Was uns Hunde über die Ursprünge der Sprache lehren können
Forschende untersuchen die Fähigkeit von Hunden, ihre Lautäußerungen zu steuern und zu verändern, in der Hoffnung, eines der größten Rätsel der Evolution zu lösen: die Ursprünge der menschlichen Sprache.
Seit über 14 000 Jahren jagen Hunde gemeinsam mit uns, bewachen Vieh, hüten Schafe und rollen sich in jüngerer Zeit neben uns auf dem Sofa zusammen. Im Laufe der Zeit haben sie gelernt, unsere Gesten bemerkenswert gut zu deuten und unsere Signale aufzunehmen.
Nun glauben Forschende, dass Hunde möglicherweise auch zur Beantwortung einer viel größeren Frage beitragen könnten: Wie kam es dazu, dass der Mensch die einzige Spezies wurde, die zur gesprochenen Sprache fähig ist?
Dr. Tamás Faragó, Forscher im Bereich Bioakustik an der Universität Eötvös Loránd in Budapest, beschäftigt sich seit fast zwei Jahrzehnten damit, wie Hunde mithilfe von Lauten kommunizieren. Im Rahmen von „K9VocLearn“, einem fünfjährigen, von der EU finanzierten Forschungsprojekt, untersuchen sein Team und er nun, ob durch die Domestizierung die Art und Weise verändert wurde, wie Hunde ihre Lautäußerungen einsetzen – und was dies über die Evolution der menschlichen Sprache aussagen könnte.
Warum Hunde?
Die Forschenden untersuchen, ob das jahrtausendelange Zusammenleben mit Menschen den Hunden einige der Grundlagen für das Erlernen von Lauten vermittelt hat – nämlich die Fähigkeit, ihre Lautäußerungen anzupassen, indem sie anderen zuhören.
„Der Erwerb von Lautäußerungen ist eine einzigartige Fähigkeit des Menschen und eine äußerst wichtige Voraussetzung für die gesprochene Sprache“, sagte Faragó. „Ohne die Fähigkeit, die eigenen Lautäußerungen zu verändern und neue Lautäußerungen zu erlernen, um neue Laute zu erzeugen, kann man nicht wirklich sprechen lernen.“
Der Mensch treibt diese Fähigkeit auf die Spitze, indem er die enorme Bandbreite an Lauten, die für die gesprochene Sprache benötigt wird, erlernt und bewusst erzeugt. Nur wenige andere Säugetiere zeigen etwas Ähnliches. Delfine, Wale, Robben, Fledermäuse und Elefanten können Laute in unterschiedlichem Maße nachahmen oder abwandeln, während Menschenaffen – unsere nächsten Verwandten – eine weitaus geringere Flexibilität bei den Lautäußerungen aufweisen.
Hunde nehmen in der Evolution einen besonderen Platz ein – sie wurden über Jahrtausende hinweg auf bestimmte Eigenschaften hin gezüchtet, die sie für den Menschen nützlich machten.
„Im Zuge der Domestizierung wurden Hunde ausgewählt, weil sie zahm und sozial tolerant gegenüber Menschen waren und bei der Jagd, beim Hüten und beim Treiben von Vieh mit Menschen kooperieren konnten“, sagte Faragó.
Häusliche Kooperation
Die Forschenden untersuchen, ob dieselben Merkmale, die Hunden zunehmend kooperativer und sozial toleranter gemacht haben, auch ihre Fähigkeit beeinträchtigt haben, ihre Laute zu kontrollieren und zu verändern.
„Hunde verfügen über zahlreiche soziale kognitive Fähigkeiten, die denen des Menschen sehr ähnlich sind, ebenso wie unsere Fähigkeit zu kooperieren. Deshalb dachten wir, dass Hunde ein sehr gutes Modell für diese frühen Evolutionsschritte des Menschen sein könnten“, sagte Faragó.
Dies knüpft an eine faszinierende – aber nach wie vor umstrittene – Idee der Evolutionsbiologie an, die als „Hypothese der Selbstdomestizierung“ bekannt ist. Dabei wird die These vertreten, dass im Laufe der menschlichen Evolution die natürliche Selektion eine größere soziale Toleranz und Kooperation begünstigt hat, was zu Veränderungen geführt hat, die mit denen vergleichbar sind, die bei der Domestizierung von Tieren zu beobachten waren.
Wenn eine größere soziale Toleranz auch eine flexiblere Kommunikation begünstigt, könnte die Untersuchung der Auswirkungen der Domestizierung auf Hunde Aufschluss über einige der evolutionären Voraussetzungen geben, die letztendlich dazu beigetragen haben, die menschliche Sprache zu ermöglichen.
Ein Hinweis findet sich in der Art und Weise, wie sehr sich die Lautäußerungen von Hunden im Vergleich zu denen ihrer wilden Vorfahren verändert haben. Eine Studie aus dem Jahr 2023 ergab, dass Rassen, die genetisch näher mit Wölfen verwandt sind, auf ein Heulen eher mit einem Heulen reagierten, während Rassen, die entfernter mit Wölfen verwandt sind, eher bellten.
Im Gegensatz zu Wölfen bellen Hunde in fast jeder Situation. Forschende der Universität Eötvös Loránd gehen davon aus, dass dies eine direkte Folge der Domestizierung ist, möglicherweise weil frühe Menschen Hunde bevorzugten, die lautstark Alarm schlagen konnten.
Genau diesen Wandel – von einem seltenen Verhaltensmuster bei Wölfen hin zu einem ständigen, vom Menschen gesteuertem Signal – versucht K9VocLearn zu erklären.
Im Labor
Im treffend benannten „Budapest BARKS Lab“ (Behaviour and Acoustics Research for K9 Sounds) erstellen die Forschenden das bislang detaillierteste Bild der vokalen Kommunikation von Hunden.
Hunde werden mit Situationen konfrontiert, die so gestaltet sind, dass sie eine Reihe von Emotionen hervorrufen. Sie spielen, bewältigen einfache Lernaufgaben, erleben kurze Trennungen von ihren Besitzerinnen und Besitzern und werden sogar mit einem aufgeblasenen Müllsack konfrontiert, der sich „auf mysteriöse Weise“ durch den Raum bewegt.
Jedes Bellen, Winseln, Knurren und Heulen wird zusammen mit dem Verhalten und der Herzfrequenz aufgezeichnet, was den Forschenden hilft, bestimmte Lautäußerungen mit emotionalen Zuständen in Verbindung zu bringen.
Die nächste Frage lautet, ob Hunde lernen können, einige dieser Laute bewusst zu erzeugen. Die Trainingseinheiten hierzu wurden von der Genetikerin und ausgebildeten Hundetrainerin Dr. Sára Sándor konzipiert.
„Derzeit führen wir Pilottrainings durch, um unser Protokoll weiterzuentwickeln“, sagte sie und betonte, dass sich die Forschenden darauf konzentrieren, herauszufinden, wie Hunde trainiert werden können, Laute von sich zu geben und freiwillig mitzuwirken. „Man sollte keinen Druck auf die Hunde ausüben. Man sollte sie nicht zu irgendetwas zwingen.“ Im Mittelpunkt dieses Ansatzes steht, dass die Hunde selbst entscheiden dürfen, ob sie weitermachen möchten.
„Wir bringen den Hunden bei, wie sie ihre Zustimmung signalisieren können. Wenn ein Hund also das Gefühl hat, dass eine Situation Stress auslöst, oder wenn er müde ist, kann er signalisieren, dass er nicht weitermachen möchte.“ Das Erlernen von Kommandos ist für Hunde anstrengend, daher sollten wir die Trainingseinheiten kurz halten und ihnen so viel Eigenbestimmung wie möglich lassen.“
Kontrolle von Lauten
Das Ziel besteht nicht darin, Hunden beizubringen, im menschlichen Sinne zu „sprechen“, sondern herauszufinden, inwieweit sie ihre eigenen Laute willentlich steuern können. Anstatt das Verhalten eines Hundes übermäßig zu interpretieren, untersucht Faragós Team etwas Konkreteres. Kann ein Hund lernen, auf ein Signal hin ein Winseln von sich zu geben, das er normalerweise aus Aufregung von sich gibt – ohne den Ball, der dies üblicherweise auslöst? Es nehmen nicht nur besonders lautstarke Hunde teil.
„Für uns ist alles Datenmaterial, daher interessieren wir uns auch für die Trainierbarkeit von Hunden mit einem minimalen Lautrepertoire. Wir haben derzeit einen Hund, der kaum bellt, der aber dennoch schon in einer einzigen Trainingseinheit den Dreh raus hatte und es nun liebt, auf Kommando zu bellen“, sagte Sándor.
Dass ein Hund von Natur aus „geschwätzig“ ist, bedeutet nicht unbedingt, dass er seine Lautäußerungen besser steuern kann. „Gesprächige“ Hunde bellen möglicherweise aufgrund ihrer genetischen Veranlagung, ihres emotionalen Zustands oder eines äußeren Auslösers und nicht, weil sie sich bewusst dafür entscheiden können, einen bestimmten Laut zu erzeugen. Echte Lautkontrolle funktioniert in beide Richtungen: Sie kann auch bedeuten, zu lernen, still zu sein, wenn darum gebeten wird.
Bislang hat das Team auf die Hunde aus dem eigenen Familienkreis zurückgegriffen, wird aber bald eine viel größere Gruppe von Freiwilligen einbeziehen. Tierhaltende aus ganz Budapest werden zu Hause die Trainingsanweisungen befolgen, bevor sie ihre Haustiere ins BARKS Lab bringen, damit diese im Namen der Wissenschaft bellen, winseln und heulen können.
Die Arbeit wird auch über das Labor hinaus gehen. Im Rahmen einer Aktion der Bürgerwissenschaft, die von der früheren „Do As I Do Woof Challenge“ inspiriert ist, werden Hundebesitzer und -besitzerinnen weltweit dazu eingeladen, Aufnahmen einzureichen, die ein Labor niemals erfassen könnte: zufriedene Seufzer, schläfriges Schnüffeln und die leisen Geräusche, die ein so Hund macht, wenn er sich für die Nacht einrichtet.
Die Besitzer und Besitzerinnen können zudem DNA-Proben und Angaben zum Verhalten ihrer Hunde zur Verfügung stellen und so den Forschenden dabei helfen, nach Genen zu suchen, die erklären könnten, warum manche Hunde ihre Lautäußerungen besser kontrollieren können als andere.
Was bedeutet das für uns?
Abgesehen von den Ursprüngen der Sprache könnten die Untersuchungen auch praktische Vorteile mit sich bringen. „Eine der möglichen Anwendungen ist die Entwicklung intelligenter Geräte, die anhand der Lautäußerungen von Hunden deren Emotionen erkennen können“, sagte Sándor.
Künstliche Intelligenz wird bereits als Möglichkeit untersucht, anhand der Lautäußerungen eines Hundes Informationen über dessen emotionalen Zustand zu gewinnen. Ein besseres wissenschaftliches Verständnis der vokalen Kommunikation von Hunden könnte Hundebesitzern und -besitzerinnen helfen, Angst, Stress oder Frustration zu erkennen, bevor Verhaltensprobleme eskalieren, was das Wohlergehen der Tiere verbessert und die Beziehung zwischen Menschen und ihren Haustieren stärkt. Die größere Frage geht jedoch viel weiter zurück.
Hunde haben sich über Jahrtausende hinweg gemeinsam mit den Menschen weiterentwickelt und sich dabei an viele der gleichen sozialen Anforderungen hinsichtlich Kooperation und Toleranz angepasst, von denen einige Forschende glauben, dass sie auch den Weg für die menschliche Sprache geebnet haben.
Wenn die Domestizierung Hunden flexible, neue Fähigkeiten der Lautäußerung verliehen hat, könnten sie durchaus eines der fehlenden Puzzleteile in der Geschichte darüber liefern, wie der Mensch das Sprechen erlernte.
Von Alison Jones
Weitere Informationen:
Dieser Artikel wurde ursprünglich im EU-Forschungs- und Innovationsmagazin Horizon veröffentlicht.
Die in diesem Artikel beschriebenen Forschungsarbeiten wurden vom Europäischen Forschungsrat (ERC) teilfinanziert.