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Gastbeitrag / Alfred Springer / Donnerstag 03.03.22

Psy­che­de­li­sche Sub­stan­zen und Neuro-Enhancement

Konzept und Praxis des pharmakologischen Neuro-Enhancement haben zunehmend Bedeutung erlangt. Unter dem Begriff versteht man den gezielten Einsatz von psychoaktiven Stoffen, die bei kontrolliertem Gebrauch die intellektuelle und kognitive Leistung günstig beeinflussen sollen. Als Modell gilt der Einsatz des Amphetaminderivates Methylphenidat in der Behandlung des ADHS.

Die Substanzen, die zu diesem Zweck gebraucht werden, entsprechen weitgehend zentralen Stimulanzien bzw. Antidementiva, die auch bei bestimmten definierten Krankheitszuständen zur Anwendung kommen. Die Definition des Neuro-Enhancement ist demgegenüber gebunden daran, dass die Substanzen von „gesunden“ Personen eingenommen werden. Sie verlieren damit ihren „heilenden“ Charakter und werden zu Stoffen, die bestimmte, von den Konsumenten selbst definierte Defizite ausgleichen sollen. Daraus ergibt sich eine logische Spannung: die chemische Zusammensetzung des Mittels ist bei beiden Anwendungsformen gleich, ebenso die damit verbundene pharmakologische Wirkung. Diese Spannung entwickelte sich im Lauf der Geschichte.

Arznei oder Tonikum?

 

In der ersten erkennbaren kulturellen Enhancement-Periode im späten 19. Jh. galt noch keine vergleichbar stringente Differenzierung. Die gleiche Wirksubstanz konnte als „Arzneimittel“ bei medizinischer Anwendung oder als „Tonikum“ für Einnahme außerhalb des engeren medizinischen Kompetenzbereichs abgegeben und gebraucht werden.

 

(Das Werbebild von Coca Cola zeigt, dass im späten 19./ frühen 20. Jahrhundert Tonikum und Arzneimittel in Eins gefasst waren und dass das Optimierungsverlangen von dem Stimulans Koka bzw. Kokain gestillt wurde)

 

Psychedelisches Enhancement?

Im Rahmen der „Psychedelischen Renaissance“ (ab etwa 2010) rückte auch die Möglichkeit, Psychedelika zum Enhancement zu nutzen, in den Fokus. Dass der Themenkreis „Erweiterung“ und „Optimierung“ bei Einsatz und Bewertung dieser Stoffe grundsätzlich eine Rolle spielt, geht schon aus ihrer Benennung hervor: gelten sie doch als „bewusstseinserweiternd“. Diese ihre Fähigkeit wurde und wird in diversen kulturellen Kontexten beschrieben und genutzt:

  • Im mystisch-religiösen Bereich
  • Im kreativ-ästhetischen Bereich
  • Im erotischen Bereich
  • Im kognitiven Bereich

Erfahrungen über kognitives Enhancement wurden bereits in der ersten psychedelischen Phase (60er und 70er Jahre) beobachtet und veröffentlicht. Obwohl die Qualität dieser Studien -nach modernen Forschungsstandards- kritikwürdig ist und ihren Ergebnisse lediglich anekdotischen Wert zukommt, scheint es gerechtfertigt, sich mit diesen „naiven“ Beobachtungen auseinanderzusetzen. Berichten sie doch von recht eindrucksvollen Geschehnissen.

Ein auffälliges und gern verwendetes Beispiel ist forciertes Sprachenlernen. Besonders bemerkenswert erscheint die Geschichte eines Studenten, der unter Halluzinogeneinfluss in einer Woche genug Deutsch lernte, um sich für einen College-Kurs im zweiten Jahr einschreiben zu können. Als weiteres Beispiel kann eine Frau gelten, die behauptete, zwei Jahre Klavierunterricht in einer Sitzung gelernt zu haben. Für derartige Geschehnisse wurden mehr oder weniger plausible Erklärungen gefunden. Wissenschaftler erklärten die gesteigerten Lernfähigkeiten damit, dass LSD eine totale Absorption ermöglicht und gleichzeitig "die Hemmstoffe" in der Psyche blockiert.

Bemerkenswert erscheint die Geschichte eines Studenten, der unter Halluzinogeneinfluss in einer Woche genug Deutsch lernte, um sich für einen College-Kurs im zweiten Jahr einschreiben zu können. Alfred Springer über forciertes Sprachenlernen durch kognitives Enhancement

Derartige Forschungsbemühungen und die daraus abgeleiteten Erkenntnisse und Interpretationen wurden 1966 in den USA durch das Verbot, Forschung an LSD und vergleichbaren Substanzen zu betreiben, abrupt beendet. 1971 wurde dieser Status in der UN-Konvention über psychoaktive Substanzen weltweit definiert. Viele zu jener Zeit anerkannte Wissenschaftler und Therapeuten positionierten sich damals gegen diese drogenpolitische Entscheidung, blieben aber erfolglos.

Der Einfluss dieser Sichtweise ist über die Folgeperioden sozialen Drogengebrauchs erkennbar und weist eine rezente Akzentuierung auf. Der britische Psychiater Ben Sessa, der den Terminus Psychedelische Renaissance schuf, fordert, dass die Experimente, die in den 60er Jahren durchgeführt worden waren, angesichts der gegenwärtigen Renaissance der Erforschung psychedelischer Drogen und des wachsenden Interesses an kognitionsfördernden Drogen, mit zeitgemäßen Forschungsmethoden wieder aufgenommen werden sollten.

Der kulturelle Rahmen ab 2000: New age (of reason) – Neurokultur und“ Psychedelic renaissance“ ab etwa 2010

Innerhalb der Muster sozialen Drogengebrauchs spielt in dieser Periode der Gebrauch im Dienst der Selbst-Optimierung eine zunehmende Rolle. Zentrale Stimulanzien nehmen dabei den Rang von Leitdrogen ein. Die in ihrer Wirkungsweise verborgenen Möglichkeiten werden sowohl im medizinischen/psychiatrischen wie im sozialen Aktionsraum genutzt. Auch neu entwickelte Arzneimittel werden rasch auf ihre Enhancement-Qualität überprüft. So kam es z. B. nach der Zulassung der SSRI zur Behandlung depressiver Störungen rasch zu einem Trend, diese Arzneimittel zur Selbstoptimierung zu nutzen. Der New Yorker Psychiater Peter Kramer bezeichnete diese Art der Nutzung „Kosmetische Psychiatrie“. In dieser Situation ergibt sich in der neuen Forschung eine gewisse Überbrückung der Spaltung in Behandlung und Enhancement

Von dieser Entwicklung sind auch der soziale Gebrauch von Psychedelika und die Psychedelik-Forschung erfasst worden. Einen besonderen Rang nimmt in diesem Bereich Forschung zur Bedeutung der Methodik der Mikrodosierung von LSD als Medium der Selbstoptimierung ein. Dabei wird eine Anregung von Albert Hofmann aufgegriffen, den stimulierenden Effekt niedriger Dosierungen von LSD zu nutzen und sie als Ersatz für Methylphenidat einzusetzen (Fadiman und Korb, 2019). Das „Psychedelische“ Enhancement-Konzept beruht dementsprechend nicht auf dem klassischen Einsatz von Psychedelika mit dem Ziel der psychedelischen Erfahrung.

Microdosing

Bei der Mikrodosierung von Psychedelika wird eine sehr kleine Menge der Droge (etwa LSD oder Psilocybin) eingenommen, um einige positiv erlebte Wirkungen zu erfahren, während man unter der Dosisschwelle bleibt, die eine volle psychedelische Erfahrung verursachen würde.

Der neue Trend ließ sich zuerst im sozialen, außermedizinischen Gebrauch orten.

In der grauen Literatur gilt Microdosing von LSD als Methode kognitiven Enhancements. Es wird ausgeführt, dass es viele Menschen zur persönlichen Entwicklung oder zur Selbstoptimierung Microdosing nutzen.

Als Hauptgründe für das Bedürfnis nach Microdosing gelten:

  1. 1. der Wunsch, die Häufigkeit und Intensität unerwünschter Zustände zu verringern, die durch verschiedene Formen psychischer Erkrankungen verursacht werden, wobei Depressionen, Ängste, ADS/ADHS, Stimmungsstörungen, PTSD und Sucht aufgelistet werden, und
  2. 2. der Wunsch nach Verstärkung der Häufigkeit und Intensität von erwünschten Zuständen/Ergebnissen. Zu den in diesem Kontext erwähnten erwünschten Zuständen zählen Kreativität, Energie, Flow-Zustände, Produktivität/Fokussierung, verbesserte Beziehungen/erhöhte Empathie, sportliche Koordination, Entwicklung von Führungsqualitäten.
Forschungslage

 

Forschung zum Thema Mikrodosierung wird in verschiedenen Zentren betrieben bzw. organisiert. Beteiligt sind in führender Position die Universität Maastricht in Kooperation mit der Beckley Foundation, die Eleusis Company und das Imperial College London. Alle drei Institutionen generierten Ergebnisse zu den Auswirkungen der Mikrodosierung sowohl auf das Wohlbefinden als auch auf die Kognition.

 

Anm.: Im Bild zu sehen ist eine Zunahme der Gehirnaktivität nach einer LSD-Gabe (rechts) im Vergleich zum Placebo (links)

In den drei Zentren werden verschiedene Versuchsanordnungen implementiert. In den Studien der Universität Maastricht und Eleusis wurde LSD in einer klinischen Umgebung mikrodosiert abgegeben, während in der Imperial-Studie Mikrodosierer in ihrem gewohnten häuslichen Setting befragt wurden, die jede Art von Psychedelikum, am häufigsten jedoch LSD und Psilocybin, aus ihrem eigenen Besitz verwenden konnten. Die Imperial Studie lief unter Placebokontrolle ab, die durch eine originelle Selbstverblindungsmethode ermöglicht wurde.

Von kritischer Seite wird behauptet, dass diese erste placebokontrollierte Doppelblindstudie zur Mikrodosierung keine besonders eindrucksvollen Ergebnisse erbracht hätte und dass die Nachhaltigkeit der Ergebnisse noch bestätigt werden müsse. Hingegen ist die Einschätzung der Ergebnisse durch das Beckley-Institut, das die relevanten Studien durchführt, äußerst positiv.

Das Team des Beckley/Imperial Microdosing Research Programmes nimmt derzeit die Phase 2 ihrer Selbstverblindungsstudie zur Mikrodosierung in Angriff, die auf den vorläufigen Ergebnissen des Beckley/Maastricht-Programms aufbaut. Dies soll dann auch die erste Studie sein, die die kumulativen Auswirkungen der Mikrodosierung über einen Zeitraum von 3 bis 5 Monaten untersucht.

In diesem Programm wird darüber hinaus auch eine therapeutisch orientierte Studie mit Teilnehmern durchgeführt, bei denen Angstzustände diagnostiziert wurden; es wird untersucht, ob die Mikrodosierung von Psilocybin bei der Behandlung von Angstzuständen im Zusammenhang mit Covid hilft.

Bislang wird der Frage nachgegangen, inwieweit der Einsatz von Psychedelika die kognitive Situation von schwer depressiven Personen verbessern und damit zu einer grundsätzlichen Aufhellung der depressiven Verstimmung beitragen kann. Alfred Springer über die Erweiterung der klinischen Forschung

Um die populären Darstellungen der Effizienz des Microdosing in der grauen Literatur unter dem Einsatz objektiver Test- und Prüfmethoden wissenschaftlich zu überprüfen, haben 2021 Murphy und Mitarbeiter mit einer großen Kontrollstudie begonnen.

Auch diese Autoren wollen das Spektrum der Studien um klinische Fragestellungen erweitern und regen an, dass zur Bewertung eventueller therapeutischer Anwendungsmöglichkeiten klinische Studien zur Untersuchung des Microdosing als eigenständige Behandlung oder als Ergänzung zur Psychotherapie bei der Behandlung von Depressionen, Sucht, Essstörungen, Zwangsstörungen und Palliativmedizin durchgeführt werden sollten.

Damit würde das Spektrum der klinischen Forschung erweitert. Bislang wird der Frage nachgegangen, inwieweit der Einsatz von Psychedelika die kognitive Situation von schwer depressiven Personen verbessern und damit zu einer grundsätzlichen Aufhellung der depressiven Verstimmung beitragen kann (Magaraggia et al., 2021).

Erotisches Enhancement neu

Im Kontext des „Chemsex“-Phänomens hat sich eine bemerkenswerte Veränderung in der Bewertung des Drogengebrauches mit erotisch-sexueller Motivation ergeben. Während anfangs dieses Verhalten als problematisches Gebrauchsmuster erotischer Subkulturen, speziell der Gay-Szene, angesehen wurde, geht die aktuelle Sexualwissenschaft davon aus, dass sex-bezogener Drogengebrauch auch einen Anteil normalisierter und „rekreationaler“ Konsummuster repräsentiert. Im Kontext des „Pharmacosexuality“-Projekts der Wellcome Foundation hat man erkannt, dass das Muster dieses Gebrauchs nicht nur jene Stoffe umfasst, die traditionell als sexuelle Stimulantien gelten (zentrale Stimulanzien jeder Art), sondern das ganze Spektrum von psychoaktiven Stoffen und dass auch der sex-bezogene Gebrauch von Psychedelika (insbesondere von MDMA und LSD) ein recht großes Ausmaß angenommen hat (Moyle,et al., 2020).

Das drogenpolitische Dilemma

Sowohl die Microdosing-Studie des Imperial-Instituts wie auch die Sexualstudie lenken unseren Blick auf die grundsätzliche Problematik, die diesen Untersuchungen aus dem drogenpolitischen und legislativen Umgangs mit psychedelischen Substanzen erwächst. Ist doch trotz der Fortschritte, die in der Forschung gemacht werden, ihre Möglichkeit sehr eingeschränkt. Die Stoffe sind zwar verfügbar, aber unter den gültigen Kontrollbedingungen scheint die einzige Möglichkeit, legal an sie zu gelangen, die "Pathologisierung" zu sein. Wenn jemand als Klient der Psychiatrie deklariert wird und ihm bescheinigt wird, sie zu benötigen, kann er in manchen Ländern die Drogen erhalten.

Andere "strategische Verwendungen“ bzw. die Nutzung im sozialen Raum unterliegen der Konsumprohibition; sie bleiben „illegal“. Davon ist auch der Gebrauch selbst erworbener Psychedelika für Forschungszwecke betroffen.

Die internationale Drogenpolitik bleibt bislang von den Entwicklungen im kulturellen Raum und in der neurowissenschaftlichen Forschung unbeeindruckt. Sie verharrt in ihrer traditionellen Abschreckungs- und Prohibitionsattitude und betreibt unbeirrt Denormalisierung von Gebrauch und Gebrauchern im Feld des sozialen Drogenkonsums.

Die internationale Drogenpolitik bleibt bislang von den Entwicklungen im kulturellen Raum und in der neurowissenschaftlichen Forschung unbeeindruckt. Alfred Springer über das "drogenpolitische Dilemma"

Literatur:

Korb, S. & James Fadiman, J.: Microdosing: Unexpected results of crowd-sourced research: medical, social, scientific implications of widespread use. ICPR 2020 https://icpr2020.net/speakers/sophia-korb-james-fadiman

Magaraggia, I., Kuiperes, Z., Schreiber, R. Improving cognitive functioning in major depressive disorder with psychedelics: A dimensional approach. Neurobiol Learn Mem. 2021 Sep;183:107467. doi: 10.1016/j.nlm.2021.107467. Epub 2021 May 26.

Moyle, L; Dymock, A.; Aldridge, A.; Mechen, B.: Pharmacosex : Reimagining sex, drugs and enhancement. In: International Journal of Drug Policy, Vol. 86, 102943, 12.2020

Murphy et al. MDLSD: study protocol for a randomised, double-masked, placebo-controlled trial of repeated microdoses of LSD in healthy volunteers Trials (2021) 22:302 https://doi.org/10.1186/s13063-021-05243-3

Kurzportrait

Geb. 26.02.1941 in Wien. Ausbildung: Studium der Medizin; Facharzt für Psychiatrie und Neurologie; Tit a.o Univ. Prof. aufgrund der Habilitation aus Psychiatrie und Psychotherapie; Ausbildung in Psychoanalyse – Mitglied in der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft. Mitglied des Lehrkörpers der Medizinischen Universität Wien und des Lehrkörpers der Sigmund Freud Privatuniversität Wien. Von 1976 – 2010 Leiter des LBI für Suchtforschung in Wien. Von 1996- 2010 Vorsitzender der Wiener Sozialprojekte, bis heute Vorsitzender der Wiener Berufsbörse. Seit der Gründung der ÖGABS im Vorstand dieser Fachgesellschaft. Zahlreiche Publikationen aus den Bereichen Suchtforschung, Substitutionsbehandlung, Sexualwissenschaft, Psychoanalyse, Kultur-/Sozialgeschichte, Jugendkultur und Populärkultur, sowie Präventionsforschung; wissenschaftliche Expertisen zu heroingestützter Behandlung und zu Konsumräumen, beteiligt an einer Expertise über intravenöse Substitution. 1976 -2010 gemeinsam mit Rudolf Mader Herausgeber der Wiener Zeitschrift für Suchtforschung. Mitherausgeberschaft und Mitgliedschaft in verschiedenen Beiräten anderer Fachzeitschriften.

Drogenpolitische Funktionen: Mehrere Amtsperioden als Vorsitzender des Beirates für Drogen- und Alkoholfragen im Gesundheitsministerium; Mitglied des Drogenforums im Gesundheitsministeriums und des Wiener Drogenbeirates.

1983 Silbernes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, 2010 Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich; 2010 Wissenschaftspreis der Stadt Wien für Sozial- und Gesellschaftswissenschaften

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