apa.at
Gastbeitrag / Projektteam MiCREATE / Donnerstag 10.06.21

Inte­gra­ti­on im Distance Lear­ning? Struk­tu­rel­le Her­aus­for­de­run­gen benö­ti­gen struk­tu­rel­le Antworten

Foto: Web­site MiCREATE 

Die Coro­na Pan­de­mie zeigt, was davor schon da war: Sozia­le und öko­no­mi­sche Ungleich­heit führt zu wei­te­rer Benach­tei­li­gung in der Kri­se. Im Rah­men des EU-For­schung­pro­jekts MiCREA­TE (Migrant Child­ren and Com­mu­nities in a Trans­forming Euro­pe), in dem es um die Inte­gra­ti­ons­fä­hig­keit des öster­rei­chi­schen Bil­dungs­sys­tems geht, haben wir im letz­ten Jahr eine von der Pan­de­mie beson­ders betrof­fe­ne Grup­pe wis­sen­schaft­lich beglei­tet und mit ihnen Inter­views geführt: Kin­der und Jugend­li­che mit Migra­ti­ons­er­fah­run­gen. Gezeigt hat sich, dass es für die­se Grup­pe beson­ders schwer ist, am „Distance Lear­ning“ teil­zu­neh­men. Es wur­de jedoch deut­lich, dass dies weni­ger mit ihrem soge­nann­ten „Migra­ti­ons­hin­ter­grund“ zu tun hat, son­dern viel­mehr an ihren sozia­len und öko­no­mi­schen Benach­tei­li­gun­gen liegt. Da in den Dis­kur­sen die Per­spek­ti­ven der Kin­der und Jugend­li­chen jedoch häu­fig feh­len, arbei­ten wir mit einem kind­zen­trier­ten Ansatz, der die Kin­der und Jugend­li­che in den Mit­tel­punkt rückt.

Ein ein­sei­ti­ges Inte­gra­ti­ons­ver­ständ­nis von Geben und Neh­men (Migrant*innen sol­len sich bemü­hen und anpas­sen, wäh­rend die „Mehr­heits­ge­sell­schaft“ sie ledig­lich auf­nimmt) prägt das öster­rei­chi­sche Bil­dungs­sys­tem. Schlech­te Bei­spie­le für die­ses Inte­gra­ti­ons­ver­ständ­niss sind unter ande­rem leis­tungs­ori­en­tier­te Inte­gra­ti­ons­maß­nah­men, wie der MIKA-D-Test und die Deutsch­för­der­klas­sen. Sie machen deut­lich, dass der Fokus für eine ver­meint­lich erfolg­rei­che Inte­gra­ti­on vor allem auf dem Erler­nen der deut­schen Spra­che liegt. Inte­gra­ti­ons­maß­nah­men, die auf das Wohl­erge­hen der Schüler*innen und deren Poten­zi­al (z.B. ihre Mut­ter­spra­che) abzie­len, feh­len. Antidiskriminierungs‑, Anti­ras­sis­mus- und Gleich­be­rech­ti­gungs­maß­nah­men in der Bil­dung feh­len fast voll­stän­dig. Zudem fehlt eine Sen­si­bi­li­tät für struk­tu­rel­le sozia­le Benach­tei­li­gun­gen. Somit ver­stärkt das öster­rei­chi­sche Bil­dungs­sys­tem die unglei­chen Start­be­din­gun­gen in der Schu­le und führt dazu, dass der schu­li­sche Erfolg von Schüler*innen stark von dem sozia­len und kul­tu­rel­len Kapi­tal ihrer Eltern abhängt. Dem­nach gilt: Haben dei­ne Eltern eine AHS-Matu­ra und einen Uni­ver­si­täts­ab­schluss, ist es ziem­lich wahr­schein­lich, dass auch du das errei­chen wirst. Haben dei­ne Eltern aller­dings eine gerin­ge Schul­bil­dung, wirst du es ziem­lich wahr­schein­lich in der Schu­le schwe­rer haben. Das Inte­gra­ti­ons­ver­ständ­nis öster­rei­chi­scher Insti­tu­tio­nen ver­schärft die­se Situa­ti­on für Migrant*innen, die sowohl sozi­al, kul­tu­rell als auch öko­no­misch benach­tei­ligt wer­den, nicht zuletzt weil sie bei­spiels­wei­se Jobs auf­grund ihres Aus­se­hens oder Nach­na­mens nicht bekom­men. Vie­le Stu­di­en zei­gen, dass dies ein struk­tu­rel­les Pro­blem ist. Für uns war dies der Aus­gangs­punkt, um Inte­gra­ti­on in öster­rei­chi­schen Schu­len zu ver­ste­hen und in der Pan­de­mie zu analysieren.

Wir haben her­aus­ge­fun­den, dass sich durch die Pan­de­mie die­se unglei­chen Chan­cen zuge­spitzt haben. Wäh­rend alle Befrag­ten anga­ben, dass ihnen „die ech­te Schu­le“ lie­ber wäre und „Distance Lear­ning“ sie vor Her­aus­for­de­run­gen stellt, müs­sen Kin­der und Jugend­li­che mit Migra­ti­ons­er­fah­run­gen häu­fig einen hohen Mehr­auf­wand leis­ten, um mit­hal­ten zu kön­nen. Unzu­rei­chen­de tech­ni­sche Gerä­te oder kein Inter­net erschwe­ren den Zugang zum Unter­richt. Man­che Lehrer*innen berich­te­ten, dass sie mit eini­gen Schüler*innen seit dem Beginn des „Distance Lear­nings“ kei­nen Kon­takt mehr haben. Unse­ren Stu­die zeigt auch, dass nicht alle Kin­der und Jugend­li­chen die glei­chen fami­liä­ren Unter­stüt­zun­gen erhal­ten. Wäh­rend Schüler*innen, die eine AHS besu­chen, häu­fi­ger von ihren Eltern unter­stützt wer­den, müs­sen Schüler*innen einer Mit­tel­schu­le oft in Eigen­re­gie ihre Auf­ga­ben bewäl­ti­gen. Spre­chen die Eltern zudem nicht aus­rei­chend Deutsch, ver­schärft sich die Situation.

Was kann eine nach­hal­ti­ge Lösung für die­se Pro­ble­me sein? Unse­re Stu­die zeigt, dass die Pan­de­mie auf eine grö­ße­re, gesamt­ge­sell­schaft­li­che Her­aus­for­de­rung ver­weist und dem­nach ver­schie­de­ne Kom­po­nen­ten berück­sich­tigt wer­den müs­sen. Zwar ist der flä­chen­de­cken­de Ersatz feh­len­der Lap­tops um am „Distance Lear­ning“ teil­zu­neh­men zu kön­nen eben­so wich­tig wie mehr­spra­chi­ge Unter­richts­ma­te­ria­li­en. Doch sind dies nur kurz­fris­ti­ge Maß­nah­men, um den Schul­all­tag der Schüler*innen mit Migra­ti­ons­er­fah­run­gen zu erleich­tern. Län­ger­fris­tig braucht es struk­tu­rel­le Ände­run­gen und ein Umden­ken in der Bil­dungs- und Inte­gra­ti­ons­po­li­tik. Ein ganz­heit­li­cher und kind­zen­trier­ter Blick, der die sozia­len, öko­no­mi­schen, kul­tu­rel­len, aber auch emo­tio­na­len Bedürf­nis­se von Schüler*innen zen­tral setzt, ist wich­tig, um die Dimen­sio­nen der Pro­ble­ma­tik an Schu­len bes­ser zu ver­ste­hen und zu ver­än­dern. Das bedeu­tet: Bil­dungs- und Inte­gra­ti­ons­po­li­tik muss sich am Woh­le der Schüler*innen ori­en­tie­ren und dazu die Dicho­to­mie von „Migrant*innen“ ver­sus „Nicht-Migrant*innen“, die beson­ders im Dis­kurs um Schu­le bedient wird, bekämp­fen. Denn die Rea­li­tät ist: Eine plu­ra­le Schu­le ist nicht das Pro­blem, sie gehört längst zum All­tag der Schüler*innen und Lehrer*innen. Viel­mehr ist es das Bil­dungs­sys­tem, das die­ser Rea­li­tät nachhinkt.

Ser­vice:
MiCREA­TE „Coro­na Poli­cy Brief“

Kurzportrait

Bir­git Sau­er ist Pro­fes­so­rin für Poli­tik­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Wien. Sie ist öster­rei­chi­sche Lei­te­rin des Pro­jekts MiCREA­TE. Ihre For­schungs­schwer­punk­te sind Geschlecht und Poli­tik sowie Poli­tik und Affekte.

 

Stel­la Wol­ter stu­dier­te Kul­tur- und Sozi­al­an­thro­po­lo­gie und Poli­tik­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Wien und arbei­tet als prae-doc in dem Pro­jekt MiCREA­TE. Ihre For­schungs­schwer­punk­te sind kol­lek­ti­ve Iden­ti­tä­ten, Macht- und Herr­schafts­theo­rien und Migration.

 

Mira Lie­pold hat Sozi­al­raum­ori­en­tier­te Sozia­le Arbeit und Poli­tik­wis­sen­schaft in Wien stu­diert und arbei­tet eben­falls als prae-doc in dem Pro­jekt. Ihre For­schungs­schwer­punk­te sind Sozi­al­raum­theo­rien, kri­ti­sche Sicher­heits­for­schung und Migration.

 

Rosa Tatz­ber stu­diert Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Wien und arbei­tet als stu­den­ti­sche Mit­ar­bei­te­rin in dem Pro­jekt. Ihre For­schungs­schwer­punk­te sind Migra­ti­on, Anti­zi­ga­nis­mus und visu­el­le Soziologie.

Stichwörter