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Mehr zum Thema / Hermann Mörwald / Freitag 29.10.21

Evo­lu­ti­ons­trei­ber Hefe

Die Hefe ist wohl der ein­fluss­reichs­te Pilz, den der Mensch bereits seit Jahr­tau­sen­den nutzt. Sein Poten­zi­al ist lan­ge noch nicht aus­ge­reizt. Dar­auf geht das Pro­jekt “Fer­men­ting Futures” gezielt ein. Die bei­den Künst­ler Anna Dumi­triu und Alex May ver­bin­den dabei rund um die Hefe Bio Art, digi­ta­le Tech­no­lo­gien, Skulp­tur, Kunst­hand­werk und Installation.
Foto: Anna Dumiti­ru, Alex May

Ent­stan­den ist das Pro­jekt in Zusam­men­ar­beit mit einer For­schungs­grup­pe unter der Lei­tung von Diethard Mat­t­a­no­vich vom Aus­tri­an Cent­re of Indus­tri­al Bio­tech­no­lo­gy (acib) und dem Insti­tut für Mikro­bio­lo­gie und Mikro­biel­le Bio­tech­no­lo­gie der BOKU Wien.

Am Anfang der Sess­haft­wer­dung des Men­schen war der Hefepilz wahr­schein­lich ein maß­geb­li­cher evo­lu­tio­nä­rer Trei­ber. Um Getrei­de für Brot und Bier anzu­bau­en, muss­te der bis dahin noma­di­sche Mensch eine gewis­se Zeit an einem Ort blei­ben. Die bei­den Künst­ler neh­men dar­auf ganz kon­kret Bezug, erklärt Mat­t­a­no­vich gegen­über APA-Sci­ence. Gleich­zei­tig sehen sie sich an, wohin es mit einer der­ar­ti­gen Tech­no­lo­gie noch gehen kann. Genau das hat Mat­t­a­no­vich fas­zi­niert, „wel­che Aspek­te man Schicht für Schicht aus den Arbei­ten her­aus­ho­len kann“.

Fer­men­ting Futures

Auf die­se evo­lu­tio­nä­re Qua­li­tät der Hefe gehen Dumi­triu und May z. B. dahin­ge­hend ein, indem sie mit Hil­fe von Hefe­stäm­men aus Mat­t­a­no­vichs Labor Häu­ser, ja gar einen gan­zen Ort, ent­ste­hen las­sen – sie schaf­fen huma­ne Kul­tur. May: „Seit der Grün­dung mensch­li­cher Sied­lun­gen hat die Hefe unser Ver­ständ­nis der Ver­gan­gen­heit durch bio­ar­chäo­lo­gi­sche Ein­grif­fe an his­to­ri­schen Stät­ten geprägt und ist heu­te wich­ti­ges, bio­tech­no­lo­gi­sches Laborinstrument.”

Eine zen­tra­le Inten­ti­on des Pro­jekts ist es, die­sem bis­her unter­re­prä­sen­tier­ten For­schungs­be­reich mit gro­ßem Poten­zi­al mehr öffent­li­che Auf­merk­sam­keit zu ver­schaf­fen. Der­ar­ti­ge Pro­jek­te sei­en för­der­lich für die Ver­ständ­lich­keit und Anschau­lich­keit von wis­sen­schaft­li­chen Ergeb­nis­sen, so Mattanovich.

Häu­ser aus Hefe 

Mit Hil­fe von Hefestämmen …

… aus Mat­t­a­no­vichs Labor …

… las­sen die For­scher Häuser …

… und gan­ze Städ­te entstehen

Was im Labor passiert

Die acib-For­scher wen­den in ihren For­schungs­ar­bei­ten Metho­den der syn­the­ti­schen Bio­lo­gie an. Sie rekon­stru­ie­ren die Geno­me ver­schie­de­ner Hefe­ar­ten und ver­su­chen, die Evo­lu­ti­on des Pil­zes im Labor nach­zu­bil­den, um bes­ser ver­ste­hen zu kön­nen, wie sich die Fer­men­ta­ti­on von Hefe­stäm­men über Jahr­tau­sen­de ent­wi­ckelt hat. Die­ses Wis­sen wird genutzt, um die Mikro­or­ga­nis­men für indus­tri­el­le Anwen­dun­gen zu opti­mie­ren, etwa zur Her­stel­lung von Bio­treib­stoff, Bio­po­ly­me­ren, Fut­ter­mit­teln oder spe­zi­el­len Che­mi­ka­li­en. „All das passt per­fekt zu unse­rem Vor­ha­ben, die Geschich­te der Hefe von ihren Anfän­gen bis heu­te und sogar dar­über hin­aus zu erzäh­len und über unse­re Kunst­wer­ke eben­so ihr Poten­zi­al für zukünf­ti­ge Anwen­dun­gen auf­zu­zei­gen”, fas­sen Dumi­triu und May zusammen.

Kli­ma­wan­del und Umweltverschmutzung

„Fer­men­ting Futures“ besteht aus meh­re­ren Objek­ten. „Für das Haupt­kunst­werk wur­de eine bio­tech­no­lo­gisch her­ge­stell­te Hefe ver­wen­det, die CO2 in der Atmo­sphä­re bin­den kann. Dar­aus wur­de in wei­te­rer Fol­ge ein Bio­kunst­stoff her­ge­stellt, der von den Künst­lern 3D-gedruckt wor­den ist”, erklärt Mat­t­a­no­vich. „Ver­schie­de­ne Ele­men­te der Instal­la­ti­on wer­den aus die­sem 3D-gedruck­ten Kunst­stoff­fi­la­ment her­ge­stellt, das in sei­ner unver­fälsch­ten Form durch Kom­pos­tie­rung bio­lo­gisch abbau­bar ist“, so Dumi­triu und führt wei­ter aus: „Das Kunst­werk fängt Koh­len­stoff ein und pro­du­ziert dar­aus Kunst­stoff. Mit ande­ren Wor­ten löst es auf den ers­ten Blick ein Pro­blem, wäh­rend es gleich­zei­tig ein ande­res schafft. Die­ses Para­do­xon kann dazu anre­gen, über die zen­tra­len Pro­ble­me der Umwelt­ver­schmut­zung auf unse­rem Pla­ne­ten nach­zu­den­ken – dar­un­ter die Erd­er­wär­mung durch zu viel CO2 in der Atmo­sphä­re oder gro­ße Men­gen an Mikro­plas­tik in unse­ren Welt­mee­ren. Tat­säch­lich ist es jedoch so, dass der in die­sem Pro­jekt her­ge­stell­te Kunst­stoff leicht bio­lo­gisch abbau­bar ist, sodass der Pro­zess in der Tat zwei Pro­ble­me gleich­zei­tig lösen könn­te.“ 

„Fer­men­ting Futures“

Das Haupt­kunst­werk von „Fer­men­ting Futures”

„Fer­men­ting Futures“ besteht aus meh­re­ren Objekten

Der her­ge­stell­te Kunst­stoff ist leicht bio­lo­gisch abbaubar

Auf Augen­hö­he

Mat­t­a­no­vich betont abschlie­ßend, es müs­se selbst­ver­ständ­lich sein, dass die Zusam­men­ar­beit Wissenschaft/Kunst auf Augen­hö­he pas­sie­ren soll.  “Kunst darf nicht dafür miss­braucht wer­den, eine ‘Mes­sa­ge’ zu trans­por­tie­ren. Die Künst­ler brau­chen freie Hand. Es muss ihre Arbeit blei­ben”, erklärt Mat­t­a­no­vich sei­nen Blick auf Koope­ra­tio­nen Kunst-Wissenschaft.

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