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Mehr zum Thema / Jochen Stadler / Freitag 18.12.20

Der Wald im Klimawandel-Dilemma

Der Wald in Öster­reich ist ein Opfer des Kli­ma­wan­dels, soll ihn aber gleich­zei­tig min­dern, indem er mög­lichst viel Koh­len­stoff aus der Atmo­sphä­re spei­chert. Damit das funk­tio­nie­ren kann, muss er eini­ger­ma­ßen intakt blei­ben, was alles ande­re als leicht zu bewerk­stel­li­gen ist, erklä­ren Experten. 
Bild: Jochen Stadler

Hier­zu­lan­de war er bis vor kur­zem in einem guten Zustand: „Öster­reichs Wald­flä­che wächst seit etwa zwei­hun­dert Jah­ren und bedeckt heu­te 48 Pro­zent des Lan­des“, berich­tet Simo­ne Ging­rich vom Insti­tut für Sozia­le Öko­lo­gie der Uni­ver­si­tät für Boden­kul­tur (BOKU) in Wien: „Auch pro Flä­che bin­det er immer mehr Koh­len­stoff, und er konn­te sogar in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten zuneh­mend höhe­re Hol­zer­trä­ge bereitstellen“.

„Der Wald ist aber ein bio­lo­gi­sches Sys­tem, und kein unab­än­der­li­cher Spei­cher wie ein Kel­ler, wo man irgend­et­was hin­ein­stel­len und nach 20 Jah­ren wie­der her­aus­ho­len kann oder viel­leicht auch gar nicht mehr“, sagt Man­fred Lexer vom Insti­tut für Wald­bau der BOKU in Wien. Außer­dem ist sei­ne Kapa­zi­tät, Koh­len­stoff zu spei­chern, beschränkt: „Irgend­wann kön­nen die Bäu­me nicht mehr höher wach­sen, nicht mehr dicker wer­den, und man kann nicht mehr Bäu­me auf eine Flä­che Wald stel­len, als drauf pas­sen“, so der For­scher. Aktu­ell ist das aber noch nicht der Fall, und zu den 200 Ton­nen Koh­len­stoff, die im Durch­schnitt in einem Hekt­ar hei­mi­schen Wald ste­cken (80 Ton­nen in den Bäu­men und ande­ren Vege­ta­ti­ons­ele­men­ten, 120 Ton­nen im Boden) könn­te noch ein biss­chen dazu­kom­men. Wenn nicht irgend­wel­che Kata­stro­phen in nächs­ter Zukunft passierten.

So wie der Kli­ma­wan­del, der eini­ges auf den Kopf stel­len wird: „Wenn es wär­mer wird, ver­än­dert das erst ein­mal die Wachs­tums­ge­schwin­dig­kei­ten der Bäu­me, das heißt, vor allem im Gebir­ge wer­den sie schnel­ler gedei­hen, und es wird der Koh­len­stoff dort schnel­ler gebun­kert“, erklärt Lexer. Das hie­ße aber lei­der nicht, dass in Sum­me dort mehr gespei­chert wird, es wird nur die Kapa­zi­täts­gren­ze schnel­ler erreicht. „Wenn man ein Schwimm­be­cken mit einem dicke­ren Schlauch ein­lässt, geht das auch viel schnel­ler, aber es passt des­we­gen kein Trop­fen zusätz­lich hin­ein“, erklär­te er. In tie­fe­ren Lagen, wo die Tem­pe­ra­tu­ren heu­te schon hoch sind und schnel­les Wachs­tum der Bäu­me ermög­li­chen, wür­de es hin­ge­gen tro­cke­ner. „Das pas­siert direkt über eine stär­ke­re Ver­duns­tung, und zusätz­lich oft durch weni­ger Nie­der­schlä­ge“, so der Exper­te. Dort wür­de in Zukunft also weni­ger wach­sen und weni­ger Koh­len­stoff gespei­chert. Eine aktu­el­le Stu­die zeigt, dass der öster­rei­chi­sche Wald frü­her oder spä­ter von einer Koh­len­stoff-Sen­ke sogar zu einer Emis­si­ons­quel­le wird, weil der Zuwachs lang­fris­tig zurück­ge­hen wird. „Fak­to­ren dafür sind schlech­te­re Wuchs­be­din­gung durch eine Zunah­me der Tro­cken­pe­ri­oden, stei­gen­der Schad­holz­an­fall durch Schäd­lings­be­fall und Wet­ter­ex­tre­me und die Art der Bewirt­schaf­tung, also vor­zei­ti­ge Nut­zung oder Über­al­te­rung der Bäu­me, so For­scher des Umwelt­bun­des­amts in Wien.

Ein Glut­nest mit­ten in Österreich

Ein Team um Flo­ri­an Krax­ner vom Eco­sys­tems Ser­vices and Manage­ment Pro­gramm des Inter­na­tio­na­len Insti­tuts für Ange­wand­te Sys­tem­ana­ly­se (IIA­SA) in Laxen­burg bei Wien bestimm­te die zukünf­ti­gen Glut­nes­ter (Hot­spots), wo in den Alpen die Tem­pe­ra­tu­ren beson­ders stark zuneh­men und die Nie­der­schlä­ge gleich­zei­tig deut­lich zurück­ge­hen wer­den, wenn der Kli­ma­wan­del fort­schrei­tet wie heu­te (Kli­masze­na­rio RCP 8.5). In Kärn­ten und der Stei­er­mark wer­den gro­ße Berei­che bereits um 2050 um gut 3,5 Grad Cel­si­us wär­mer sein, 2070 wür­de die vier Grad Gren­ze dort schon deut­lich über­schrit­ten, berich­tet er. Gleich­zei­tig wür­den dort die Nie­der­schlä­ge weni­ger. Die­se Berei­che lie­gen auch in einem von drei gro­ßen Alpen-Hot­spots, der aber weit über Kärn­ten und die West­stei­er­mark hin­aus geht, er umfasst näm­lich auch ganz Salz­burg, Tei­le von Ober­ös­ter­reich, Tirol und Bay­ern. Die ande­ren bei­den Pro­blem­zo­nen wer­den in Nord­ita­li­en nahe Frank­reich und der Schweiz inklu­si­ve dem deut­schen Baden-Würt­tem­berg lie­gen, so Kraxner.

„Was dann noch dazu kommt, sind die ‚Stö­run­gen‘, wie Öko­lo­gen dazu sagen“, sagt Man­fred Lexer: „Nor­ma­le Men­schen nen­nen sie Kata­stro­phen“. In Öster­reich wäre vor allem Bor­ken­kä­fer­be­fall solch eine rele­van­te Stö­rung, genau­so wie Stür­me und Schnee­bruch, bei dem, wie aktu­ell im Süden Öster­reichs der Fall ist und es vor weni­gen Jah­ren mas­siv in Nie­der­ös­ter­reich pas­sier­te, durch sehr hohe Schnee­las­ten Bäu­me geknickt wer­den, umstür­zen und ent­wur­zelt wer­den. Sol­che Stö­run­gen machen auf einem Schlag auf einer gro­ßen Flä­che aus leben­den tote Bäu­me. „Der Koh­len­stoff ist dann zwar kurz­fris­tig immer noch im Wald, aber er wird durch die Zer­set­zung sehr bald wie­der an die Umwelt abge­ge­ben“, erklär­te er. Zur­zeit gibt es so viel Schad­holz, dass man es ver­sucht, in rie­si­gen Sta­peln durch Bewäs­se­rung vor dem Ver­fau­len zu schüt­zen, sag­te Krax­ner: „Wenn man alles davon auf den Markt wer­fen wür­de, fän­de man nicht genug Abneh­mer, und der Preis ist sowie­so schon im Kel­ler“. Für die Indus­trie wäre das kurz­fris­tig zwar toll, aber irgend­wann sind selbst die­se Unmen­gen von Schad­holz auf­ge­braucht, der Vor­rat ist erschöpft und es wächst zu wenig nach. Frei­wil­lig wür­de man für eine nach­hal­ti­ge Wald­wirt­schaft nie so viel Holz gleich­zei­tig aus dem Wald holen.

Die Fich­te stirbt

Am meis­ten wird die Fich­te unter dem Fort­schrei­ten des Kli­ma­wan­dels lei­den, und sie tut es schon jetzt ganz erbärm­lich, erklä­ren die Exper­ten. Sie ist ein Flach­wurz­ler, der stark unter Tro­cken­heit lei­det, und hat Pro­ble­me mit Hit­ze. Dass sie schwä­chelt, nüt­zen die Bor­ken­kä­fer aus, die sie in Armee­stär­ke befal­len und ihr an vie­len Orten damit den Rest geben. Aber auch die Kie­fer schwä­chelt in den Tieflagen.

 

 

Neue Bäu­me braucht der Wald

„Um die nega­ti­ven Fol­gen des Kli­ma­wan­dels ein wenig abzu­fe­dern, damit die Spei­che­rung von Koh­len­stoff mög­lichst sta­bil bleibt, wird man in der Wald­be­wirt­schaf­tung künf­tig auf Anpas­sung set­zen müs­sen, also das Baum­ar­ten­spek­trum im öster­rei­chi­schen Wald muss sich in den nächs­ten Jahr­zehn­ten ganz mas­siv ändern“, erklärt Lexer. Fich­ten will man zum Bei­spiel ver­mehrt mit einer Alter­na­ti­ve aus Nord­ame­ri­ka erset­zen, näm­lich der Dou­gla­sie (Pseu­dotsu­ga men­zie­sii). „Die Forst­wirt­schaft steckt nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se eine gewis­se Hoff­nung in die­sen Baum“, sagt Franz Essl vom Depart­ment für Bota­nik und Diver­si­täts­for­schung der Uni­ver­si­tät Wien. Von den Eigen­schaf­ten und der Holz­qua­li­tät sei sie der Fich­te sehr ähn­lich, und wenn sie dort ange­baut wird, wo heu­te Fich­ten­fors­te ste­hen, wären auch die öko­lo­gi­schen Aus­wir­kun­gen überschaubar.

 

„Es sind zwar teils ande­re Arten, zum Bei­spiel bei den Insek­ten, die sie nut­zen kön­nen, aber die­se Unter­schie­de sind nicht so gra­vie­rend“, erklär­te er. Aller­dings kön­ne man die Dou­gla­sie nicht über­all statt der Fich­te anbau­en, und ein Pro­blem kann sein, dass sich die Dou­gla­sie in angren­zen­de Schutz­ge­bie­te oder natur­na­he Wäl­der aus­brei­ten kann. Weil sie wär­me­lie­ben­der ist, bevor­zugt in tie­fe­ren Lagen. „Wir soll­ten nicht unbe­dingt den gan­zen Fich­ten­wald in Dou­gla­si­en­fors­te umwan­deln, denn die Fich­te gehört auch zum hei­mi­schen Wald, sie wird sich aber nur wei­ter oben als heu­te wohl­füh­len“, sag­te Krax­ner. Außer­dem kommt die Dou­gla­sie nicht so gut mit kalk­hal­ti­gen, basi­schen Böden zurecht, die es etwa in den nörd­li­chen Kalk­al­pen gibt, so Essl. Die bes­ten Ver­brei­tungs­ge­bie­te für die­sen Baum wären das Wald­vier­tel, Alpen­vor­land und Pan­no­ni­kum.

 

„Aus Natur­schutz­ge­biet wäre es aber aus mei­ner Sicht sehr pro­ble­ma­tisch, wenn die Dou­gla­sie oder ande­re nicht hei­mi­sche Baum­ar­ten anstatt ange­pass­ter Laub- oder Misch­wäl­der gesetzt wer­den“, erklär­te er. Es gäbe zum Bei­spiel natur­na­he Laub­wäl­der am Kamp im Wald­vier­tel oder in der Wach­au, wo Grund­be­sit­zer Dou­gla­si­en set­zen wol­len. „Fich­ten hat man dort nie pflan­zen kön­nen, für die war es dort immer schon zu tro­cken, aber bei Dou­gla­si­en wäre dies mög­lich“, sagt Essl. Sie stam­men aus dem Wes­ten der USA, wo die Som­mer oft sehr tro­cken sind, und wür­den dies frei­lich auch in Öster­reich aus­hal­ten. „Wir brau­chen aber auch viel mehr Unter­mi­schung mit unter­schied­li­chen Laub­baum­ar­ten“, meint Krax­ner: „Das wäre gut, um den Bestand zu hal­ten, die Bio­di­ver­si­tät zu för­dern, und auch, um die Risi­ken zu min­dern“. Damit wäre aber die Indus­trie nicht glück­lich: „Sie liebt halt ihren Super­baum Fich­te, der alles kann, aus dem man super­so­li­de Trä­ger für Bau­wer­ke genau so her­stel­len kann wie Möbel­stü­cke, und des­sen Fasern man zu Papier ver­ar­bei­tet“, sagt er. Ein gut­ge­wach­se­ner Laub­baum brau­che auch viel mehr Manage­ment und Pfle­ge als Fich­ten, und man könn­te ihn erst viel spä­ter fäl­len, um ihn zu Geld zu machen, näm­lich nach 150 bis 200 Jah­ren anstatt von 80 bis 100.

Im Wald gibt es vie­le Interessenskonflikte

„Man darf auch nicht erst nach den gan­zen Kata­stro­phen erst ande­re Bäu­me set­zen, son­dern muss schon vor­aus­schau­end agie­ren“, erklärt Lexer: „Für die Wald­be­wirt­schaf­tung ist das frei­lich eine Rie­sen­auf­ga­be, weil sich dadurch Inter­es­sens­kon­flik­te auf­tun“. Ein Wald­be­sit­zer hät­te öko­no­misch nichts davon, wenn er Koh­len­stoff in sei­nem Forst spei­chert, denn er lebt in den meis­ten Fäl­len von der Holz­pro­duk­ti­on. „Es ist des­halb ein Para­dig­men­wech­sel, wenn die Forst­wirt­schaft von der ein­fa­chen, öko­no­misch inter­es­san­ten Baum­art Fich­te auf anspruchs­vol­le­re, weni­ger ertrag­rei­che­re Baum­ar­ten umzu­stel­len, wie es die meis­ten Laub­baum­ar­ten sind“, sagt er. Noch kras­ser wäre es, wenn man sie zuguns­ten einer maxi­ma­len Koh­len­stoff­spei­che­rung qua­si zwingt, die Holz­pro­duk­ti­on dras­tisch zu redu­zie­ren oder gar ein­zu­stel­len. „Das ist ja qua­si eine Ent­eig­nung“, so Lexer. Damit wür­de auch der Effekt weg­fal­len, dass auch in Holz­pro­duk­ten wie Möbel und Bau­trä­gern noch für län­ge­re Zeit Koh­len­stoff gebun­kert wird, und dass Holz-basier­te Mate­ria­li­en sol­che aus fos­si­len Quel­len als Treib- oder Werk­stoff erset­zen kön­nen und somit Treib­haus­ga­se redu­zie­ren hel­fen. „Außer­dem hat der Wald noch eine Rei­he von ande­ren Auf­ga­ben, die expli­zit im Forst­ge­setz und ande­ren Gesetz­wer­ken fest­ge­setzt wer­den“, sag­te er: Zum Bei­spiel als Schutz vor Natur­ge­fah­ren wie Lawi­nen, Stein­schlag, Muren und Ero­si­on. „Ein guter Teil von Öster­reich ist abhän­gig von der Schutz­wir­kung von Wald­flä­chen, was durch tech­ni­sche Bau­wer­ke nicht ersetz­bar ist“, erklärt Lexer: „Ers­tens wür­de es furcht­bar aus­se­hen, und wir könn­ten gleich einen wei­te­ren Sek­tor zu sper­ren, näm­lich den Tou­ris­mus, und zwei­tens ist es nicht bezahlbar“.

Drit­tens sind Stahl und Beton für Schutz­bau­ten Mate­ria­li­en, für deren Her­stel­lung sehr viel Treib­haus­ga­se in die Atmo­sphä­re gelan­gen. „Wenn man beim Wald voll auf Koh­len­stoff­spei­che­rung setzt, kommt aber auch kein guter Schutz­wald her­aus“, sag­te der Exper­te: „Man muss also wie­der­um die Koh­len­stoff­dich­te drü­cken, damit die Funk­ti­on der Objekt­schutz­wir­kung erhal­ten wer­den kann“. Das wür­de illus­trie­ren, vor wel­chen Her­aus­for­de­rung die ‚mul­ti­funk­tio­na­le Wald­be­wirt­schaf­tung‘ steht, die in Öster­reich ganz zen­tral ist. For­schung, wie man die Abtausch­ver­hält­nis­se (Tra­de­offs) zwi­schen den ein­zel­nen Inter­es­sens­trä­gern opti­mie­ren kann, gäbe es nur spo­ra­disch. Zum Bei­spiel hat Lexer eine „voll­um­fäl­li­ge Koh­len­stoff­be­rech­nung inklu­si­ve Holz­sub­sti­tu­ti­on im Ener­gie­sek­tor und Mate­ri­al­sub­sti­tu­ti­on, wo gleich­zei­tig ande­re Wald­funk­tio­nen berück­sich­tigt wer­den“ erstellt, aber nur fürs Tief­land. „Da spielt zum Bei­spiel die Schutz­wir­kung kaum eine Rol­le“, sagt er. Es gäbe öster­reich­wei­te Stu­di­en, die aber nur Holz und Koh­len­stoff ein­be­zie­hen, aber auf die ande­ren Funk­tio­nen nicht aus­rei­chend ein­ge­hen. Es bräuch­te also umfas­sen­de­re Unter­su­chun­gen und Model­lie­run­gen, außer­dem müss­ten die Sozio­lo­gen sich dann damit beschäf­ti­gen, wie man die Abtausch­ver­hält­nis­se auch ange­sichts diver­ser Sta­ke­hol­der (Betei­lig­ter) best­mög­lich aus­ba­lan­ciert, die ihre Anlie­gen unter­schied­lich gut poli­tisch durch­set­zen können.

Man­che Arten sind Naturschutz-unverträglich

Frei­lich dis­ku­tiert auch der Natur­schutz mit, inwie­fern es legi­tim ist, gebiets­frem­de Arten anzu­bau­en. „Vie­le Leu­te wol­len davon nichts hören und bestehen dar­auf, dass ‚unser Wald‘ so bleibt wie er ist“, berich­tet Krax­ner. Nach­satz: „Aber wenn alle Bäu­me drauf gehen, hat auch kei­ner etwas davon“. Außer­dem sei man sich nicht ein­mal einig, ob Arten aus geo­gra­phisch nahen Regio­nen wie dem Mit­tel­meer­raum schon als gebiets­fremd gel­ten sol­len, oder erst wenn sie zum Bei­spiel aus Asi­en oder Ame­ri­ka stam­men. Essl hat in jah­re­lan­ger Arbeit mit Kol­le­gen ein Schwar­ze-Lis­ten-Sys­tem der Risi­ko­be­wer­tung erstellt, mit dem man alle Tier- und Pflan­zen­ar­ten inklu­si­ve Bäu­me beur­tei­len kann, ob sie natur­schutz­fach­lich pro­ble­ma­tisch sind, wenn sie ein­ge­schleppt wer­den. Zusätz­lich gibt es etwa ein Hand­buch (Intro­du­ced tree spe­ci­es into Euro­pean forests: Oppor­tu­nities and Chal­len­ges) und einen Infor­ma­ti­ons­ser­ver des deut­schen Bun­des­amts für Natur­schutz, wo erör­tert wird, wel­che Chan­cen und Gefah­ren bei Ein­brin­gung gebiets­frem­der Bäu­me zu erwar­ten sind. „Für die meis­ten Bäu­me ist die Situa­ti­on in Öster­reich so wie in Deutsch­land, weil die Umwelt­be­din­gun­gen sehr ähn­lich sind“, sagt der For­scher. Fazit sol­cher Unter­su­chun­gen ist: „Bei bestimm­ten Stand­or­ten wird es letzt­lich eine hohe Not­wen­dig­keit und bei nicht inva­si­ven Arten wenig Risi­ken geben, nicht hei­mi­sche Baum­ar­ten unter gewis­sen Kri­te­ri­en auf­zu­neh­men“, erklärt Essl: „Es gibt aber schon ein paar Baum­ar­ten, wo ich sehr skep­tisch wäre“.

Die wich­tigs­te davon sei die Robi­nie. Wo sie wächst, hat dies mas­si­ve öko­lo­gi­sche Aus­wir­kun­gen, denn sie ver­än­dert den Lebens­raum sehr stark. „Wenn sie ein­mal auf einem Stand­ort ist, kann man sie auch nie wie­der los­wer­den“, so der Exper­te. Sie ver­mehrt sich nicht nur über Samen, son­dern auch über Wur­zel­schöss­lin­ge. Schnei­det man eine Robi­nie um, schlägt sie aus dem Stock und über Wur­zel­aus­läu­fer wie­der aus, sodass man statt einem gro­ßen Baum rund 20 klei­ne hat, berich­tet Essl: „Robi­ni­en krieg ich nur aus klei­nen Flä­chen wie­der her­aus, wenn ich sie über Jah­re hin­weg hän­disch aus­zup­fe, aber in wald­bau­li­chen Dimen­sio­nen ist dies unmög­lich“. Forst­wirt­schaft­lich habe die Robi­nie jedoch einen gewis­sen Wert, weil sie ein sehr dau­er­haf­tes Holz lie­fert. „Es gibt des­halb Bei­spie­le, etwa im Alpen­vor­land in Ober­ös­ter­reich, wo forst­li­che Bera­ter den loka­len Bau­ern emp­foh­len haben, sie zum Bei­spiel statt der abge­stor­be­nen Eschen zu pflan­zen“, sagt er: „Ich fürch­te, dass hier aber oft nicht ver­mit­telt wur­de, dass dies die letz­te forst­bau­li­che Ent­schei­dung war, weil die Robi­nie dort nun für immer wach­sen wird“.

Der star­ke Kli­ma­wan­del über­schat­tet die Diskussion

Die gan­ze Dis­kus­si­on sei aber ein Luxus, wenn nicht end­lich der Kli­ma­wan­del enga­giert ein­ge­bremst wird: „Unter star­kem Kli­ma­wan­del ist die Fra­ge sekun­där, mit wel­cher Art man Flä­chen auf­fors­tet, um in 80 Jah­ren einen hie­b­rei­fen Baum zu haben, weil es dann in vie­len Fäl­len sehr schwie­rig sein wird, eine gere­gel­te Forst­wirt­schaft und einen über Jahr­zehn­te eini­ger­ma­ßen intak­ten Wald haben zu kön­nen“, erklärt Essl: „Der Baum, den ich heu­te dort set­zen kann, ob hei­misch oder nicht-hei­misch, wird in 80 Jah­ren bei heu­ti­gen Erwär­mungs­ra­ten gar nicht mehr wach­sen kön­nen“. Bäu­me, die in 80 Jah­ren viel­leicht dort über­le­ben, wür­den hin­ge­gen in den kom­men­den zehn Jah­ren in irgend einem käl­te­ren Win­ter erfrie­ren. „Wenn der Natur­schutz und die Bevöl­ke­rung Inter­es­se an einem intak­ten Wald mit all sei­nen Funk­tio­nen haben, dann geht das nur durch eine Ein­däm­mung des Kli­ma­wan­dels inner­halb der im Paris Abkom­men vor genau fünf Jah­ren ver­ein­bar­ten poli­ti­schen Zie­le“, sagt der For­scher. Öster­reich spie­le hier kei­ne rühm­li­che Rol­le: „Dass die hei­mi­sche Kli­ma­po­li­tik kata­stro­phal ist, ist bei Exper­ten unum­strit­ten“, berich­tet er.

Auch die neue Regie­rung habe hier noch kaum Ver­bes­se­run­gen gebracht und kei­ne aus­rei­chen­den Maß­nah­men gesetzt. „Im End­ef­fekt ist die Kli­ma­po­li­tik schon seit Jahr­zehn­ten eine natio­na­le Schan­de“, sagt Essl: „Wenn man dis­ku­tiert, ob die  Dou­gla­sie ver­wil­dern kann, und man eher auf wär­me­lie­ben­de­re hei­mi­sche Laub­bäu­me set­zen will, und in wel­chem Aus­maß und wo nicht, ist das eine wich­ti­ge Dis­kus­si­on, kei­ne Fra­ge, aber sie wird durch die gro­ße Ent­wick­lung der­zeit ad absur­dum geführt, weil man gegen den Kli­ma­wan­del nichts tut“. Simo­ne Ging­rich erklärt dazu: „Für effek­ti­ven Kli­ma­schutz muss rasch gehan­delt wer­den, denn Wäl­der sind sehr trä­ge Öko­sys­te­me“. Die glo­ba­len Emis­sio­nen müss­ten schon in den nächs­ten Jahr­zehn­ten gegen Null redu­ziert wer­den, um die Erd­er­hit­zung auf maxi­mal zwei Grad Cel­si­us zu beschrän­ken, und den Wald, Öster­reich zur Hälf­te bedeckt, zu retten.

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