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Reportage

Die Wär­me aus der Ther­me – zur Abwär­me­nut­zung von Thermalwasser

APA-Science zu Besuch beim Demonstrationsprojekt Therme Wien des Green Energy Lab
Foto: APA/Katharina Dolesch

Kinder plantschen fröhlich im Wasser, üben fleißig mit Schwimmflügeln und rutschen um die Wette, während Eltern die angenehm warmen Whirlpools zur Entspannung genießen. Niemand der Besucher der Therme Wien ahnt, was sich einige Meter unter ihnen tut: Das Abwasser wird nicht verschwendet, sondern zur Fernwärmegewinnung für rund 1.900 Haushalte in Oberlaa weitergenutzt, wodurch sich rund 2.600 Tonnen CO2 jährlich einsparen lassen. 

Von außen kaum zu erkennen, führt eine weiße, überbreite Tür in einen dunklen Gang mit kahlen Betonwänden und -stiege. Nur das Notausgangsschild taucht den Raum in ein fahl grünliches Licht. Nach zwei weiteren überdimensionierten, verschlossenen Türen steht man dort, wo der “Zauber” beginnt. Wo sich früher die Autos der Geschäftsführung der Therme aneinandergereiht haben, findet man jetzt nur noch riesige Metallrohre und -gerätschaften. 

Lautes durchgängiges Surren und stickig heiße Luft begrüßen alle paar Tage die Wartungsingenieure – die Tagestemperatur von 30 Grad Celsius wirkt im Vergleich dazu angenehm kühl. Das Surren kommt dabei aber nicht von den Geräten – die Anlage ist außer Betrieb – sondern von der kaum spürbaren Raumkühlung, die dafür sorgt, dass die Geräte nicht beschädigt werden, wie der zuständige Abteilungsleiter des Projekts, Rusbeh Rezania, erklärt. Rechts neben der Tür hängt ein Behälter mit bunten Ohrstöpseln: “Wenn man es in Betrieb nimmt, ist es sehr laut”, fügt er hinzu. Auch wenn die Gesamtanlage im Moment nicht im Betrieb ist, ist es “sehr laut”, hört man seine eigenen Worte kaum. Inmitten der aluminiumfarbenen Geräte sticht ein kleiner, bunter Fleck heraus – eine Grafik, die das Geschehen im Untergeschoss illustrieren soll.

Unter der Therme

Ein dunkler Gang führt in die ehemalige Tiefgarage

Rechts neben dem Eingang hängt der Behälter mit Ohrstöpseln

Während über der Erde die Gäste plantschen...

...fließt das thermale Abwasser in das Untergeschoss zur Abwärmegewinnung weiter...

...bis es schließlich bei den beiden Wärmepumpen, die das Wasser erhitzen, ankommt

Der Weg der Wärme

Im letzten Winkel des Raumes beginnt alles: Dort wird das ca. 30 Grad Celsius warme Abwasser der Therme gemeinsam mit Thermalwasser aus der Tiefe in einen großen, metallenen Behälter geleitet. Von dort aus geht die Reise weiter in einen Zwischenspeicher und zum Wärmetauscher, wo die Wärmeübertragung passiert. Beiläufig erwähnt Rezania, dass es sich bei dem aus 800 Meter Tiefe stammenden Thermalwasser um kein Trinkwasser handle – ganz im Gegenteil: “Das Wasser ist auf die Jacke meines Kollegen gekommen, und er musste die Jacke wegschmeißen, weil das Wasser ein Loch verursacht hat. Also das Wasser ist schon sehr aggressiv”, erzählt er. Die aus Titan hergestellten Wärmetauscher müssen deswegen auch zumindest einmal im Jahr gesäubert werden. Wenn diese Station überwunden ist, erfolgt schließlich die Erhitzung des Wassers auf bis zu 85 Grad Celsius durch die zwei identischen Kompakt-Wärmepumpen. Die Temperatur kann dabei je nach Bedarf geregelt und zum Beispiel durch eine zusätzliche PH2-Anlage auch noch über die 85 Grad Celsius erhöht werden.

Mehr als nur Wärmepumpen

“Alle reden immer nur von der Wärmepumpe, aber das ist in Wahrheit der einfachste Teil”, gibt Rezania zu bedenken, der den Demonstrator seit zwei Jahren seitens Wien Energie mitbetreut. Die wahren Schwierigkeiten sind nämlich standortabhängiger Natur: Wie und wo finde ich genügend Platz für alle Gerätschaften? Denn: Nicht jede Geschäftsführung ist wohl bereit, ihre Tiefgarage aufzugeben. Außerdem kommen die Fragen des Strom- und Fernwärmenetzanschlusses hinzu. Rezania ergänzt: “Es ist ein Zufall gewesen, dass wir einen Fernwärmeanschluss genau vor Ort gehabt haben.” Auch die Investitionskosten würden für die Wärmepumpen lediglich rund 25 bis 30 Prozent der Gesamtkosten der Anlage – mit Wärmetauscher, Zwischenspeicher und Co. – ausmachen. Der Prozess der Abwärmenutzung ist damit weitaus komplexer, als beispielsweise der einer Photovoltaikanlage, weil alles immer von den jeweiligen Gegebenheiten vor Ort abhängig ist und viele Faktoren mitberücksichtigt werden müssten. Das Demonstrationsprojekt soll deshalb zeigen, auf was geachtet werden muss, damit es auch an anderen Standorten in Zukunft Anwendung finden kann.

“Entspannen in der Therme, sparen mit der Wärme.”  Fabian Kesicki, Vereinsvorstand des Green Energy Lab
Die Zukunft heißt Dekarbonisierung

Man muss also flexibel sein, was die Wärmeversorgung anbelangt, und genau das ist, was das Projekt ThermaFLEX, dessen Teil das Forschungsvorhaben bei der Therme Wien ist, macht. Das “Leitprojekt zur Entwicklung des Fernwärmenetzes von morgen” möchte Strategien für die Flexibilisierung von Wärmenetzen entwickeln und alternative Energiequellen erschließen, um so den Anteil erneuerbarer Wärme zu erhöhen.

 

Die Therme Wien ist dabei nur eines von elf Demonstrationsprojekten in Wien, Salzburg und der Steiermark, das sich mit der Nutzung von Wärme aus Abwasser, Biomasse, Kläranlage und Co. Befasst. Unter der Leitung des AEE (Institut für Nachhaltige Technologien) soll das Forschungsprojekt noch bis Ende Oktober 2022 laufen.

 

ThermaFLEX ist wiederum ein Projekt des Green Energy Labs, das vom Klima- und Energiefonds gefördert und eben nicht nur im Bereich der Flexibilisierung von Wärmenetzen tätig ist. In der Ideenschmiede mit rund 280 Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft wird eine nachhaltige Energiezukunft in allen Bereichen mitgestaltet und aktuell rund 40 konkrete Innovationsprojekte begleitet.

 

Die Abwärmenutzung ist daher nur einer von vielen Wegen, um die Dekarbonisierung weiter voranzutreiben, wie der Vereinsvorstand des Green Energy Lab, Fabian Kesicki, hervorhebt. Demnach sollen Großwärmepumpen – wie hier in der Therme Wien –, Geothermie und der Einsatz von grünen Gasen, wie Biomethan oder Wasserstoff, den Gasverbrauch sukzessive ersetzen. 

“Viele Leute reden immer von Unsicherheit in diesen Zeiten. Ich finde, gerade was die Energiewende angeht, hatten wir noch nie so viel Klarheit wie heute. Wir haben einen großen Konsens, dass wir die Pariser Klimaziele von 1,5 Grad erreichen; auf EU-Ebene gibt es das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 und in Österreich bis 2040. Die zweite Klarheit, die wir haben, ist, dass wir so gut wie alle Technologien haben, um das umzusetzen. Wärmepumpen, Energieeffizienz, Elektromobilität, Erneuerbare Energien – das haben wir heute alles schon. Wir müssen nicht den Erfinder losschicken und sagen ‘Bitte erfinde uns was’. Was es jetzt braucht, ist  konsequent die Fördermaßnahmen auszubauen um Projekte, wie hier in der Therme Oberlaa, umzusetzen”, sagt Kesicki zum Abschluss über das Potenzial nachhaltiger Energien. Schmunzelnd fügt er hinzu: “Entspannen in der Therme, sparen mit der Wärme.”

 

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