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Gastbeitrag / Alexandra Postlbauer und Christoph Helm / Donnerstag 10.06.21

1 Jahr Fern­un­ter­richt! Erkennt­nis­se zur Ent­wick­lung der Lage aus Sicht der Eltern

Seit März 2020 kam es in Öster­reich auf­grund der Coro­na-Pan­de­mie zur wie­der­hol­ten Schlie­ßung der Schu­len. Dies stell­te vie­le Eltern und ihre schul­pflich­ti­gen Kin­der vor neue Her­aus­for­de­run­gen. Eine für Öster­reich reprä­sen­ta­ti­ve Eltern­be­fra­gung der Abtei­lung für Bil­dungs­for­schung an der Linz School of Edu­ca­ti­on der Johan­nes Kep­ler Uni­ver­si­tät gibt nun Auf­schluss über die Ent­wick­lung der Lage.

Zunah­me der psy­chi­schen Belastung

Die Belas­tung von Eltern schul­pflich­ti­ger Kin­der ist wäh­rend des letz­ten Jah­res deut­lich gestie­gen. Bei­na­he jeder zwei­te befrag­te Eltern­teil (46 Pro­zent) berich­te­te wäh­rend des Lock­downs im Jän­ner 2021 davon, am Limit zu sein. Die Eltern nah­men die Schlie­ßung der Schu­len sowohl für sich selbst (47 Pro­zent) als auch für den*die Partner*in (36 Pro­zent) bzw. für ihr jüngs­tes schul­pflich­ti­ges Kind (45 Pro­zent) als gro­ße psy­chi­sche Belas­tung wahr.

Eine Ver­gleichs­stu­die zum Lock­down Anfang 2021 in Deutsch­land (Wöß­mann et al., 2021) kommt zu einem ähn­li­chen Urteil: Rund die Hälf­te der Eltern (52 Pro­zent) gaben an, stark belas­tet zu sein. Ein eben­so hoher Anteil (49 Pro­zent) gab an, dass ihre Kin­der stark belas­tet sind. In der Befra­gung zum Lock­down im Früh­jahr 2020 in Deutsch­land (Wöß­mann et al., 2020) war der Anteil an Eltern, die für sich und für ihre Kin­der von gro­ßer psy­chi­scher Belas­tung berich­te­ten, mit jeweils rund einem Drit­tel (38 Pro­zent) noch deut­lich geringer.

Die Befra­gung der Eltern aus Öster­reich zeigt dar­über hin­aus einen Zusam­men­hang zwi­schen dem Alter der Kin­der und der erleb­ten Belas­tung. Je älter das jüngs­te Schul­kind ist, des­to sel­te­ner emp­fan­den Eltern die Situa­ti­on der Schul­schlie­ßun­gen für sich bzw. ihre Fami­lie als belas­tend. Zwi­schen Eltern mit bzw. ohne aka­de­mi­schen Abschluss zeig­te sich dies­be­züg­lich kein Unter­schied. Eltern von leis­tungs­schwä­che­ren Kin­dern erle­ben die Schul­schlie­ßun­gen häu­fi­ger stark belastend.

Her­aus­for­de­run­gen aus Sicht der Eltern

Die Lern­be­glei­tung (Moti­va­ti­on, Anlei­tung, Erklä­rung) und Lern­kon­trol­le wäh­rend der Schul­schlie­ßun­gen stell­ten für mehr als die Hälf­te der befrag­ten Eltern (57 Pro­zent) eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung dar. Dar­über hin­aus stell­ten das feh­len­de Schul­wis­sen und die feh­len­de Zeit mehr als ein Drit­tel der Eltern (29 Pro­zent bzw. 48 Pro­zent) vor gro­ße Pro­ble­me. Es zeigt sich, dass vor allem Eltern von jün­ge­ren Schul­kin­dern, sowie Eltern von leis­tungs­schwä­che­ren Kin­dern und Eltern ohne aka­de­mi­schen Bil­dungs­ab­schluss deut­lich häu­fi­ger von die­sen Her­aus­for­de­run­gen berichteten.

Im Hin­blick auf ihre Kin­der nah­men Eltern vor allem den feh­len­den sozia­len Kon­takt zu Gleich­alt­ri­gen (80 Pro­zent), das selbst­stän­di­ge Ler­nen (51 Pro­zent) und die Bei­be­hal­tung eines gere­gel­ten Tages­ab­laufs (46 Pro­zent) als her­aus­for­dernd wahr. Dem stimm­ten mehr Eltern von jün­ge­ren Kin­dern zu, wäh­rend die Eltern von älte­ren Kin­dern eher das frü­he Auf­ste­hen oder die feh­len­de elter­li­che Hil­fe bei den schu­li­schen Auf­ga­ben als Her­aus­for­de­run­gen für ihre Kin­der wahrnahmen.

Zunah­me schu­li­scher Akti­vi­tä­ten zuhause

Laut Anga­ben der Eltern ver­brach­ten ihre Kin­der im Lock­down Anfang 2021 durch­schnitt­lich rund vier Stun­den täg­lich mit Ler­nen zuhau­se. Ver­gli­chen mit der Befra­gung aus Deutsch­land zum Lock­down im Früh­jahr 2020 ent­spricht das einem Anstieg von etwa einer Stun­de täg­lich. Aller­dings redu­zier­te sich die Anzahl der Stun­den, die schul­pflich­ti­ge Kin­der in Öster­reich für den Schul­be­such UND das Ler­nen zuhau­se täg­lich auf­wen­den, laut Eltern­an­ga­ben von bei­na­he acht Stun­den täg­lich vor dem Lock­down auf sechs Stun­den täg­lich wäh­rend des Lock­downs. Dabei wer­den für den Schul­be­such im Durch­schnitt etwa zwei­ein­halb Stun­den täg­lich aufgewandt.

Lern­er­folg und Lernmotivation

Mehr als die Hälf­te der Eltern (58 Pro­zent) berich­te­te, dass ihr Kind wäh­rend der Schul­schlie­ßun­gen Anfang 2021 deut­li­cher weni­ger dazu­ge­lernt hat als im nor­ma­len Unter­richt vor der Pan­de­mie. Auch im Hin­blick auf die feh­len­de Moti­va­ti­on der Schul­kin­der wäh­rend des Fern­un­ter­richts zeigt sich ein ähn­li­ches Bild. Fasst die Hälft der Eltern (47 Pro­zent) gab an, dass ihr Kind wäh­rend der Schlie­ßung der Schu­len ungern lernt.

Dabei las­sen sich kaum Unter­schie­de zwi­schen den Schul­ty­pen fest­ma­chen, wohin­ge­gen Eltern von leis­tungs­schwä­che­ren Kin­dern deut­lich sel­te­ner von Lern­er­fol­gen und Lern­mo­ti­va­ti­on wäh­rend des Fern­un­ter­richts berichteten.

Zunah­me digi­ta­ler Tools

Ein Blick auf die Art der Bereit­stel­lung von Lern­auf­ga­ben wäh­rend des Fern­un­ter­richts zeigt, dass digi­ta­le Lern­platt­for­men tra­di­tio­nel­le­re Über­mitt­lungs­we­ge wie das E‑Mail als das am häu­figs­ten ein­ge­setz­te Tool abge­löst haben. Zwei Drit­tel der Eltern (63 Pro­zent) berich­te­ten vom Ein­satz digi­ta­ler Lern­platt­for­men zur Über­mitt­lung von Lern­ma­te­ria­li­en, wäh­rend nur vier von zehn Eltern (38 Pro­zent) den Ein­satz von E‑Mails wahr­ge­nom­men haben. In einer deut­schen Ver­gleichs­stu­die zum Lock­down im Früh­jahr 2020 nah­men digi­ta­le Lern­platt­for­men noch den zwei­ten Platz hin­ter ande­ren Tools, wie E‑Mail oder Whats­App, ein.

Wenig gemein­sa­mer Unter­richt mit der gan­zen Klasse

Wäh­rend in Volks­schu­len die Bereit­stel­lung von Auf­ga­ben in Papier­form über­wog, kamen vor allem älte­re Schüler*innen in den Genuss syn­chro­ner digi­ta­ler Leh­re. Den­noch hat­te knapp ein Drit­tel (31 Pro­zent) aller Schüler*innen nie oder weni­ger als ein­mal pro Woche gemein­sa­men Unter­richt mit der gan­zen Klas­se (z.B. per Video­kon­fe­renz). Eltern von Volks­schul­kin­dern gaben sogar mehr­heit­lich (51 Pro­zent) an, dass ihr Kind kei­nen gemein­sa­men Unter­richt hatte.

Schul­schlie­ßung als rich­ti­ge Maßnahme

Die für Öster­reich reprä­sen­ta­ti­ve Eltern­be­fra­gung zum Lock­down Anfang 2021 zeigt dar­über hin­aus, dass ledig­lich ein Drit­tel aller Eltern (35 Pro­zent) die Schlie­ßung der Schu­len als rich­ti­ge Maß­nah­me emp­fand. Im Lock­down im Früh­jahr 2020 waren in Deutsch­land noch rund 80 Pro­zent der befrag­ten Eltern von der Schlie­ßung der Schu­len über­zeugt. Je älter die Kin­der der in Öster­reich befrag­ten Eltern, des­to eher stimm­ten die Eltern die­ser Aus­sa­ge zu. Eltern ohne aka­de­mi­schen Abschluss und Eltern von leis­tungs­schwä­che­ren Kin­dern nah­men die Schul-Lock­downs deut­lich sel­te­ner als rich­ti­ge Maß­nah­me wahr.

Kurzportrait

Chris­toph Helm ist Pro­fes­sor für Päd­ago­gik an der Linz School of Edu­ca­ti­on der Johan­nes Kep­ler Uni­ver­si­tät. Er hat die Venia im Fach Bil­dungs­for­schung. Sei­ne For­schungs­schwer­punk­te lie­gen u.a. im Bereich „Covid-19 und Bil­dung“ und in der Schul- und Unterrichtsqualitätsforschung.

 

Alex­an­dra Postlbau­er stu­dier­te Wirt­schafts­päd­ago­gik und arbei­tet aktu­ell an Ihrer Dis­ser­ta­ti­on an der Abtei­lung für Bil­dungs­for­schung an der Linz School of Edu­ca­ti­on der Johan­nes Kep­ler Universität.

 

Nähe­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie unter: https://​www​.jku​.at/​l​i​n​z​-​s​c​h​o​o​l​-​o​f​-​e​d​u​c​a​t​ion

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