apa.at
Gastbeitrag / Richard Zweiler / Donnerstag 02.06.22

Durch Bio­en­er­gie kann mit­tel­fris­tig ein Aus­stieg aus fos­si­len Ener­gie­trä­gern erfolgen

Raus aus dem Gas? Blöd­sinn, Erd­gas ist ide­al, wir müs­sen dabei blei­ben, sonst kos­tet uns der Umstieg eine Lawi­ne. Was gibt es außer­dem Schö­ne­res als ein Koh­len­stoff­atom, des­sen vier Bin­dungs­mög­lich­kei­ten mit einem eben­so schö­nen Was­ser­stoff­atom gesät­tigt werden. 

Und wenn wir künf­tig nicht in Rubel, son­dern in öster­rei­chi­schen Euros bezah­len, dann haben wir auch kein Pro­blem. Bis­her war Ener­gie ja qua­si kos­ten­los, ganz ein­fach ein Loch in den Boden boh­ren und dann kam so viel her­aus, wie wir bis jetzt gebraucht haben. Alles ande­re war „nicht kon­kur­renz­fä­hig“, wie es so schön heißt. Erd­öl und in wei­te­rer Fol­ge Diesel=Heizöl, Ben­zin, oder Kero­sin waren sehr bil­lig, das „Abfall­pro­dukt Erd­gas“ konn­te bis­her meist sogar zu Prei­sen von weni­ger als 20 EUR/MWh bezo­gen wer­den. Das ist weni­ger, als für die Pro­duk­ti­on von Wald­hack­gut gebraucht wird. Also waren fos­si­le Ener­gie­trä­ger bis­her unaus­weich­lich und alles ande­re höchs­tens „alter­na­tiv“ oder ein net­tes Spiel­zeug für ein paar Forschende.

Was ist mit der VÖST?

Wenn wir auf die­ser pola­ri­sie­ren­den Makro­ebe­ne blei­ben, stellt sich die Fra­ge, ob wir denn über­haupt genü­gend Roh­stof­fe haben, um uns aus der fos­si­len Abhän­gig­keit zu befrei­en. Oft wird dann berech­tig­ter­wei­se gefragt: „Ja, damit kön­nen wir die Haus­hal­te ver­sor­gen, aber was ist denn mit den gro­ßen Ver­brau­chern wie dem Ver­kehr, oder der Indus­trie?“. Dazu gibt es kla­re Ant­wor­ten, wel­che alle streng die Ein­hal­tung des Natur­schut­zes beach­ten. Bereits 2009 hat etwa das Bun­des­for­schungs- und Aus­bil­dungs­zen­trum für Wald, Natur­ge­fah­ren und Land­schaft zusätz­lich nutz­ba­re Poten­tia­le an Wald­hack­gut von mehr als 25 Mio. Fest­me­ter pro Jahr fest­ge­stellt, was sich mit all den zahl­rei­chen Stu­di­en deckt, die danach durch­ge­führt wurden.

Aktu­ell wäre es sehr gesund, den Wald viel mehr zu nut­zen, weil Sturm­schä­den und Bor­ken­kä­fer­inva­sio­nen zu bekämp­fen sind. Letz­te Hoch­rech­nun­gen ermit­tel­ten etwa ein Poten­ti­al von bis zu 150 Mio. Fest­me­ter per anno für die nächs­ten 15 Jah­re. Ganz zu schwei­gen vom Poten­ti­al an bio­ge­nen Abfäl­len, wel­che zuletzt bei­spiels­wei­se von Dr. Chris­toph Stra­ßer prä­sen­tiert wur­den [1].

Öster­reich ist eines der welt­weit füh­ren­den Län­der für Bioenergie

 

 

Was heißt das jetzt?

Öster­reichs gesam­ter ener­ge­ti­scher End­ver­brauch vor Beginn der Pan­de­mie ent­sprach etwas mehr als 1.000 Peta­joule (PJ), etwas weni­ger als 70% davon wur­de durch Koh­le, Öl oder Gas bereit­ge­stellt. Wol­len wir jetzt „raus aus dem Gas“, dann brau­chen wir dafür 27 Mio. Fest­me­ter in Form von Wald­hack­gut pro Jahr, die­se Men­ge soll­te also gesi­chert ver­füg­bar sein. Wenn wir die Forst­wirt­schaft so weit aus­bau­en, dass zusätz­li­che 50 Mio. Fest­me­ter pro Jahr geern­tet wer­den, dann kön­nen die schwa­chen 70% unse­res fos­si­len Ener­gie­be­darfs durch sau­be­re Res­sour­cen ersetzt wer­den. Außer­dem bleibt das Geld dann bei uns und sub­ven­tio­niert kei­ne Kri­sen­län­der mehr, son­dern es wer­den Arbeits­plät­ze in Öster­reich geschaffen.

Ange­sichts der aktu­el­len Hoch­rech­nun­gen soll­te die Auf­brin­gung die­ser zusätz­li­chen 50 Mio. Fest­me­ter pro Jahr vor allem in den nächs­ten 15 Jah­ren kein Pro­blem dar­stel­len. In die­ser Peri­ode wird es auch mög­lich sein Tech­no­lo­gien zu ent­wi­ckeln, wel­che mit Abfäl­len betrie­ben wer­den. Damit wird der Bedarf an Wald­hack­gut ver­rin­gert und die­ser Wert­stoff kann mit­tel­fris­tig für hoch­wer­ti­ge­re Zwe­cke genutzt wer­den. In Öster­reich gibt es 2.500 Anla­gen, die Wald­hack­gut ein­set­zen [2], eine davon in Wien. Die logi­sche Kon­se­quenz ist es also, sol­che Anla­gen, die uns aus der fos­si­len Abhän­gig­keit befrei­en, dort anzu­sie­deln, wo auch die Res­sour­cen ver­füg­bar sind, die Abwär­me kann dann in bestehen­de Nah­wär­me­net­ze ein­ge­speist wer­den. Fazit: Wir kön­nen den gesam­ten End­ener­gie­ver­brauch, den wir der­zeit durch Koh­le, Öl oder Gas bereit­stel­len, durch unse­re eige­nen, sau­be­ren Res­sour­cen erset­zen. Dazu müss­te nur ein Drit­tel die­ser 2.500 fes­ten Bio­mas­se-Anla­gen­stand­or­te aus­ge­baut werden.

2.500 Anla­gen gewin­nen aus Wald­hack­gut Energie

Am Stand­ort der Güs­sing Ener­gy Tech­no­lo­gies wur­de 2009 das ers­te Mal welt­weit die Pro­duk­ti­on von Erd­gas aus Wald­hack­gut demonstriert.

Bereits vor der Jahr­tau­send­wen­de wur­de hier mehr End­ener­gie erzeugt als verbraucht.

Das GoBi­Gas Pro­jekt basiert auf den Erfah­run­gen aus Güs­sing. Die­se welt­weit ers­te groß­tech­ni­sche Anla­ge kann Erd­gas aus Bio­mas­se erzeu­gen und in das Gas­netz von Göte­borg einspeisen.

Neben den genann­ten Poten­tia­len an Wald­hack­gut wird bei­spiels­wei­se auch frak­tio­nier­ter, gewerb­li­cher Abfall mit­tel­fris­tig in End­ener­gie umge­wan­delt wer­den können.

Ja, und war­um stel­len wir nicht sofort um?

Ganz ein­fach: Dut­zen­de an nicht tech­ni­schen Bar­rie­ren ste­hen uns im Weg, wie dies so schön heißt. Als ein klei­nes Bei­spiel dafür kann die Ein­stu­fung des Brenn­stof­fes in Abfall, oder bio­ge­nen Brenn­stoff genannt wer­den. Durch eine Refor­mie­rung des Abfall­wirt­schafts­ge­set­zes könn­ten zum Bei­spiel zusätz­li­che Brenn­stof­fe erschlos­sen wer­den. Die beschlos­se­ne Besteue­rung fos­si­ler Ener­gie­trä­ger durch die CO2-Abga­be könn­te hel­fen, wenn die­se Gel­der tat­säch­lich dort ankom­men, wofür sie gedacht waren. Also beim wei­te­ren Auf­bau der Forst­wirt­schaft oder für den Bau neu­er Anla­gen, sowie zur Auf­recht­erhal­tung des Betrie­bes die­ser Anla­gen. Es könn­te näm­lich bald gesche­hen, dass die fos­si­len Ener­gie­trä­ger wie­der weni­ger kos­ten als die Bio­mas­se selbst und dann wird es schnell wie­der „nicht kon­kur­renz­fä­hig“ sein, „alter­na­ti­ve“ Ener­gie zu erzeu­gen. Wenn wir jetzt einen Bruch­teil von dem, was bei­spiels­wei­se in die Umstel­lung auf Elek­tro­au­tos inves­tiert wur­de, in die Umstel­lung auf grü­nes Gas inves­tie­ren, sind wir spä­tes­tens 2035 frei von Putin&Co, haben zig­tau­sen­de Arbeits­plät­ze geschaf­fen und Öster­reichs Unter­neh­men wer­den unan­ge­foch­te­ner Welt­markt­füh­rer sein.

 

[1] https://​www​.hand​werkund​bau​.at/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​u​m​s​t​i​e​g​-​a​u​f​-​g​r​u​e​n​e​s​-​g​a​s​-​i​s​t​-​r​e​a​l​i​s​t​i​s​c​h​-​4​8​722

[2] https://​www​.bio​mas​se​ver​band​.at/​m​e​d​i​a​t​h​e​k​-​p​d​f​/​b​i​o​e​n​e​r​g​i​e​-​a​t​l​a​s​-​o​e​s​t​e​r​r​e​i​c​h​-​2​0​1​9​-​f​l​i​p​b​o​ok/

[3] https://​biga​-net​.at/

[4] https://​www​.r2gas​.org/

Kurzportrait

Richard Zwei­ler hat sich 1997 der Nach­hal­tig­keit ver­schrie­ben und mit Prof. Hof­bau­er einen Dok­tor­va­ter gefun­den, wel­cher die For­schung an der Bio­mas­se­ver­ga­sung so weit vor­an­ge­trie­ben hat, dass die­se Tech­no­lo­gie nun flä­chen­de­ckend imple­men­tiert wer­den kann. In die­sem Team hat Dr. Zwei­ler an der TU Wien eine Ver­suchs­an­la­ge gebaut, wel­che eine der Grund­la­gen für das Bio­mas­se­kraft­werk Güs­sing war. Nach eini­gen Jah­ren für Exxon­Mo­bil in Nige­ria und bei Gas­sta­tio­nen der OMV über­nahm Dr. Zwei­ler mit sei­ner Frau das For­schungs­in­sti­tut Güs­sing Ener­gy Tech­no­lo­gies (GET), was bis heu­te eines der weni­gen völ­lig unab­hän­gi­gen Ein­rich­tun­gen der Ener­gie­tech­nik ist. Als ordent­li­ches Mit­glied der Aus­tri­an Coope­ra­ti­ve Rese­arch (ACR) bringt GET Ergeb­nis­se aus der Grund­la­gen­for­schung in die Anwen­dung und unter­stützt vor allem Klein- und Mit­tel­un­ter­neh­men dabei, deren inter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit aus­zu­bau­en. Dr. Zwei­ler betreibt das öster­rei­chi­sche Bio­gas­netz­werk [3] und ist Grün­dungs­mit­glied von R2Gas [4].

Stichwörter