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Gastbeitrag / Ivo Gurschler / Donnerstag 03.03.22

Vom Mes­ka­lin – Pro­to­typ des Psychedelischen

Inwie­fern kann das Mes­ka­lin als Pro­to­typ der heu­te als „Psy­che­de­li­ka“ bekann­ten Wirk­stoff­grup­pe ver­stan­den wer­den? Zunächst ein­fach des­halb, weil die 1898 von dem Leip­zi­ger Phar­ma­ko­lo­gen Arthur Heff­ter iso­lier­te Rein­sub­stanz als ers­te ihrer Art sys­te­ma­tisch unter­sucht wor­den ist.

In den dabei invol­vier­ten Dis­zi­pli­nen – von der Phar­ma­ko­lo­gie über die Taxo­no­mie zur Psych­ia­trie – hat das Mes­ka­lin jedoch gera­de auf­grund sei­ner eigen­tüm­li­chen Wir­kun­gen, die mit kei­ner der bis dahin bekann­ten „Dro­gen“ ver­gleich­bar waren, für Auf­se­hen gesorgt. Der Ver­weis auf die his­to­ri­sche Prio­ri­tät zur Legi­ti­ma­ti­on der Rede vom Mes­ka­lin als Pro­to­typ für „psy­che­de­li­sche“ Sub­stan­zen erweist sich somit aus zwei Grün­den als zu kurz gegrif­fen, wenn nicht ana­chro­nis­tisch. Zum einen gab es zu jener Zeit, als das Mes­ka­lin als sin­gu­lä­re Aus­nah­me erschie­nen ist, schlicht und ein­fach kei­nen Bedarf nach einem sub­su­mie­ren­den Begriff zur Bezeich­nung ver­wand­ter Stof­fe. Außer­dem wur­de der Neo­lo­gis­mus „psy­che­de­lics“ erst ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter von dem bri­ti­schen Psych­ia­ter Hum­phrey Osmond erdichtet.

 

Der wirk­mäch­ti­ge Kaktus

 

Von Anfang an aber, und das heißt, als die Wis­sen­schaf­ten dem Unbe­kann­ten noch in Gestalt eines offen­bar wirk­mäch­ti­gen aber noch nicht in sei­ne Bestand­tei­le zer­leg­ten Kak­tus begeg­ne­ten, stell­te man sich die Fra­ge, mit wel­cher Art von Pflan­ze oder Alka­lo­iden man es zu tun hat­te: han­del­te es sich hier­bei eher um ein Arz­nei- oder ein Rausch­mit­tel? Falls ers­te­res: zu wel­chen medi­zi­ni­schen Zwe­cken konn­te man die­ses gewinn­brin­gend auf den Markt brin­gen? Falls letz­te­res: müs­sen womög­lich Maß­nah­men getrof­fen wer­den, des­sen Ver­brei­tung zu regu­lie­ren oder kann die­ser selt­sa­me Neo­phyt als rela­tiv gefahr­los ein­ge­stuft werden?

Obwohl der mexi­ka­ni­sche Suk­ku­lent in den Natur­wis­sen­schaf­ten in der 1888 von Lou­is Lewin publi­zier­ten Arbeit nicht zu Unrecht als ein Novum prä­sen­tiert wor­den ist – wes­halb er auch ihrem Ent­de­cker zu Ehren als „Anha­lo­ni­um lewi­nii“ in die Taxo­no­mie ein­ge­führt wur­de – stell­te sich bald schon her­aus, dass der­sel­be – zumeist unter sei­nem azte­ki­schen Namen „peyotl“ – seit dem 16. Jahr­hun­dert immer wie­der, wenn auch nur bei­läu­fig, in eth­no­gra­phi­schen und medi­zi­ni­schen Schrif­ten erwähnt wor­den ist. Die­sen Berich­ten zufol­ge wur­de die rüben­för­mi­ge Pflan­ze von eini­gen indi­ge­nen Eth­ni­en seit unvor­denk­li­chen Zei­ten als (All)Heilmittel und spi­ri­tu­el­les Vehi­kel ver­wen­det. In den Augen der in „Neu­spa­ni­en“ mis­sio­nie­ren­den Kir­chen­män­ner nahm die Pflan­ze hin­ge­gen im Wei­te­ren zuneh­mend dia­bo­li­sche Züge an, inso­fern sie als ein veri­ta­bles Hin­der­nis für die Ver­mitt­lung des wah­ren Glau­bens wahr­ge­nom­men wurde.

Man nähert sich an

 

Um 1900 wie­der­um, bei den ers­ten szi­en­ti­fi­schen Annä­he­run­gen, die den Kak­tus als Haupt­un­ter­su­chungs­ge­gen­stand behan­del­ten, spiel­te die kol­por­tier­te spi­ri­tu­el­le Dimen­si­on wie selbst­ver­ständ­lich kei­ne Rol­le mehr. Hin­ge­gen stand man, zumin­dest in den ers­ten bei­den Jahr­zehn­ten, einem mög­li­chen medi­zi­ni­schen Gebrauch der Pflan­ze bzw. ihrer Bestand­tei­le noch weit­ge­hend offen gegen­über. Auch das änder­te sich jedoch, nach­dem Heff­ter in einer Rei­he von Selbst­ver­su­chen im Mes­ka­lin den eigent­li­chen Haupt­wirk­stoff aus­ge­macht hat.

Die von ihm als „äußerst unan­ge­nehm“ emp­fun­de­nen Neben­wir­kun­gen wür­den das Mes­ka­lin für medi­zi­ni­sche Zwe­cke unbrauch­bar machen. Voll­ends auf Abstand zu tra­di­tio­nel­len Inter­pre­ta­ti­ons­mus­tern ging man dann ab 1919, als es dem Wie­ner Che­mi­ker Ernst Späth gelang, das Mes­ka­lin voll­syn­the­tisch her­zu­stel­len. Da nun kei­ne Not­wen­dig­keit mehr bestand, auf natür­li­che Kak­tus­roh­stof­fe zur Pro­duk­ti­on von Mes­ka­lin zurück­zu­grei­fen (wel­che im Übri­gen stets Man­gel­wa­re waren), glaub­te man sich, auf einer phan­tas­ma­ti­schen Ebe­ne, auch von den her­kömm­li­chen Inter­pre­ta­ti­ons­mus­tern befreit, die im Kak­tus – gleich­sam wie in einer seman­ti­schen Bat­te­rie – gespei­chert waren.

Sys­te­ma­ti­sche Erfor­schung des Wahnsinns

Syts­Die epis­te­mi­schen Wei­chen für eine ers­te Gat­tungs­be­zeich­nung wur­den von dem zunächst in Mün­chen, dann in New York täti­gen Kra­e­pe­lin-Schü­ler Alwyn Knau­er gelegt: Die Beson­der­heit des Mes­ka­lins brach­te er dahin­ge­hend auf den Punkt, dass man hier­in nun end­lich das lan­ge gesuch­te Mit­tel vor­lie­gen habe, mit wel­chem gewis­se Geis­tes­stö­run­gen („Psy­cho­sen“) künst­lich her­vor­ge­ru­fen wer­den konn­ten. Mit die­ser Arbeits­hy­po­the­se mach­te man sich zunächst vor allem an der psych­ia­tri­schen Kli­nik in Hei­del­berg, die nur sech­zig Kilo­me­ter ent­fernt von Darm­stadt (dem Sitz des Phar­ma­un­ter­neh­mens Merck, damals offi­zi­el­ler Mes­ka­lin-Haupt­lie­fe­rant) gele­gen ist, dann in ande­ren deut­schen Städ­ten (neben Mün­chen vor allem in Ber­lin) und bald auch in Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Öster­reich, Ungarn, der Schweiz und ande­ren „Herren“-Ländern an die sys­te­ma­ti­sche Erfor­schung des Wahn­sinns anhand der Injek­ti­on von Meskalin.

Das US-ame­ri­ka­ni­sche Inter­es­se am Mes­ka­lin war zunächst geheim­dienst­lich moti­viert und knüpf­te, erst unter dem Pro­jekt­na­men Arti­cho­ke, spä­ter als MKUl­tra, an die dort [Anm.: im KZ Dach­au] geführ­ten Expe­ri­men­te mit dem­sel­ben als „Wahr­heits­dro­ge“ an.

Von den­sel­ben Grund­an­nah­men gelei­tet waren auch die phar­ma­ko­p­sych­ia­tri­schen For­schun­gen in den USA der 1950er- und 1960er-Jah­re. Aller­dings wur­de das Mes­ka­lin bald schon – naht­los – vom poten­te­ren LSD-25 ver­drängt. Hin­sicht­lich ihrer Wir­kung wur­den die­se bei­den Sub­stan­zen als durch­aus ver­gleich­bar, und ohne wei­te­res sub­sti­tu­ier­bar erach­tet und so begann sich der Aus­druck „Psy­cho­to­mime­ti­kum“ zur Benen­nung der­sel­ben zu eta­blie­ren. (Nach dem Ein­marsch der Alli­ier­ten fun­gier­te das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au dabei, neben­bei bemerkt, als „hub“, denn das US-ame­ri­ka­ni­sche Inter­es­se am Mes­ka­lin war zunächst geheim­dienst­lich moti­viert und knüpf­te, erst unter dem Pro­jekt­na­men Arti­cho­ke, spä­ter als MKUl­tra, an die dort geführ­ten Expe­ri­men­te mit dem­sel­ben als „Wahr­heits­dro­ge“ an).

Dem vor­über­ge­hen­den Kak­tus-Namens­pa­tron Lou­is Lewin (aktu­ell heißt der Peyo­te in wis­sen­schaft­li­cher Nomen­kla­tur Lopho­pho­ra wil­liamsii Lemai­re ex. Salm-Dyck) hin­ge­gen ist die rein patho­lo­gi­sie­ren­de Per­spek­ti­ve immer schon zu eng erschie­nen, wes­halb er in sei­ner Mono­gra­fie zu den „erre­gen­den und betäu­ben­den Genuss­mit­teln“ bereits 1924 den Aus­druck „Phan­tasti­ca“ als Ober­be­griff für den Kak­tus (sowie eini­ger ande­ren Pflan­zen und Sub­stan­zen, die wir heu­te nicht mehr die­ser Kate­go­rie zuord­nen wür­den) geprägt hat. Die­sen Neo­lo­gis­mus hat dann auch der Schwei­zer Che­mi­ker Albert Hof­mann als gene­ri­sche Bezeich­nung für das von ihm aus einem Wei­zen­schäd­ling (das soge­nann­te Mut­ter­korn, Cla­viceps pur­purae) iso­lier­te LSD-25 übernommen.

Phan­tasti­ca: Mes­ka­lin, LSD und Gott-Pilz

Im brief­li­chen Aus­tausch mit dem deut­schen Schrift­stel­ler Ernst Jün­ger war „Phan­tasti­ca“ der übli­che Aus­druck zur Bezeich­nung von Mes­ka­lin und LSD. Deren unter­schied­li­che, in eini­gen gemein­sa­men „Sean­cen“ erprob­ten, Wir­kungs­wei­sen wur­den dabei zwar reflek­tiert, doch war man sich dar­über einig, dass man es hier im Grun­de mit wesen­haft ver­wand­ten Stof­fen zu tun hat­te. Nach­dem Gor­don Was­son, ein US-ame­ri­ka­ni­scher Ban­kier und Hob­by-Myko­lo­ge, den psy­cho­ak­ti­ven „Gott-Pilz“ (teon­a­na­catl) wie­der­ent­deckt, und Hof­mann 1958 des­sen Haupt­wirk­stoff im Psi­lo­cy­bin aus­ge­macht hat­te, erwei­ter­te sich die Grup­pe der „Phan­tasti­ca“ um eine drit­te ihr zuge­hö­ri­ge Art – und wur­de dadurch kon­so­li­diert. Jedoch konn­te sich die­ser Ter­mi­nus, ver­mut­lich weil er sich auf Eng­lisch nur schwer aus­spre­chen lässt, nicht glo­bal durch­set­zen. Auch der Vor­schlag von Wal­ter Fre­de­r­king, einem Pio­nier beim Ein­satz von – wie­der­um zunächst – Mes­ka­lin und – dann – LSD als Adjunkt in der Psy­cho­the­ra­pie, der auch Jün­ger und Hoff­mann mit vori­gem ver­sorgt hat, die­se Grup­pe als „Eide­ti­ca“ (Bild­spen­der) zu bezeich­nen, geriet wei­test­ge­hend in Vergessenheit.

Nach sei­nen ers­ten Expe­ri­men­ten mit Mes­ka­lin in Sas­kat­che­wan, Kana­da, emp­fand auch Osmond, ähn­lich wie Lewin vor ihm, die vor­herr­schen­de, rein patho­ge­ne Fas­sung die­ses Stoffs als zu eng gefasst. Nicht zuletzt infor­miert durch die Teil­nah­me an einer tra­di­tio­nel­len Peyo­te-Zere­mo­nie, erkann­te der umsich­ti­ge Psych­ia­ter in die­sem, wie dem rei­nen Mes­ka­lin (das sei­ner Ein­schät­zung nach durch­aus ähn­lich wirk­te), ein poten­zi­el­les phar­ma­ko­lo­gi­sches Mit­tel zur Men­schen­ver­bes­se­rung. Nach­dem Osmond Aldous Hux­ley mit­tels Mes­ka­lin zur Ver­fas­sung sei­ner Doors of Per­cep­ti­on (1955) inspi­riert hat, for­mu­lier­te er im April 1956 im Brief­ver­kehr mit dem­sel­ben fol­gen­den Zwei­zei­ler: „To fathom hell or go ange­lic, Just take a pinch of psy­che­de­lic“ – und präg­te damit die bis heu­te popu­lärs­te Sam­mel­be­zeich­nung für die­se mit­un­ter alles erschüt­tern­den Pflan­zen und Sub­stan­zen. (Hux­leys initia­ler, im Wesent­li­chen syn­ony­mer Vor­schlag „Pha­nero­thy­me“ blieb dage­gen weit­ge­hend unerhört).

Auf­grund der „gegen­kul­tu­rel­len“ Bewe­gung der 1970er Jah­re und dem dar­auf­hin aus­ge­ru­fe­nen „War on Drugs“ geriet die­ser Aus­druck jedoch bald schon in Miss­kre­dit, sodass sich als wis­sen­schaft­li­cher Ter­mi­nus tech­ni­cus das angeb­lich neu­tra­le­re Wort „Hal­lu­zi­no­ge­ne“ durch­zu­set­zen begann. Mitt­ler­wei­le aber erfreut sich die­ser aus den grie­chi­schen Wor­ten „psy­che“ und „delos“ (in etwa „mani­fest wer­den“) zusam­men­ge­setz­te Neo­lo­gis­mus, selbst in den Wis­sen­schaf­ten, wie­der zuneh­men­der Beliebt­heit, wie die Rede von der „Psy­che­de­li­schen Renais­sance“ deut­lich macht.

„To fathom hell or go ange­lic, just take a pinch of psychedelic“ Hum­phrey Osmond, Psych­ia­ter und Schaf­fer des Neo­lo­gis­mus „psy­che­de­lics“

Kurzportrait

Ivo Gur­sch­ler, gebo­ren 1979 in Imst, stu­dier­te Publi­zis­tik und Phi­lo­so­phie in Wien, u. a. bei Eli­sa­beth von Sam­sonow und Wal­ter Seit­ter. Er war „thinkable“-Redakteur bei skug. Jour­nal für Musik, kol­la­bo­rier­te mit dem Per­for­mance-Kol­lek­tiv nada­pro­duc­tions und ist Mit­her­aus­ge­ber der Schrif­ten zur Ver­kehrs­wis­sen­schaft (vor­mals TUMULT). Als theo­re­tisch inter­es­sier­ter Psy­cho­naut refe­rier­te er an der Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te in Wien, an der Uni­ver­si­ty of Sas­kat­che­wan, Kana­da und an Psy­che­de­lik-Kon­fe­ren­zen (Ber­lin, Ams­ter­dam). Neben der Dis­ser­ta­ti­on „Zur Genea­lo­gie des Mes­ka­lins“ arbei­tet er seit eini­gen Jah­ren im Schul­buch­ver­lags­we­sen als Lektor.

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