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Gastbeitrag / Alfred Springer / Donnerstag 03.03.22

Psy­che­de­li­sche Sub­stan­zen und Neuro-Enhancement

Kon­zept und Pra­xis des phar­ma­ko­lo­gi­schen Neu­ro-Enhan­ce­ment haben zuneh­mend Bedeu­tung erlangt. Unter dem Begriff ver­steht man den geziel­ten Ein­satz von psy­cho­ak­ti­ven Stof­fen, die bei kon­trol­lier­tem Gebrauch die intel­lek­tu­el­le und kogni­ti­ve Leis­tung güns­tig beein­flus­sen sol­len. Als Modell gilt der Ein­satz des Amphet­amin­de­ri­va­tes Methyl­phe­ni­dat in der Behand­lung des ADHS. 

Die Sub­stan­zen, die zu die­sem Zweck gebraucht wer­den, ent­spre­chen weit­ge­hend zen­tra­len Sti­mu­lan­zi­en bzw. Anti­de­men­ti­va, die auch bei bestimm­ten defi­nier­ten Krank­heits­zu­stän­den zur Anwen­dung kom­men. Die Defi­ni­ti­on des Neu­ro-Enhan­ce­ment ist dem­ge­gen­über gebun­den dar­an, dass die Sub­stan­zen von „gesun­den“ Per­so­nen ein­ge­nom­men wer­den. Sie ver­lie­ren damit ihren „hei­len­den“ Cha­rak­ter und wer­den zu Stof­fen, die bestimm­te, von den Kon­su­men­ten selbst defi­nier­te Defi­zi­te aus­glei­chen sol­len. Dar­aus ergibt sich eine logi­sche Span­nung: die che­mi­sche Zusam­men­set­zung des Mit­tels ist bei bei­den Anwen­dungs­for­men gleich, eben­so die damit ver­bun­de­ne phar­ma­ko­lo­gi­sche Wir­kung. Die­se Span­nung ent­wi­ckel­te sich im Lauf der Geschichte.

Arz­nei oder Tonikum?

 

In der ers­ten erkenn­ba­ren kul­tu­rel­len Enhan­ce­ment-Peri­ode im spä­ten 19. Jh. galt noch kei­ne ver­gleich­bar strin­gen­te Dif­fe­ren­zie­rung. Die glei­che Wirk­sub­stanz konn­te als „Arz­nei­mit­tel“ bei medi­zi­ni­scher Anwen­dung oder als „Toni­kum“ für Ein­nah­me außer­halb des enge­ren medi­zi­ni­schen Kom­pe­tenz­be­reichs abge­ge­ben und gebraucht werden.

 

(Das Wer­be­bild von Coca Cola zeigt, dass im spä­ten 19./ frü­hen 20. Jahr­hun­dert Toni­kum und Arz­nei­mit­tel in Eins gefasst waren und dass das Opti­mie­rungs­ver­lan­gen von dem Sti­mu­lans Koka bzw. Koka­in gestillt wurde)

 

Psy­che­de­li­sches Enhancement?

Im Rah­men der „Psy­che­de­li­schen Renais­sance“ (ab etwa 2010) rück­te auch die Mög­lich­keit, Psy­che­de­li­ka zum Enhan­ce­ment zu nut­zen, in den Fokus. Dass der The­men­kreis „Erwei­te­rung“ und „Opti­mie­rung“ bei Ein­satz und Bewer­tung die­ser Stof­fe grund­sätz­lich eine Rol­le spielt, geht schon aus ihrer Benen­nung her­vor: gel­ten sie doch als „bewusst­seins­er­wei­ternd“. Die­se ihre Fähig­keit wur­de und wird in diver­sen kul­tu­rel­len Kon­tex­ten beschrie­ben und genutzt:

  • Im mys­tisch-reli­giö­sen Bereich
  • Im krea­tiv-ästhe­ti­schen Bereich
  • Im ero­ti­schen Bereich
  • Im kogni­ti­ven Bereich

Erfah­run­gen über kogni­ti­ves Enhan­ce­ment wur­den bereits in der ers­ten psy­che­de­li­schen Pha­se (60er und 70er Jah­re) beob­ach­tet und ver­öf­fent­licht. Obwohl die Qua­li­tät die­ser Stu­di­en ‑nach moder­nen For­schungs­stan­dards- kri­tik­wür­dig ist und ihren Ergeb­nis­se ledig­lich anek­do­ti­schen Wert zukommt, scheint es gerecht­fer­tigt, sich mit die­sen „nai­ven“ Beob­ach­tun­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen. Berich­ten sie doch von recht ein­drucks­vol­len Geschehnissen.

Ein auf­fäl­li­ges und gern ver­wen­de­tes Bei­spiel ist for­cier­tes Spra­chen­ler­nen. Beson­ders bemer­kens­wert erscheint die Geschich­te eines Stu­den­ten, der unter Hal­lu­zi­no­gen­ein­fluss in einer Woche genug Deutsch lern­te, um sich für einen Col­le­ge-Kurs im zwei­ten Jahr ein­schrei­ben zu kön­nen. Als wei­te­res Bei­spiel kann eine Frau gel­ten, die behaup­te­te, zwei Jah­re Kla­vier­un­ter­richt in einer Sit­zung gelernt zu haben. Für der­ar­ti­ge Gescheh­nis­se wur­den mehr oder weni­ger plau­si­ble Erklä­run­gen gefun­den. Wis­sen­schaft­ler erklär­ten die gestei­ger­ten Lern­fä­hig­kei­ten damit, dass LSD eine tota­le Absorp­ti­on ermög­licht und gleich­zei­tig „die Hemm­stof­fe” in der Psy­che blockiert.

Bemer­kens­wert erscheint die Geschich­te eines Stu­den­ten, der unter Hal­lu­zi­no­gen­ein­fluss in einer Woche genug Deutsch lern­te, um sich für einen Col­le­ge-Kurs im zwei­ten Jahr ein­schrei­ben zu können. Alfred Sprin­ger über for­cier­tes Spra­chen­ler­nen durch kogni­ti­ves Enhancement 

Der­ar­ti­ge For­schungs­be­mü­hun­gen und die dar­aus abge­lei­te­ten Erkennt­nis­se und Inter­pre­ta­tio­nen wur­den 1966 in den USA durch das Ver­bot, For­schung an LSD und ver­gleich­ba­ren Sub­stan­zen zu betrei­ben, abrupt been­det. 1971 wur­de die­ser Sta­tus in der UN-Kon­ven­ti­on über psy­cho­ak­ti­ve Sub­stan­zen welt­weit defi­niert. Vie­le zu jener Zeit aner­kann­te Wis­sen­schaft­ler und The­ra­peu­ten posi­tio­nier­ten sich damals gegen die­se dro­gen­po­li­ti­sche Ent­schei­dung, blie­ben aber erfolglos.

Der Ein­fluss die­ser Sicht­wei­se ist über die Fol­ge­pe­ri­oden sozia­len Dro­gen­ge­brauchs erkenn­bar und weist eine rezen­te Akzen­tu­ie­rung auf. Der bri­ti­sche Psych­ia­ter Ben Ses­sa, der den Ter­mi­nus Psy­che­de­li­sche Renais­sance schuf, for­dert, dass die Expe­ri­men­te, die in den 60er Jah­ren durch­ge­führt wor­den waren, ange­sichts der gegen­wär­ti­gen Renais­sance der Erfor­schung psy­che­de­li­scher Dro­gen und des wach­sen­den Inter­es­ses an kogni­ti­ons­för­dern­den Dro­gen, mit zeit­ge­mä­ßen For­schungs­me­tho­den wie­der auf­ge­nom­men wer­den sollten.

Der kul­tu­rel­le Rah­men ab 2000: New age (of rea­son) – Neu­ro­kul­tur und“ Psy­che­de­lic renais­sance“ ab etwa 2010

Inner­halb der Mus­ter sozia­len Dro­gen­ge­brauchs spielt in die­ser Peri­ode der Gebrauch im Dienst der Selbst-Opti­mie­rung eine zuneh­men­de Rol­le. Zen­tra­le Sti­mu­lan­zi­en neh­men dabei den Rang von Leit­dro­gen ein. Die in ihrer Wir­kungs­wei­se ver­bor­ge­nen Mög­lich­kei­ten wer­den sowohl im medizinischen/psychiatrischen wie im sozia­len Akti­ons­raum genutzt. Auch neu ent­wi­ckel­te Arz­nei­mit­tel wer­den rasch auf ihre Enhan­ce­ment-Qua­li­tät über­prüft. So kam es z. B. nach der Zulas­sung der SSRI zur Behand­lung depres­si­ver Stö­run­gen rasch zu einem Trend, die­se Arz­nei­mit­tel zur Selb­st­op­ti­mie­rung zu nut­zen. Der New Yor­ker Psych­ia­ter Peter Kra­mer bezeich­ne­te die­se Art der Nut­zung „Kos­me­ti­sche Psych­ia­trie“. In die­ser Situa­ti­on ergibt sich in der neu­en For­schung eine gewis­se Über­brü­ckung der Spal­tung in Behand­lung und Enhancement

Von die­ser Ent­wick­lung sind auch der sozia­le Gebrauch von Psy­che­de­li­ka und die Psy­che­de­lik-For­schung erfasst wor­den. Einen beson­de­ren Rang nimmt in die­sem Bereich For­schung zur Bedeu­tung der Metho­dik der Mikro­dosie­rung von LSD als Medi­um der Selb­st­op­ti­mie­rung ein. Dabei wird eine Anre­gung von Albert Hof­mann auf­ge­grif­fen, den sti­mu­lie­ren­den Effekt nied­ri­ger Dosie­run­gen von LSD zu nut­zen und sie als Ersatz für Methyl­phe­ni­dat ein­zu­set­zen (Fadi­man und Korb, 2019). Das „Psy­che­de­li­sche“ Enhan­ce­ment-Kon­zept beruht dem­entspre­chend nicht auf dem klas­si­schen Ein­satz von Psy­che­de­li­ka mit dem Ziel der psy­che­de­li­schen Erfahrung.

Micro­dosing

Bei der Mikro­dosie­rung von Psy­che­de­li­ka wird eine sehr klei­ne Men­ge der Dro­ge (etwa LSD oder Psi­lo­cy­bin) ein­ge­nom­men, um eini­ge posi­tiv erleb­te Wir­kun­gen zu erfah­ren, wäh­rend man unter der Dosis­schwel­le bleibt, die eine vol­le psy­che­de­li­sche Erfah­rung ver­ur­sa­chen würde.

Der neue Trend ließ sich zuerst im sozia­len, außer­me­di­zi­ni­schen Gebrauch orten.

In der grau­en Lite­ra­tur gilt Micro­dosing von LSD als Metho­de kogni­ti­ven Enhan­ce­ments. Es wird aus­ge­führt, dass es vie­le Men­schen zur per­sön­li­chen Ent­wick­lung oder zur Selb­st­op­ti­mie­rung Micro­dosing nutzen.

Als Haupt­grün­de für das Bedürf­nis nach Micro­dosing gelten:

  1. 1. der Wunsch, die Häu­fig­keit und Inten­si­tät uner­wünsch­ter Zustän­de zu ver­rin­gern, die durch ver­schie­de­ne For­men psy­chi­scher Erkran­kun­gen ver­ur­sacht wer­den, wobei Depres­sio­nen, Ängs­te, ADS/ADHS, Stim­mungs­stö­run­gen, PTSD und Sucht auf­ge­lis­tet wer­den, und
  2. 2. der Wunsch nach Ver­stär­kung der Häu­fig­keit und Inten­si­tät von erwünsch­ten Zuständen/Ergebnissen. Zu den in die­sem Kon­text erwähn­ten erwünsch­ten Zustän­den zäh­len Krea­ti­vi­tät, Ener­gie, Flow-Zustän­de, Produktivität/Fokussierung, ver­bes­ser­te Beziehungen/erhöhte Empa­thie, sport­li­che Koor­di­na­ti­on, Ent­wick­lung von Führungsqualitäten.
For­schungs­la­ge

 

For­schung zum The­ma Mikro­dosie­rung wird in ver­schie­de­nen Zen­tren betrie­ben bzw. orga­ni­siert. Betei­ligt sind in füh­ren­der Posi­ti­on die Uni­ver­si­tät Maas­tricht in Koope­ra­ti­on mit der Beck­ley Foun­da­ti­on, die Eleu­sis Com­pa­ny und das Impe­ri­al Col­le­ge Lon­don. Alle drei Insti­tu­tio­nen gene­rier­ten Ergeb­nis­se zu den Aus­wir­kun­gen der Mikro­dosie­rung sowohl auf das Wohl­be­fin­den als auch auf die Kognition.

 

Anm.: Im Bild zu sehen ist eine Zunah­me der Gehirn­ak­ti­vi­tät nach einer LSD-Gabe (rechts) im Ver­gleich zum Pla­ce­bo (links)

In den drei Zen­tren wer­den ver­schie­de­ne Ver­suchs­an­ord­nun­gen imple­men­tiert. In den Stu­di­en der Uni­ver­si­tät Maas­tricht und Eleu­sis wur­de LSD in einer kli­ni­schen Umge­bung mikro­dosiert abge­ge­ben, wäh­rend in der Impe­ri­al-Stu­die Mikro­dosie­rer in ihrem gewohn­ten häus­li­chen Set­ting befragt wur­den, die jede Art von Psy­che­de­li­kum, am häu­figs­ten jedoch LSD und Psi­lo­cy­bin, aus ihrem eige­nen Besitz ver­wen­den konn­ten. Die Impe­ri­al Stu­die lief unter Pla­ce­bo­kon­trol­le ab, die durch eine ori­gi­nel­le Selbst­ver­blin­dungs­me­tho­de ermög­licht wur­de.

Von kri­ti­scher Sei­te wird behaup­tet, dass die­se ers­te pla­ce­bo­kon­trol­lier­te Dop­pel­blind­stu­die zur Mikro­dosie­rung kei­ne beson­ders ein­drucks­vol­len Ergeb­nis­se erbracht hät­te und dass die Nach­hal­tig­keit der Ergeb­nis­se noch bestä­tigt wer­den müs­se. Hin­ge­gen ist die Ein­schät­zung der Ergeb­nis­se durch das Beck­ley-Insti­tut, das die rele­van­ten Stu­di­en durch­führt, äußerst positiv.

Das Team des Beckley/Imperial Micro­dosing Rese­arch Pro­gram­mes nimmt der­zeit die Pha­se 2 ihrer Selbst­ver­blin­dungs­stu­die zur Mikro­dosie­rung in Angriff, die auf den vor­läu­fi­gen Ergeb­nis­sen des Beck­ley­/­M­aas­tricht-Pro­gramms auf­baut. Dies soll dann auch die ers­te Stu­die sein, die die kumu­la­ti­ven Aus­wir­kun­gen der Mikro­dosie­rung über einen Zeit­raum von 3 bis 5 Mona­ten untersucht.

In die­sem Pro­gramm wird dar­über hin­aus auch eine the­ra­peu­tisch ori­en­tier­te Stu­die mit Teil­neh­mern durch­ge­führt, bei denen Angst­zu­stän­de dia­gnos­ti­ziert wur­den; es wird unter­sucht, ob die Mikro­dosie­rung von Psi­lo­cy­bin bei der Behand­lung von Angst­zu­stän­den im Zusam­men­hang mit Covid hilft.

Bis­lang wird der Fra­ge nach­ge­gan­gen, inwie­weit der Ein­satz von Psy­che­de­li­ka die kogni­ti­ve Situa­ti­on von schwer depres­si­ven Per­so­nen ver­bes­sern und damit zu einer grund­sätz­li­chen Auf­hel­lung der depres­si­ven Ver­stim­mung bei­tra­gen kann. Alfred Sprin­ger über die Erwei­te­rung der kli­ni­schen Forschung 

Um die popu­lä­ren Dar­stel­lun­gen der Effi­zi­enz des Micro­dosing in der grau­en Lite­ra­tur unter dem Ein­satz objek­ti­ver Test- und Prüf­me­tho­den wis­sen­schaft­lich zu über­prü­fen, haben 2021 Mur­phy und Mit­ar­bei­ter mit einer gro­ßen Kon­troll­stu­die begonnen.

Auch die­se Autoren wol­len das Spek­trum der Stu­di­en um kli­ni­sche Fra­ge­stel­lun­gen erwei­tern und regen an, dass zur Bewer­tung even­tu­el­ler the­ra­peu­ti­scher Anwen­dungs­mög­lich­kei­ten kli­ni­sche Stu­di­en zur Unter­su­chung des Micro­dosing als eigen­stän­di­ge Behand­lung oder als Ergän­zung zur Psy­cho­the­ra­pie bei der Behand­lung von Depres­sio­nen, Sucht, Ess­stö­run­gen, Zwangs­stö­run­gen und Pal­lia­tiv­me­di­zin durch­ge­führt wer­den sollten.

Damit wür­de das Spek­trum der kli­ni­schen For­schung erwei­tert. Bis­lang wird der Fra­ge nach­ge­gan­gen, inwie­weit der Ein­satz von Psy­che­de­li­ka die kogni­ti­ve Situa­ti­on von schwer depres­si­ven Per­so­nen ver­bes­sern und damit zu einer grund­sätz­li­chen Auf­hel­lung der depres­si­ven Ver­stim­mung bei­tra­gen kann (Magarag­gia et al., 2021).

Ero­ti­sches Enhan­ce­ment neu

Im Kon­text des „Chemsex“-Phänomens hat sich eine bemer­kens­wer­te Ver­än­de­rung in der Bewer­tung des Dro­gen­ge­brau­ches mit ero­tisch-sexu­el­ler Moti­va­ti­on erge­ben. Wäh­rend anfangs die­ses Ver­hal­ten als pro­ble­ma­ti­sches Gebrauchs­mus­ter ero­ti­scher Sub­kul­tu­ren, spe­zi­ell der Gay-Sze­ne, ange­se­hen wur­de, geht die aktu­el­le Sexu­al­wis­sen­schaft davon aus, dass sex-bezo­ge­ner Dro­gen­ge­brauch auch einen Anteil nor­ma­li­sier­ter und „rekrea­tio­na­ler“ Kon­sum­mus­ter reprä­sen­tiert. Im Kon­text des „Pharmacosexuality“-Projekts der Well­co­me Foun­da­ti­on hat man erkannt, dass das Mus­ter die­ses Gebrauchs nicht nur jene Stof­fe umfasst, die tra­di­tio­nell als sexu­el­le Sti­mu­lan­tien gel­ten (zen­tra­le Sti­mu­lan­zi­en jeder Art), son­dern das gan­ze Spek­trum von psy­cho­ak­ti­ven Stof­fen und dass auch der sex-bezo­ge­ne Gebrauch von Psy­che­de­li­ka (ins­be­son­de­re von MDMA und LSD) ein recht gro­ßes Aus­maß ange­nom­men hat (Moyle,et al., 2020).

Das dro­gen­po­li­ti­sche Dilemma

Sowohl die Micro­dosing-Stu­die des Impe­ri­al-Insti­tuts wie auch die Sexu­al­stu­die len­ken unse­ren Blick auf die grund­sätz­li­che Pro­ble­ma­tik, die die­sen Unter­su­chun­gen aus dem dro­gen­po­li­ti­schen und legis­la­ti­ven Umgangs mit psy­che­de­li­schen Sub­stan­zen erwächst. Ist doch trotz der Fort­schrit­te, die in der For­schung gemacht wer­den, ihre Mög­lich­keit sehr ein­ge­schränkt. Die Stof­fe sind zwar ver­füg­bar, aber unter den gül­ti­gen Kon­troll­be­din­gun­gen scheint die ein­zi­ge Mög­lich­keit, legal an sie zu gelan­gen, die „Patho­lo­gi­sie­rung” zu sein. Wenn jemand als Kli­ent der Psych­ia­trie dekla­riert wird und ihm beschei­nigt wird, sie zu benö­ti­gen, kann er in man­chen Län­dern die Dro­gen erhalten.

Ande­re „stra­te­gi­sche Ver­wen­dun­gen“ bzw. die Nut­zung im sozia­len Raum unter­lie­gen der Kon­sum­pro­hi­bi­ti­on; sie blei­ben „ille­gal“. Davon ist auch der Gebrauch selbst erwor­be­ner Psy­che­de­li­ka für For­schungs­zwe­cke betroffen.

Die inter­na­tio­na­le Dro­gen­po­li­tik bleibt bis­lang von den Ent­wick­lun­gen im kul­tu­rel­len Raum und in der neu­ro­wis­sen­schaft­li­chen For­schung unbe­ein­druckt. Sie ver­harrt in ihrer tra­di­tio­nel­len Abschre­ckungs- und Pro­hi­bi­ti­ons­at­ti­tu­de und betreibt unbe­irrt Denor­ma­li­sie­rung von Gebrauch und Gebrau­chern im Feld des sozia­len Drogenkonsums.

Die inter­na­tio­na­le Dro­gen­po­li­tik bleibt bis­lang von den Ent­wick­lun­gen im kul­tu­rel­len Raum und in der neu­ro­wis­sen­schaft­li­chen For­schung unbeeindruckt. Alfred Sprin­ger über das „dro­gen­po­li­ti­sche Dilemma”

Lite­ra­tur:

Korb, S. & James Fadi­man, J.: Micro­dosing: Unex­pec­ted results of crowd-sourced rese­arch: medi­cal, social, sci­en­ti­fic impli­ca­ti­ons of widespread use. ICPR 2020 https://​icpr2020​.net/​s​p​e​a​k​e​r​s​/​s​o​p​h​i​a​-​k​o​r​b​-​j​a​m​e​s​-​f​a​d​i​man

Magarag­gia, I., Kui­pe­res, Z., Schrei­ber, R. Impro­ving cogni­ti­ve func­tio­n­ing in major depres­si­ve dis­or­der with psy­che­de­lics: A dimen­sio­nal approach. Neu­ro­bi­ol Learn Mem. 2021 Sep;183:107467. doi: 10.1016/j.nlm.2021.107467. Epub 2021 May 26.

Moy­le, L; Dym­ock, A.; Ald­ridge, A.; Mechen, B.: Phar­ma­co­sex : Reim­agi­ning sex, drugs and enhan­ce­ment. In: Inter­na­tio­nal Jour­nal of Drug Poli­cy, Vol. 86, 102943, 12.2020

Mur­phy et al. MDL­SD: stu­dy pro­to­col for a ran­do­mi­sed, dou­ble-mas­ked, pla­ce­bo-con­trol­led tri­al of repeated micro­doses of LSD in healt­hy vol­un­te­ers Tri­als (2021) 22:302 https://doi.org/10.1186/s13063-021–05243‑3

Kurzportrait

Geb. 26.02.1941 in Wien. Aus­bil­dung: Stu­di­um der Medi­zin; Fach­arzt für Psych­ia­trie und Neu­ro­lo­gie; Tit a.o Univ. Prof. auf­grund der Habi­li­ta­ti­on aus Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie; Aus­bil­dung in Psy­cho­ana­ly­se – Mit­glied in der Wie­ner Psy­cho­ana­ly­ti­schen Gesell­schaft. Mit­glied des Lehr­kör­pers der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien und des Lehr­kör­pers der Sig­mund Freud Pri­vat­uni­ver­si­tät Wien. Von 1976 – 2010 Lei­ter des LBI für Sucht­for­schung in Wien. Von 1996- 2010 Vor­sit­zen­der der Wie­ner Sozi­al­pro­jek­te, bis heu­te Vor­sit­zen­der der Wie­ner Berufs­bör­se. Seit der Grün­dung der ÖGABS im Vor­stand die­ser Fach­ge­sell­schaft. Zahl­rei­che Publi­ka­tio­nen aus den Berei­chen Sucht­for­schung, Sub­sti­tu­ti­ons­be­hand­lung, Sexu­al­wis­sen­schaft, Psy­cho­ana­ly­se, Kul­tur-/So­zi­al­ge­schich­te, Jugend­kul­tur und Popu­lär­kul­tur, sowie Prä­ven­ti­ons­for­schung; wis­sen­schaft­li­che Exper­ti­sen zu hero­in­ge­stütz­ter Behand­lung und zu Kon­sum­räu­men, betei­ligt an einer Exper­ti­se über intra­ve­nö­se Sub­sti­tu­ti­on. 1976 ‑2010 gemein­sam mit Rudolf Mader Her­aus­ge­ber der Wie­ner Zeit­schrift für Sucht­for­schung. Mit­her­aus­ge­ber­schaft und Mit­glied­schaft in ver­schie­de­nen Bei­rä­ten ande­rer Fachzeitschriften.

Dro­gen­po­li­ti­sche Funk­tio­nen: Meh­re­re Amts­pe­ri­oden als Vor­sit­zen­der des Bei­ra­tes für Dro­gen- und Alko­holfra­gen im Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um; Mit­glied des Dro­gen­fo­rums im Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums und des Wie­ner Drogenbeirates.

1983 Sil­ber­nes Ehren­zei­chen für Ver­diens­te um die Repu­blik Öster­reich, 2010 Gro­ßes Ehren­zei­chen für Ver­diens­te um die Repu­blik Öster­reich; 2010 Wis­sen­schafts­preis der Stadt Wien für Sozi­al- und Gesellschaftswissenschaften

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