EU-Wissenschaftsmesse: Kinder lauschen dem Klang von Bakterien
Auf der Messe der EU „Science is Wonderful!“ in Brüssel begeistern Spitzenkräfte aus der Forschung Kinder mit Superhelden, Seifenblasen und Tanzmusik und wecken so die Neugier des wissenschaftlichen Nachwuchses.
Ein Hörsaal vibriert, als der elektronische Tanzhit „I Like to Move It“ von Reel 2 Real durch die Lautsprecherboxen dröhnt. Eine Klasse von 11-Jährigen in fluoreszierenden Westen führen ihre eigene Version der Übung „Hampelmann“ vor, angespornt von einigen der führenden europäischen Forschenden vorne im Raum.
Die Aufgabe besteht darin, einem unförmigen Superhelden, Mr. Fit, zu helfen, wieder in Form zu kommen, nachdem er sich hat gehen lassen. Dafür treibt er Sport, ernährt sich gesund und schläft genug, was die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihrem begeisterten Publikum mit einer Reihe von Spielen vor Augen führen. Mr. Fit wird von einem Forscher an der Universität Granada in Spanien gespielt, der zu diesem Anlass in einem Superheldenkostüm steckt: der alljährlichen von der EU finanzierten Veranstaltung „Science is Wonderful!“.
„Wir untersuchen die Gewohnheiten von Kindern und deren Folgen für ihre Gesundheit in ihrem weiteren Leben“, erklärte Cristina Cadenas-Sanchez, Professorin an der Universität Granada und Leiterin des Teams aus Wissenschaftlern. „Wir führen zum Beispiel Messungen in Schulen durch und begleiten die untersuchten Kinder in ihrer Entwicklung.“ Die Forschenden stellten dieses Jahr ihre PreCaFit-Forschung auf der Wissenschaftsmesse in Brüssel vor. Hier konnten Kinder zwischen 7 und 18 Jahren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Weltrang und deren Arbeit kennenlernen.
Über 150 Forschende waren auf 43 Stände verteilt und sprachen über verschiedenste Themen, von erdbebensicheren Wohnungen bis hin zu Affen, Mathematik und Malaria. Die meisten der auf der Messe vorgestellten Forschungsarbeiten wurden von Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiaten geleitet, die am EU-Forschungsprogramm für Doktoranden und promovierte Wissenschaftlerinnen teilnehmen. Andere Stände wurden von Stipendiaten des Europäischen Forschungsrats betrieben.
Auf der Messe sorgten sie für interaktive Stände, viel Begeisterung und sogar einen Forscher im Superheldenkostüm. Für viele war es eine Herzensangelegenheit, angetrieben von dem Wunsch, ihre Leidenschaft für die Wissenschaft mit den jungen Menschen von heute zu teilen. „Mit dieser Veranstaltung schlagen wir eine Brücke zur künftigen Generation von Forschenden“, sagte Sybille Luhmann, Projektmanagerin für die 11. Veranstaltung dieser Art. „Wir zerstreuen den Mythos, dass Wissenschaft im Elfenbeinturm stattfindet. Von den Gesellschaftswissenschaften bis hin zu den exakten Wissenschaften kann die Wissenschaft uns Antrieb sein und unser Leben im Alltag verbessern.“
Bakterielle Vibrationen
In einem anderen Raum scharte sich eine Klasse jüngerer Kinder um einen Tisch herum, ein seltsames Geräusch wie von einem Roboter tönte aus einer Maschine. Alberto Martín‑Pérez und Liga Jasulaneca von der Technischen Universität Delft in den Niederlanden betreuten diesen Stand. Sie arbeiten an PROPHOTOM, einem von der EU finanzierten Projekt, bei dem hochempfindliche Sensoren entwickelt werden, die auf Vibrationen kleinster Organismen, etwa Bakterien, reagieren. Hier war die Herausforderung, diese unsichtbare Welt für die Kinder seh- und hörbar zu machen.
„Zuerst frage ich, welche Geräusche Tiere von sich geben, wie Kühe, Hühner oder Hunde“, erzählte Martín-Pérez. „Die Kinder lieben es, laut diese Geräusche zu machen. Dann frage ich sie, wie Bakterien klingen. Da werden sie leise. Mit unserer Forschung finden wir den Klang von Bakterien heraus.“ „Ton und Bewegung sind eng miteinander verbunden“, erklärte Martín-Pérez. „Eine Gitarrensaite schwingt und klingt. Natürlich können wir die Vibrationen von Bakterien nicht hören. Aber unsere Gruppe hat die Technologie entwickelt, um sie wahrzunehmen.“
Das erklären sie den Kindern, indem sie zunächst mit verschiedenen Saiten Geräusche erzeugen und dann zu einem Frequenzgenerator übergehen. Das ist eine Maschine, die eine Platte mit einer bestimmten Frequenz zum Vibrieren bringt und dabei Geräusche erzeugt. Schließlich zeigen sie den Kindern ihre Technologie und damit das seltsame Summen, hervorgerufen durch die Vibrationen der Bakterien. „All das zu erklären, beansprucht einen sehr“, meinte Jasulaneca. „Manchmal arbeiten wir gleichzeitig mit zwei Personen, die dolmetschen. Aber wenn die Kinder es dann verstehen, ist es ein toller Moment.“
Dengue-Fieber in Europa
Nicht weit davon entfernt drehte sich alles um Stechmücken, Raubwanzen und Sandfliegen. Dieser „Käferstand“ wurde von Raquel Martins Lana betreut, unterstützt von Andria Nicodemou vom Barcelona Supercomputing Center und Tatiana Docile von der Staatlichen Universität Rio de Janeiro (UERJ). Martins Lana arbeitet mit an REGIME, einem von der EU finanzierten Projekt zu klimasensitiven Infektionskrankheiten.
Ihr Forschungsteam untersucht Krankheiten, die durch Insekten übertragen werden, wie Malaria, Dengue und Leishmaniose, und entwickelt Computer‑ und Statistikmodelle, um deren Ausbreitung zu verfolgen. Martins Lana verbringt ihre Entsendung (Forschungsaufenthalt) an der Beobachtungsstelle für Klima und Gesundheit der Oswaldo-Cruz-Stiftung (Fiocruz) in Rio de Janeiro. Die dort untersuchten Krankheiten verbreiten sich auch jenseits tropischer Regionen. „Aufgrund des Klimawandels treten Krankheiten wie das Dengue-Fieber auch in Süd- und Osteuropa auf“, erläuterte Martins Lana.
Die Forschenden bringen den Kindern durch Spiele etwas über diese Krankheiten bei und veranschaulichen die Ausbreitung und auch die Schutzmaßnahmen: den Einsatz von Mückennetzen, Insektenschutzmitteln und, sofern verfügbar, Impfstoffen, dazu das Trockenlegen stehender Gewässer. „Die Kinder nehmen diese Informationen mit nach Hause“, sagte Martins Lana. „Dann sprechen sie mit ihren Familien darüber und werden zu den besten Helfern, die wir uns wünschen können.“
Seifenoperationen
Roberta Marziani ist Mathematikerin an der Universität Siena in Italien. An ihrem Stand führte sie komplexe Mathematik mit Seifenblasen vor Augen. So veranschaulichte sie ihr TopSing-Projekt, bei dem untersucht wird, wie sich Oberflächen biegen, dehnen und kleinste Formen annehmen. „Ich studiere das Plateau-Problem“, erklärte Marziani. „Es besteht darin, eine Minimalfläche zu finden, die eine bestimmte Form im Raum umspannt.“ Einfach gesagt, wird hier nach der kleinsten möglichen Oberfläche zu einer gegebenen Randkurve gesucht.
So abstrakt das auch klingt, es lässt sich einfach zeigen: mit Seifenblasen. Wenn man einen Metallrahmen in Seifenwasser taucht, nimmt die Seifenblase, die sich bildet, die kleinstmögliche Oberfläche ein. Dies kann uns dabei helfen, effizientere Elektronikgeräte mit möglichst kurzen Drähten zu entwickeln. Im Bauwesen wird mit ähnlichen Berechnungen ermittelt, wie sich Dachstrukturen am besten gestalten lassen. „Das beeindruckt die Kinder sehr“, berichtete Marziani und fügte lachend hinzu: „Aber sie spielen auch einfach gerne mit den Blasen.“
Marziani hofft, dass Kinder so an die Mathematik herangeführt werden können. „Die Testergebnisse für Mathematik werden in ganz Europa schlechter, und das Interesse der Schulkinder an dem Fach nimmt ab“, führte sie aus. „Ich liebe Mathematik und finde es deshalb großartig, sie für Kinder spannender zu machen.“
Natürliche Verbindung
Mitten im Trubel hatte die Künstlerin Valentine De Cort ihre Ecke. Scharen von Kindern versammelten sich um sie herum, um zu sehen, was sie mit ihrem Computer machte. „Ich stelle ihnen zwei Fragen: Was gefällt dir an der Wissenschaft und was möchtest du erfinden?“, erklärte sie. „Dann zeichne ich direkt Illustrationen ihrer Erfindungen.“ Die Wand hinter ihr war bedeckt mit ihren Zeichnungen, von bodenständig bis völlig fantastisch. Eine Zeichnung stellte eine Maschine dar, die Wasser in Limonade umwandelt, eine andere zeigte eine Eule, die alles sehen kann und so die Polizei überflüssig macht. Ein Junge wollte ein Gerät erfinden, um Menschen zu vergrößern. Ein Mädchen wünschte sich eine Maschine, um die Ermahnungen ihrer Mutter stummzuschalten, ihr Zimmer aufzuräumen.
„Es ist einfach großartig, zu hören, wie erfinderisch sie sind“, sagte De Cort. „Die Zeichnung dazu ist manchmal nicht einfach, aber es ist immer eine Freude.“ In drei Tagen besuchten über 4 200 Kinder die diesjährige Messe. Sybille Luhmann sieht den eigentlichen Erfolg jedoch im Kontakt zwischen Forschenden und Kindern. „In der Wissenschaft Aktive und Kinder sind zwei der dankbarsten Arten von Publikum, mit denen ich je gearbeitet habe“, erklärte sie. „Man geht in die Wissenschaft, weil einen eine Frage umtreibt und man Antworten haben will. Das ist bei Kindern ganz ähnlich. Wenn Sie diese beiden zusammenbringen, entsteht eine natürliche Verbindung.“
Von Tom Cassauwers
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Dieser Artikel wurde ursprünglich in Horizon, dem Forschungs- und Innovationsmagazin der EU, veröffentlicht.