Information und Emotion: Wie Museen Klima und Umweltproteste zeigen
Am inneren Gürtel Ecke Nußdorfer Straße in Wien-Alsergrund erregen sie noch heute Aufmerksamkeit: Im Asphalt sind deutlich die Abdrücke zweier Hände zu sehen, daneben Reste von Klebe- und Lösungsmitteln. Es sind Spuren dramatischer Augenblicke, als sich Aktivisten der "Letzten Generation" an die Fahrbahn klebten, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen. "Das hätten wir gerne in unserer Sammlung", sagt Eva Meran, Kuratorin für Vermittlung am Haus der Geschichte Österreich.
Kürzlich wurde mit den Prozessen gegen die „Klimakleber“ ein Kapitel vergeblicher Umweltproteste in Österreich geschlossen. Die dort gezeigten Betonbrocken, die aus Fahrbahnen geschremmt werden mussten, was neben Strafen auch Schadenersatzforderungen nach sich zog, sind noch keine Museumsstücke geworden – werden es aber wohl früher oder später noch werden. So wie das nach einer Protestveranstaltung eingesammelte Fake-Straßenschild „Klimaheldinnenplatz“ oder ein Karton mit der Aufschrift „Be part of the solution not part of the pollution“. Der Kampf um mehr Aufmerksamkeit für Natur- und Umweltschutz, für nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen, ist nicht nur Teil aktueller politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, sondern hat auch Eingang in Museumssammlungen gefunden.
Fokusführungen und Audioguide im hdgö
Am künftigen neuen Standort des Haus der Geschichte Österreich (hdgö) im Museumsquartier wird der Umweltgeschichte in Österreich breiterer Raum gegeben werden, erläutert Kuratorin Meran. Aktuell werden 60- bis 90-minütige Fokusführungen für Gruppen sowie ein eigener, auch im Internet abrufbarer und von Tarek Leitner und Ingrid Thurnher aufgesprochener Audioguide durch zwölf Stationen des Umgangs der Menschen mit Natur und Umwelt angeboten. Vom „Austronauten“ Franz Viehböck, der durch den Blick auf den verletzlichen Blauen Planeten zum Umweltschützer wurde, bis zu jungen Klimaschutzaktivisten der Fridays-for-Future-Bewegung kann man hier auch in O-Tönen nachvollziehen, was die Menschen in diesem Land in den vergangenen Jahrzehnten in Sachen Natur bewegt hat.
Neben der Anti-AKW-Bewegung, die am 5. November 1978 bei einer Volksabstimmung eine 50,5-prozentige Ablehnung der Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf erreichte, ist der 1984 geführte „Kampf um die Au“ eine weitere wesentliche Etappe in der aktuellen Dauerausstellung des hdgö. Zu sehen ist etwa das Titelblatt der „Kronen Zeitung“, die am Tag nach dem Polizeieinsatz gegen die Au-Besetzer am 20. Dezember mit der Schlagzeile erschien: „Die Schande von Hainburg“. Vor allem die Bürgerproteste gegen die brutale Räumung der Protestcamps führten schließlich dazu, dass vom Bau eines Staukraftwerks in den Donauauen Abstand genommen wurde.
Die „Kämpfe der Umweltbewegung in Österreich“
Die Umwelthistorikerin Sophia Rut hat 2023 mit Kollegen und Kolleginnen die Ausstellung „Von Zwentendorf zu CO2 – Kämpfe der Umweltbewegung in Österreich“ im Volkskundemuseum Wien gestaltet, die heute noch als Webausstellung abrufbar ist. Ausgangspunkt waren von ihr und Julia Vitouch geführte lebensgeschichtliche Interviews mit 17 Umweltaktivistinnen und -aktivisten, die aus fünf Jahrzehnten Engagement für den Umweltschutz berichteten. „Interessant war auch ein Erzählcafé bei der Finissage, wo Erfahrungen verschiedener Generationen ausgetauscht wurden“, erinnert sich Rut, die zusammen mit dem „Dokumentationsarchiv Lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ an der Uni Wien auch einen Schreibaufruf zum Thema Energie und Proteste gegen Kraftwerke betreut. Aktuell forscht Rut für ihre Dissertation „Kämpfe gegen Kraftwerke. Ökologiebewegung und Energiesystem in Österreichs langen 1970er Jahren“, in der sie den Zeitraum von 1968 bis 1985 bearbeitet.
Die Au-Besetzung hat noch in weiteren Museen ihren Niederschlag gefunden. Im Museum Niederösterreich in St. Pölten verfügt man über „einen beachtlichen Bestand“ von Objekten wie Transparenten, Zelten oder von den Besetzern verwendeten Wärmegeräten, schildert Christian Rapp, wissenschaftlicher Leiter im dortigen Haus der Geschichte. Diese seien in der Sonderschau „Aufsässiges Land. Streik, Protest und Eigensinn“ zum Einsatz gekommen und bildeten derzeit gemeinsam mit großen Fotos ein wichtiges Element der Dauerschau. „Es sind tolle Objekte, die diesen Bereich prägen“, sagt Rapp. „Wir sind gerade dabei, diesen Bereich neu aufzustellen. Das bleibt ein Fixpunkt!“
Ein "Festival für Mensch und Natur" im Museum Niederösterreich
Rapp verweist auf eine Besonderheit im Museum Niederösterreich: Mit dem Haus der Geschichte und dem Haus der Natur gingen zwei Aspekte Hand in Hand: „Es geht bei uns um Lebensräume und Lebensweisen. Wir zeigen, dass die Interaktion von Mensch und Natur immer eine große Rolle gespielt hat.“ Über das Beobachten und Kennenlernen der Natur ließen sich etwa Kinder am besten für das Thema ihrer Gefährdung und Bewahrung interessieren. Überhaupt sei in diesen Fragen die Vermittlung stark gefordert, gebe es derzeit von der geplanten Traisental Schnellstraße S34 bis zur Windrad-Aufstellung zahlreiche umstrittene Projekte im Land.
Umso aktueller ist das erste „Festival für Mensch und Natur“, das das Museum Niederösterreich von 24. bis 26. April in Kooperation mit Globart ausrichtet. In „Stimmen der Wildnis“ werden drei Tage lang die Klänge der Natur im Mittelpunkt stehen – „als künstlerische Inspiration, wissenschaftliche Erkenntnisquelle und Impuls für gesellschaftliches Handeln“. Neben Vorträgen, Konzerten und Workshops soll in einem künstlerisch-performativen „Parlament der Wildnis“ unter dem Vorsitz von Irmgard Griss erprobt werden, wie man in der demokratischen Willensbildung der Natur eine Stimme geben kann.
Tierkostüme im Technischen Museum
Schon im Mai 1984 wurden bei einer „Pressekonferenz der Tiere“ im Presseclub Concordia einigen jener Arten, die in der Hainburger Au durch das Kraftwerksprojekt bedroht waren, Stimmen verliehen. Prominente traten dabei in Tierkostümen auf – allen voran der Publizist Günther Nenning, das Enfant terrible der SPÖ, der als roter Auhirsch posierte, und Stadtrat Jörg Mauthe, „bunter Vogel“ der Wiener ÖVP, der als Schwarzstorch kam. Drei der liebevoll handgefertigten Kostüme von einst, die dem Anliegen tatsächlich beträchtliche Medienaufmerksamkeit bescherten, sind heute ebenfalls in einem Museum zu sehen – in der Sektion „Energie“ im Technischen Museum Wien (TMW). Dort wird darauf hingewiesen, dass auch die Gewinnung von „sauberer“ Energie“ aus Wasser und Wind nicht unumstritten ist.
„Wir wollten bewusst die Thematik nicht nur auf unsere Klima-Ausstellung beschränken, sondern im ganzen Haus mit einbeziehen“, sagt Jochen Hennig, Leiter des Sammlungsbereichs Energie und Naturwissenschaften im TMW. Objekte aus den 80er-Jahren drohen allerdings ohne entsprechende Kontextualisierung für heutige Schulklassen Fremdkörper zu bleiben. Näher sind ihnen wohl die Plakate, die in einer benachbarten Vitrine an die ersten von Greta Thunberg initiierten Schul- und Klimastreiks hinweisen.
„Nicht schon wieder ‚Klima‘!“
Thunberg ist auch eines der Vorbilder, die in der vor zwei Jahren im TMW eröffneten Dauerausstellung „Klima. Wissen. Handeln!“ auf einer großen Spiegelwand präsentiert werden, die zeigen soll, wie viele Menschen sich seit langem aktiv für ein allgemeines Umdenken einsetzen – und einem vor Augen führen, dass man sich in diese Riege einreihen kann. „Beim Klimathema nicht zu sehr das Katastrophen-Narrativ zu bedienen, sondern positive Szenarien zu entwickeln ohne zu verharmlosen, ist wichtig – wird aber immer schwieriger“, sagt Hennig.
Der Museumsfachmann macht auf zwei weitere Probleme aufmerksam: „Schon das Wort ‚Klima‘ löst mittlerweile bei manchen die Reaktion aus: ‚Nicht schon wieder!‘ Außerdem ist es bei dem Thema nicht einfach, aktuell zu bleiben. Die Debatte verändert sich nicht erst seit Donald Trump mit zunehmender Geschwindigkeit. Wir haben die Ausstellung zwar bewusst versucht so anzulegen, dass sie einfach zu aktualisieren ist, kommen aber damit nicht so hinterher, wie wir es uns wünschen würden. Dazu fehlen uns auch die personellen Ressourcen.“
Mehr Emotion in den „Future Simulator“
Ursprungsidee der neuen Klimaschau war ein „Experience Room“, der als immersiver Erlebnisraum für Klimaszenarien „gar nicht so leicht in der Umsetzung war“, wie Hennig in wenig untertreibt. Er versucht die Quadratur des Kreises, nämlich „gleichzeitig zu informieren und zu emotionalisieren“. „The Future Simulator“ ist eine Black Box, in der thematische Zukunftsfragen gestellt und als Gruppe per Schwarmintelligenz beantwortet werden können. Für jede einzelne Mehrheitsentscheidung werden die Auswirkungen visualisiert und am Ende des rund 20-minütigen Programms jenes Gesamtszenario gezeigt, das damit am wahrscheinlichsten wird – ein eindrucksvoller Versuch, die Komplexität von politischen Entscheidungen anschaulich zu machen. „Als Museum haben wir damit einen großen Sprung nach vorne gemacht“, sagt Hennig. „Leider hat sich gezeigt, dass es für Jugendgruppen teilweise zu abstrakt und zu strukturell ist. Die direkte Ansprache von Jugendlichen ist leichter, wenn man aufzeigt, was man selbst machen kann. Wir sind dran, das zu verbessern. Ich könnte mir vorstellen, auch mehr Emotion reinzubringen.“
Alle Museumsleute ringen mit denselben Problemen. Etwa: „Es ist wichtig, positive Beispiele zu präsentieren. Apokalyptische Bilder erzeugen Schockstarre“, sagt Eva Meran vom hdgö. „Was gibt es zu gewinnen? Das ist die Erzählung, an die wir anknüpfen wollen“, meint Jochen Hennig vom TMW. Und auch aus der Umweltbewegung gibt es durchaus Erfolgsgeschichten, die zu erzählen sich lohnt. „Vieles ist gelungen“, erinnert Umwelthistorikerin Rut, „etwa der Kampf gegen verunreinigte Gewässer, wilde Deponien, sauren Regen und das Ozonloch, für Filtereinbau und Mülltrennung. Aber der Klimawandel ist nun der Endgegner.“ Dieser Kampf sei aber noch keineswegs entschieden, betont Martin Schmid vom Zentrum für Umweltgeschichte an der Boku Wien: „Von einem Scheitern der Klimabewegung zu sprechen, ist zu kurzfristig gedacht!“ Schwierig sei es allerdings, von den einstigen Erfolgen zu lernen: „Es ist heute so vieles anders. Die Gesellschaft hat sich verändert, der Klimawandel ist ein globales Problem geworden. Und die öffentliche Arena bricht uns gerade unter dem Hintern weg.“ Immerhin ist im Haus der Geschichte Österreich das Klima bei jenen Themen, die den Besuchern besonders wichtig sind, unter den Top drei. Hinter Freiheit und Familie.
Von Wolfgang Huber-Lang/APA