Die Suche nach einer langfristigen Heilung für Hepatitis B
Für Millionen von Menschen, die mit chronischer Hepatitis B leben, war eine Langzeitbehandlung bislang die einzige Möglichkeit. Von der EU geförderte Forschende bündeln nun ihre Kräfte, um eine Kombinationstherapie zu entwickeln, die bedeuten könnte, dass Erkrankte nicht mehr lebenslang Medikamente einnehmen müssen.
Hepatitis B ist eine chronische Infektion, von der weltweit etwa 254 Millionen Menschen betroffen sind und die jedes Jahr etwa 1,1 Millionen Todesfälle verursacht, hauptsächlich aufgrund von Leberzirrhose und Leberkrebs. Obwohl es bereits seit mehr als 40 Jahren einen Schutzimpfstoff gibt, gibt es nach wie vor keine Heilung für Menschen, die bereits an dieser Krankheit leiden. Mit den derzeit erhältlichen antiviralen Arzneimitteln kann das Virus zwar unterdrückt, aber nicht beseitigt werden. Nach Angaben des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) sind rund 3,6 Millionen Menschen in den 27 EU-Ländern sowie in Island, Liechtenstein und Norwegen chronisch mit Hepatitis B infiziert. Viele bemerken ihre Infektion erst, wenn bereits schwere Leberschäden aufgetreten sind, sodass sie auf eine lebenslange Behandlung angewiesen sind.
„Die Leute glauben, wir hätten das Problem gelöst, weil wir eine Schutzimpfung haben. Für die Millionen Menschen, die bereits mit chronischer Hepatitis B leben, trifft das jedoch einfach nicht zu“, sagte Professorin Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München und bei Helmholtz Munich.
Nun sind Protzer und andere Forschende in ganz Europa jedoch der Ansicht, dass eine funktionelle Heilung endlich in greifbare Nähe rückt. Protzer hat mehr als zwei Jahrzehnte lang untersucht, wie Hepatitis B dem Immunsystem ausweicht, und neue Wege entwickelt, um dem Körper bei der Bekämpfung zu helfen. „Ich bezeichne Hepatitis B als die am häufigsten vernachlässigte Krankheit in der Welt“, sagte Protzer, die ein internationales Forschungsteam leitet, das an einem neuen Impfstoff für Menschen mit chronischer Hepatitis B arbeitet.
Ihre Arbeit ist Teil der sechsjährigen Forschungsinitiative „TherVacB“, die von der EU finanziert wird und Ende 2026 ausläuft. Während herkömmliche Hepatitis-B-Impfungen einer Infektion vorbeugen, richtet sich diese therapeutische Impfung an Menschen, die bereits chronisch infiziert sind.
Anstatt das Virus direkt anzugreifen, stellt sich das Team von Protzer eine andere Frage: Kann das Immunsystem selbst darauf trainiert werden, die Kontrolle zurückzuerlangen? Ziel ist es, eine Immunantwort nachzubilden, wie sie bei Menschen auftritt, die sich später im Leben mit Hepatitis B infizieren und diese auf natürliche Weise überwinden.
„Menschen, die das Virus eliminieren, entwickeln starke Antikörper- und eine starke T-Zell-Antwort“, sagte Protzer. Das sind die Immunzellen, die infizierte Zellen erkennen und abtöten. „Wir haben unseren therapeutischen Impfstoff so konzipiert, dass er genau diese Art von Immunantworten auslöst.“
Frühe klinische Studien an gesunden Freiwilligen zeigten, dass der Impfstoff gut vertragen wurde und die erwartete Immunantwort erfolgreich auslöste. In Deutschland, Italien, Spanien, dem Vereinigten Königreich und Tansania laufen derzeit Patientenversuche.
Die Forschenden weisen zwar darauf hin, dass sich die Arbeit noch in einem frühen klinischen Stadium befindet, sind jedoch der Ansicht, dass therapeutische Impfungen letztendlich ein wichtiger Bestandteil künftiger Kombinationsbehandlungen werden könnten.
Grund zur Hoffnung
Die Weltgesundheitsorganisation hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 die virale Hepatitis als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu beseitigen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind frühzeitigere Diagnosen, umfassendere Impfungen und wirksamere Behandlungen für Menschen, die bereits mit einer chronischen Infektion leben, erforderlich.
Der zunehmende Optimismus in den letzten Jahren ist auf einen Wandel im der wissenschaftlichen Herangehensweise zurückzuführen. Anstatt sich auf eine einzige Behandlung zur Eliminierung des Virus zu verlassen, glauben die Forschenden zunehmend, dass der Weg zu einer funktionellen Heilung in der Kombination von Therapien liegt, die wirksam zusammenarbeiten und es den Erkrankten ermöglichen, das Virus ohne kontinuierliche Behandlung unter Kontrolle zu halten.
„Wir sind am Beginn einer sehr spannenden Zeit in der Hepatitis-B-Forschung“, sagte Dr. Maria Butí Ferret, eine Hepatologin mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Behandlung von Menschen mit dieser Erkrankung. „Es werden viele neue Behandlungen entwickelt, die auf verschiedene Teile des Virus abzielen oder das Immunsystem dabei unterstützen, das Virus wirksamer zu bekämpfen. Die Zukunft ist wahrscheinlich nicht eine einzige Behandlungsmethode, sondern einer Kombination verschiedener Ansätze, die sich gegenseitig ergänzen.“
Butí Ferret ist Professorin für Medizin an der Universitat Autònoma de Barcelona und leitende Hepatologin am Hospital Universitari Vall d’Hebron, einem der führenden Zentren für Lebererkrankungen in Europa. In den letzten sechs Jahren war sie Mitglied eines weiteren internationalen Forschungsteams, das von der EU unterstützt wird und das den Namen IP-cure-B trägt. Dieses untersucht, ob Forschende die Fähigkeit des Immunsystems wiederherstellen können, Hepatitis B auf natürliche Weise zu kontrollieren.
Die derzeitigen antiviralen Medikamente können das winzige Virusreservoir, das in den Leberzellen verborgen bleibt, nicht entfernen. Sobald die Behandlung abgebrochen wird, kehrt das Virus oft zurück. Forschende von IP-cure-B untersuchten daher, ob es möglich wäre, vor Absetzen der antiviralen Medikamente die körpereigenen Abwehrkräfte „aufzuwecken“. Dadurch wäre das Immunsystem besser darauf vorbereitet, das Virus langfristig unter Kontrolle zu halten. Die klinische Phase-IIa-Studie des Projekts ist nun abgeschlossen, und die Forschenden untersuchen derzeit, ob dieser immunbasierte Ansatz zu einer funktionellen Heilung führen kann. Parallel zur klinischen Studie sucht das Team zudem im Blut und im Immunsystem der Erkrankten nach biologischen Hinweisen, die Aufschluss darüber geben könnten, wer am ehesten von künftigen immunbasierten Behandlungen profitieren wird.
„Was wir dabei herausfinden wird nicht nur für unsere eigene Forschung von Bedeutung sein“, sagte Projektkoordinator Fabien Zoulim, Professor für Medizin an der Universität Claude Bernard Lyon I in Frankreich und einer der führenden Experten Europas für chronische Hepatitis B. „Es könnte uns auch dabei helfen, zu verstehen, welche Menschen am ehesten auf die neuen, immunbasierten Behandlungen oder die direkt wirkenden antiviralen Medikamente, die derzeit auf den Markt kommen, ansprechen.“
Kombination von Stärken
Forschende sind zunehmend der Ansicht, dass die Kombinationstherapie der Schlüssel sein wird. Wird das Virus zunächst mithilfe antiviraler Medikamente oder neuer antiviraler Technologien eingedämmt, ist das Immunsystem anschließend möglicherweise besser in der Lage, auf therapeutische Impfstoffe oder andere auf immunbasierte Behandlungen anzusprechen.
Nachdem man erkannt hatte, dass wahrscheinlich kein einzelner Ansatz das Problem allein lösen würde, schlossen sich die Teams von TherVacB und IP‑cure‑B im Jahr 2023 zusammen. Sie tauschten Fachwissen aus, verglichen ihre Ergebnisse, und untersuchten, wie verschiedene immunbasierte Strategien letztlich kombiniert werden könnten, um die Chancen der Erkrankten auf eine langfristige Linderung zu verbessern.
„Wenn die Viruslast hoch bleibt, sind die Immunzellen überfordert“, erklärte Protzer. „Der logische Schluss ist, zunächst die Viruslast zu reduzieren und anschließend die Immunantwort zu aktivieren.“
Zoulim ist der Ansicht, dass diese neuen Ansätze auch zu einer individuelleren Behandlung führen werden. „Ziel ist es, Erkrankte besser zu charakterisieren und je nach ihrer spezifischen Situation die beste Behandlung vorzuschlagen“, sagte er. „Bei Hepatitis B wird Präzisionsmedizin unerlässlich sein, um die Heilungsraten zu optimieren.“
Hoffnung auf Heilung
Die jüngsten klinischen Fortschritte haben diesen Optimismus noch verstärkt. Mehrere experimentelle Therapien haben gezeigt, dass bei einem Teil der Erkrankten eine funktionelle Heilung erreichbar ist, was die Erwartungen hinsichtlich einer Krankheit, die einst als unheilbar galt, grundlegend verändert hat.
„Das Leben mit einer chronischen Infektion ist nicht nur ein medizinisches Problem, sondern kann auch emotionale und soziale Auswirkungen haben“, sagte Butí Ferret. „Viele Menschen sind nach wie vor mit Stigmatisierung und Vorurteilen im Zusammenhang mit Hepatitis B konfrontiert.“
Eine funktionelle Heilung könnte bedeuten, dass die Erkrankten wenigere Jahre lang Medikamente einnehmen müssen, weniger Sorgen haben und ein geringeres Risiko besteht, dass sich die Lebererkrankung zu einer Leberzirrhose oder zu Krebs entwickelt. Die Forschenden betonen jedoch, dass wissenschaftliche Fortschritte mit umfassenderen Tests, frühzeitigeren Diagnosen und Behandlungen sowie der weiteren Durchführung von Impfungen einhergehen müssen.
Zwar wird nicht erwartet, dass eine einzelne Therapie die Lösung bietet, doch sind die Forschenden der Ansicht, dass die Kombination neuer antiviraler und immunbasierter Ansätze den Beginn eines neuen Kapitels in der Hepatitis-B-Forschung markiert, in dem sich das Blatt von der Eindämmung der Krankheit hin zu ihrer Heilung wendet.
Von Maria Vlastara
Nähere Informationen
TherVacB (CORDIS)
Website des Projekts „TherVacB“
IP-cure-B (CORDIS)
Website des Projekts „IP-cure-B“
Forschung und Innovation im Gesundheitsbereich in der EU
Virale Hepatitis B und C in der EU
Dieser Artikel wurde ursprünglich im EU-Forschungs- und Innovationsmagazin Horizon veröffentlicht.
Die in diesem Artikel beschriebenen Forschungsarbeiten wurden durch das EU-Programm Horizont finanziert.