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Laut­los Zei­chen setzen

Gebär­den­spra­chen wer­den bereits seit Hun­der­ten von Jah­ren ver­wen­det. Die For­schung dazu ist noch jung, sie trägt aber bereits viel zu einem bes­se­ren Ver­ständ­nis von ÖGS & Co. bei.
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Schät­zun­gen des Öster­rei­chi­schen Gehör­lo­sen­bun­des (ÖGLB) zufol­ge leben hier­zu­lan­de in etwa 10.000 gehör­lo­se Men­schen. Dazu kom­men rund 450.000 schwer­hö­ri­ge Per­so­nen. Was die Zuge­hö­ri­gen der Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft ver­bin­det, ist nicht nur eine gemein­sa­me Kul­tur und Iden­ti­täts­stif­tung, son­dern in ers­ter Linie auch eine gemein­sa­me Spra­che. Sie unter­hal­ten sich in der Öster­rei­chi­schen Gebär­den­spra­che oder ÖGS.

Vor allem eines beto­nen For­schen­de und die Gemein­schaft dabei glei­cher­ma­ßen. Die ÖGS ist eine voll­wer­ti­ge und natür­lich ent­stan­de­ne Spra­che. Sie weist wie alle natür­li­chen Spra­chen Vari­an­ten, wie Dia­lek­te oder Genera­ti­ons­un­ter­schie­de, auf und sie unter­schei­det sich klar von den ande­ren hun­der­ten Gebär­den­spra­chen welt­weit. Eine öster­reich­weit stan­dar­di­sier­te ÖGS hat sich bis­her (noch) nicht eta­bliert. Wie in der Laut­spra­che ver­ste­hen sich Spre­cher unter­schied­li­cher Dia­lek­te aber größ­ten­teils unter­ein­an­der (sie­he „Gebär­den­spra­che ist in einem stän­di­gen Wan­del“).

In einem Punkt unter­schei­det sich die ÖGS jedoch vom Deut­schen. Die ÖGS ist zwar eine offi­zi­el­le Min­der­hei­ten­spra­che Öster­reichs, der All­tag Gehör­lo­ser gestal­te sich sprach­lich jedoch nach wie vor nicht bar­rie­re­frei, berich­tet die gehör­lo­se Prä­si­den­tin des ÖGLB Hele­ne Jar­mer im Gespräch mit APA-Sci­ence („Alles außer Hören kann man schaf­fen“).

Ein jun­ges Forschungsfeld

Die Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft sieht sich von der ÖGS-For­schung in ihren gesell­schafts­po­li­ti­schen Anlie­gen ernst genom­men und unter­stützt, wie klar aus den APA-Sci­ence-Inter­views her­vor­geht. Die ent­spre­chen­de For­schungs­land­schaft ist jedoch, vor allem inner­halb Öster­reichs, noch sehr jung und auch klein. Es gebe des­halb noch zahl­rei­che Lücken im Wis­sen über die ÖGS, sind sich die Sprach­wis­sen­schaf­te­rin­nen Vere­na Kraus­neker und Julia Krebs einig (sie­he „Bil­dung als Dreh- und Angel­punkt” bzw. „Gehör­los Spra­che ver­ar­bei­ten”).

In den 1960er-Jah­ren hat man in Ame­ri­ka begon­nen, Gebär­den­spra­chen als voll­wer­ti­ge Spra­chen zu unter­su­chen. In den 1990er-Jah­ren haben schließ­lich auch öster­rei­chi­sche Sprach­wis­sen­schaf­te­rin­nen und Sprach­wis­sen­schaf­ter am heu­ti­gen Fakul­täts­zen­trum für Gebär­den­spra­che und Hör­be­hin­der­ten­kom­mu­ni­ka­ti­on der Alpen-Adria-Uni­ver­si­tät Kla­gen­furt ange­fan­gen, die ÖGS zu befor­schen. In die­sem Zusam­men­hang bezeich­net Kraus­neker ihren 2018 ver­stor­be­nen Kol­le­gen Franz Dot­ter (sie­he Nach­ruf) als Pio­nier der öster­rei­chi­schen Gebärdensprachforschung.

Kei­ne insti­tu­tio­nel­le Verankerung

Bis heu­te gibt es jedoch noch kei­ne insti­tu­tio­nel­le Ver­an­ke­rung der Gebär­den­sprach­for­schung oder der Deaf Stu­dies, die neben der Spra­che auch Kul­tur und All­tag der Gehör­lo­sen behan­deln, an einer öster­rei­chi­schen Uni­ver­si­tät. „Es gibt im gan­zen Land nicht einen Ort, wo man an die Uni­ver­si­tät gehen und ein­fach ÖGS stu­die­ren kann“, sagt Kraus­neker. Vor die­sem Hin­ter­grund sei es erstaun­lich, wie viel For­schung bereits zur ÖGS betrie­ben wor­den ist, ergänzt die Wie­ner Sprachwissenschafterin.

Auf einen Blick
  • Die Öster­rei­chi­sche Gebär­den­spra­che (ÖGS) ist eine eigen­stän­di­ge, natür­lich ent­stan­de­ne Spra­che, die seit 2005 von der öster­rei­chi­schen Ver­fas­sung als Min­der­hei­ten­spra­che aner­kannt ist. 
  • Zen­tra­le For­de­run­gen der Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft, dar­un­ter bar­rie­re­freie Bil­dung, sind bis heu­te offen. ÖGS-Lehr­plä­ne sind jetzt aller­dings am Weg. 
  • Die öster­rei­chi­sche For­schungs­land­schaft ist mit der Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft eng ver­netzt und unter­stützt deren Anlie­gen. 
Facts

Die ÖGS ist eine durch die öster­rei­chi­sche Bun­des­ver­fas­sung aner­kann­te Min­der­hei­ten­spra­che. Das Gesetz ist mit 1. Sep­tem­ber 2005 in Kraft getre­ten und ist in Arti­kel 8 unter fol­gen­dem Wort­laut zu finden:

(2) Die Repu­blik (Bund, Län­der und Gemein­den) bekennt sich zu ihrer gewach­se­nen sprach­li­chen und kul­tu­rel­len Viel­falt, die in den auto­chtho­nen Volks­grup­pen zum Aus­druck kommt. Spra­che und Kul­tur, Bestand und Erhal­tung die­ser Volks­grup­pen sind zu ach­ten, zu sichern und zu fördern.

(3) Die ÖGS ist als eigen­stän­di­ge Spra­che aner­kannt. Das Nähe­re bestim­men die Gesetze.

Die Sprach­struk­tur der ÖGS

Man weiß etwa, dass Gebär­den aus vier manu­el­len Kom­po­nen­ten bestehen: Hand­form, Bewe­gung, Ori­en­tie­rung der Hand­flä­chen und Aus­füh­rungs­stel­le. Ändert sich eine die­ser Kom­po­nen­ten, ändert sich auch die Bedeu­tung der Gebärde.

 

Zusätz­lich haben Gebär­den aber auch nicht-manu­el­le Bau­stei­ne, die wesent­lich zur Bedeu­tung einer Äuße­rung bei­tra­gen. Dazu zählt bei­spiels­wei­se die Mimik.

 

Die nicht-manu­el­len Ele­men­te der ÖGS und deren gram­ma­ti­ka­li­sche Funk­ti­ons­wei­sen wer­den im Gra­zer und Kla­gen­fur­ter For­schungs­team Sign­Non­ma­nu­als unter der Lei­tung von Andrea Lack­ner beforscht und in einem Sprach­kor­pus fest­ge­hal­ten (sie­he „Kor­pus­ba­sier­te Sprach­be­schrei­bung – mehr als eine Samm­lung von ÖGS-Vide­os”).

Auch Chris­ti­an Stal­zer, der selbst gehör­los ist, ist Teil die­ses Teams. Sein For­schungs­in­ter­es­se bezieht sich aller­dings vor allem auf die Leh­re. Als ÖGS-Leh­ren­der am Insti­tut für Theo­re­ti­sche und Ange­wand­te Trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Graz möch­te er wis­sen, was man Hören­den alles ver­mit­teln muss, um sie als Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher aus­zu­bil­den. „Gebär­den­spra­che ist, wie wenn man alles auf einer Büh­ne auf­baut. Das ist für vie­le Hören­de schwie­rig“, erklärt Stal­zer. Dass die Drei­di­men­sio­na­li­tät der Gebär­den­spra­chen auch neu­ro­na­le Vor­tei­le in der visu­ell-räum­li­chen Ver­ar­bei­tung und Gesichts­er­ken­nung brin­ge, weiß Julia Krebs, die an der Uni­ver­si­tät Salz­burg forscht und lehrt.

Krebs beschäf­tigt sich neben der neu­ro­na­len Ver­ar­bei­tung der ÖGS auch mit deren Gram­ma­tik. „Wir wis­sen sehr viel noch nicht, zum Bei­spiel wel­che gram­ma­ti­ka­li­schen Funk­tio­nen die Bewe­gungs­kom­po­nen­ten, also Be- oder Ent­schleu­ni­gung, über­neh­men“, erläu­tert die Exper­tin. In einer aktu­el­len Stu­die hat sie mit­hil­fe eines 3D-Moti­on-Cap­tu­re-Sys­tems die Dyna­mik der Hand­be­we­gun­gen von Gebär­den­den gemes­sen. Dabei hat sie her­aus­ge­fun­den, dass Ver­ben, die einen End­punkt impli­zie­ren, wie bei­spiels­wei­se „ankom­men“, eine Beschleu­ni­gung und star­kes Abbrem­sen am Ende der Bewe­gung auf­wei­sen. Ver­ben, die hin­ge­gen kei­nen End­punkt impli­zie­ren, wie zum Bei­spiel „rad­fah­ren“, beinhal­ten die­se Beschleu­ni­gung nicht und dau­ern zudem länger.

Neu­ro­na­le Ver­ar­bei­tung: Par­al­le­len zu Lautsprachen

Vie­le sprach­li­che Struk­tu­ren der ÖGS unter­schei­den sich also grund­le­gend von jenen einer Laut­spra­che, wie etwa Deutsch. Den­noch zei­gen wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en, dass an der Ver­ar­bei­tung von Gebär­den- und Laut­spra­chen betei­lig­te Netz­wer­ke im Gehirn über­ein­stim­men. „Man kann aber auch moda­li­täts­spe­zi­fi­sche Unter­schie­de auf neu­ro­na­ler Ebe­ne beob­ach­ten. Es gibt mehr Akti­vie­rung in audi­tiven Ver­ar­bei­tungs­area­len für Laut­spra­chen und mehr Akti­vie­rung in visu­el­len Ver­ar­bei­tungs­area­len für Gebär­den­spra­chen“, so Krebs. Auch Ähn­lich­kei­ten im Sprach­ver­hal­ten deu­ten auf ver­gleich­ba­re Ver­ar­bei­tungs­pro­zes­se hin. „Es gibt Ver­spre­cher in Laut­spra­chen. Es gibt Ver­ge­bärd­ler in Gebär­den­spra­chen“, nennt die Lin­gu­is­tin als Beispiel.

Schon im kind­li­chen Sprach­er­werb kön­nen ana­lo­ge Feh­ler­mus­ter und Ver­ein­fa­chun­gen auf­tre­ten. Ein Kind mit Deutsch als Mut­ter­spra­che könn­te bei­spiels­wei­se „Ich trink­te“ sagen, wenn es die Mit­ver­gan­gen­heit noch nicht voll­stän­dig gelernt hat. Genau­so ver­all­ge­mei­nern auch Kin­der mit ÖGS als Mut­ter­spra­che wäh­rend der Sprach­ent­wick­lung gram­ma­ti­ka­li­sche Regeln. Krebs weist zudem dar­auf hin, dass der Erwerb einer Gebär­den­spra­che im Kin­des­al­ter kei­nes­wegs hin­der­lich, son­dern eher för­der­lich für das Erler­nen einer Laut­spra­che sei. „Eine gut aus­ge­bil­de­te Erst­spra­che ist die per­fek­te Basis, um wei­te­re Spra­chen zu erler­nen“, sagt sie.

Wofür brau­chen wir all die­ses Wissen?

Kraus­neker sieht in der Sprach­for­schung eine essen­zi­el­le Basis für die Bil­dung und damit Chan­cen­gleich­heit gehör­lo­ser Kin­der und Erwach­se­ner. Auch Krebs argu­men­tiert, dass Erkennt­nis­se über die Gram­ma­tik, die neu­ro­na­le Ver­ar­bei­tung und den Sprach­er­werb von ÖGS in ers­ter Linie als Grund­la­ge für die Leh­re rele­vant sei­en. Die­ses Wis­sen wer­de bei­spiels­wei­se zur Erstel­lung von Lehr­ma­te­ria­len sowie zur Aus­bil­dung von Päd­ago­gin­nen und Päd­ago­gen benötigt.

Die von APA-Sci­ence befrag­ten Wis­sen­schaf­te­rin­nen und Wis­sen­schaf­ter, die sich mit der ÖGS befas­sen, zei­gen sich bestrebt, in ihren For­schun­gen die Bedürf­nis­se der Gehör­lo­sen in den Vor­der­grund zu rücken.

Recht auf Bildung

„Der Dreh- und Angel­punkt ist das Bil­dungs­we­sen“, sagt die Sozio­lin­gu­is­tin Kraus­neker. Eine zen­tra­le For­de­rung der Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft sei näm­lich ein bar­rie­re­frei­er Zugang zu Bil­dung, stimmt die ÖGLB-Prä­si­den­tin Hele­ne Jar­mer zu. „Ja, Schrift ist sicht­bar. Aber um sinn­ver­ste­hend lesen zu kön­nen, muss ich Deutsch kön­nen. Wenn ich aber Deutsch nicht über das Ohr gelernt habe, dann ist Deutsch also eine Zweit- oder Fremd­spra­che. Der Zugang zu Infor­ma­ti­on ist über Deutsch, auch wenn es geschrie­ben ist, nicht bar­rie­re­frei“, stellt Kraus­neker klar. Dass Deutsch für vie­le Gehör­lo­se eine Zweit­spra­che sei, bekräf­tigt auch Nico­la Kraml (sie­he „ÖGS steht hoch im Kurs”), Lei­te­rin des Spra­chen­zen­trums der Uni­ver­si­tät Wien. „Es erfor­dert auch viel mehr Auf­wand sei­tens der nicht-hören­den Men­schen ein hohes Schrift­sprach­ni­veau zu errei­chen. Die­se tau­sen­den Stun­den an Input, die ein hören­des Kind hat, fal­len weg“, fügt sie hin­zu. Öster­reich­weit gebe es sechs Gehör­lo­sen­schu­len und den­noch sei das ÖGS-Ange­bot in fünf davon, nach Anga­ben des ÖGLB und Kraus­nekers, noch mangelhaft.

Stal­zer, der selbst Hür­den über­wun­den hat, um sei­nen Bil­dungs­weg als Gehör­lo­ser zu absol­vie­ren, sagt: „Es hat in den letz­ten 30 Jah­ren schon Ver­än­de­run­gen gege­ben, aber man kann noch immer nicht sagen, dass Gehör­lo­se jetzt einen voll­kom­men bar­rie­re­frei­en Bil­dungs­weg ein­schla­gen kön­nen.“ Am 23. Sep­tem­ber, dem Inter­na­tio­na­len Tag der Gebär­den­spra­che, der im Rah­men der Inter­na­tio­na­len Woche der Gehör­lo­sen statt­fin­det, möch­te der ÖGLB auf natio­na­ler Ebe­ne das The­ma Bil­dung in den Fokus rücken, kün­digt Jar­mer an. „Wir möch­ten uns für Bil­dung von Kin­dern bis hin zu den Senio­ren ein­set­zen“, erzählt die Prä­si­den­tin des ÖGLB.

Die Viel­falt der Gebär­den lernen

Gebär­den der ÖGS sind in sehr vie­len Fäl­len nicht iko­nisch. Mit einer beweg­ten und einer ruhen­den Hand wird so etwa „Spra­che” gebärdet,…

… wäh­rend die­se Gebär­de in Bewe­gung und mit den rich­ti­gen mimi­schen Ele­men­ten „ja” bedeutet.

Kin­der, die mit ÖGS groß wer­den, ler­nen all die­se Gebär­den von sprach­li­chen Vor­bil­dern, genau­so wie Kin­der, die laut­sprach­lich auf­wach­sen, Wör­ter lernen.

Für gehör­lo­se Kin­der könn­te daher neben der ÖGS als Unter­richts­spra­che auch eine Dol­met­schung von Kin­der­fern­seh­sen­dun­gen neue Mög­lich­kei­ten eröffnen.

Fort­schrit­te im Bildungswesen

Vom ÖGLB wird schon seit län­ge­rem die Inklu­si­on Gehör­lo­ser und Schwer­hö­ri­ger im Bil­dungs­we­sen gefor­dert. „Es gibt kei­nen Lehr­plan für gehör­lo­se Schü­le­rin­nen und Schü­ler in ganz Öster­reich. Das muss man sich ein­mal auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen“, sagt Jarmer.

Ers­te Schrit­te in Rich­tung einer dahin­ge­hen­den Ver­än­de­rung sind jetzt auch getan. Ein Team gehör­lo­ser und hören­der Exper­tin­nen und Exper­ten, dar­un­ter auch Kraus­neker und Stal­zer, ist vor eini­ger Zeit vom Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um beauf­tragt wor­den, ÖGS-Lehr­plä­ne zu ent­wi­ckeln, berich­tet Kraus­neker. Am 9. Juni 2021 wur­de nun im Unter­richts­aus­schuss des Natio­nal­ra­tes ein ent­spre­chen­der all­par­tei­li­cher Ent­schlie­ßungs­an­trag gestellt. Basie­rend auf bestehen­den Lehr­plä­nen ande­rer Spra­chen soll es ÖGS-Lehr­plä­ne für den mut­ter­sprach­li­chen Unter­richt und als leben­de Fremd­spra­che in Form eines Frei- oder Wahl­pflicht­fa­ches geben, so ÖGLB-Prä­si­den­tin Jar­mer und Sprach­wis­sen­schaf­te­rin Kraus­neker. Die­se sol­len ab dem Schul­jahr 2023/24 zum Ein­satz kommen.

Brü­cken zwi­schen Hören­den und Gehör­lo­sen bauen

Um ÖGS in Schu­len leh­ren zu kön­nen, bedarf es ÖGS-kom­pe­ten­ter Päd­ago­gin­nen und Päd­ago­gen sowie Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­schern. In ande­ren Wor­ten besteht ein erhöh­ter Bedarf an Hören­den mit ÖGS-Kennt­nis­sen, wie etwa Stal­zer bemerkt. Das Inter­es­se ÖGS zu ler­nen ist bei vie­len Hören­den auch vor­han­den. „ÖGS-Sprach­kur­se sind stän­dig aus­ge­bucht“, sagt Kraus­neker. Das bestä­tigt auch Kraml aus der Sicht des Spra­chen­zen­trums: „Teil­wei­se fehlt uns dann das qua­li­fi­zier­te Lehr­per­so­nal, um noch wei­te­re Kur­se anzu­bie­ten.“ Sie pflich­tet eben­so der Beob­ach­tung bei, dass vie­le Per­so­nen aus beruf­li­chen Grün­den ÖGS-Kur­se besuchen.

Der ver­mehr­te Ein­satz von Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher im Bil­dungs­be­reich, füh­re zu einem Dol­met­scher­man­gel in ande­ren Berei­chen, so Stal­zer. Er selbst unter­rich­tet an der Uni­ver­si­tät Graz ange­hen­de ÖGS-Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher. Dort ist ÖGS-Dol­met­schen seit 2003 ein eigen­stän­di­ges Stu­di­en­fach. Ansons­ten hat es bis­her nur ver­ein­zel­te Kur­se und Aus­bil­dun­gen gege­ben, wie bei­spiels­wei­se an der Alpen-Adria-Uni­ver­si­tät Kla­gen­furt. Aktu­ell ist aber ein wei­te­rer Bache­lor­stu­di­en­gang zur Aus­bil­dung von ÖGS-Dol­met­sche­rin­nen und ‑Dol­met­schern in Pla­nung, der im Herbst 2023 an der FH Gesund­heit in Inns­bruck star­ten soll.

Dem stei­gen­den Bedarf für die­se Berufs­grup­pe geschul­det kom­men künst­li­che Ava­tare ins Spiel. Ava­tare sei­en com­pu­ter­ge­ne­rier­te Figu­ren, die Gebär­den­spra­chen dar­stel­len, erläu­tert Kraus­neker. „Zum der­zei­ti­gen For­schungs­stand könn­ten Ava­tare aber nie eine Dol­met­sche­rin oder einen Dol­met­scher erset­zen“, sagt Stal­zer. Selbst er, der tech­nisch ver­siert sei, sehe Ava­tare in heik­len Berei­chen wie etwa der Medi­zin als pro­ble­ma­tisch. Für ihn feh­le vor allem das Zwi­schen­mensch­li­che. Kraus­neker beschäf­tigt sich aktu­ell mit der kri­ti­schen Mei­nung der Gehör­lo­sen­com­mu­ni­ty gegen­über Ava­taren und erar­bei­tet einen Leit­fa­den zur Ver­bes­se­rung die­ser Tech­no­lo­gie aus einer gesell­schaft­li­chen Per­spek­ti­ve. Ava­tare sei­en der­zeit noch schlecht ver­ständ­lich, weil Bewe­gun­gen nicht exakt zusam­men­pas­sen und wich­ti­ge nicht-manu­el­le Kom­po­nen­ten feh­len, schil­dert die Sozio­lin­gu­is­tin einen Teil ihrer Erkenntnisse.

Mit ÖGS-Lehr­plä­nen allein ist es noch nicht getan

Trotz vie­ler Teil­erfol­ge, wie der gesetz­li­chen Aner­ken­nung der ÖGS und der Lehr­plan­ent­wick­lung, sind zen­tra­le For­de­run­gen des ÖGLB noch offen. „Das sind ganz vie­le The­men, die ich Ihnen da jetzt auf­zäh­len kann“, sagt Jar­mer. „Die Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft ist eine Sprach­min­der­heit, womit gewis­se Rech­te in Ver­bin­dung ste­hen, und die­se ver­su­chen wir umzu­set­zen“, so die Prä­si­den­tin des ÖGLB. Zudem will der Bund gegen Dis­kri­mi­nie­rung ankämp­fen und jun­gen Gehör­lo­sen Vor­bil­der auf­zei­gen. Auch mit einer Sin­nes­be­hin­de­rung kön­ne man erfolg­reich sein. Außer­dem sei den Gehör­lo­sen die Ein­rich­tung einer bar­rie­re­frei­en 24-Stun­den-Tele­fon­ver­mitt­lungs­zen­tra­le ein beson­ders gro­ßes Anliegen.

Der gehör­lo­se Alltag

Tele­fo­ni­sche Ter­min­ver­ein­ba­run­gen sind aber nur eine von meh­re­ren Her­aus­for­de­run­gen, denen Gehör­lo­se im All­tag gegen­über­ste­hen. Häu­fig gibt es auch Miss­ver­ständ­nis­se zwi­schen Hören­den und Gehör­lo­sen. „Es fehlt das Wis­sen. Es gibt zu wenig Infor­ma­ti­on und wenig Wis­sen führt zu Miss­ver­ständ­nis­sen“, begrün­det Jar­mer die Situa­ti­on. Sie argu­men­tiert, dass Gehör­lo­sig­keit in der Schul­bil­dung und in den Medi­en sicht­bar sein muss, um Hören­de auf­zu­klä­ren und Berüh­rungs­ängs­ten vorzubeugen.

Als Gehör­lo­ser ist es für Stal­zer am wich­tigs­ten, dass er von Hören­den akzep­tiert und respek­tiert wird. Auch die ÖGS-For­sche­rin­nen Kraus­neker und Krebs beto­nen, dass Gehör­lo­se nicht auf ihre Sin­nes­be­hin­de­rung redu­ziert wer­den möch­ten, son­dern die sprach­li­che und kul­tu­rel­le Per­spek­ti­ve stär­ker in den Vor­der­grund gerückt wer­den soll­te. Bei­de legen dar­auf Wert, dass Gebär­den­spra­chen voll­wer­ti­ge, eigen­stän­di­ge Spra­chen sind. Sie sei­en nicht, wie bei­spiels­wei­se Espe­ran­to, kre­iert wor­den. Außer­dem gebe es nicht nur eine inter­na­tio­na­le Gebär­den­spra­che, son­dern vie­le ver­schie­de­ne, sagt Krausneker.

Genau­so wie im All­tag stär­ker wahr­ge­nom­men zu wer­den, wün­schen sich gehör­lo­se Men­schen auch mehr Sicht­bar­keit in der For­schung. „For­schung ist immer wich­tig, aber es ist essen­zi­ell sie mit den Per­so­nen zusam­men zu betrei­ben. Es ist wich­tig, nicht über Men­schen zu for­schen und sie nur als Stu­di­en­teil­neh­men­de oder For­schungs­ob­jek­te zu sehen, son­dern sie sol­len auch direkt als For­scher dabei sein“, betont Hele­ne Jar­mer. Auch Kraus­neker und Krebs fin­den es sehr wert­voll und berei­chernd, ihren For­schun­gen im engen Kon­takt mit der Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft nach­zu­ge­hen. So wer­den gemein­sam Schritt für Schritt klei­ne Fort­schrit­te geschafft. Da zahl­rei­che Anlie­gen der Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft unrea­li­siert fort­be­stehen, bleibt noch eini­ges zu tun.

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