehr zum Thema / Paul Tschierske / Donnerstag 14.04.22

Das Gebäu­de der Zukunft – ist ein Quartier

Kli­ma­wan­del, Digi­ta­li­sie­rung, Roh­stoff­kri­se: Ver­gli­chen mit Lebens­mit­teln im Super­markt oder Ver­zweif­lung an der Zapf­säu­le schla­gen die Umwäl­zun­gen ohne grö­ße­re öffent­li­che Dis­kus­si­on auch auf einen gesell­schaft­li­chen Rie­sen durch: den Bau­sek­tor. Dabei betrifft Woh­nen wirk­lich alle. APA-Sci­ence sprach mit einer Archi­tek­tin und zwei Bau­in­ge­nieu­ren über die Träg­heit des Sek­tors, Inno­va­tio­nen und wie in Zukunft in der Stadt und im Gebäu­de effi­zi­ent und suf­fi­zi­ent gelebt wer­den kann. 
Foto: Wohnbaugruppe/@pierer.net

Ein­fach an ein­zel­ne Gebäu­de zu den­ken, wäre viel zu iso­liert, stellt die Archi­tek­tin Doris Öster­rei­cher von der Uni­ver­si­tät für Boden­kul­tur in Wien klar. „Wir müs­sen sys­te­misch den­ken und nicht nur das Gebäu­de als ein­zel­ne Ein­heit anse­hen.“ Nur dann lie­ße sich zum Bei­spiel Ener­gie bes­ser nut­zen. Es geht um ein „Den­ken im Quar­tier“. „Die über­re­gio­na­le Zukunft wird eher strom­ba­siert sein, die Wär­me lokal.“ Das heißt, man wer­de Wär­me bei­spiels­wei­se mit­tels Wär­me­pum­pen vor Ort erzeu­gen, die strom­ba­siert sind, und damit Umge­bungs­wär­me ein­set­zen. „In einem Quar­tier las­sen sich hier Syn­er­gien nut­zen, die weit über ein­zel­ne Gebäu­de hin­aus­ge­hen.“ So könn­te die Abwär­me eines Büros zugleich zum Hei­zen einer Schu­le genutzt wer­den. Gebäu­de mit Süd­sei­te sind ide­al für Pho­to­vol­ta­ik, wäh­rend die Nord­sei­te für Grün­flä­chen geeig­net wäre.

Quar­tier­s­ent­wick­lung in Klagenfurt

Ein Wohn­bau­pro­jekt, das vie­le der Anfor­de­run­gen, die Öster­rei­cher betont, erfüllt, ent­steht zur­zeit in Kla­gen­furt-Ost und wird vor­aus­sicht­lich im heu­ri­gen Herbst von den ers­ten Mie­te­rin­nen und Mie­tern bezo­gen. „hi Har­bach“ soll nach dem Prin­zip der sozia­len Durch­mi­schung funk­tio­nie­ren. Expli­zit, um der Anony­mi­tät und der Ein­sam­keit, die in Städ­ten ent­ste­hen kann, ent­ge­gen­zu­wir­ken. Es gibt Grün­flä­chen und Gemein­schafts­räu­me für alle Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner, eine Beglei­tung vor Ort durch die Sozi­al­raum-Koor­di­na­ti­on der Dia­ko­nie de La Tour und kur­ze Wege durch Gewer­be­flä­chen für Arzt­pra­xen, Nah­ver­sor­ger, Gas­tro­no­mie oder Dienstleistungsunternehmen.

 

Geheizt wird per Fern­wär­me und für die Mobi­li­tät wer­den Fahr­rad­ab­stell­plät­ze und Leih­fahr­rä­der, eine Las­ten­fahr­rad-Aus­leih­stel­le sowie E‑Car- und E‑Bike-Sharing, E‑Lademöglichkeiten, ein Trol­ley­sys­tem und Mobi­li­täts­be­ra­tung zur Ver­fü­gung gestellt. Auch eine Anbin­dung an das Bus­sys­tem soll es geben. Herz­stück der Anla­ge wird der weit­läu­fi­ge Erho­lungs- und Begeg­nungs­raum mit einer Pro­me­na­de im Zen­trum sein. Denn die Grün­flä­chen min­dern nicht nur die Hit­ze­ent­wick­lung, son­dern sind über­dies Spiel­zo­nen für Kin­der und Begeg­nungs­zo­nen für die Erwachsenen.

Die Zahl, um die sich dabei alles dreht, ist die Null. Sprich, dass ein Quar­tier nicht mehr Ener­gie ver­braucht, als es selbst her­stellt. Für den Neu­bau ist das jetzt schon essen­zi­ell, nur der sei letzt­lich nicht das Pro­blem. „Einen Neu­bau als Ener­gieplus-Gebäu­de zu kon­zi­pie­ren ist nicht gera­de schwie­rig, da haben wir vie­le Mög­lich­kei­ten. Die Her­aus­for­de­rung ist der Bestand.“ Doch der Groß­teil der Gebäu­de, die auch in Zukunft genutzt wer­den, steht ja bereits und auch für die­se ist „Null das neue Maxi­mum“. Und für den Alt­be­stand ist die Null in einem Quar­tier leich­ter umsetzbar.

„Nawa­ro“ – Holz, Hanf und Schaf­wol­le als Baustoffe

Ein sinn­vol­ler Trend sei die Nut­zung von nach­wach­sen­den Roh­stof­fen („Nawa­ro“), erklä­ren die Bau­in­ge­nieu­re Mar­kus Wall­ner-Novak und Ewald Has­ler von der FH Joan­ne­um. Durch Bau­holz, Hanf- oder Schaf­woll­däm­mung lie­ße sich CO2 bin­den. Die Bau­tei­le wären zudem trenn­bar und damit wie­der­ver­wert­bar. Im urba­nen Bau könn­te man mit Holz-Hybrid-Bau­ten auf Geschoß­zah­len von sechs oder mehr gehen, was mehr (Wohn-)Raum auf weni­ger ver­sie­gel­ter Flä­che schafft. Bau­stof­fe wie Holz, Hanf oder Schaf­wol­le sind über­dies lokal vor­han­den, was nicht nur öko­lo­gisch, son­dern auch öko­no­misch zu Syn­er­gie­ef­fek­ten füh­ren kann.

Woh­nen mit Holz in Graz

In Graz hat die Stadt meh­re­re Wohn­bau­pro­jek­te im Nobel­vier­tel Rosen­hain im Bezirk Gei­dorf an der Max-Mell-Allee geför­dert. Zum einen wird durch den sozia­len Woh­nungs­bau – es han­delt sich um Zuwei­sungs­wohn­bau – eine sozia­le Durch­mi­schung erreicht. Zum ande­ren paart sich durch die Ver­wen­dung von Holz als Bau­stoff Öko­lo­gie mit Öko­no­mie. Ers­te­res, weil es ein nach­wach­sen­der Roh­stoff ist. Letz­te­res, weil der stei­ri­sche Wald laut Lan­des­rat Hans Seit­in­ger (ÖVP) die Basis für rund 55.000 Arbeits­plät­ze sei.

 

Die Woh­nun­gen sind alle­samt durch­ge­steckt, sprich haben eine Sei­te nach außen und eine zum Innen­hof, was beim Durch­lüf­ten hilft und gleich­zei­tig die Lärm­be­las­tung min­dern kann. Der Lau­ben­gang im immer grü­ner wer­den­den Innen­hof lehnt sich dabei an den Holz­bau an. Den Außen­fas­sa­den sind rund­her­um Log­gi­en- und Bal­ko­ne vor­ge­la­gert. Die zuein­an­der ver­setz­ten ver­ti­ka­len Lär­chen­holz­ros­te sind Schat­ten­spen­der und Sicht­schutz zugleich. Die Geo­me­trie der Gebäu­de lässt die äuße­ren Ecken etwas zu den Grund­stücks­gren­zen abrü­cken. Dadurch öff­nen sich zwei Berei­che am Grund­stück zu den angren­zen­den Nach­barn. Beim höher gele­ge­nen Grün­raum liegt der Gemeinschaftsraum.

Ein wei­te­res Ziel müs­se die funk­tio­na­le Dich­te sein, so Öster­rei­cher. „Die Raum­pla­nung muss man so den­ken, dass es kur­ze Wege für die Mobi­li­tät und die Infra­struk­tur gibt. Es braucht die Stadt der kur­zen Wege, damit man pro­blem­los ohne Auto zum Ein­kau­fen oder zur Arbeit kommt.“ Denn ein gro­ßes Pro­blem sei die Zer­sie­de­lung – also Gebäu­de, die in gro­ßem Abstand zuein­an­der ste­hen. Nicht nur, dass es hier kei­ne Quar­tiers­ef­fek­te gibt, auch ande­re Kom­po­nen­ten wie Ener­gie­in­fra­struk­tur oder Stra­ßen wer­den dafür in viel grö­ße­rem Umfang gebraucht.

Die Bedeu­tung des Stand­orts betont auch Wall­ner-Novak. „Wir kön­nen ein noch so ener­ge­tisch opti­mier­tes Haus bau­en, wenn wir mit dem Auto pen­deln, zer­stö­ren wir das, was wir auf­ge­baut haben“, erklärt er. Ein wei­te­res Pro­blem sei das star­ke Nutz­flä­chen­wachs­tum, also die Anzahl der Qua­drat­me­ter pro Per­son. „Das wird sich ein­pen­deln, viel­leicht sogar redu­zie­ren müs­sen.“ Ein Haus mit 150 Qua­drat­me­tern Flä­che, das nach dem Aus­zug der Kin­der nur noch von zwei Leu­ten bewohnt wird, sei ener­ge­tisch kein Gewinnbringer.

„Shared Housing“ und Gebäu­de in Lebenszyklen

Ein Kon­zept, das hel­fen könn­te, kommt aus der „Shared Eco­no­my“, die durch die vie­len Car-Sharing-Ange­bo­te bekannt ist. In einem Quar­tier lie­ßen sich vie­le Räum­lich­kei­ten gemein­sam nut­zen, ver­deut­licht Öster­rei­cher: Fit­ness­raum, Par­ty­kel­ler, eine gemein­sa­me Grün­flä­che. „Co-living“ oder „Shared Housing“ nennt sich dies im Eng­li­schen. Hier kommt ein Merk­mal hin­zu, wel­ches der Exper­tin beson­ders wich­tig ist: „Wir haben lan­ge nur auf die Effi­zi­enz geschaut, die selbst­ver­ständ­lich wich­tig ist. Aber es geht beim Woh­nen auch um Suf­fi­zi­enz.“ Und an die­ser Stel­le sei es nun ein­mal frag­lich, ob zwei Leu­te 150 Qua­drat­me­ter brau­chen, oder ob weni­ger nicht aus­rei­chend wäre.

Recy­cling kennt man eher aus der Abfall­wirt­schaft, doch für das Bau­en der Zukunft ist die­ses Kon­zept nicht weni­ger wich­tig. „Wir müs­sen das Gebäu­de in Lebens­zy­klen den­ken“, erläu­tert Öster­rei­cher. Was gebaut wird, soll­te mög­lichst zer­leg­bar sein, damit die Kom­po­nen­ten mit wenig Ener­gie wie­der ver­wen­det wer­den kön­nen. Unter­stützt wird dies durch „Buil­ding Infor­ma­ti­on Model­ling“ (BIM), einer digi­ta­len Daten­bank der Kom­po­nen­ten. „Letzt­lich kann man es sich vor­stel­len wie bei einem Holz­kas­ten: Den kön­nen Sie schrau­ben oder kle­ben.“ Nur geschraubt lässt er sich ein­fa­cher wie­der­ver­wen­den. Dies ist im Bau eben­falls möglich.

Das Lebens­zy­klus-Kon­zept beto­nen auch die bei­den Bau­in­ge­nieu­re, aller­dings gibt es bezüg­lich des Stich­worts „Urban Mining“ Gren­zen. „Einen Zie­gel­stein oder ein Holz­bau­teil aus einem Grün­der­zeit­haus kön­nen Sie nicht ein­fach so wie­der­ver­wen­den. Der erfüllt die Anfor­de­run­gen an einen zer­ti­fi­zier­ten Bau­stoff nicht mehr“, erklärt Has­ler. Der Lebens­zy­klus selbst kön­ne dabei von jeder und jedem beein­flusst wer­den: „Bau­tei­le müs­sen gewar­tet wer­den, wie ein Auto. Doch wer war­tet schon sei­ne Fens­ter?“ Außer­dem, wer habe dar­an Inter­es­se; sicher nicht der Her­stel­ler, der dann weni­ger ver­kau­fen wür­de. Und ein Pickerl wie beim Auto gebe es nun ein­mal lei­der im Bau­be­reich nicht. Zudem müs­se man bei der Kon­zep­ti­on von Gebäu­den dar­an den­ken, dass man­che Tei­le frü­her aus­ge­tauscht wer­den als ande­re. Rohr­lei­tun­gen oder Fens­ter gin­gen eben schnel­ler kaputt, daher muss beim Bau­en dar­auf geach­tet wer­den, dass die­se mit mög­lichst gerin­gem Auf­wand erneu­ert wer­den können.

Dabei lie­ßen sich beson­ders War­tun­gen sinn­voll mit der Digi­ta­li­sie­rung ver­knüp­fen: „Die Lamb­da-Son­de in mei­nem Heiz­kes­sel gibt mir Bescheid, wenn es Zeit für ihre Rei­ni­gung ist.“ Die­se War­tungs­ar­bei­ten ver­län­gern den Lebens­zy­klus. „Mit digi­ta­len Gebäu­de­mo­del­len und Sen­so­ren kann man gene­rell Dia­gnos­tik betrei­ben“, ergänzt Wall­ner-Novak. Beim Auto füh­re das zu grö­ße­rer Reich­wei­te, beim Haus zu einem län­ge­ren Lebens­zy­klus. Dies sei jedoch im Bau­we­sen zur­zeit nicht Stand der Tätig­keit, son­dern The­ma für die Wis­sen­schaft. Dabei kön­ne man mit die­sen Ansät­zen – eben­falls aus dem BIM – vie­le Aspek­te bewer­ten, zum Bei­spiel öko­lo­gi­sche und ökonomische.

Die Träg­heit von Bau­sek­tor und (EU-)Verordnungen

Eine gewis­se Träg­heit des Bau­sek­tors lässt sich nicht leug­nen. „Den­ken Sie an Kon­struk­tio­nen: Es hat 20 Jah­re gedau­ert bis die Anschluss­fu­ge für Fens­ter nor­miert wur­de. Und dann noch ein­mal 20 Jah­re bis sie zum gebau­ten Stan­dard gewor­den ist. Wir machen heu­te das, von dem wir vor Jahrz­en­ten schon wuss­ten, dass es sinn­voll ist“, hält Has­ler fest. Ähn­lich ist es auf poli­ti­scher Ebe­ne. „Die EU-Bau­pro­duk­ten­ver­ord­nung, die seit dem 1. Juli 2013 gilt, hat sie­ben wesent­li­che Anfor­de­run­gen an Gebäu­de defi­niert“, erklärt Wall­ner-Novak. Die sieb­te ist „Nach­hal­tig­keit“. „Und genau dafür gibt es seit fast zehn Jah­ren kei­ne Umset­zungs­do­ku­men­te.“ Bei­de Exper­ten beto­nen zudem, dass es ein gene­rel­les Pro­blem ist, dass sich die Ver­ord­nun­gen und Geset­ze nahe­zu aus­schließ­lich auf Neu­bau­ten bezie­hen und das wich­ti­ge The­ma der Sanie­rung zu kurz kommt.

Öster­rei­cher bekräf­tigt, dass es vor allem eins brau­che: sanie­ren, sanie­ren, sanie­ren. Die Sanie­rungs­quo­te in Öster­reich lie­ge näm­lich nur bei einem Pro­zent. Und die Lang­sam­keit dabei lie­ße sich ein­fach erklä­ren: „Es feh­len recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen, sowie der öko­no­mi­sche und poli­ti­sche Wil­le. Zum Bei­spiel muss man eine ande­re Her­an­ge­hens­wei­se fin­den, als nur ein­zel­ne Kom­po­nen­ten zu för­dern.“ Auch Ein­schrän­kun­gen wie das Miet­rechts­ge­setz – das zu einem Miet­de­ckel für Gebäu­de, die vor 1945 gebaut wur­den, geführt habe – sei­en pro­ble­ma­tisch. „Ich bin sehr für sozia­le Nach­hal­tig­keit“, betont sie, „aber wenn Mie­ten bei einer Sanie­rung nicht ange­ho­ben wer­den kön­nen, dann wird eben der Alt­be­stand nicht aus­rei­chend saniert.“ Für eine Ent­las­tung von Mie­te­rin­nen und Mie­tern müs­se man an ande­rer Stel­le sor­gen. „Die Covid-19-Pan­de­mie hat gezeigt, was an Geld frei­ge­macht wer­den kann, wenn der poli­ti­sche Wil­le da ist.“ Die­sen Wil­len brau­che es für die Gebäu­de­sa­nie­run­gen. Die Wich­tig­keit von Sanie­rung beto­nen auch die bei­den Bau­in­ge­nieu­re. „Man spart zwi­schen 50 und 80 Pro­zent an Res­sour­cen, wenn man umfas­send saniert, anstatt abzu­rei­ßen und neu zu bau­en“, stellt Wall­ner-Novak klar.

Eine Uni­ver­sal­lö­sung wer­de sich jedoch nicht fin­den las­sen, Kon­zep­te sei­en immer stand­ort- und nut­zungs­ab­hän­gig. „An man­chen Stand­or­ten ist die Fern­wär­me sinn­voll, an ande­ren die Wär­me­pum­pe. Dafür braucht es den poli­ti­schen Wil­len“, so Öster­rei­cher. Es brin­ge jedoch nichts, sich von der Gas­ther­me in knapp 20 Jah­ren zu ver­ab­schie­den und gleich­zei­tig die Ölhei­zung durch Hin­ter­tü­ren zuzu­las­sen. Wei­ters wäre eine zen­tra­le Anlauf­stel­le, wie etwa die „Haus­kunft“ in Wien, für Sanie­rungs­fra­gen sinn­voll, damit Inter­es­sier­ten kon­kre­te Mög­lich­kei­ten auf­ge­zeigt wer­den. Fer­ner sei ein Leer­stands­ka­tas­ter vernünftig.

Zer­sied­lung als Problem

Dass die Ent­wick­lung von Quar­tie­ren zwar für urba­ne Zen­tren sinn­voll sei, aber nicht für den länd­li­chen Raum, lässt die Archi­tek­tin nicht gel­ten. „Auch hier geht es dar­um, die Zer­sie­de­lung zu stop­pen. Der 17. Super­markt an der Orts­gren­ze, zu dem man mit dem Auto fah­ren muss, das soll­te nicht das Ziel sein.“ Innen­ent­wick­lung sei das Ziel, Orts­ker­ne müss­ten wie­der­be­lebt wer­den. „Das wäre gut für die kli­ma­ti­schen Aspek­te und aus sozia­ler Sicht. In Dorf­zen­tren tref­fen sich Men­schen.“ Dafür muss es die­se Zen­tren aller­dings zum einen geben und zum ande­ren müs­sen sie mit Leben gefüllt sein. Genau­so wenig lässt sie sich auf ein „Ein­fa­mi­li­en­haus-Bashing“ ein. „Ein ener­gie­ef­fi­zi­en­tes Ein­fa­mi­li­en­haus in einem nicht zer­sie­del­ten Gebiet ist nicht prin­zi­pi­ell ein Pro­blem. Ein Pro­blem ist ein ein­zel­nes Haus im Grü­nen, abge­schot­tet von allem, zu dem man mit sei­nem SUV fährt.“ Ein wei­te­res poli­ti­sches The­ma sei die Pend­ler­pau­scha­le. Sie för­de­re Zer­sie­de­lung und nicht eine Stadt der kur­zen Wege.

Quar­tier­s­ent­wick­lung in Wien

Das Wohn­bau­pro­jekt CAM­PO Brei­ten­lee in Wien wird zu 100 Pro­zent mit erneu­er­ba­rer Ener­gie ver­sorgt, durch die Gebäu­de­tech­nik, Tie­fen­boh­run­gen in Kom­bi­na­ti­on mit hoch­ef­fi­zi­en­ten Wär­me­pum­pen und Pho­to­vol­ta­ik. Zudem soll es eine aus­rei­chen­de Beschat­tung geben und die Mög­lich­keit der West-Ost-Durch­lüf­tung. Es wird alter­na­ti­ve Wohn­for­men, eine par­ti­zi­pa­ti­ve Woh­nungs­ver­ga­be, Schwer­punkt Allein­er­zie­hen­de, und Housing First-Woh­nun­gen geben. Ein Mul­ti­funk­ti­ons­raum steht der Gemein­schaft eben­falls zur Ver­fü­gung und soll auch für Bera­tungs­leis­tun­gen durch neunerimmo/neunerhaus und JUNO genutzt werden.

 

Das Kon­zept der Wohn­haus­an­la­ge führt fer­ner das The­ma Urban Gar­de­ning in eine neue Dimen­si­on. Durch die Bespie­lung ver­schie­de­ner Ele­men­te wie Pflanz­trö­ge, Hoch­bee­te und Rank­git­ter im gesam­ten Gebäu­de ent­steht lang­fris­tig eine leben­di­ge Begrü­nung im und am Gebäu­de. Das Pro­jekt wird von der For­schungs­för­de­rungs­ge­sell­schaft (FFG) geför­dert und als For­schungs­pro­jekt ZQ3DEMO wis­sen­schaft­lich beglei­tet. Der ers­te Bezug ist für das Früh­jahr 2024 geplant.

Durch den Kli­ma­wan­del rückt noch ein wei­te­res Bau­kon­zept in den Blick­punkt: Ver­schat­tung. „Kli­ma­tisch gese­hen rücken wir nach Süden, es wird also hei­ßer wer­den.“ Das könn­te den einen oder die ande­re zum Kauf einer Kli­ma­an­la­ge ver­füh­ren. Ener­ge­tisch sei das pro­ble­ma­tisch, denn deren Abwär­me wür­de, zusätz­lich zum erhöh­ten Ener­gie­ver­brauch, das Mikro­kli­ma wei­ter ver­schlech­tern. „Damit wir wei­ter ange­nehm woh­nen kön­nen, soll­ten wir uns den medi­ter­ra­nen Raum als Vor­bild neh­men.“ Dort wer­de so gebaut, dass Gebäu­de sich gegen­sei­tig ver­schat­ten, Häu­ser hät­ten Fens­ter­lä­den, Mar­ki­sen und Dach­vor­bau­ten wür­den genützt. Inso­weit es mög­lich sei, wäre auch ein Durch­lüf­ten von zwei Sei­ten ein wich­ti­ger Punkt, um effi­zi­ent zu kühlen.

Die Kana­li­sa­ti­on als Wärmeversorger

Wei­ters müs­se nicht nur die Flä­chen­ver­sie­ge­lung auf­hö­ren – das Bebau­en von Grün­flä­chen – son­dern es müs­se zu einer Ent­sie­ge­lung kom­men. Grün­flä­chen sei­en natür­li­che Küh­ler von Städ­ten, wäh­rend Asphalt wei­ter auf­hei­ze. Über­haupt lie­ße sich der Boden gut zum Küh­len nut­zen: „Mit Erd­wär­me­pum­pen kann man im Som­mer einem Gebäu­de Wär­me ent­zie­hen, denn der Boden hat auch dann nur rund zwölf Grad.“ Wall­ner-Novak hält Geo­ther­mie eben­falls für die bes­te Vari­an­te, um zu hei­zen und zusätz­li­che Küh­le zu schaf­fen und ver­weist auf die Schweiz: „Dort müs­sen alle öffent­li­chen Gebäu­de ent­we­der über Geo­ther­mie- oder Grund­was­ser­küh­lung ver­sorgt werden.“

Die­se Sys­te­me wer­den, jedoch ohne Ver­pflich­tung, auch in Öster­reich ange­wandt, sind indes nicht ohne Risi­ko, wie Has­ler anmerkt: „Es besteht die Gefahr, dass dabei das Grund­was­ser zu warm wird.“ Eine ähn­li­che Mög­lich­keit, nur für einen Wär­me­ef­fekt, bestün­de zudem dar­in, die Abwär­me der Kana­li­sa­ti­on zu nut­zen. „Das ist zwar beschränkt – wenn man zu viel ent­nimmt, kommt in der Klär­an­la­ge zu kal­tes Was­ser an – aber da lässt sich noch eini­ges Her­aus­ho­len. Mit der Kana­li­sa­ti­on könn­te man die Wär­me­ver­sor­gung aus­bau­en“, so Wallner-Novak.

„Die tech­ni­schen Lösun­gen sind längst da. Jetzt ist kon­kre­tes Han­deln gefordert.“ Doris Öster­rei­cher, Uni­ver­si­tät für Bodenkultur

Aus der Geschich­te der Schweiz hat zudem Has­ler noch ein inter­es­san­tes Bei­spiel für öko­lo­gi­sches Kli­ma­ti­sie­ren. „Vor 150 Jah­ren haben die im Win­ter Eis geschnit­ten und im Kel­ler gela­gert.“ Dann wür­de ein Ven­ti­la­tor zum Ver­tei­len von kal­ter Luft rei­chen. „Sol­che Sys­te­me könn­te man durch­aus in tech­nisch auf­ge­wer­te­ter Form wie­der über­le­gen.“ Ob sich dies mit dem hohen Kom­fort­an­spruch unse­rer Gesell­schaft ver­ei­ni­gen lässt, bleibt frei­lich eine offe­ne Frage.

Der Wil­le zur Umset­zung müs­se am Ende aus der Poli­tik kom­men, denn die Wis­sen­schaft habe schon eini­ges anzu­bie­ten. „Den gro­ßen Wurf, den braucht es poli­tisch“, stellt Öster­rei­cher fest. Die aktu­el­le poli­ti­sche Situa­ti­on könn­te eine Mög­lich­keit dar­stel­len. Der Kli­ma­wan­del sei für Men­schen in Öster­reich anschei­nend wei­ter­hin zu weit weg, der Ukrai­ne-Krieg jedoch sehr nah. „Wir sind abhän­gig von einem vola­ti­len Land“, stellt Öster­rei­cher mit Blick auf Russ­land fest. Kei­ne fos­si­len Ener­gie­trä­ger aus Russ­land zu nut­zen, wäre ein radi­ka­ler Ansatz, doch man habe lan­ge genug her­um­la­viert, denn: „Die tech­ni­schen Lösun­gen sind längst da. Jetzt ist kon­kre­tes Han­deln gefordert.“

Die Expert:innen

Doris Öster­rei­cher

Ewald Has­ler

Mar­kus Wallner-Novak

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