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Mehr zum Thema / Stefan Thaler / Freitag 18.12.20

Exper­te: Wald­nut­zung und Kli­ma­schutz kein Widerspruch

Die Holz­nut­zung stark redu­zie­ren und den Wald als CO2-Spei­cher nut­zen – Kli­ma­schutz kann so ein­fach sein. Ist es aber nicht. Berech­nun­gen zei­gen, dass der hei­mi­sche Wald bei einem stär­ke­ren Tem­pe­ra­tur­an­stieg lang­fris­tig sogar zur CO2-Quel­le wird und eine nach­hal­ti­ge Wald­be­wirt­schaf­tung durch­aus mit öko­lo­gi­schen Zie­len ver­ein­bar ist.
APA (Fohrin­ger) Der Wald wird in abseh­ba­rer Zeit zur CO2-Quelle

Ein sehr star­kes Zurück­fah­ren der Nut­zung des Wal­des hat – für den Lai­en uner­war­te­te, wenn­gleich nicht unlo­gi­sche – Kon­se­quen­zen. So wird Holz für gewis­se Pro­duk­te feh­len, die aber trotz­dem nach­ge­fragt und des­halb aus ande­ren Mate­ria­li­en her­ge­stellt wer­den. Dadurch gelangt zusätz­lich fos­si­ler Koh­len­stoff in die Atmo­sphä­re. „Bei­spiels­wei­se ist der Dach­stuhl dann aus Stahl, der Ses­sel aus Alu­mi­ni­um und Holz­häu­ser, die aktu­ell sehr gefragt sind, eher aus Beton und Zie­gel”, erklär­te Tho­mas Leder­mann vom Insti­tut für Wald­wachs­tum und Wald­bau am Bun­des­for­schungs­zen­trum für Wald (BFW) im Gespräch mit APA-Sci­ence. Er war an der Stu­die Care4Paris betei­ligt, für die Wald­ent­wick­lun­gen model­liert und ver­schie­de­ne Sze­na­ri­en – bis zum Jahr 2150 – durch­ge­rech­net wurden.

„Wir Forst­wir­te müs­sen ja in sehr lan­gen Zeit­räu­men den­ken und da sind 130 Jah­re schon eher kurz”, ver­wies Leder­mann auf Maß­nah­men und Ent­wick­lun­gen, die erst sehr spät eine bestimm­te Wir­kung zei­gen. Um es vor­weg zu neh­men: Die Treib­haus­gas­bi­lanz des hei­mi­schen Wal­des wird zukünf­tig deut­lich schlech­ter aus­fal­len. In der für Exper­ten nahen Zukunft – gemeint sind die kom­men­den 30 bis 100 Jah­re – nimmt der im Holz gespei­cher­te Koh­len­stoff-Vor­rat zwar noch zu, letzt­end­lich wird der Wald aber durch höhe­re Tem­pe­ra­tu­ren und die erfor­der­li­chen Anpas­sungs­maß­nah­men zu einer CO2-Quel­le. „Was den Kli­ma­wan­del betrifft, habe ich den Ein­druck, dass in der aktu­el­len Dis­kus­si­on sehr viel dem Wald umge­hängt wird. Nut­zen oder nicht nut­zen? Das löst die Kli­ma­pro­ble­me auch nicht. Der gro­ße Hebel liegt in unse­rem Lebens­stil”, so der Fachmann.

Ersatz­ma­te­ria­li­en haben grö­ße­ren CO2-Fußabdruck

Aber zurück zur Stu­die: Wird weni­ger Holz genutzt, um nach­ge­frag­te lang­le­bi­ge Pro­duk­te zu erzeu­gen, wei­sen die Ersatz­ma­te­ria­li­en „durch­bi­lan­ziert” einen wesent­lich höhe­ren Res­sour­cen­ein­satz auf. „Zwar ist Holz ja auch nicht 100 Pro­zent CO2-neu­tral – die Maschi­nen wer­den mit Die­sel-Öl ange­trie­ben –, aber ver­gleichs­wei­se wird durch die Her­stel­lung von einer Ton­ne Stahl oder Beton wesent­lich mehr Koh­len­stoff aus fos­si­len Ener­gie­trä­gern in die Atmo­sphä­re gepumpt”, erklär­te Leder­mann. Lang­le­bi­ge Holz­pro­duk­te sind also ein zusätz­li­cher Koh­len­stoff-Spei­cher und haben durch ihre Sub­sti­tu­ti­ons­wir­kung einen posi­ti­ven Effekt auf die Treib­haus­gas-Bilanz, der je nach Sze­na­rio bis zum Dop­pel­ten der Sen­ken­leis­tung beträgt.

Laut den berech­ne­ten Sze­na­ri­en wird sich die­ser Bei­trag aber suk­zes­si­ve ver­rin­gern, weil Ein­satz­mög­lich­kei­ten, Pro­dukt­le­bens­dau­er und Roh­stoff­an­ge­bot begrenzt sind. Auch der Koh­len­stoff-Fuß­ab­druck der Ersatz­pro­duk­te sinkt mit­tel­fris­tig, weil auch in den ande­ren Spar­ten der Anteil an erneu­er­ba­ren Ener­gie­trä­gern steigt. Bei Care4Paris, das vom Kli­ma- und Ener­gie­fonds geför­dert wur­de, habe man die­se Ent­wick­lung schon berück­sich­tigt. Anzu­mer­ken sei, dass die beleuch­te­ten Sze­na­ri­en zu „Was wäre wenn?”-Aussagen füh­ren und defi­ni­tiv kei­ne Pro­gno­sen darstellen.

Reduk­ti­on der Wald­nut­zung erhöht Schadholzanteil

Was sich in der Stu­die auch zeigt: Wenn man die Wald­nut­zung zurück­fährt, steigt der Schad­holz­an­teil, weil die Bestän­de über­al­tern. Sie wer­den höher und sind bei­spiels­wei­se von Sturm­ereig­nis­sen wesent­lich stär­ker betrof­fen. „Auch im unbe­wirt­schaf­te­ten Wald gibt es auf- und abbau­en­de Pro­zes­se, die sich lang­fris­tig und über einen grö­ße­ren räum­li­chen Bereich die Waa­ge hal­ten. So ein Wald ist dann weder Sen­ke noch Quel­le, also mehr oder weni­ger ein Null­sum­men­spiel. Man braucht sich ja nur die Res­te in den hei­mi­schen Urwäl­dern anschau­en: Da liegt jede Men­ge Tot­holz her­um, das umge­wor­fen wur­de oder abge­stor­ben ist”, so Ledermann.

Aus Sicht des Wald­be­sit­zers sei­en kräf­ti­ge Durch­fors­tun­gen emp­feh­lens­wert, um die ein­zel­nen Bäu­me sta­bi­ler zu machen – zum Bei­spiel gegen Schnee­bruch. „Dann wer­den sie dicker, vita­ler, haben mehr Harz, län­ge­re Kro­nen und mehr Nie­der­schlags­was­ser zur Ver­fü­gung. So kann man die nicht mehr so geeig­ne­ten Fich­ten­be­stän­de noch ret­ten”, schlägt der Exper­te vor. Wenn man den ver­blei­ben­den Bäu­men mehr Platz gebe, errei­che man frü­her ein ver­kaufs­fä­hi­ges Sor­ti­ment, was den Durch­mes­ser der Bäu­me betrifft. So könn­te die durch­schnitt­li­che Pro­duk­ti­ons­dau­er, die in Öster­reich bei 100 Jah­ren liegt, ver­kürzt wer­den. Für die CO2-Bilanz sei die­ser Ansatz weni­ger zuträg­lich, weil jün­ge­re Bestän­de weni­ger Vor­rat aufweisen.

Sen­ken­leis­tung nur von begrenz­ter Dauer

Was prak­tisch alle Sze­na­ri­en gemein­sam haben, ist der Wan­del des Wal­des von der CO2-Sen­ke zur CO2-Quel­le. Nur der Zeit­rah­men, in dem das pas­siert, vari­iert je nach Bewirt­schaf­tung. Wer­den die Bäu­me frü­her geern­tet, redu­ziert man also das End­nut­zungs­al­ter, ist das schon in etwa 15 Jah­ren der Fall. Beim Vor­rats­auf­bau durch eine gerin­ge­re Nut­zung dau­ert es immer­hin noch rund 90 Jah­re. Bei den meis­ten Sze­na­ri­en nimmt die Sen­ken­leis­tung bis 2070 zu, dreht dann aber rasch in Rich­tung CO2-Quelle.

„Auf einer gege­be­nen Flä­che kann der Wald nicht ewig eine Sen­ke sein. Irgend­wann ist der Vor­rats­auf­bau vor­bei – auch dann, wenn man ihn kom­plett aus der Nut­zung nimmt. All das, was der Wald vor­her aus der Atmo­sphä­re gebun­den hat, gibt er, wenn man das Holz ver­rot­ten lässt, wie­der zurück”, erläu­ter­te der Forst­wirt. In der Dis­kus­si­on vor­aus­schi­cken müs­se man, dass der Wald jetzt nur des­halb eine so groß­ar­ti­ge Sen­ke sein kann, weil er davor Jahr­hun­der­te lang über­nutzt wur­de. „Frü­her war ja der Haupt­en­er­gie­trä­ger Holz. In die Resi­denz­stadt Wien ist von über­all das Holz her­an­ge­karrt wor­den – aus dem Böh­mer­wald und den Kron­län­dern. Para­dox ist, dass gera­de die Koh­le, also der Umstieg auf die fos­si­len Ener­gie­trä­ger, sozu­sa­gen der Ret­ter des Wal­des war”, so Ledermann.

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