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Die fer­ne Lehre

APA/AFP
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Nach Mona­ten des Distance Lear­nings war es am 17. Mai für alle Schü­le­rin­nen und Schü­ler an der Zeit, wie­der in die Klas­sen­zim­mer und Hör­sä­le zurück­zu­keh­ren. APA-Sci­ence hat mit Bil­dungs­psy­cho­lo­gin Chris­tia­ne Spiel einen Blick zurück in die Zeit der Fern­leh­re und einen nach vor­ne in die Zukunft des Bil­dungs­sys­tems gewor­fen. Das Fazit der Exper­tin vor­ab: Wir haben dazugelernt.

Leas Zöp­fe wip­pen auf und ab, auf­ge­regt hüpft die Vier­jäh­ri­ge auf ihrem Sitz rauf und run­ter, hin und her. Vor ihr steht ein Lap­top. In einem offe­nen Zoom-Fens­ter bemüht sich eine Päd­ago­gin mit einer Hand­pup­pe um ihr jun­ges Publi­kum. Lea hat Eng­lisch­kurs – und das online.  Es wirkt nicht so, als wür­de etwas von den Zir­kus­vo­ka­beln der Ein­heit bei den unkon­zen­trier­ten, her­um­sprin­gen­den Kin­dern hän­gen bleiben.

Sze­nen wie die­se haben sich in der einen oder ande­ren Form im ver­gan­ge­nen Jahr in ganz Öster­reich abge­spielt. Bei den Kleins­ten fängt es an, bei den Schü­le­rin­nen und Schü­lern und Lehr­lin­gen (Ein­bli­cke in den Coro­na-All­tag der Lehr­lin­ge bie­tet der Gast­kom­men­tar „Distance Lear­ning in der Leh­re: Neue digi­ta­le Ansät­ze in der Aus­bil­dung von Sie­mens Öster­reich“) geht es wei­ter über die Stu­die­ren­den bis hin zu der Erwach­se­nen­bil­dung. Vom Eng­lisch­kurs für Kin­der­gar­ten­kin­der über Mathe­ma­tik­un­ter­richt in der Unter­stu­fe bis hin zum Gebär­den­spra­chen­kurs der Volks­hoch­schu­le: Alle Alters­klas­sen haben seit Beginn der Coro­na-Pan­de­mie im März 2020 Zeit im Distance Lear­ning verbracht.

Unter­richt zuhause

Grund­sätz­lich besteht für alle Kin­der in Öster­reich die Schul­pflicht – das bedeu­tet aber nicht, dass die Bil­dungs­ver­mitt­lung in einer Schu­le statt­fin­den muss. So besteht auch die Mög­lich­keit des Häus­li­chen Unter­richts, wo meist ein Eltern­teil die Rol­le der Leh­ren­den über­nimmt. Vor­aus­set­zung dafür ist, dass „der Unter­richt jenem an einer […] Schu­le […] min­des­tens gleich­wer­tig ist“ (SchPflG § 11, 1985). Dem Häus­li­chen Unter­richt gegen­über ste­hen die Begrif­fe  Distance  Tea­ching  und  Distance  Lear­ning (also Fern­leh­re), zusam­men­ge­fasst unter dem Begriff Distance Edu­ca­ti­on. Hier erfolgt die Betreu­ung zwar durch Lehr­per­so­nen, aber über die Distanz. Eine Misch­form aus klas­si­schem Unter­richt und com­pu­ter­ge­stütz­tem Ler­nen ist das soge­nann­te Blen­ded Lear­ning.

Beson­ders schwer getrof­fen hat die Zeit der Fern­leh­re Stu­die­ren­de (mehr dazu im Bei­trag „Aus­lands­se­mes­ter im Aus­nah­me­zu­stand”) und Schü­le­rin­nen und Schü­ler – Letz­te­re haben rund die Hälf­te der Unter­richts­zeit in der Fern­leh­re ver­bracht, an den Hoch­schu­len wur­de dies je nach Uni­ver­si­tät, Stu­di­en­gang und Fach unter­schied­lich gehand­habt (mehr zur Lage der Uni­ver­si­tä­ten lesen Sie im Gast­bei­trag „Die Legen­de von der geschlos­se­nen Uni­ver­si­tät“ von Sabi­ne Seid­ler, Prä­si­den­tin der uni­ko sowie im Gast­bei­trag der Bun­des­im­mo­bi­li­en­ge­sell­schaft „Uni­ver­si­täts­ge­bäu­de sind für Ver­än­de­rung gerüs­tet”).

Mit den Aus­wir­kun­gen haben sich mitt­ler­wei­le unzäh­li­ge Stu­di­en befasst (bei­spiels­wei­se die Befra­gung „Ler­nen unter COVID-19-Bedin­gun­gen“ der Uni­ver­si­tät Wien, an der auch Chris­tia­ne Spiel betei­ligt war. Hier wur­de seit April 2020 bis­her vier Mal erho­ben, wie Schü­ler mit dem Home-Lear­ning zurecht­kom­men (mehr dazu lesen Sie in im Bei­trag “Die fast nor­ma­le Schu­le“).

Allen Stu­di­en gemein ist der Pro­blem­punkt, dass nur Schü­ler erreicht wer­den konn­ten, die über Inter­net­zu­gang ver­fü­gen. „Die­je­ni­gen Lehrer(-innen) oder Schüler(-innen), denen es sehr schlecht gegan­gen ist oder die sehr wenig enga­giert waren, neh­men an sol­chen Stu­di­en auch nicht teil“, so Spiel.

Auf einen Blick

Bei Distance Edu­ca­ti­on (Distance  Tea­ching  und  Distance  Lear­ning)  erfolgt die Betreu­ung durch Lehr­per­so­nen über die Distanz. Eine Misch­form aus klas­si­schem Unter­richt und com­pu­ter­ge­stütz­tem Ler­nen ist das soge­nann­te Blen­ded Learning. 

Facts

Acht-Punk­te-Plan für die Digi­ta­li­sie­rung der öster­rei­chi­schen Schulen
Mit 250 Mil­lio­nen Euro wer­den Schu­len aus der (Kreide-)Zeit des fron­ta­len Tafel­un­ter­richts in die Zeit der Digi­ta­li­sier­ten Leh­re geholt. Unter ande­rem sol­len End­ge­rä­te für Ler­nen­de und Leh­ren­de bereit­ge­stellt, Lern­platt­for­men ver­ein­heit­licht und Päd­ago­gIn­nen auf das Unter­rich­ten in Blen­ded- und Distance-Lear­ning-Set­tings vor­be­rei­tet wer­den. Außer­dem sol­len Lern-Apps für den Ein­satz in Blen­ded- und Distance-Lear­ning geprüft und mit einem Güte­sie­gel, das Ori­en­tie­rung bei der Aus­wahl geeig­ne­ter Apps geben soll, aus­ge­zeich­net wer­den können.

Anlauf­stel­le für Schul­psy­cho­lo­gi­sche Bera­tung: https://​www​.schul​psy​cho​lo​gie​.at/​p​s​y​c​h​o​l​o​g​i​s​c​h​e​-​g​e​s​u​n​d​h​e​i​t​s​f​o​e​r​d​e​r​u​n​g​/​c​o​r​ona

„Unse­re Stu­di­en zei­gen, dass sowohl Schüler(-innen) als auch Lehrer(-innen) dazu­ge­lernt haben.” Chris­tia­ne Spiel

Digi­tal in acht Schritten

Den­noch: „Unse­re Stu­di­en zei­gen, dass sowohl Schüler(-innen) als auch Lehrer(-innen) dazu­ge­lernt haben. Aber sicher nicht alle in glei­cher Wei­se. Wir hat­ten vor­her schon eine sehr hete­ro­ge­ne Aus­gansla­ge“, ver­weist Spiel mit Blick nicht nur auf Schü­ler und Lehr­per­so­nen, son­dern auch auf die Aus­stat­tung. „Es gab sicher Schu­len ohne Inter­net­zu­gang oder Lehr­per­so­nen, die nicht beson­ders tech­ni­kaf­fin waren. Aber im Mit­tel wur­de dazu­ge­lernt.“ Spiel bringt als Bei­spiel die Lern­platt­for­men, die im Unter­richt ein­ge­setzt wer­den. Im ers­ten Lock­down hät­ten sich vie­le Schü­ler beklagt, zu vie­le unter­schied­li­che Platt­for­men nut­zen zu müs­sen, wor­auf­hin das Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um im Rah­men des Acht‑Punk­te-Plans für die Digi­ta­li­sie­rung der öster­rei­chi­schen Schu­len dazu dräng­te, sich auf eine Platt­form zu eini­gen. Eine Umfra­ge im zwei­ten Lock­down ergab, dass die gro­ße Mehr­heit tat­säch­lich nur mehr eine oder zwei Platt­for­men nut­zen musste.

Das ist aber nur eine der tech­ni­schen Hür­den, die zu bewäl­ti­gen waren, denn viel wich­ti­ger als die Lern­platt­form ist das digi­ta­le End­ge­rät, mit dem die Schü­ler über­haupt erst am Unter­richt teil­neh­men kön­nen. Im Ach­t‑­Punk­te-Plan heißt es unter ande­rem: „Im Schul­jahr 2021/22 erhal­ten Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Sekun­dar­stu­fe I digi­ta­le End­ge­rä­te in der 5. und 6. Schul­stu­fe, ab dem Schul­jahr 2022/23 jeweils in der 5. Schul­stu­fe.“ Schu­len kön­nen sich mit einer Absichts­er­klä­rung für die Initia­ti­ve anmel­den, ein pri­va­ter Finan­zie­rungs­an­teil durch die Erzie­hungs­be­rech­tig­ten im Umfang von 25 Pro­zent ist vor­ge­se­hen.  Die Aus­stat­tung mit digi­ta­len End­ge­rä­ten wird „im Herbst begon­nen, zunächst mit den 5. und 6. Schul­stu­fen, dann mit jeder neu­en 5. Schul­stu­fe“, dazu sei­en „alle Maß­nah­men des Acht-Punk­te Plans in Vor­be­rei­tung bereits abge­ar­bei­tet oder in Abar­bei­tung”, so Iris Rauska­la, Sek­ti­ons­chefin im Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um (mehr zur Umset­zung des Ach­t‑­Punk­te-Plans lesen Sie unter “Didak­tik aus der Fer­ne“).

In Chris­tia­ne Spiels Augen ist es beson­ders wich­tig, auf die ent­spre­chen­de Soft­ware zu ach­ten. „Es soll­te nicht nur Soft­ware ent­wi­ckelt wer­den, die genau für die­se Gerä­te passt, die vom Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um bereit­ge­stellt wer­den, son­dern Apps oder Lern­un­ter­la­gen, die für alle End­ge­rä­te nutz­bar sind.“ Denn Kin­der, die bei­spiels­wei­se bereits im Besitz eines End­ge­rä­tes sei­en,  könn­ten dann die­ses Gerät wei­ter­ver­wen­den, statt die Benut­zung eines neu­en Geräts erler­nen zu müs­sen. Damit könn­te auch Geld gespart wer­den, so Spiel.

Die tech­ni­sche Hürde

Auch wenn noch nicht alle Kin­der über die ent­spre­chen­den End­ge­rä­te ver­fü­gen: Die Anzahl der Kin­der, die zuhau­se einen eige­nen, unein­ge­schränk­ten Inter­net­zu­gang haben, nimmt ste­tig zu und hat durch die Pan­de­mie einen wei­te­ren Schub bekom­men. Eine Stu­die der EduG­roup ergab, dass 2016 erst drei Pro­zent der ober­ös­ter­rei­chi­schen Sechs- bis Zehn­jäh­ri­gen dar­über ver­füg­ten, 2018 waren es bereits sechs Pro­zent und  2020 17 Pro­zent (mehr zu den tech­ni­schen Pro­blem­stel­lun­gen und Lösun­gen lesen Sie unter „Schu­len hat­ten Distance Lear­ning nicht am Radar“ und „Von der Pflicht zur Kür: Der stei­ni­ge Weg zur digi­ta­len Hoch­schu­le“).

Wovon im Ach­t‑­Punk­te-Plan der Regie­rung kaum die Rede ist, ist die Didak­tik – dabei sei das das Wich­tigs­te, ist Spiel über­zeugt. Vie­le Schü­ler hät­ten in Umfra­gen ange­ge­ben, „dass die Lehr­per­so­nen einen Fron­tal­un­ter­richt vor der Klas­se in einen Fron­tal­un­ter­richt vor dem Gerät umge­setzt haben.“ Der Fron­tal­un­ter­richt sei aber an eine fik­ti­ve Mit­te gerich­tet, in der sich in der Rea­li­tät kaum jemand befin­de – „die einen lang­wei­len sich, die ande­ren sind über­for­dert.“ Hier sieht Spiel in Zukunft den gro­ßen Plus­punkt des Online-Ler­nens: „Man kann so einer­seits Inter­es­sen ver­tie­fen und ande­rer­seits ein­zel­nen Schüler(-innen) mehr Übungs­mög­lich­kei­ten geben, die nicht alle brau­chen.“ Pri­mär sol­le aber im Klas­sen­zim­mer unter­rich­tet werden.

„Wir haben uns in letz­ter Zeit immer mehr in Bla­sen bewegt.” Chris­tia­ne Spiel zu Cyberbullying

Bub­bles und Bullying

Mit ein Grund dafür ist, „dass wir uns in letz­ter Zeit immer mehr in Bla­sen bewegt haben. Wir fin­den das­sel­be lus­tig, wir fin­den das­sel­be blöd. Man kom­mu­ni­ziert gar nicht mehr mit denen, die anders­den­kend sind, man setzt sich dem Dis­kurs nicht aus.“ Die Aus­ein­an­der­set­zung mit Anders­den­ken­den kön­ne man in der Schu­le zum Bei­spiel mit Dis­kus­si­ons­run­den schaf­fen, bei denen die Kin­der die Rol­le von Impf­geg­nern und Impf­be­für­wor­tern oder poli­ti­schen Par­tei­en über­neh­men und sich in die Grup­pe hin­ein­ver­set­zen müs­sen. Das fällt aber über die Distanz schwe­rer, als wenn man ein akti­ves Gegen­über hat.

Auch Cyber­bul­ly­ing sei eine zuneh­men­de Gefahr durch die vie­le Zeit, die Kin­der und Jugend­li­che in den Sozia­len Net­zen ver­brin­gen. Im Nor­mal­fall sei das eige­ne Zuhau­se ein Rück­zugs­ort vor Mob­bing an der Schu­le, aber wenn die Gren­zen zwi­schen Klas­sen­zim­mer und Kin­der­zim­mer ver­schwim­men, sei das nicht mehr mög­lich, so Spiel. „Das Inter­net kann wie alle Din­ge posi­tiv genutzt wer­den, es gibt aber vie­le nega­ti­ve Sei­ten.“ Gene­rell sei der Umgang damit nicht selbst­ver­ständ­lich und müs­se gelernt wer­den, betont sie (mehr dazu im Gast­bei­trag der FH St. Pöl­ten: „Digi­tal Liter­acy: Navi­gie­ren im digi­ta­len Infor­ma­ti­ons­dschun­gel“).

Cybermob­bing, ein Ver­lust der Tages­struk­tur, die Abge­schnit­ten­heit vom Freun­des­kreis, die Kri­se übt auf Kin­der und Jugend­li­che auf viel­fäl­ti­ge Art und Wei­se Druck aus. „Weil vie­le Fak­to­ren, die Spaß am Leben berei­ten, aus dem All­tag der Kin­der her­aus­ge­nom­men wur­den”, sei­en zuneh­mend depres­si­ve Zustands­bil­der zu beob­ach­ten, kon­sta­tier­te etwa Paul Ple­ner, Lei­ter der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien am Wie­ner AKH, bereits vor einem Jahr (zum Arti­kel: Kin­der­psych­ia­ter: Schul­öff­nung kann „Druck her­aus­neh­men”). Dazu kommt, dass es kei­ne Mög­lich­keit gibt, dem eige­nen Zuhau­se zu ent­kom­men – egal, ob das Pro­blem hier eine zu klei­ne Woh­nung oder ein gewalt­tä­ti­ges Eltern­haus darstellt.

Im März die­sen Jah­res ergab eine Befra­gung der Donau-Uni Krems und der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien, dass sich die Häu­fig­keit von Beschwer­den wie depres­si­ver Sym­pto­ma­tik oder  Angst­sym­pto­men (jeweils über 50 Pro­zent), Schlaf­stö­run­gen und Co. ver­fünf- bis ver­zehn­facht hat (zum Arti­kel: Coro­na – Psy­chi­sche Gesund­heit von Schü­lern mas­siv ver­schlech­tert).

Der Druck steigt aber nicht nur für Kin­der, son­dern auch für ihre Eltern. Mehr dazu im Gast­bei­trag „1 Jahr Fern­un­ter­richt! Erkennt­nis­se zur Ent­wick­lung der Lage aus Sicht der Eltern – Befun­de einer reprä­sen­ta­ti­ven Befra­gung“ von Alex­an­dra Postlbau­er und Chris­toph Helm der Johan­nes Kep­ler Uni­ver­si­tät Linz.

Lern­ver­lus­te – ist die Genera­ti­on doch nicht so verloren?

Oft war in den letz­ten Mona­ten die Rede von der ver­lo­re­nen Genera­ti­on, einer Genera­ti­on Lost – ein Begriff, der ursprüng­lich Jugend­li­che bezeich­ne­te, die in der Zeit nach dem ers­ten Welt­krieg in einer Welt ohne Per­spek­ti­ve auf­wuch­sen, und der in sei­ner aktu­el­len Ver­wen­dung mehr als nur über­zo­gen scheint.

Die Pan­de­mie war „wie ein natür­li­ches Expe­ri­ment“, auf das nie­mand vor­be­rei­tet war, betont Spiel. Es habe aber nicht nur Lern­ver­lus­te gege­ben, son­dern auch Lern­er­fol­ge. „Ich gehe davon aus, dass es einen Schub in fach­über­grei­fen­den Kom­pe­ten­zen wie der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on gege­ben hat. Frü­her war die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on nicht aus­rei­chend ver­an­kert, aber jetzt waren die Kin­der dazu gezwun­gen. Die Schüler(innen), die wir mit den Umfra­gen erreicht haben, geben ganz klar an, dass das immer bes­ser gelingt.“

Dass die Genera­ti­on so ver­lo­ren sei, wie es oft heißt, glaubt Spiel also nicht. „Mög­li­cher­wei­se ist das Fak­ten­wis­sen in man­chen Fächern weni­ger gewor­den“, räumt sie ein. Aber zusätz­lich zu den exis­tie­ren­den Maxi­mal­plä­nen brau­che es Mini­mal­plä­ne, ist sie über­zeugt (Anm.: Wäh­rend ein Maxi­mal­plan das Maxi­mum des­sen vor­gibt, was zu leh­ren und zu ler­nen ist, gibt ein Mini­mal­plan ein Mini­mum vor und lässt Leh­ren­den und Ler­nen­den dar­über hin­aus die indi­vi­du­el­le Frei­heit). So soll­ten Kin­der die Mög­lich­keit bekom­men, ihr Wis­sen in jenen Fächern und The­men zu ver­tie­fen, wo sie Inter­es­se oder Bega­bung hätten.

Ver­lie­rer der Krise

Nichts­des­to­trotz: Wo es Gewin­ner gibt, gibt es immer auch Ver­lie­rer. Im Fall des Distance Lear­nings sind das laut Spiel „die­je­ni­gen, denen es schon vor­her schlecht in der Schu­le gegan­gen ist; die­je­ni­gen, deren Eltern einen schwa­chen Bil­dungs­hin­ter­grund haben; die­je­ni­gen, deren Eltern nicht Deutsch kön­nen.” Für Kin­der, die auf Deutsch­för­de­rung ange­wie­sen sind, bedeu­te ein Unter­richt über einen Bild­schirm eine beson­de­re Belas­tung. Wenn der Groß­teil der Zeit zuhau­se ver­bracht und dort aber eine ande­re Spra­che gespro­chen wer­de als die Unter­richts­spra­che, behin­de­re das mas­siv das Vor­an­kom­men, betont Spiel.

Mit den Her­aus­for­de­run­gen für Kin­der und Jugend­li­che mit Migra­ti­ons­er­fah­run­gen befasst sich unter ande­rem das For­schungs­pro­jekt MiCREA­TE – mehr dazu im Gast­bei­trag „Inte­gra­ti­on im Distance Lear­ning? Struk­tu­rel­le Her­aus­for­de­run­gen benö­ti­gen struk­tu­rel­le Ant­wor­ten“ von For­sche­rin­nen der Uni­ver­si­tät Wien.

Jun­ge Men­schen mutig machen

 

„Covid hat uns gezeigt, wie hilf­los wir sein kön­nen und wie schlecht in der Lage  zu pla­nen. Die jun­gen Men­schen haben nun nicht nur die Pan­de­mie, son­dern ins­ge­samt eine Zukunft mit sehr vie­len Her­aus­for­de­run­gen vor sich, die viel kom­ple­xer ist, als wir es erlebt haben“, meint Spiel. Die Kli­ma­kri­se sein nur ein Bei­spiel. „Ich fra­ge mich, ob unse­re Bil­dungs­sys­te­me die jun­gen Men­schen dar­auf vor­be­rei­ten – und zwar so vor­be­rei­ten, dass sie auch mutig sind und Selbst­ver­trau­en haben. Wir brau­chen kei­ne unsi­che­ren, ängst­li­chen Men­schen, son­dern Men­schen, die sich zutrau­en, sol­che Her­aus­for­de­run­gen aktiv anzu­ge­hen. Hier braucht es nicht nur Reak­tio­nen, son­dern Aktio­nen – damit die Welt in hun­dert Jah­ren nicht kaputt ist.“

Statt ein wenig die Lehr­plä­ne anzu­pas­sen, müs­se das gesam­te Bil­dungs­sys­tem über­dacht wer­den, denn: „Ist die Schu­le der­zeit so, dass sie Men­schen mutig macht? Ich wür­de sagen, sie sucht eher nach Feh­lern.“ Selbst­ver­trau­en, rea­ti­ves Den­ken, die Fähig­keit zur Pro­blem­lö­sung, Ver­ant­wor­tung, „sol­che Sachen brau­chen wir, um jun­ge Men­schen auf die Welt vor­zu­be­rei­ten“, ist Spiel über­zeugt. Das betref­fe aber nicht nur die Schu­le, son­dern sämt­li­che Bil­dungs­stu­fen, denkt sie an ihre eige­nen Stu­die­ren­den. Denn auch für die­se und ihre Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren stellt der Online-Unter­richt eine Her­aus­for­de­rung dar. Für einen guten Online-Unter­richt und die damit ver­knüpf­te Didak­tik brau­che es eine pro­fun­de Aus­bil­dung, erklärt Clau­dia Mös­sen­lech­ner, Lei­te­rin der MCI Lear­ning Solu­ti­ons, etwa im Bei­trag „Uni-Leh­ren­de im Lock­down – Her­aus­for­de­rung digi­ta­le Didak­tik“. „Was es ganz oft braucht ist, wie man mit Pro­ble­men umgeht, wie man an Pro­ble­me her­an­geht“, so Spiel: „Nicht die rich­ti­ge Lösung, son­dern mög­li­che Wege zu Lösun­gen sind wich­tig. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das mei­nen Stu­die­ren­den aus­rei­chend vermittle.“

Digi­tal statt lokal

Die Digi­ta­li­sie­rung sei dafür inso­fern hilf­reich, als dass sie „die Schu­le von der loka­len Gebun­den­heit lösen“ kön­ne, träumt Spiel davon, dass sich Schü­ler auf der gan­zen Welt mit­ein­an­der ver­net­zen und gemein­sam an Dis­kur­sen zur Lösung inter­na­tio­na­ler Pro­ble­me teil­neh­men. Hier habe das Distance Lear­ning etwas in Gang gesetzt. „Das Weg­kom­men von der loka­len zur inter­na­tio­na­len Schu­le ist nur durch die Digi­ta­li­sie­rung mög­lich. Es ist noch viel zu tun, wir sind noch damit beschäf­tigt, wie man damit umgeht. Aber Sie sit­zen in Wien, ich sit­ze in Sekull nahe am Wör­ther­see – man sieht, wie viel mehr mög­lich ist.“

Stun­den nach ihrem Eng­lisch­kurs liegt Lea tief schla­fend in ihrem Bett, einen Stoff­hund fest an sich gedrückt. Plötz­lich sagt sie in schöns­tem Eng­lisch: „It’s a cir­cus“  und schläft wei­ter. Der Unter­richt hat wohl auch über die Distanz etwas gebracht.

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