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Gastbeitrag / Tobias Pröll / Donnerstag 02.06.22

Die Ohn­macht der Energie-Konsument*innen – oder kön­nen wir doch etwas tun?

Seit vielen Jahren wissen wir und die jüngsten Ereignisse zeigen konkret: Wir sollten unseren Verbrauch an fossilen Energieträgern dringend reduzieren, nicht nur wegen der drohenden Klimakatastrophe, sondern auch, weil uns diese Abhängigkeit einiges kostet. Doch die große Politik hat bisher von wirksamen Maßnahmen abgesehen – nach wie vor versorgen wir uns aus fossilen Quellen mit Energie – global zu mehr als 80%, in Österreich zu rund 65%.

Das ist praktisch und bequem – die Energiewirtschaft sorgt für den Strom in der Steckdose, für den Kraftstoff an der Tankstelle, für das Erdgas in der Leitung und bedient sich dafür der jeweils kostengünstigsten Quellen. Als Einzelne fühlen wir uns trotz freier Anbieterwahl dem etablierten System ausgeliefert – inklusive den jüngst steigenden Energiepreisen, die wir zu bezahlen haben. Haushalte, die jetzt einen neuen Energieliefervertrag abschließen oder flexible Tarifmodelle im Vertrag haben, spüren das bereits.

Doch kann ich als Einzelperson etwas tun, um den Verbrauch und damit die Kosten in Grenzen zu halten – sprich: um für mich selbst diese Abhängigkeit zu reduzieren?

Die gute Nachricht vorneweg: Verbrauchsreduktion wirkt nicht nur an der Tankstelle direkt auf die Kosten, sondern auch bei den allermeisten Energietarifen für Strom und Gas dominieren die verbrauchsabhängigen Preisbestandteile. Brauche ich weniger Strom oder Gas im Haushalt, reduzieren sich daher auch die Kosten – spätestens ab der nächsten Jahresabrechnung.

Wie ich ansetzen kann, um den Verbrauch zu reduzieren, hängt von vielen Faktoren der persönlichen Lebenssituation ab. Einfamilienhaushalte am Land haben hier andere Herausforderungen, aber auch andere Möglichkeiten als Haushalte in großen Wohnhäusern in der Stadt. Dazwischen gibt es viele Abstufungen.

Für alle mitteleuropäischen Haushalte gilt allerdings gleichermaßen, dass die Wärmebereitstellung mit durchschnittlich mehr als 80% des Gesamtenergiebedarfes der mit Abstand größte Energiefresser ist. Wer Energie sparen möchte, sollte daher speziell den Heiz- und Warmwasserbedarf kritisch hinterfragen. Energieeffiziente Waschmaschinen und Geschirrspüler erreichen ihre guten Noten hauptsächlich über die Optimierung des Wasserverbrauchs, wodurch eben weniger Wasser aufgeheizt werden muss. So können auch wir uns bis zu einem gewissen Grad energieeffizienter verhalten, indem wir den Verbrauch an Warmwasser reduzieren bzw. vermeiden, wo es nicht unbedingt notwendig ist. Statt dem Wannenbad zu duschen wirkt sich nicht nur auf den Wasser-, sondern eben auch auf den Energieverbrauch aus. Beim Heizen gilt, dass eine Absenkung der Raumtemperatur um ein Grad ungefähr 6% Energieeinsparung bringt. Um auf 20% Einsparung zu kommen, müssten wir die Raumtemperatur um mehr als 3 Grad absenken. Periodisches Stoßlüften anstatt gekippter Fenster in der Heizsaison ist eine Maßnahme, die sich ebenfalls positiv auf die Gasrechnung auswirken sollte – praktisch ohne Komfortverlust. All dies kann aber die derzeit abzusehenden Preissteigerungen lediglich abmildern, nicht kompensieren. Viele Haushalte werden daher selbst beim besten Willen mit empfindlich höheren Energiekosten überleben müssen.

Eine weitergehende Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern kann durch thermische Gebäudesanierung, einen Wechsel des Heizsystems von Öl oder Gas zu Fernwärme oder Wärmepumpen und durch die Erschließung erneuerbarer Energie in Form von haushaltseigener Photovoltaik erreicht werden. Hier haben Bewohner*innen von mehrgeschoßigen Wohnbauten nur bedingt Handlungsspielraum – solche Maßnahmen hängen von der Eigentümerin bzw. von der Hausgemeinschaft ab und sind kurzfristig schwer umzusetzen. Allerdings arbeiten viele Wohnbauträger bereits an innovativen Sanierungskonzepten inklusive Gasausstieg für ihre Objekte.

Im Bereich der Einfamilienhäuser haben Einzelne wesentlich mehr Möglichkeiten. Förderungen auf Bundes- und Landesebene machen den Tausch eines fossilen Heizsystems derzeit besonders attraktiv. Hier lassen sich auch Synergien nutzen – Beispiel: Wärmepumpe – Photovoltaik – Elektrofahrzeug. Die „Betriebskosten“ können dabei auf ein Viertel oder sogar ein Fünftel reduziert werden – und ebenso die assoziierten Treibhausgasemissionen. Wie die Anlagen zu dimensionieren sind, wie viel dafür investiert werden muss und wie lange die Amortisation dann dauert, muss wegen der großen Zahl an Einflussfaktoren jeweils im Einzelfall bestimmt werden. Als kurioser Hemmschuh wirkt hier gerade die Lieferbarkeit von technischen Komponenten. Wartezeiten bei Photovoltaikprojekten können bis zu einem Jahr betragen. Wesentlich weniger Veränderung bedeutet der Umstieg von Öl oder Gas auf Biomasse-Heizkessel, die von der Treibhausgasbilanz her zwar wesentlich besser sind, aber eben auch schwer vorhersehbaren Brennstoffpreisschwankungen unterliegen. Solche Systeme sind gut mit Solarthermie kombinierbar, die den Kesselbetrieb im Sommerhalbjahr vermeiden hilft.

Insgesamt haben wir also – mehr oder weniger begrenzte – Möglichkeiten, uns an die steigenden Energiepreise anzupassen und die Auswirkungen abzumildern. Klar ist auch, dass der Wohlstand unserer Gesellschaft auf der Verfügbarkeit von Energie gründet. Den Energieverbrauch zu senken bedeutet grundsätzlich, Einbußen hinzunehmen. Auf ein Wannenbad zu verzichten oder die Raumtemperatur in der Mietwohnung von 22 auf 19 Grad absenken zu müssen, bedeutet zweifellos einen Komfortverlust. Zu hoffen bleibt, dass auch die Politik nun Weichenstellungen vornimmt, die wirksam und sozial verträglich zu einer klimaneutralen und krisensicheren Energiewirtschaft führen. Ohne Energie kein Wohlstand – darum Effizienzsteigerung plus Umstieg auf Erneuerbare. Das hätte – wie wir gerade sehen – auch etwas mehr kosten dürfen in der Vergangenheit und würde diese Kosten jetzt hereinspielen. Viele haben immer wieder darauf hingewiesen. Wir Einzelnen sollten uns daher auch die nächsten Wahlprogramme genau anschauen.

Kurzportrait

Tobias Pröll ist Verfahrenstechniker und an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) Professor für Energietechnik und Energiemanagement. Seine Themen reichen von Energieeffizienzsteigerung über erneuerbare Energien bis zu Technologien zur Vermeidung von CO2 Emissionen. Beispiele sind effiziente Gebäudetechnik, Wärmeintegration bei industriellen Prozessen, optimierte Wärmeverteilsysteme, Kombination von erneuerbarer Stromerzeugung und Batteriespeichern, Prozess-Design für thermische Biomasseumwandlung sowie die Entwicklung effizienter Abscheideverfahren für CO2. Als Techniker fühlt er sich zunehmend am Ende der Möglichkeiten, was die Abwendung der Klimakatastrophe betrifft, da die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen für wirksame Maßnahmen bisher fehlen. In populären Technologien wie Wasserstoffmobilität oder CO2-Abscheidung aus der Luft sieht er wenig Potenzial, da wir viel kosteneffizientere Lösungen schon hätten – und nicht machen. Die aus seiner Sicht entscheidenden Fragen sind: Wie kommen wir in die breite Umsetzung der Energiewende? Und: Wie erreichen wir demokratische Mehrheiten dafür?

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