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Mehr zum Thema / Anna Riedler / Freitag 29.10.21

Wo die wil­den Künst­ler wohnen

Kunst statt Eigen­wer­bung, das erwar­tet den Besu­cher beim Betre­ten des Foy­ers des Aus­tri­an Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy (AIT) in Wien. Nicht nur bei den jähr­li­chen Alp­ba­cher Tech­no­lo­gie­ge­sprä­chen im Rah­men des For­mats ART­TEC steht Kom­bi­na­tio­nen von Kunst und digi­ta­ler For­schung im Fokus, mit der Schie­ne „Artist in Resi­dence” holt sich die For­schungs­ein­rich­tung seit 2018 Kunst­schaf­fen­de direkt ins Haus. 
Foto: AIT/Silvia Haselhuhn 

„Es ist wie ein Besuch bei der Groß­mutter”, ver­gleicht Micha­el Hla­va, Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef und Initia­tor des Pro­jekts, das Gefühl, wenn man sich im Ein­gangs­be­reich der Grie­fing­gas­se 4 in Wien plötz­lich mit vom Alter gezeich­ne­ten Alu­mi­ni­um­plat­ten oder vom Blitz getrof­fe­nen Figu­ren kon­fron­tiert sieht. Wäh­rend Oma die zer­ris­se­nen Hosen neu­gie­rig beäugt („Soll ich sie dir fli­cken?” „Nein, Oma, das gehört so!”), fragt man sich ange­sichts der merk­wür­di­gen Skulp­tu­ren und ver­wir­ren­den Instal­la­tio­nen zunächst oft auch: Was soll denn das sein? Die Hosen sind aber bequem, so Hla­va, sie sind modern und ver­mit­teln dem Trä­ger ein gutes Gefühl, und genau das sei auch bei der Kunst der Fall: Weil sie neu ist, sorgt sie viel­leicht auf den ers­ten Blick für Ver­wun­de­rung, im End­ef­fekt ist die Aus­ein­an­der­set­zung damit aber etwas Posi­ti­ves, denn sie erwei­tert das eige­ne Blickfeld.

Die Künst­ler, die als „Artist in Resi­dence” mit dem AIT zusam­men­ar­bei­ten, wer­den des­halb auch nicht von ihnen selbst, son­dern von Kura­to­ren aus­ge­wählt. Sei­ne per­sön­li­chen Vor­lie­ben hint­an­zu­stel­len war für den kunst­be­geis­ter­ten Hla­va gewöh­nungs­be­dürf­tig, „das muss­te ich erst ler­nen”, erin­nert er sich.

Das Pro­gramm ist „eine Schie­ne, die uns sehr viel bringt”, freut sich Hla­va. For­scher bekom­men dadurch einen neu­en Blick auf jene Gegen­stän­de, mit denen sie in ihrer täg­li­chen Arbeit zu tun haben und die für sie nur Mit­tel zum Zweck oder sogar Abfall ihrer For­schung sind.

Seit 2018 arbei­tet das AIT mit zwei Künst­lern zusam­men, zunächst von Novem­ber 2018 bis Mai 2019 mit dem Ber­li­ner Mixed-Media Künst­ler Chris­to­pher Noel­le, dann von Juni 2019 bis Mai 2020 und erneut seit Juli 2020 mit der Wie­ne­rin Judith Fegerl. Die Zusam­men­ar­beit mit Fegerl endet im Jän­ner – „den drit­ten Artist haben wir schon”, ver­rät Hla­va, er wird vor­rau­sicht­lich ab März aus­stel­len. Wäh­rend sich die vor­an­ge­gan­ge­nen Künst­ler mit Licht, For­men und Ener­gie befass­ten, wird das The­ma 2022 „defi­ni­tiv Künst­li­che Intel­li­genz” sein. APA-Sci­ence hat mit den zwei bis­he­ri­gen Artist in Resi­dence über ihre Erfah­run­gen gesprochen.

Chris­to­pher Noel­le: Vom Rad­sport zur Lichtkunst

 

Es war ein Unfall, der der Bike-Tri­al- und Moun­tain­bike-Kar­rie­re von Chris­to­pher Noel­le Ende der 1990er Jah­re ein Ende setz­te – und den Anstoß für sei­ne Kar­rie­re als Künst­ler gab. Statt für Aus­zeich­nun­gen wie sei­nen Vize-Welt­meis­ter­ti­tel oder einen Ein­trag ins Guin­ness-Buch der Rekor­de vor der Kame­ra zu ste­hen, agiert der gebür­ti­ge Ber­li­ner mitt­ler­wei­le als Mul­ti­me­dia­künst­ler hin­ter der Kame­ra. Bekannt unter dem Künst­ler­na­men TOFA spe­zia­li­siert er sich seit­her auf Light­pain­tings, ein Spe­zi­al­ef­fekt-Gen­re der Langzeitbelichtung.

 

Als Artist in Resi­dence am AIT prä­sen­tier­te Noel­le ab Novem­ber 2018 den Spi­ro-Table, ein von ihm ent­wi­ckel­tes Zei­chen-Instru­ment, mit dem sich Gra­fi­ken mit­tels Spi­ro­gra­phie und Light­pain­ting erstel­len lassen.

„Ent­schleu­ni­gung”

Aus­ein­an­der­set­zung mit Spi­ro­gra­phie und Light­pain­ting: Mit dem Spi­ro-Table wer­den geo­me­tri­sche Mus­ter erzeugt…

… LEDs an den Rota­ti­ons-Armen und Lang­zeit­be­lich­tung frie­ren Bewe­gungs­ab­läu­fe des Zei­chen­vor­gangs ein.

Das Foy­er wird zur Begegnungszone.

APA-Sci­ence: Was neh­men Sie aus der Erfah­rung als Artist in Resi­dence am AIT mit? Was ist Ihre Bilanz?

Chris­to­pher Noel­le: Die Zusam­men­ar­beit mit dem AIT ver­lief für mich sehr span­nend, da es mir viel­sei­ti­ge Ein­bli­cke in unter­schied­li­che Pro­jek­te des Insti­tuts ermög­lich­te und stell­te auch künst­le­risch eine gewis­se Her­aus­for­de­rung dar, da ich neben mei­nen eige­nen Arbei­ten für die ers­te Artist-in-Resi­dence Aus­stel­lung am AIT auch eine inter­ak­ti­ve Instal­la­ti­on umset­zen woll­te, die für Besu­cher intui­tiv und selbst­er­klä­rend auf­ge­baut war und auch in direk­tem Zusam­men­hang zu mei­nen aus­ge­stell­ten Wer­ken stand. Die ers­te Artist-in-Resi­dence Aus­stel­lung auf­grund mei­ner Kunst zu bekom­men, war ein tol­les Gefühl und durch den engen Aus­tausch mit dem Insti­tut, ins­be­son­de­re mit Sil­via Hasel­huhn und Micha­el Hla­va möglich.

Wie gestaltet(e) sich die Inter­ak­ti­on mit der For­scher-Com­mu­ni­ty? Gab es Berüh­rungs­ängs­te? Hat sich mitt­ler­wei­le etwas verändert?

Wäh­rend mei­ner Resi­den­cy war es pri­mär eine Aus­stel­lung mit Bildern/Werken und einer inter­ak­ti­ven Instal­la­ti­on, die Zusam­men­ar­beit mit ver­schie­de­nen For­schungs­ab­tei­lun­gen kam erst spä­ter hin­zu, war aber durch die Auf­ga­ben­stel­lung stets unkom­pli­ziert und offen.

Gibt es für Sie als Künst­ler noch wei­te­re Berüh­rungs­punk­te mit der Wissenschaft?

Durch mei­ne expe­ri­men­tel­le Light­pain­ting-Foto­gra­fie in Kom­bi­na­ti­on mit Robo­tik ist das AIT über­haupt erst auf­merk­sam auf mei­ne Arbeit gewor­den. Da ich schon seit meh­re­ren Jah­ren an der Schnitt­stel­le zwi­schen Kunst und Wis­sen­schaft arbei­te, basie­ren mei­ne Pro­jek­te immer auf wis­sen­schaft­li­chen Expe­ri­men­ten und For­schung und füh­ren in den Ergeb­nis­sen zur Sym­bio­se in Form von neu­en Kunst­wer­ken. In die­sem Zusam­men­hang ist zum Bei­spiel mei­ne Zusam­men­ar­beit mit dem Robo­tik­la­bor der JKU Linz zu erwäh­nen, wo uni­ver­si­tä­re For­schung und Kunst ein­an­der befruch­ten und Raum für Expe­ri­men­te und neue For­schungs­an­sät­ze ermöglichen.

Die For­schung ist in Ihre Kunst geflos­sen – fließt im Gegen­zug auch etwas von der Kunst in die For­schung bzw. die For­schungs­land­schaft zurück?

In mei­ner wei­ter­füh­ren­den Zusam­men­ar­beit habe ich in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren für das AIT zwei Seri­en an Image-Fil­men und Trai­ler-Ani­ma­tio­nen über ganz unter­schied­li­che For­schungs­pro­jek­te pro­du­ziert, wodurch die ein­zel­nen Pro­jek­te sich anders bzw. neu nach außen prä­sen­tie­ren konn­ten und ich durch mei­ne Ansicht als Außen­ste­hen­der Ein­bli­cke in wirk­lich inter­es­san­te Pro­jek­te und The­men­wel­ten ver­mit­teln konn­te. Inso­fern konn­te auch die For­schungs­land­schaft einen Vor­teil aus unse­rer Zusam­men­ar­beit zie­hen, zumal für For­scher oft­mals der Fokus so klar ist. Aber für Außen­ste­hen­de ist es sehr kom­plex, zu ver­ste­hen, wor­an eigent­lich geforscht wird. Mir war es dabei auch wich­tig, visu­ell in den Kurz­fil­men ver­mit­teln zu kön­nen, an was die For­schungs­pro­jek­te genau arbei­ten. Dadurch ent­stand eine Syn­er­gie, die auf der gegen­sei­ti­gen Beein­flus­sung von Wis­sen­schaft und Kunst basiert.

Judith Fegerl: Unter Strom 

 

Im Fokus der Arbeit von Judith Fegerl steht die Ener­gie. Die Arbeit von Fegerl, die 2019 den Medi­en­kunst­preis der Stadt Wien erhielt, war seit Juni 2019 im Foy­er des AIT zu sehen. Bis Mai 2020 befass­te sich die Wie­ne­rin mit der Instal­la­ti­on „Reser­voir” damit, Kup­fer- und Alu­mi­ni­um­plat­ten zunächst in Salz­was­ser ein­zu­le­gen und anschlie­ßend auf­zu­hän­gen, um die in den Struk­tur­ver­än­de­run­gen erkenn­ba­re frei­ge­wor­de­ne Ener­gie sicht­bar zu machen.

 

Weil die Zusam­men­ar­beit so gut funk­tio­niert hat­te, so Hla­va, wur­de Fegerl für das Fol­ge­jahr gleich für eine wei­te­re Aus­stel­lung gewon­nen. Auch bei „Cap­tu­re” stand das Sicht­bar­ma­chen von Ener­gie im Mit­tel­punkt, kon­kret jene von Blit­zen. Fegerl ließ im Hoch­span­nungs­la­bor des AIT künst­li­che Blit­ze ein­schla­gen, das umlie­gen­de Mate­ri­al wur­de bei den hohen Tem­pe­ra­tu­ren geschmol­zen und ver­glas­te. Die so ent­stan­de­nen röh­ren­för­mi­gen Struk­tu­ren, genannt Ful­gu­ri­te, zier­ten bis zum Früh­jahr 2021 das Foyer.

 

„reser­voir“ & „Cap­tu­re”

„reser­voir“

Die Instal­la­ti­on „reser­voir“  bestand aus zwei Tei­len: in Salz­was­ser ein­ge­leg­te Kup­fer- und Aluminiumplatten…

„reser­voir“

… die nach drei Mona­ten auf­be­rei­tet und paar­wei­se an die Wand gehängt wurden.

„Cap­tu­re”

In der Fol­ge­aus­stel­lung jag­te Fegerl Blit­ze und Licht­bö­gen durch ver­schie­de­ne Sand­mi­schun­gen, die ent­stan­de­nen Ful­gu­ri­te wur­den anschlie­ßend in Kunst­harz eingelassen.

APA-Sci­ence: Was neh­men Sie aus der Erfah­rung als Artist in Resi­dence am AIT mit? Was ist Ihre Zwischenbilanz?

Judith Fegerl: Für mei­ne Arbeit mit Ener­gie, die sich stets mit tech­no­lo­gi­schen Fra­ge­stel­lun­gen beschäf­tigt, ist das Ando­cken an das AIT essen­ti­ell, weil sich unse­re For­schungs­the­men über­schnei­den und ich mit ähn­li­chen Mate­ria­li­en und Tech­ni­ken arbei­te, das AIT aber natür­lich ganz ande­re Stan­dards und Instru­men­te zur Ver­fü­gung hat. Auf die­se Infra­struk­tur, auch wenn zeit­lich begrenzt – Zugriff zu haben, bedeu­tet Fort­schritt in der künst­le­ri­schen Arbeit.

Wie gestaltet(e) sich die Inter­ak­ti­on mit der For­scher-Com­mu­ni­ty? Gab es Berüh­rungs­ängs­te? Hat sich mitt­ler­wei­le etwas verändert?

Die Kom­mu­ni­ka­ti­on und der Aus­tausch mit Kol­le­gIn­nen aus der ange­wand­ten For­schung funk­tio­niert, auch wenn es the­ma­tisch eher an den tech­ni­schen Fra­ge­stel­lun­gen bleibt, die Fas­zi­na­ti­on, was Künst­le­rIn­nen dann doch so anstel­len, und was eigent­lich alles mög­lich ist, wenn man „out­side of the box” denkt, ist auf jeden Fall da. Da wird es dann meis­tens recht amüsant.

Die finan­zi­el­le Struk­tur einer Resi­den­cy ist ein Knack­punkt für ein erfolg­rei­ches Zusam­men­ar­bei­ten. Das Resi­den­cy Pro­gramm muss genau wie ein For­schungs­pro­jekt mit ent­spre­chend Bud­get aus­ge­stat­tet sein, das Labor­s­tun­den, Equip­ment, Mate­ri­al, zusätz­li­ches Per­so­nal, Räu­me und eige­nes Gehalt abdeckt. Natür­lich braucht es auch einen ver­gleich­ba­ren Zeit­plan und eine gewis­se Ergeb­nis­ori­en­tiert­heit. Damit Künst­le­rIn­nen und Wis­sen­schaf­te­rIn­nen tat­säch­lich auf Augen­hö­he kol­la­bo­rie­ren kön­nen, müs­sen sie auch gleich­ge­stellt sein – sonst ist man als Künst­le­rin immer nur Gast.

Gibt es für Sie als Künst­le­rin noch wei­te­re Berüh­rungs­punk­te mit der Wissenschaft?

Ich arbei­te mit Ener­gie als Mate­ri­al. Hoch­span­nung, Elek­tro­ma­gne­tis­mus, Ober­flä­chen­tech­no­lo­gie, etc. Das ist an sich schon eine gro­ße Her­aus­for­de­rung und ohne Wis­sen­schaft und Tech­nik geht hier nichts. Je wei­ter ich mei­ne Arbeit mit Ener­gie ent­wick­le, des­to inten­si­ver wird auch der nöti­ge Kon­takt und die Zusam­men­ar­beit mit wis­sen­schaft­li­chen Insti­tu­tio­nen. Zur Zeit beschäf­ti­ge ich mich mit pho­to­vol­ta­i­schen Anla­gen, mit Recy­cling und dem Poten­zi­al von bereits aus dem Ver­kehr gezo­ge­nen Solar­mo­du­len und arbei­te mit der For­schungs­al­li­anz „Sus­tainab­le Pho­to­vol­taics PVRe2” zusammen.

Die For­schung ist in Ihre Kunst geflos­sen – fließt im Gegen­zug auch etwas von der Kunst in die For­schung bzw. die For­schungs­land­schaft zurück?

Es gibt immer wie­der rezi­pro­ke Situa­tio­nen, ob das im Hoch­en­er­gie­la­bor ist und im Zuge mei­ner Ver­su­che auch der Fun­ke auf die Wis­sen­schaf­te­rIn­nen vor Ort über­springt oder aktu­ell auch mit den Solar­skulp­tu­ren, die auch in wis­sen­schaft­li­chen Medi­en publi­ziert werden.

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