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Gastbeitrag / Sabine Seidler / Donnerstag 10.06.21

Die Legen­de von der geschlos­se­nen Universität

Mit dem ers­ten Lock­down im März 2020 hat für die Uni­ver­si­tä­ten ein neu­es Zeit­al­ter begon­nen. „Rich­tig“, „über­trie­ben“, „das kann man so nicht sehen“, sind die übli­chen Reak­tio­nen auf die­se The­se, aber wie zutref­fend ist die­se? Um es gleich vor­weg zu neh­men: Die­se Fra­ge ist nicht ein­deu­tig beant­wort­bar, weil die Uni­ver­si­tä­ten mit­ten in einem Ver­än­de­rungs­pro­zess ste­cken, der mit dem Ende der Covid-19-Pan­de­mie nicht vor­bei sein wird, aber es sind Ten­den­zen ableitbar.

Schau­en wir zurück auf das Win­ter­se­mes­ter 2019/20, ein ganz nor­ma­les Semes­ter mit einem Prä­senz­be­trieb, an der einen oder ande­ren Stel­le auf­ge­lo­ckert durch durch­aus viel­fäl­ti­ge digi­ta­le Ange­bo­te. Die Uni­ver­si­tä­ten waren dabei, ihre Digi­ta­li­sie­rungs­stra­te­gien in die Tat umzu­set­zen, es wur­den ver­schie­de­ne For­ma­te aus­pro­biert, der ent­spre­chen­de Auf- und Aus­bau der Infra­struk­tur hat­te begon­nen. Von außen betrach­tet, waren das wich­ti­ge inkre­men­tel­le Schrit­te, und dann war inner­halb von weni­gen Tagen alles anders.

Man kann den ers­ten Lock­down durch­aus als Dis­rup­ti­on für die Digi­ta­li­sie­rung in der Leh­re bezeich­nen, der nicht annä­hernd erfolg­reich hät­te sein kön­nen, wenn die Legen­de von der geschlos­se­nen Uni­ver­si­tät der Wirk­lich­keit ent­sprä­che. Rich­tig ist, bezo­gen auf die Dau­er der Pan­de­mie waren für einen ver­gleichs­wei­se kur­zen Zeit­raum die Uni­ver­si­täts­ge­bäu­de geschlos­sen, mehr nicht.

Aus­bau der Infrastruktur

Seit der Ankün­di­gung des Lock­downs im März 2020 wur­de die tech­ni­sche Infra­struk­tur mas­siv aus­ge­baut, Lehr- und Lern­platt­for­men wur­den erwei­tert, Stra­te­gien für distance lear­ning und home lear­ning (weiter-)entwickelt, sowie Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te für Stu­die­ren­de und Leh­ren­de zur Ver­fü­gung gestellt. Die­ser Pro­zess ist noch nicht beendet.

Stan­den am Anfang der schnel­le Umstieg und die dazu erfor­der­li­chen Res­sour­cen im Mit­tel­punkt, nahm mit der Vor­be­rei­tung auf das Win­ter­se­mes­ter 2020/21 der Anspruch zu, nach­hal­tig digi­ta­les Leh­ren in den Cur­ri­cu­la zu ver­an­kern, und die­ser Weg wird kon­se­quent wei­ter­ver­folgt wer­den. Die Dyna­mik die­ses Pro­zes­ses ist – unbe­nom­men der Tat­sa­che, dass die gesam­te Situa­ti­on allen viel abver­langt – eine gro­ße, und es ist wich­tig, die­sen Schwung mit­zu­neh­men in unse­re digi­ta­le Zukunft.

Trotz die­ser posi­ti­ven Aspek­te: Was bedeu­tet Ler­nen auf Distanz nun im drit­ten „Coro­na-Semes­ter“? Unbe­strit­ten ist, dass sowohl die Stu­die­ren­den als auch die Leh­ren­den „distanz­mü­de“ sind. Die Erst­se­mest­ri­gen wis­sen nicht ein­mal, wo sie eigent­lich stu­die­ren. Die Vor­tra­gen­den reden bei Vor­le­sun­gen in ein schwar­zes Loch. Damit lässt sich nur schwer Begeis­te­rung ent­fa­chen. Das gilt auch für jene Stu­die­ren­den, die 2020 mit dem Mas­ter­stu­di­um begon­nen haben: Bei mitt­ler­wei­le bis zu drei Semes­tern digi­ta­len Leh­rens und Ler­nens braucht es schon einen zusätz­li­chen Motivationsschub.

Wor­aus die­se Moti­va­ti­on schöp­fen? Nach wie vor ist die intrinsi­sche Moti­va­ti­on aller Uni­ver­si­täts­an­ge­hö­ri­gen die Situa­ti­on zu bewäl­ti­gen hoch, das sprich­wört­li­che „Licht am Ende des Tun­nels“ bil­den jedoch die Ent­wick­lun­gen der letz­ten Mona­te, die in abseh­ba­rer Zeit im „Grü­nen Pass“ gip­feln wer­den. Damit erwei­tern sich die Mög­lich­kei­ten, Uni­ver­si­tät wie­der als sol­che zu erle­ben, deutlich.

Neben den bereits das gesam­te Stu­di­en­jahr statt­fin­den­den Labors, künst­le­ri­schem Ein­zel­un­ter­richt und aus­ge­wähl­ten Lehr­ver­an­stal­tun­gen, wer­den bereits jetzt klei­ne­re Lehr­ver­an­stal­tun­gen und Semi­na­re wie­der in Prä­senz durch­ge­führt, eben­so wie Prü­fun­gen, auch wenn mit zwei Metern Abstand die Raum­ka­pa­zi­tä­ten nur sehr ein­ge­schränkt genutzt wer­den kön­nen. Für das Win­ter­se­mes­ter 2021/22 zeich­net sich ein Sze­na­rio ab, in dem wir wesent­lich mehr Per­so­nen pro Raum zulas­sen kön­nen als im ver­gan­ge­nen Herbst – mit einer Raum­aus­las­tung von bis zu 50 Pro­zent, viel­leicht auch mehr. Aller­dings wird uns neben dem Sicher­heits­ab­stand sicher auch die Mas­ke durch das kom­men­de Win­ter­se­mes­ter begleiten.

Die Pla­nun­gen der Uni­ver­si­tä­ten haben – bereits vor der mit Mai sicht­ba­ren Ent­span­nung bei den Fall­zah­len – ein­ge­setzt: Eini­ge Unis, dar­un­ter auch die TU Wien, gehen davon aus, dass Abstand­hal­ten und Hygie­ne­maß­nah­men ver­bun­den mit Kon­trol­len (Tests, Imp­fun­gen) auch im Win­ter­se­mes­ter aktu­ell sein wer­den und digi­ta­le Leh­re nach wie eine Rol­le spie­len wird. Hybrid­va­ri­an­ten wer­den unter Ein­hal­tung der ent­spre­chen­den Sicher­heits­vor­keh­run­gen geplant. Ande­re Uni­ver­si­tä­ten, dar­un­ter die Kunst­u­nis, wol­len die Leh­re im Herbst über­wie­gend in Prä­senz anbie­ten. So unwäg­bar die Situa­ti­on im Herbst für das Leh­ren und Ler­nen an den Uni­ver­si­tä­ten ist, eines steht fest: Distanz- und Hybrid­leh­re sind kein Sparmodell.

Hybri­de Universität 

Der Blick über das kom­men­de Win­ter­se­mes­ter hin­aus zeigt uns eine hybri­de Uni­ver­si­tät, d.h. eine Uni­ver­si­tät mit phy­si­schen und vir­tu­el­len Räu­men. Das bedeu­tet, die Uni­ver­si­tä­ten ste­hen vor der nächs­ten Her­aus­for­de­rung: Der ganz­heit­li­chen Gestal­tung von phy­si­schen und digi­ta­len Lern- und For­schungs­um­ge­bun­gen, um den unter­schied­li­chen Bedürf­nis­sen aller Uni­ver­si­täts­an­ge­hö­ri­gen gerecht zu wer­den. Der phy­si­sche Cam­pus wird als Ort der sozia­len Inter­ak­ti­on und des Dia­logs wei­ter­hin von ent­schei­den­der Bedeu­tung sein. Gleich­zei­tig wird es Räu­me brau­chen, die kon­zen­trier­tes Ler­nen ermög­li­chen. Der vir­tu­el­le Cam­pus wird das Tor der Uni­ver­si­tä­ten nach außen, die Chan­ce, den Zugang für alle inter­es­sier­ten nie­der­schwel­lig zu ermög­li­chen und damit eben­so wie der phy­si­sche Cam­pus dazu bei­tra­gen, die Auf­ga­ben der Uni­ver­si­tät zu erfüllen.

Kurzportrait

Sabi­ne Seid­ler wur­de im Sep­tem­ber 1996 als ers­te ordent­li­che Pro­fes­so­rin für Nicht­me­tal­li­sche Werk­stof­fe an die Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Wien, Fakul­tät für Maschi­nen­we­sen und Betriebs­wis­sen­schaf­ten, beru­fen. Die For­sche­rin Sabi­ne Seid­ler kon­zen­triert sich auf Struk­tur-Eigen­schafts­be­zie­hun­gen in Kunst­stof­fen, Kunst­stoff­dia­gnos­tik und Bruch­me­cha­nik. Im Okto­ber 2007 wur­de Sabi­ne Seid­ler an der TU zur Vize­rek­to­rin für For­schung bestellt, wobei sie For­schungs­ko­ope­ra­tio­nen und Inter­na­tio­na­les ver­ant­wor­te­te. Am 4. März 2011 wur­de sie zur ers­ten Rek­to­rin der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien gewählt. Es folg­te im Mai 2018 eine zwei­te Wie­der­wahl für eine drit­te Peri­ode bis 2023. Seit Jän­ner 2020 fun­giert Prof. Seid­ler zudem als Prä­si­den­tin der Öster­rei­chi­schen Universitätenkonferenz.

In ihrer Frei­zeit genießt es Sabi­ne Seid­ler beim Rad­fah­ren, beim Kochen oder im Kon­zert aus­zu­span­nen. Zeit mit ihrer Fami­lie – sie ist ver­hei­ra­tet und hat zwei erwach­se­ne Töch­ter – zu ver­brin­gen, ist ihr sehr wichtig.

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