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Mehr zum Thema / Mario Wasserfaller / Freitag 29.10.21

Neu­es Leben für unto­te Klänge

“Slowly we rot” flötet die US-Kapelle Obituary seit Ende der 1980er-Jahre fröhlich durch den Äther. Was man den Todesmetallern aus Florida selbst gewiss schon ein wenig ansieht, trifft auch zumindest auf die frühen Pressungen des gleichnamigen Albums zu. Sämtliche auf Datenträger wie CDs, Festplatten oder USB-Sticks gebannte Information ist eher früher als später dem Verderben geweiht. Das Forschungsprojekt „Rotting Sounds“ nimmt diese Zerfallsprozesse gelassen und wandelt sie in Kunst um.
Foto: APA/Wasserfaller Thomas Grill im Auditorium of Rotting Sounds

„Die Lebensdauer der bisher als unverwüstlich geltenden CD-Platten (Compact Disc) ist möglicherweise sehr viel kürzer, als es die Werbung den Verbraucher glauben machen möchte.“ In einer Agenturmeldung von 1988 deutete sich bereits an, was heute Gewissheit ist. Die Feststellung von Nimbus Records, dem damals größten britischen Hersteller von CDs, wonach sich die silbrigen Scheibchen nach wenigen Jahren in ihre Bestandteile auflösen würden, sorgte für Alarm. Ein Sprecher des japanischen Elektronikriesen Sony, der die Compact Disc gemeinsam mit Philips 1983 auf den Markt gebracht hatte, ortete umgehend ein reine Desinformationskampagne des britischen Herstellers.

Der Zahn der Zeit nagt jedenfalls beharrlich nicht nur am Menschen selbst, sondern auch an all dem, was wir über uns digital speichern. Entgegen der einst proklamierten reinen Perfektion der Speicherformate unterliegen sie einem gnadenlosen Zerfall. Physische Speichermedien sind ebenso betroffen wie Medienformate und Software im Kontext ihrer jeweiligen technologischen Infrastruktur, sagt Thomas Grill vom Institut für Komposition, Elektroakustik und TonmeisterInnen-Ausbildung der Universität für Musik und darstellende Kunst (mdw): „Je neuartiger die Medien sind, mit denen man arbeitet, umso volatiler sind sie auch.“ Der elektroakustische Komponist und Performer leitet seit 2018 das Projekt „Rotting sounds“, und organisierte federführend das diesjährige „Rotting Sounds Symposium“ (23./24. September) an der mdw.

Rotting Sounds

 

Das vom Wissenschaftsfonds (FWF) im Rahmen der PEEK-Schiene geförderte Projekt “Rotting Sounds - Embracing the temporal deterioration of digital audio” ist eine Kooperation von mdw, Akademie der bildenden Künste Wien und der Universität für angewandte Kunst Wien.

 

Untersucht werden dabei „Transformationsprozesse hinsichtlich der verschiedenen Wechselbeziehungen zwischen digital codierten Audiodaten, deren Materialeigenschaften und (menschlicher) Interpretation in ihrem soziokulturellen Kontext“. Das im Mai 2018 gestartete Projekt läuft noch bis Ende April 2022.

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Rundgang durch das Auditorium

Zum Interview lud der Künstler im Vorfeld des Symposiums in das „Auditorium of Rotting Sounds“, einem ehemaligen Seziersaal der Veterinärmedizinischen Universität am Gelände der mdw in Wien-Landstraße. Das derzeit für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Auditorium beherbergt eine Dauerausstellung mit verschiedensten Klanginstallationen. Zu sehen und hören sind etwa ein bunter Strauß an von der Decke baumelnden Saiteninstrumenten; seit Jahren rotierende, ursprünglich identische CDs die ihre eigenen Zerfallsprozesse entlarven (CD-R(ot)), oder radioaktive Zerfallsprozesse, die einen als 1-Bit codierten Audiostrom als Dauerschleife anstoßen (Enrichment and Depletion).

Gleich zu Beginn findet sich linkerhand auf einem Tischchen als „Torwächter“ eine Apparatur mit einem zur Hälfte sezierten Laptop und einem rätselhaften schwarzen Kristall, der an einer Nylonschnur von der Decke baumelnd dicht über den freigelegten Schaltkreisen schwebt. Die Installation „Intermission“ des experimentellen mexikanischen Klangkünstlers Mario de Vega ist ein Feedbacksystem, das aus der Umgebung Informationen aufnimmt, intern prozessiert und dann wieder ausschickt – je nachdem wie man sich dazu verhält, in Position begibt oder laut oder leise spricht. Das System wird zusätzlich von dem Kristall aus Siliziumkarbid „gefährdet“, wie Grill erläutert: „Das ist auch ein leitendes Material und sehr spröde, und mit der Zeit schneidet sich der Nylonfaden in den Kristall ein und Staub rieselt auf die Platine und so gibt es ein gewisses Gefährdungspotenzial für die elektrischen Schaltkreise, die freiliegen.“

Sich dem Verderben hingeben

 

Im Auditorium of Rotting Sounds befindet sich eine Reihe von künstlerischen Versuchsanordnungen. Wie die einzelnen Installationen aussehen und vor allem klingen, lässt sich auf der Webseite https://rottingsounds.org/category/threads/auditorium/ in Erfahrung bringen – live und zu einem beliebigen Zeitpunkt im Archiv. Jede der Versuchsanordnungen streamt permanent ins Internet, und jede Stunde wird automatisiert eine Minute aufgenommen.

 

Die Artefakte und Installationen im Auditorium stehen quasi in einem ständigen Dialog zueinander und interagieren mit ihrer Umwelt. Ständig raschelt, pocht, rauscht und zischelt es von woanders her, und je nach Standort und Fokus des Zuhörers ergibt sich eine andere Klangkulisse – sie ist jedoch immer einzigartig.

 

Laut Thomas Grill (mdw-Webmagazin, Sep. 2021) werden aus diesem mittlerweile ca. 200.000 Fragmente umfassenden Klangarchiv zufällig Proben entnommen und in den Raum physisch eingeschrieben:

 

„Die robotische Installation Inscriptions from the archive (in Zusammenarbeit mit Hannes Köcher) graviert mittels Laser grafische Repräsentationen der Klänge in Form von Spektrogrammen und zugehörigen Metadaten in die hölzernen Bankreihen ein. Diese dienen als Protokoll der Forschungsprozesse bzw. – in eine ferne Zukunft gedacht – auch als potenzielles archäologisches Gedächtnis.“

Ähnlich lautmalerisch wie im Auditorium präsentierten sich auch die Projekte und Protagonisten des „Rotting Sound Symposiums“. Während Martin Kunze, Initiator und Leiter der Initiative „Memory of Mankind“, die praktisch unbegrenzt mögliche Speicherung von Daten auf eigens präparierten Keramikplatten in einem ehemaligen Salzbergwerk bei Hallstatt beschrieb, erläuterte der englische „Psychogeophysiker“ Martin Howse die Verbindungen zwischen den geophysikalischen Phänomenen der Erde, Software und der menschlichen Psyche. Die Veranstaltung gipfelte in einer Diskussion, die zwischen den Themen Nachhaltigkeit und Zerfall oszillierte und damit den roten Faden des Symposiums skizzierte.

Im Banne der Entropie

Mittlerweile lauschen Grill und seine Mitstreiter, in erster Linie Almut Schilling (Akademie der bildenden Künste) und Till Bovermann (Angewandte), seit 2018 den verrottenden Klängen und setzen sich wissenschaftlich mit ihnen auseinander. Zu Beginn des Projekts verfassten sie ein Manifest, in dem sie unter anderem auf negativ konnotierte Begriffe wie Zerfall, Obsoleszenz oder Degradation eingehen und Überlegungen anstellen, diese in eine positivere Ausdrucksform zu überführen. Zum Beispiel, indem Degradation als zeitliche Transformation umgedeutet wird, um „den Nutzen eines Wandels der Ästhetik zu sehen“, umreißt Grill, der auch als Vize-Leiter des Artistic Research Center (ARC) an der mdw fungiert, den Leitgedanken.

Eine der Kernthesen lautet (Auszug): „Degradation ist nach dem zweiten Hauptsatz der der Thermodynamik mit der Zunahme der Entropie verknüpft und lässt sich nur temporär beziehungsweise lokal, nicht aber generell aufhalten. Obsoleszenz ist dabei ein Schlüsselbegriff für das Phänomen der Abnutzung und des Funktionsverlustes innerhalb eines Ökosystems, das für komplexe digitale Medientechnologien eine bedeutende Rolle spielt.“

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Interview mit Thomas Grill im Auditorium of Rotting Sounds

Die Reflexionen über vergängliche Daten und Klänge verharren nicht auf der abstrakten Ebene, sie führen in durchaus praktische Erwägungen. Etwa, wenn es um die (geplante) Obsoleszenz geht, dem quasi von den Herstellern elektrischer Geräte mutmaßlich eingebauten „Selbstzerstörungsmechanismus“, der die Lebensdauer von Waschmaschinen, Druckern und Co. automatisch limitiert, damit neue Geräte angeschafft werden müssen. Vom Projekt könne man quasi in den Alltag mitnehmen, „dass man sich das Leben leichter macht, wenn man sich ein bisschen fernhält von den Modernitätszwängen“, rät Grill. Will heißen, es ist nicht immer zwangsläufig notwendig, das neueste Gerät oder Betriebssystem zu haben. Im Gegenteil, es ist vernünftiger, ruhig einmal „ein bisschen hinterherzuhinken“.

Welche Speichermedien unsere Daten in Zukunft sicher beherbergen könnten, darüber kann Grill nur spekulieren. Es sei dahingestellt, ob man mit den bestehenden Server-Infrastrukturen und den eingebauten Redundanzen tatsächlich vor einem Grenzereignis wie einem Sonnensturm gerüstet ist oder nicht. Das Projektteam besteht nicht darauf, immer alles auf dem gleichen Stand zu halten. „Uns geht es eigentlich um etwas anderes im Projekt: nicht unbedingt um perfekte Erhaltung, sondern um das Leben mit dieser Art von Transformation, also mit der Lebendigkeit des Datenvorrats oder des Archivs“, sagt Grill.

Ausklang des Auditoriums

Veränderung und Vergänglichkeit anzunehmen, einen entspannteren Umgang damit zu lernen und daraus neue Perspektiven zu entwickeln ist somit durchaus ein Meta-Thema. Das PEEK-Projekt „Rotting Sounds“ ist zwar offiziell mit Ende April 2022 limitiert, die Beschäftigung mit dem Thema geht aber weiter, ist sich Grill sicher. Was danach mit dem Auditorium selbst geschieht, ist noch offen: „Wir haben das Auditorium of Rotting Sounds jetzt drei Jahre lang bespielt und schön langsam denken wir auch daran, wie sich dieser Raum auflösen kann. Die Idee ist eigentlich, so wie wir Forschungsergebnisse, Medien disseminieren, hier an eine Art von Sporenbildung zu denken.“

Konzeptionell ist die Räumlichkeit an das berühmt-berüchtigte Schimmelmuseum des Schweizer Künstlers Dieter Roth angelehnt, das 1992 in Hamburg eröffnete und 2004 abgerissen werden musste. Nachbarn hatten das Übergreifen von Keimen befürchtet und geklagt. Roth hatte seit 1990 in dem Haus im Stadtteil Harvestehude mehrere hundert verderbliche Kunstwerke - vornehmlich aus Schokolade und Käse - installiert. Seine Objekte sollten einem natürlichen Alterungs- und Verfallsprozess unterliegen.

„Es wäre sehr schön, wenn wir diese Metapher der Sporen irgendwie aufgreifen und Bruchteile von diesem Auditorium an verschiedenen Plätzen, in der Stadt, am Land zu liegen kommen“, wünscht sich Grill einen Ausklang für die wie auch immer geartete Ewigkeit. In der einen oder anderen Form könnten die zerkleinerten, vergrabenen oder anderweitig verstreuten Artefakte auffindbar sein und von den Archäologen der Zukunft bestaunt werden. Ob die Wünsche erhört und die Installationen dann noch gehört werden, ist eine unerhörte Spekulation.

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