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Gastbeitrag / Andrea Lackner, Elisabeth Scharfetter, Laura Beatrice Raffer, Nikolaus Riemer-Kankkonen / Dienstag 24.08.21

Kor­pus­ba­sier­te Sprach­be­schrei­bung – mehr als eine Samm­lung von ÖGS-Videos

Die Coro­na-Pan­de­mie und ihre Begleit­maß­nah­men zei­gen, dass Spra­che auch vir­tu­ell und hin­ter dem Mund-Nasen-Schutz statt­fin­den kann. Eini­ge Auf­ru­fe in den Medi­en lie­ßen uns aber sehen: Für alle gilt das nicht. Die aus Scheu vor der eige­nen Inter­net­prä­senz in Sky­pe-Mee­tings aus­ge­schal­te­ten Kame­ras und die Mas­ken­pflicht stel­len für die Nutzer*innen der räum­lich aus­ge­rich­te­ten und visu­ell wahr­ge­nom­me­nen Öster­rei­chi­schen Gebär­den­spra­che (ÖGS) ein Pro­blem dar. Das macht in Bezug auf Video­te­le­fo­nie Sinn – wie hängt das aber mit der Mas­ken­pflicht zusam­men? Ist die ÖGS etwa mehr als eine Spra­che der Hände?

 

Spra­che ist mehr

Gebär­den­spra­chen kom­men nicht allein mit den Hän­den, die gebär­den­sprach­li­che Kon­struk­tio­nen aus­füh­ren (soge­nann­te manu­el­len Ele­men­te), aus. Sequen­ti­ell, simul­tan und drei­di­men­sio­nal ver­wen­den Gebär­den­spra­chen zusätz­lich nicht-manu­el­le Ele­men­te („non­ma­nu­als“ – kurz „NMs“). Dar­un­ter wer­den sprachr­e­le­van­te Bewe­gun­gen des Gesichts­fel­des, des Kop­fes und Kör­pers ver­stan­den, die lexi­ka­li­sche, gram­ma­ti­sche, inter­ak­ti­ve oder auch emo­tio­na­le Funk­tio­nen inne­ha­ben kön­nen, wie das neben­ste­hen­de Bei­spiel aus unse­rer ÖGS-Samm­lung veranschaulicht.

Eine ande­re Modalität

Das ange­führ­te Bei­spiel zeigt, dass sich die ÖGS nicht so ein­fach mit gespro­che­nem und geschrie­be­nem Deutsch ver­glei­chen lässt. Das liegt dar­an, dass Gebär­den­spra­chen nicht wie das Deut­sche eine audi­tiv-ora­le, son­dern eine visuell-(non)manuelle Moda­li­tät nut­zen. Lei­der pas­siert es in der For­schung zu Gebär­den­spra­chen immer noch, dass ihnen Spra­chen wie das Deut­sche als eine Art Ver­gleichs­pa­ra­me­ter gegen­über­ge­stellt wer­den. Bei sol­chen For­schun­gen wird nach Ent­spre­chun­gen von Struk­tu­ren des Deut­schen (oder ande­ren Spra­chen) in der ÖGS (oder in Gebär­den­spra­chen im All­ge­mei­nen) gesucht. Bereits das in die­sem Arti­kel gege­be­ne Bei­spiel zeigt, dass die ÖGS auf die­se Wei­se aber nicht beschrie­ben wer­den kann. Sprach­be­schrei­bung gelingt viel eher, indem sys­te­ma­tisch gesam­mel­te und anno­tier­te gebär­den­sprach­li­che Dis­kur­se – soge­nann­te „(Gebärden-)Sprach-Korpora“ – her­an­ge­zo­gen werden.

Was ein Kor­pus leistet

Kor­po­ra umfas­sen eine Samm­lung an natür­li­chen Dis­kur­sen, die von einer Sprach­ge­mein­schaft und nicht nur Ein­zel­nen Nutzer*innen ver­wen­det wer­den. Um die ÖGS in ihrer natür­li­chen Ver­wen­dung zu beschrei­ben, braucht es eine sol­che sys­te­ma­ti­sche Samm­lung an gebär­den­sprach­li­chen Auf­nah­men von zahl­rei­chen gehör­lo­sen Muttersprachler*innen. Wesent­lich ist, dass die anschlie­ßen­de Auf­ar­bei­tung die­ser Auf­nah­men aus der Innen­sicht gehör­lo­ser Muttersprachler*innen pas­siert. Jedes Ele­ment und jede Sprach­kon­struk­ti­on aller auf­ge­nom­me­nen Muttersprachler*innen wird genau beschrie­ben. Erst danach kann eine sys­te­ma­ti­sche Ana­ly­se der Ver­wen­dung und eine Beschrei­bung des Regel­werks einer Gebär­den­sprach­spra­che erfolgen.

Im Rah­men unse­rer FWF-Pro­jek­te [sie­he Lack­ner, Kurz­bio­gra­phie] konn­ten wir bis dato einen ers­ten ÖGS-Kor­pus mit der­zeit 50 gehör­lo­sen ÖGS-Muttersprachler*innen auf­bau­en: Auf­nah­men samt Meta­da­ten und die bis dato durch­ge­führ­ten Anno­ta­tio­nen (das sind die Glos­sen der manu­el­len Kom­po­nen­te, die Anno­ta­tio­nen der nicht-manu­el­len Ele­men­te hin­sicht­lich ihrer Form und ihrer Funk­ti­on und die Über­set­zung der gebär­de­ten Dis­kur­se in die deut­sche Schrift­spra­che) wur­den im Sprach­ar­chiv des Max-Planck-Insti­tuts in Nij­me­gen archi­viert und bereits zum Teil zur sys­te­ma­ti­schen Sprach­ana­ly­se ver­wen­det. Die bis­her erfolg­te Ana­ly­se bestimm­ter Sprach­funk­tio­nen und die damit ein­her­ge­hen­de Sprach­be­schrei­bung zei­gen bei­spiels­wei­se, dass unter­schied­li­che Frage‑, Kon­di­tio­nal- oder Nega­ti­ons­kon­struk­tio­nen von bestimm­ten nicht-manu­el­len Ele­men­ten beglei­tet wer­den kön­nen (sie­he u.a. Lack­ner 2017).

Kor­pus­ba­sier­te ÖGS-For­schung – auch in Zukunft ein MUSS!

Das Zukunfts­po­ten­zi­al einer sol­chen Sprach­be­schrei­bung liegt auf der Hand: Durch die wei­te­re Arbeit mit dem Kor­pus lässt sich auf eine funk­tio­na­le Gram­ma­tik­be­schrei­bung der ÖGS hin­ar­bei­ten, die auch im ÖGS-Sprach­un­ter­richt ein­ge­setzt wer­den kann. Je nach Kom­pe­tenz der Lerner*innen bie­tet der Kor­pus Mate­ri­al, das im Sprach­un­ter­richt zum Ein­satz kom­men kann und die Lerner*innen im Umgang mit natür­li­cher Spra­che unterstützt.

Als bilinguales/bimodales Team ist es uns wich­tig zu ergän­zen, dass künf­tig Gram­ma­ti­ken und Ver­öf­fent­li­chun­gen zur ÖGS im Sin­ne eines bar­rie­re­frei­en Zugangs eben­so in ÖGS auf­be­rei­tet werden.

Im Rah­men unse­rer bis­he­ri­gen ÖGS-For­schung, die stets über selbst ver­fass­te und ein­ge­wor­be­ne Dritt­mit­tel­fi­nan­zie­run­gen (u.a. zwei FWF-Pro­jek­te) finan­ziert wur­de, arbei­te­ten in den letz­ten zehn Jah­ren etli­che moti­vier­te Forscher*innen mit. Genaue­re Infor­ma­tio­nen über unse­re For­schun­gen sind der­zeit ersicht­lich unter: sign​non​ma​nu​als​.aau​.at

Quel­len
  • Lack­ner, Andrea (2017) Func­tions of head and body move­ments in Aus­tri­an Sign Lan­guage (Sign Lan­guages and Deaf Com­mu­nities 9). Ber­lin: De Gruy­ter Mouton.
  • Lack­ner, Andrea (2020) ÖGS-Kor­pus. Kor­pus der Öster­rei­chi­schen Gebär­den­spra­che / Cor­pus ÖGS. Aus­tri­an Sign Lan­guage Cor­pus. Access at The Lan­guage Archi­ve, MPI Nij­me­gen (https://archive.mpi.nl/tla/islandora/object/tla%3A1839_14c0a1c3_08eb_48d6_978b_5efc2c933f20)

Kurzportrait

Mag.a Dr.in Andrea Lack­ner ist Sprach­wis­sen­schaft­le­rin und lei­tet seit 2017 das Pro­jekt „The Inter­play of Non­ma­nu­als and Clau­ses in Aus­tri­an Sign Lan­guage (ÖGS) Texts”, geför­dert vom Wis­sen­schafts­fond FWF (Fonds zur För­de­rung der wis­sen­schaft­li­chen For­schung), das am Insti­tut für Sprach­wis­sen­schaft an der Karl-Fran­zens-Uni­ver­si­tät Graz, ange­sie­delt ist. Vor­aus­ge­hend initi­ier­te und führ­te sie die sprach­wis­sen­schaft­li­che For­schung des FWF-Pro­jekts „Seg­menta­ti­on and Struc­tu­ring Aus­tri­an Sign Lan­guage Texts” (2011–2015, Uni­ver­si­tät Kla­gen­furt) aus. Ihre Publi­ka­tio­nen und Akti­vi­tä­ten sind im For­schungs­por­tal der Karl-Fran­zens-Uni­ver­si­tät Graz ersichtlich.

Kurzportrait

Eli­sa­beth Schar­fet­ter ist gehör­lo­se ÖGS-Mut­ter­sprach­le­rin. Im Rah­men unse­rer ÖGS-For­schung arbei­tet sie in der Auf­nah­me und Anno­ta­ti­on der ÖGS-Daten­samm­lung mit. Ins­be­son­de­re ist sie für die Video-Anno­ta­ti­on im Rah­men der stu­den­ti­schen Mit­ar­beit zuständig.

Kurzportrait

Lau­ra Bea­tri­ce Raf­fer schließt momen­tan das Mas­ter­stu­di­um „Über­set­zen und Dia­log­dol­met­schen; ÖGS“ ab und ist ab Sep­tem­ber 2021 als Gebär­den­sprach­dol­met­sche­rin tätig. Mit dem Win­ter­se­mes­ter 2021/2022 been­det sie außer­dem ihr Mas­ter­stu­di­um Sprach­wis­sen­schaft. Im Rah­men ihrer stu­den­ti­schen Mit­ar­beit im Pro­jekt konn­te sie ihre wis­sen­schaft­li­chen Inter­es­sen an der ÖGS-For­schung ver­tie­fen, im Stu­di­um Erlern­tes ein­brin­gen und sich an der Video-Anno­ta­ti­on sowie der Über­set­zung der Vide­os betei­li­gen. Ein Teil der im Kor­pus gesam­mel­ten Daten wird in den von ihr ver­fass­ten Mas­ter­ar­bei­ten ver­ar­bei­tet. Wei­te­re For­schung, vor allem zum ÖGS-Erwerb, befin­det sich in Planung.

Kurzportrait

Niko­laus Rie­mer-Kankko­nen ist BA-Absol­vent in Gebär­den­sprach­lin­gu­is­tik (Uni­ver­si­tät Stock­holm) und arbei­tet seit 2013 als tau­ber For­schungs­as­sis­tent in der Sek­ti­on Gebär­den­spra­che, Insti­tut für Sprach­wis­sen­schaft, Uni­ver­si­tät Stock­holm, an der Erstel­lung des Schwe­di­schen Gebär­den­sprach­le­xi­kons und Kor­pus mit. Im Rah­men unse­res FWF-Pro­jekts ist er eben­so an der Erstel­lung unse­res ÖGS-Kor­pus invol­viert. Sein MA-Stu­di­um wird er der Gebär­den­sprach­le­xi­ko­gra­phie widmen.

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