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Mehr zum Thema / Stefan Thaler / Donnerstag 16.04.26

Wie Klimaberichterstattung noch Gehör findet

Die Klimaberichterstattung leidet unter der Verdrängung durch andere Großereignisse. Außerdem scheint es gewisse Ermüdungserscheinungen in der Bevölkerung zu geben. Wie reagiert die Medienbranche darauf und wie kann das Thema dennoch Gehör finden? Ein Ansatz sind Formate, die die Bedeutung für den Alltag der Menschen erklären, zeigten sich Journalistinnen und Journalisten bei einer Diskussionsrunde in der Austria Presse Agentur (APA) in Wien überzeugt.
Credit: APA/Thaler Verena Mischitz, Sandra Walder, Lena Yadlapalli, Elke Ziegler und Bernhard Gaul (v.l.)

Neue Entwicklungen, etwa die Auswirkungen auf den Energiesektor durch den Iran-Krieg, würden den Dauerbrenner Klima teilweise in den Hintergrund rücken. Der mögliche Anknüpfungspunkt, eine größere Unabhängigkeit durch erneuerbare Energien zu erreichen, schwinge zwar als Thema mit, stehe aber im Schatten der großen Schlagzeilen, sagte Elke Ziegler, ORF-Ressortleiterin der aktuellen Wissenschaft im TV, Radio und Online. Dennoch werde dieser Aspekt in der Berichterstattung immer wieder aufgegriffen. Schließlich sei der Ausstieg aus fossilen Energieträgern „das Einzige, das uns langfristig aus dieser Spirale herausholt“.

Umstieg auch ökonomisch sinnvoll

Leserinnen und Leser würden oft auf die Kostenfrage verweisen, also dass sie sich Alternativen nicht leisten könnten, erklärte Bernhard Gaul, Redakteur im Innenpolitikressort der Tageszeitung Kurier: „Aber können wir uns leisten, weiter abhängig zu bleiben?“ Es sei ein „No-Brainer“, so schnell und so stark wie möglich auf erneuerbare Energien zu setzen – auch in ökonomischer Hinsicht. Aber schnell passiere derzeit nichts „und das Langfristige ist kein Ding für die Politik“.

Die Klimaberichterstattung stecke in der Krise, so Verena Mischitz, Wissenschafts- und im Speziellen Videojournalistin sowie Sprecherin des Netzwerks Klimajournalismus Österreich. Selbst in den Hochzeiten „mit Fridays for Future, dem Klimaaktivismus und auch der Politik, die darauf angesprungen ist, sind wir der Krise nicht gerecht geworden“. Die Berichterstattung sei anderen Themen hinterhergehinkt, seither gehe die Anzahl der Meldungen zurück. Gleichzeitig würden Extremwetterereignisse zunehmen. „Wir müssen versuchen, diese Lücke zu schließen“, sagte Mischitz.

Gewisse Ermüdung feststellbar

Das Thema fließe inzwischen verstärkt in andere Meldungen ein, ohne dass das Wort an sich verwendet werde, merkte Sandra Walder, Leiterin des Chronikressorts und des Klima-Teams bei der APA an. Es sei ein trügerischer Schluss, nur nach Stichworten zu suchen. „Aber wir merken natürlich schon, dass es viel breiter gefasst und in Wirklichkeit in jedem Aspekt gesucht werden muss. Das wird in der Form sicher noch nicht gemacht.“ Kein Medium werde dem gerecht. Aber auch das gesellschaftliche Klima habe sich verändert, es sei eine gewisse Ermüdung zu spüren.

Ob Menschen noch zuhören oder nicht, sei auch eine Frage der Gestaltung der Beiträge, so Ziegler. Die Belastung mit multiplen Krisen führe beispielsweise bei der Berichterstattung zu den überaus wichtigen Klimaberichten dazu, dass oft gedacht wird: „Damit kann ich momentan nichts anfangen. Aber die hohen Benzinpreise an der Tankstelle, die belasten mich.“ Was den Lebensalltag direkt betreffe, erhalte in dieser Situation mehr Aufmerksamkeit.

„Gletscher funktionieren aus irgendeinem Grund immer. Das emotionalisiert extrem.“ Verena Mischitz, Wissenschafts- und Videojournalistin

Videos würden Hürden reduzieren, auch andere Zielgruppen erreichen und seien leichter konsumierbar, erklärte Mischitz. Komplexe Themen könnten so aufbereitet werden, dass Instagram- oder TikTok-User das Gefühl haben: „Ach, okay, jetzt betrifft mich das.“ Wie viele Klicks ein Beitrag letztendlich bekomme, sei „ein bisschen Glückssache. Gletscher funktionieren aus irgendeinem Grund immer. Das emotionalisiert extrem.“

Klima-Szenarien schwierig darzustellen

Eine große Herausforderung in der Berichterstattung über Klimaberichte seien die Szenarien, mit denen die Wissenschaft arbeite, so Ziegler. Dieses „wenn/dann“, also wenn die Entwicklung so ist, dann gibt es diese und jene Auswirkung, sei oft nur sehr schwer kommunizierbar. „Szenarien sind ja letztlich der Versuch, Unsicherheit abzubilden und zu sagen: Wir bewegen uns in diesem Rahmen, und ob es so oder so kommt, können wir noch beeinflussen.“

Neben der Aufklärung sei es auch wichtig, die Vorgaben von Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern zu kontrollieren und sie bei Interviews in die Verantwortung zu nehmen, meinte Mischitz. Schließlich seien beispielsweise bei einem Verfehlen der Klimaziele massive Strafzahlungen fällig. Das zu verhindern, wäre dann tatsächlich der von der Politik oft eingeforderte Klimaschutz mit Hausverstand, so Walder.

Dass sich der Journalismus verbiegen muss, weil viele Menschen quasi allergisch auf das Wort „Klima“ reagieren, glauben die Diskutantinnen und Diskutanten nicht. Man habe eine Verpflichtung, über diese Entwicklung zu berichten. In der Bevölkerung sei das Interesse an Klima-Themen nach Umweltkatastrophen groß, verebbe allerdings nach den Aufräumarbeiten schnell wieder. Andere Formate und Darstellungsformen könnten helfen, um mit diesen Inhalten nachhaltig Gehör zu finden – etwa indem man die Menschen stärker in ihrem Alltag abhole.

Service: Die von Lena Yadlapalli (Leiterin APA-Science) geführte Diskussionsrunde ist als Podcast unter https://science.apa.at/podcast/#44 abrufbar.

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