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Mehr zum Thema / Mario Wasserfaller / Freitag 18.12.20

Appe­tit auf Zerstörung

Von Tro­cken­stress, Wind­wurf und Schnee­bruch geschwäch­te Wäl­der sind ein Eldo­ra­do für Schäd­lin­ge wie den Bor­ken­kä­fer. Beson­ders der auf Fich­ten spe­zia­li­sier­te Buch­dru­cker zieht Schnei­sen der Ver­wüs­tung durch die Forst­ge­bie­te Mit­tel- und Nord­eu­ro­pas. In der Früh­erken­nung und Pro­gno­se von Bor­ken­kä­fer­at­ta­cken gibt es viel­ver­spre­chen­de Ansät­ze, ins­ge­samt hin­ken Forst­wirt­schaft und ‑wis­sen­schaft den gefrä­ßi­gen Tier­chen aber noch deut­lich hin­ter­her. Für die Fich­te wird es ein Wett­lauf mit der Zeit.
Bild: APA (dpa)

Bor­ken­kä­fer sind eine arten­rei­che Unter­grup­pe der Rüs­sel­kä­fer. Von den etwa 300 in Euro­pa vor­kom­men­den Arten tre­ten jedoch die wenigs­ten als Schad­fak­tor in Erschei­nung. Zu nen­nen sind in hei­mi­schen Wäl­dern bei­spiels­wei­se der Kup­fer­ste­cher (Pityo­ge­nes chal­co­gra­phus), oder der Rie­sen­bast­kä­fer (Dend­roc­to­nus micans) im nord­west­li­chen Euro­pa. Die Show gestoh­len hat ihnen allen aber der Buch­dru­cker (Ips typo­gra­phus). Seit der Auf­nah­me in die Doku­men­ta­ti­on der Wald­schä­di­gungs­fak­to­ren (DWF) im Jahr 2002 fal­len ihm in Öster­reich jähr­lich durch­schnitt­lich 1,8 Mil­lio­nen Fest­me­ter Holz zum Opfer.

Gin­gen bedeu­ten­den Bor­ken­kä­fer­jah­ren wie 1993, 2003 und 2009 noch jeweils gro­ße Sturm­ereig­nis­se vor­aus, wei­chen die Mas­sen­ver­meh­run­gen mit Schad­holz in Rekord­hö­he seit 2015 von die­sem Mus­ter ab. In den betrof­fe­nen Regio­nen etwa in Nord­ost­ös­ter­reich und Tsche­chi­en haben über­durch­schnitt­lich hohe Tem­pe­ra­tu­ren und nied­ri­ge Nie­der­schlags­men­gen die Fich­te noch ver­letz­li­cher gegen­über den Käfer­at­ta­cken gemacht.

2019: 4,26 Mio. Fest­me­ter Borkenkäfer-Schadholz

2019 betrug die Holz­nut­zung im öster­rei­chi­schen Wald laut Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um 18,9 Mil­lio­nen Ern­te­fest­me­ter (ohne Rin­de), der Anteil an Schad­holz belief sich auf fast zwei Drit­tel (62 Pro­zent oder 11,73 Mio. Fest­me­ter).  Mehr als ein Drit­tel des Schad­hol­zes ist Stür­men zuzu­rech­nen (4,4 Mio. Fest­me­ter oder 37,6 Pro­zent), fast eben­so viel konn­ten Buch­dru­cker und Kol­le­gen für sich ver­bu­chen (4,26 Mio. Fest­me­ter bzw. 36,3 Pro­zent). Bemer­kung am Ran­de: Die Schad­holz­men­ge ist laut dem Bor­ken­kä­fer-Exper­ten Tho­mas Kiri­sits vom Insti­tut für Fors­ten­to­mo­lo­gie, Forst­pa­tho­lo­gie und Forst­schutz der Uni­ver­si­tät für Boden­kul­tur der­zeit „das ein­zi­ge Instru­ment, um die Popu­la­ti­ons­dich­te abzu­schät­zen – also indi­rekt“. Phe­ro­mon­fal­len, die im Rah­men des Bor­ken­kä­fer-Moni­to­rings (spä­ter dazu mehr) auf­ge­stellt wer­den, sei­en dazu nicht geeignet.

An die­sen Zah­len ist die enor­me wirt­schaft­li­che Dimen­si­on der Schä­den zu erah­nen. 2020 hat laut dem Ver­band Land&Forst Betrie­be die Belas­tung durch den Bor­ken­kä­fer etwas abge­nom­men, aller­dings drü­cke das Über­an­ge­bot an Holz auf die Prei­se (sie­he dazu „Damit der Enkel auch noch Geld ver­die­nen kann“). Die­se wür­den sich auf einem his­to­risch nied­ri­gen Niveau befin­den, so Felix Mont­e­cuc­co­li, Prä­si­dent der Inter­es­sen­ge­mein­schaft. Im März sei der Preis für einen Fest­me­ter noch bei 71,20 Euro gele­gen, im Sep­tem­ber bei 62,20 Euro und im heu­ri­gen Schnitt bei 66,80 Euro. Grund für den Preis­rück­gang sei die gesun­ke­ne Nach­fra­ge nach Frisch­holz in den Säge­wer­ken. Außer­dem hät­ten die Nach­bar­län­der Tsche­chi­en und Deutsch­land ihren Holz­ein­schlag in den letz­ten Jah­ren wegen der Bor­ken­kä­fer­schä­den mas­siv erhöht, was auch auf den hei­mi­schen Markt wirke.

Im Juli 2020 wur­de vom Natio­nal­rat ein Wald­fonds um 350 Mil­lio­nen Euro ein­ge­rich­tet, der auch für Ent­schä­di­gun­gen bei Bor­ken­kä­fer­be­fall gedacht ist. Wohl­ge­merkt beschrei­ben die erwähn­ten Zah­len nur jenes Schad­holz, das auf­ge­ar­bei­tet wur­de. Über die Men­ge, die noch in den Wäl­dern ver­blie­ben ist – sei es, weil sich der Abtrans­port auf­grund des nied­ri­gen Holz­prei­ses nicht lohnt oder aus ande­ren Grün­den – kann nur spe­ku­liert wer­den. Fest steht, dass die Bor­ken­kä­fer damit anhal­tend gute Brut­be­din­gun­gen vorfinden.

Mis­si­on: Fich­ten vernichten

Der Buch­dru­cker besie­delt vor allem die ein­hei­mi­sche Fich­te (Picea abies), am liebs­ten bereits in ihrer Abwehr geschwäch­te Bäu­me oder frisch totes Holz. Das wäre in einem gesun­den Öko­sys­tem nicht wei­ter tra­gisch, denn sol­che poten­zi­el­len Wirts­bäu­me sind gewöhn­lich sel­ten, eher kurz­fris­tig befalls­be­reit und rela­tiv weit­läu­fig im Raum ver­teilt. „Es ist kaum bekannt, aber die Buch­dru­cker bevor­zu­gen eigent­lich frisch totes Holz, dar­in pro­du­ziert ein Pär­chen unge­fähr 50 Käfer als Nach­wuchs, in einem fri­schen Baum sind es nur ein­zel­ne – maxi­mal unge­fähr fünf“, erklärt Peter Bie­der­mann, Pro­fes­sor für Fors­ten­to­mo­lo­gie und Wald­schutz an der Albert-Lud­wigs-Uni­ver­si­tät Freiburg.

Die­se Eigen­art ist – neben dem vie­len Tot­holz aus Wind­wurf und Schnee­bruch – des­halb von Bedeu­tung, weil die Bäu­me in den ver­gan­ge­nen Jah­ren durch gerin­ge Nie­der­schlags­men­gen zuneh­mend an Tro­cken­stress lei­den und dadurch geschwächt sind. Sie kön­nen sich gegen Bor­ken­kä­fer nicht mehr ver­tei­di­gen. Was bedeu­tet das kon­kret? „Der gesun­de Baum pro­du­ziert Harz, mit dem er die Käfer wie­der aus­schwemmt. Wenn er zu wenig Was­ser hat, hat er auch nichts zum Aus­schwem­men“,  erläu­tert Bie­der­mann das „Immun­sys­tem“ der Bäu­me. „Sieht man Harz­t­röpf­chen am Baum, ist das oft ein Hin­weis, dass ein Bor­ken­kä­fer ver­sucht hat, sich ein­zu­boh­ren, es aber nicht geschafft hat.“

Fin­den die Käfer aber kei­ne geschwäch­ten Bäu­me oder totes Holz, dann geht die Popu­la­ti­on wie­der zurück, weil sie sich bei gesun­den Bäu­men gewis­ser­ma­ßen die Kau­werk­zeu­ge aus­bei­ßen bzw. aus­ge­spült wer­den. „Es müs­sen schon ein paar Tau­send Indi­vi­du­en sein, dann kön­nen sie auch gesun­de leben­de Bäu­me atta­ckie­ren und umbrin­gen“, so der Exper­te. Aller­dings sei­en das ver­lust­rei­che Atta­cken und die Repro­duk­ti­on der Käfer in einem sol­chen Fall gering. „Ist der Wald gesund, bricht die­se Ent­wick­lung rela­tiv schnell wie­der zusammen.“

Ram­mel­kam­mern, Mut­ter­gän­ge und Puppenwiegen

Geschwäch­te, aus­ge­trock­ne­te Fich­ten haben sol­chen mas­si­ven Angrif­fen aller­dings nicht mehr viel ent­ge­gen­zu­set­zen. Wenn die Zahl der Tie­re in einer Regi­on sehr groß und auch das umher­ste­hen­de und – lie­gen­de Tot­holz bereits besie­delt ist, Exper­ten spre­chen dabei von hohem Popu­la­ti­ons­druck, fal­len sie auch über gesun­de Bäu­me her – dadurch sind die kata­stro­pha­len Mas­sen­ver­meh­run­gen in letz­ter Zeit zumin­dest zum Teil zu erklären.

 

Ist ein geeig­ne­ter Wirts­baum gefun­den, beginnt das Männ­chen nach dem Ein­boh­ren in die Rin­de im Bast­ge­we­be des Baums eine „Ram­mel­kam­mer“ anzu­le­gen. Mit dem aus­ge­wor­fe­nen Kot (Bohr­mehl) wird ein Aggre­ga­ti­ons­phe­ro­mon frei­ge­setzt, das bei­de Geschlech­ter anlockt. Neben den weib­li­chen Geschlechts­part­nern tref­fen so auch wei­te­re männ­li­che Käfer am Stamm ein und ver­stär­ken durch das Anle­gen wei­te­rer Begat­tungs­kam­mern die Lock­wir­kung des Stam­mes auf Art­ge­nos­sen. Inner­halb kür­zes­ter Zeit kann ein Baum so voll­stän­dig von Bor­ken­kä­fern besie­delt werden.

 

Ein Männ­chen lockt im Durch­schnitt zwei bis vier Weib­chen an. Nach der Begat­tung begin­nen die Weib­chen meist zwei oder drei bis ca. 15 Zen­ti­me­ter lan­ge Mut­ter­gän­ge anzu­le­gen, wo sie zu bei­den Sei­ten etwa 20 bis 100 Eier able­gen. Aus die­sen ent­wi­ckeln sich die Lar­ven, die jede für sich einen iso­lier­ten Lar­ven­gang anlegt und sich vom leben­den Bast des Bau­mes ernährt. Der Lar­ven­gang endet in der Pup­pen­wie­ge, wo der Jung­kä­fer schließ­lich schlüpft und sich mit sei­nen kräf­ti­gen Kau­werk­zeu­gen, mit denen er sogar Ple­xi­glas durch­bei­ßen kann, aus der Rin­de ausbohrt.

 

Wäh­rend der Brut­an­la­ge wird das Bast­ge­we­be dadurch weit­ge­hend zer­stört. Zusätz­lich besitzt die Fich­te neben ihren Harz­ka­nä­len jähr­lich im Bast gebil­de­te Rei­hen von Zel­len, die poly­phe­nol­hal­ti­ge Ver­bin­dun­gen in den Vakuo­len (Zell­orga­nel­len) ent­hal­ten. Kommt es durch den Fraß der Bor­ken­kä­ferlar­ven zu einer Ver­let­zung die­ser Zel­len, wer­den die Phe­no­le in das Bast­ge­we­be aus­ge­schüt­tet, wodurch sich des­sen Nähr­stoff­ge­halt ver­rin­gert. Weil die Bast­qua­li­tät zuse­hends abnimmt, ver­las­sen vie­le Eltern­tie­re das Brut­sys­tem, wenn sich die ers­ten Lar­ven zu ver­pup­pen begin­nen und legen in einem noch unbe­sie­del­ten Teil des Baums oder einem ande­ren Wirts­baum eine soge­nann­te Geschwis­ter­brut an. „Nach etwa fünf bis sechs Wochen schlüp­fen die ers­ten Jung­kä­fer und flie­gen dann aus. Manch­mal boh­ren sie sich am sel­ben Baum wie­der ein – wenn da noch Platz ist –, ansons­ten flie­gen sie übli­cher­wei­se nicht wei­ter als 50 Meter“, so Bie­der­mann. Am Ende bleibt das cha­rak­te­ris­ti­sche Fraß­mus­ter der Käfer und Lar­ven zurück, das für den Buch­dru­cker und den Kup­fer­ste­cher auch namens­ge­bend ist. Durch die Zer­stö­rung der Leit­bah­nen im Bast stirbt der Baum bei star­kem Befall ab.

Kom­pli­zen und Gegenspieler

Mit den Bor­ken­kä­fern sind auch zahl­rei­che Pil­ze ver­ge­sell­schaf­tet. Wenn auch längst nicht alle die­ser Wech­sel­be­zie­hun­gen geklärt sind, gibt es doch kla­re Hin­wei­se auf Sym­bio­sen. „Die Käfer über­tra­gen meh­re­re Pil­ze, die sie aus ihrem Geburts­baum mit­brin­gen, in den neu­en Baum. Zwei, drei der Pil­ze sind von Vor­teil für die Käfer. Wäh­rend die Mut­ter den Bast frisst, sät sie unbe­ab­sich­tigt Pil­ze aus, die sie aus dem Geburts­nest mit­bringt. Die­se wach­sen in den Bast hin­ein und bau­en die Gift­stof­fe der Fich­te lang­sam ab – etwa Monoterpe­ne und Phe­no­le – und dadurch kön­nen sich die Lar­ven viel bes­ser ent­wi­ckeln“, sagt Bie­der­mann, der sich spe­zi­ell mit die­sen Pil­zen und deren Rol­le beschäftigt.

 

Je mehr man über die­se Orga­nis­men und ihr Wech­sel­spiel weiß, hofft der Exper­te, des­to eher könn­te man dar­aus mög­li­che Gegen­maß­nah­men gegen die Käfer ent­wi­ckeln. „Von vie­len Pil­zen wis­sen wir noch nicht, wel­che Rol­le sie spie­len. Wir gehen davon aus, dass dar­un­ter eini­ge Para­si­ten oder sogar Patho­ge­ne der Käfer sind. Davon ver­spre­chen wir uns ein wenig, dass wir da neue Sachen fin­den mit denen wir die Käfer even­tu­ell auch bekämp­fen könn­ten.“ Ein ande­rer Ansatz, den der For­scher unter­sucht, ist das Anti-Aggre­ga­ti­ons­phe­ro­mon Ver­be­non: „Wenn sehr vie­le Käfer einen Baum besie­delt haben, ver­strö­men sie Düf­te, die ande­re Käfer davon fern­hal­ten die­sen auch zu besie­deln. Sie wis­sen dann: Der Baum ist voll.“ Frei­lich kön­ne man damit letzt­lich auch kei­ne gan­zen Wäl­der, son­dern höchs­tens ein­zel­ne Bäu­me oder Sta­pel mit Stäm­men schützen.

 

Gene­rell sei­en Krank­heits­er­re­ger und Sym­bio­n­ten der­zeit ein gro­ßes For­schungs­feld im Umfeld der Bor­ken­kä­fer. „Man sieht sich posi­tiv und nega­tiv mit den Käfern asso­zi­ier­te Mikro­or­ga­nis­men an und auch natür­li­che Gegen­spie­ler wie etwa Schlupf­wes­pen oder Amei­sen­bunt­kä­fer – wie ent­wi­ckeln die sich, wenn sich die Bor­ken­kä­fer­be­stän­de ver­än­dern und wie pas­sen sie sich an den Kli­ma­wan­del an“, so Bie­der­mann. Trotz die­ser bis­her gesam­mel­ten Erkennt­nis­se ist über den Lebens­zy­klus der Käfer und ihre Popu­la­ti­ons­dy­na­mik ins­ge­samt noch rela­tiv wenig bekannt. Bie­der­mann, der sich 2019 im Rah­men einer Stu­die mit Mas­sen­aus­brü­chen beschäf­tigt hat, sieht hier noch gro­ßen For­schungs­be­darf: „Was die star­ken Popu­la­ti­ons­schwan­kun­gen bei den Bor­ken­kä­fern eigent­lich aus­löst, dar­über wis­sen wir sehr wenig.“

Ent­wick­lung von Tem­pe­ra­tur und Tages­län­ge abhängig

Basis für die Früh­erken­nung und Pro­gno­se eines Bor­ken­kä­fer­be­falls ist das Wis­sen um den Ent­wick­lungs­ver­lauf der Tie­re, der stark von der Tem­pe­ra­tur und der Tages­län­ge abhängt. Die Buch­dru­cker begin­nen im Früh­jahr erst zu schwär­men, wenn eine gewis­se Tem­pe­ra­tur­schwel­le über­schrit­ten wird. Für die Ent­wick­lung des Insekts vom Ei bis zum flug­fä­hi­gen Käfer sind bestimm­te Wär­me­sum­men erfor­der­lich. Abhän­gig von der Wit­te­rung und Lage kann es so in küh­le­ren Gebie­ten zur Aus­bil­dung kei­ner oder nur einer Genera­ti­on, in wär­me­ren Lagen hin­ge­gen zur Abfol­ge meh­re­rer Genera­tio­nen kommen.

 

Auf die­ses Wis­sen baut ein öster­reich­wei­tes digi­ta­les Früh­warn­sys­tem für Bor­ken­kä­fer­be­fall auf, das For­scher der Uni­ver­si­tät für Boden­kul­tur (Boku) Wien und des Bun­des­for­schungs­zen­trums für Wald (BFW) ent­wi­ckelt haben. Die Inter­net-Platt­form „PHE­NIPS plus” soll eine Online-Über­wa­chung der Bor­ken­kä­fer­ent­wick­lung ermög­li­chen und Wald­be­sit­zern als Ent­schei­dungs­hil­fe für Maß­nah­men die­nen. „Das wesent­li­che Ele­ment bei der Bor­ken­kä­fer­be­kämp­fung ist, dass man befall­s­taug­li­ches Holz vor­beu­gend ent­fernt oder befal­le­ne Bäu­me auf­spürt und die­se feld­auf­ar­bei­tet. Wenn sie im wei­ßen Sta­di­um sind (Lar­ven; Anm.), dann reicht das Ent­rin­den der Bäu­me. Sind schon Käfer drin, müss­te man eigent­lich auch die Rin­de ein­sam­meln und ver­gra­ben oder ver­bren­nen“, erklär­te Pro­jekt­lei­ter Tho­mas Kiri­sits die Vor­gangs­wei­se. Ein wei­te­res Pro­jekt der Boku wid­met sich übri­gens den Poten­zia­len von Wald­ern­te­ma­schi­nen (Har­ves­ter), die Stäm­me direkt bei der Ern­te zu ent­rin­den und so einem Käfer­be­fall vorzubeugen.

 

„PHE­NIPS plus” kann anhand der Ent­wick­lungs­kenn­wer­te und Wet­ter­da­ten den räum­li­chen und zeit­li­chen Ver­lauf der Akti­vi­tät und der Ent­wick­lung des Buch­dru­ckers berech­nen. Auf einer inter­ak­ti­ven Kar­te wird das regio­na­le Aus­maß des Buch­dru­cker­be­falls – vom Schwärm­be­ginn über den Ent­wick­lungs­stand der jewei­li­gen Genera­ti­on des Buch­dru­ckers und der Geschwis­ter­bru­ten bis zur Gesamt­ent­wick­lung – tages­ak­tu­ell und mit einer räum­li­chen Auf­lö­sung von einem Kilo­me­ter dargestellt.

Öster­rei­chi­sches Borkenkäfer-Monitoring

Um fest­zu­stel­len, wann und in wel­chem Umfang die Bor­ken­kä­fer aus­schwär­men und Wald­be­sit­zern eine Ein­schät­zung der Situa­ti­on zu ermög­li­chen, hat das BFW 2005 das „Öster­rei­chi­sche Bor­ken­kä­fer-Moni­to­ring“ ins Leben geru­fen. Die Daten dafür stam­men aus über das Bun­des­ge­biet reprä­sen­ta­tiv ver­teil­ten Käfer­fal­len, die wöchent­lich aus­ge­wer­tet und in eine Daten­bank ein­ge­speist wer­den. Als Fal­len wer­den syn­the­ti­sier­te Aggre­ga­ti­ons­phe­ro­mo­ne ein­ge­setzt. Die­se Lock­stof­fe schei­den die Tie­re wie bereits erwähnt nor­ma­ler­wei­se aus, um Art­ge­nos­sen ein­zu­la­den, einen Baum zu attackieren.

Je nach Ver­füg­bar­keit wer­den den Fang­er­geb­nis­sen auch für den Käfer­flug rele­van­te Tem­pe­ra­tur­be­rei­che gegen­über­ge­stellt. Wegen der Abhän­gig­keit des Käfer­schwär­mens von defi­nier­ten Schwel­len­tem­pe­ra­tu­ren (über 16,5 bis 30 Grad Cel­si­us) bzw. von erreich­ten Tem­pe­ra­tur­zeit­sum­men soll „die Berück­sich­ti­gung der kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen die Pro­gno­se für den Gefähr­dungs­grad der loka­len Wald­be­stän­de ver­bes­sern“, heißt es in der Erläu­te­rung des Systems.

Die Fal­len wer­den hier­zu­lan­de jedoch nur zur Daten­samm­lung, nicht aber zur Bekämp­fung der Käfer ein­ge­setzt. „Schät­zun­gen gehen von 10 bis 30 Pro­zent der Käfer aus, die man damit fan­gen kann. Das ist im Grun­de ein Trop­fen auf den hei­ßen Stein“, so Kiri­sits. „Zur Bekämp­fung wird das bei uns nicht emp­foh­len, in man­chen Län­dern schon.“ In der Kar­te des Bor­ken­kä­fer-Moni­to­rings wer­den seit 2016 auch die Stand­or­te des Bor­ken­kä­fer-Phä­no­me­no­lo­gie­mo­dells PHE­NIPS (Vor­gän­ger­pro­jekt von PHE­NIPS plus) verzeichnet.

Käfer­de­tek­ti­on aus dem All

Bei Joan­ne­um Rese­arch will man dem gro­ßen Fres­sen aus dem All zu Lei­be rücken. In dem erst vor weni­gen Mona­te ange­lau­fe­nen Pro­jekt „BEAT IT“ (Bark Beet­le Detec­tion from Space) wer­den auf Basis von Satel­li­ten­bil­dern neue Ana­ly­se­me­tho­den zur flä­chen­haf­ten Früh­erken­nung von Bor­ken­kä­fer­be­fall ent­wi­ckelt und getes­tet. Ziel ist es, den räum­li­chen Befall rasch zu detek­tie­ren, die Pla­nung von geziel­ten Gegen­maß­nah­men zu unter­stüt­zen und auch Pro­gno­sen abzu­ge­ben. „Die grund­le­gen­de Pro­ble­ma­tik, die wir mit dem Pro­jekt ange­hen ist, dass es kei­ne wirk­lich flä­chen­de­cken­den Infor­ma­tio­nen über die Bor­ken­kä­fer-Befalls­flä­chen gibt – zumin­dest nicht in Echt­zeit“, erklärt Pro­jekt­lei­ter Janik Deut­scher vom Insti­tut für Infor­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien im Gespräch mit APA-Sci­ence die Ein­schrän­kun­gen von ter­res­tri­schen Metho­den der Moni­to­rings, etwa via Pheromonfallen.

Im Rah­men des Pro­jekts wer­den Daten der Sen­ti­nel-Satel­li­ten der euro­päi­schen Coper­ni­cus-Mis­si­on aus­ge­wer­tet, so Deut­scher: „Wir benut­zen vor allem Sen­ti­nel 2, der mit opti­schen Metho­den arbei­tet. Wir set­zen Zeit­rei­hen­ana­ly­sen ein, weil wir inzwi­schen schon eine sehr dich­te Zeit­rei­he von Bil­dern haben. Das ist schon etwas Neu­es.“ Gab es frü­her nur alle paar Wochen oder Mona­te ein neu­es Bild des zu unter­su­chen­den Gebiets, ste­he nun alle paar Tage ein neu­es mit einer Auf­lö­sung von 10 mal 10 Metern pro Sen­ti­nel-Pixel zur Ver­fü­gung – wenn das Wet­ter mit­spielt. Mit Metho­den der künst­li­chen Intel­li­genz soll es durch die Anrei­che­rung des Modells mit meteo­ro­lo­gi­schen Daten auch mög­lich sein, wahr­schein­li­che Befalls­flä­chen der Bor­ken­kä­fer zu pro­gnos­ti­zie­ren. Vor­ran­gi­ges Ziel des bis Juni 2022 lau­fen­den Pro­jekts ist die Ent­wick­lung eines Pro­to­ty­pen, der über ein inter­ak­ti­ves Web­por­tal getes­tet wer­den soll.

Was tun?

Die For­schung ist dem Käfer in vie­len Teil­be­rei­chen und Ein­zel­pro­jek­ten auf der Spur, es fehlt aller­dings noch an Ver­net­zung und Ver­ein­heit­li­chung, so Peter Bie­der­mann. „Des­halb möch­te ich ein euro­päi­sches Pro­jekt auf­zie­hen, wo man von Süd­eu­ro­pa bis Skan­di­na­vi­en Buch­dru­cker in allen Popu­la­ti­ons­sta­di­en sam­melt und mit den­sel­ben Metho­den unter­sucht – hin­sicht­lich Mikro­or­ga­nis­men, Sym­bio­n­ten, Krank­heits­er­re­gern, natür­li­chen Fein­den – und sich anschaut, wie das mit der Popu­la­ti­ons­dy­na­mik zusam­men­hängt.“ Soll­te dabei zum Bei­spiel ein neu­er Krank­heits­er­re­ger gegen die Käfer gefun­den wer­den, könn­te man rea­le Ein­satz­mög­lich­kei­ten erforschen.

 

Tech­ni­sche Lösun­gen und in Arbeit befind­li­che Pro­jek­te kön­nen Wald­be­sit­zer heu­te und in Zukunft gut dabei unter­stüt­zen, befalls­ge­fähr­de­te Gebie­te früh­zei­tig zu erken­nen und Gegen­maß­nah­men ein­zu­lei­ten. Regel­mä­ßi­ge Bege­hun­gen von gefähr­de­ten Forst­re­vie­ren zur Früh­erken­nung von Befalls­er­eig­nis­sen sind so oder so unab­ding­bar, dabei kön­nen auch eigens trai­nier­te Natur­schutz­hun­de den Men­schen unter­stüt­zen. Vie­le der genann­ten For­schungs­pro­jek­te hel­fen dabei, einen Käfer­be­fall rasch auf­zu­spü­ren oder vor­her­zu­sa­gen, wo die Schäd­lin­ge als nächs­tes zuschla­gen könn­ten. Die Haupt­ur­sa­chen für das Pro­blem, den Kli­ma­wan­del und Fich­ten-Mono­kul­tu­ren, wer­den auch noch so inno­va­ti­ve Sys­te­me allei­ne nicht in den Griff bekommen.

Der Buch­dru­cker

Neben den im Text genann­ten Inter­view­part­nern ent­stam­men zahl­rei­che Infor­ma­tio­nen in die­sem Arti­kel der Publi­ka­ti­on „Der Buch­dru­cker – Bio­lo­gie, Öko­lo­gie, Manage­ment“, Ger­not Hoch, Axel Schopf und Ger­lin­de Wei­zer (Hsg.); Bun­des­for­schungs­zen­trum für Wald, Wien 2019.

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