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Mehr zum Thema / Stefan Thaler, Hermann Mörwald / Freitag 18.12.20

Damit der Enkel auch noch Geld ver­die­nen kann

„Wenn du wirk­lich am Wald ver­die­nen willst, set­ze Fich­ten“, war lan­ge Zeit das Mot­to: 100 Euro pro Fest­me­ter schö­ner Schnitt­wa­re, abzüg­lich 30 Euro für das aus dem Wald holen, da bleibt auch nach Steu­ern und Neu­in­ves­ti­tio­nen noch etwas übrig. Wel­che Aus­wir­kun­gen Tro­cken­heit, Käfer­pla­ge und Co. auf die­se Rech­nung haben, erklär­ten Exper­ten im Gespräch mit APA-Science.
APA (dpa) Tro­cken­heit, Käfer­pla­ge und Co. set­zen der Forst­wirt­schaft zu

Aber zuerst zur aktu­el­len Situa­ti­on: „Der Wald ver­durs­tet und die Forst­wirt­schaft ver­hun­gert”, beschrieb Felix Mont­e­cuc­co­li, Prä­si­dent der Land- und Forst­be­trie­be Öster­reich, bei der Jah­res­pres­se­kon­fe­renz im Mai die Lage. In den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren hät­ten die Forst­be­trie­be einen finan­zi­el­len Scha­den von einer hal­ben Mil­li­ar­de Euro erlit­ten. Die Preis­ent­wick­lung ken­ne nur eine Rich­tung: nach unten. Der Jah­res­durch­schnitts­preis für Nadel­sä­ge­rund­holz sei 2019 im Ver­gleich zum Vor­jahr von 85,6 auf 74,4 Euro pro Fest­me­ter gesun­ken. Brau­chen wür­de man 90 Euro und mehr, um nach­hal­tig wirt­schaf­ten zu können.

Davon ist man aktu­ell weit ent­fernt. Im Sep­tem­ber ver­zeich­ne­te man einen wei­ter Sink­flug auf 62,20 Euro. Nomi­nell ist man damit unter dem Niveau der 70er-Jah­re – damals waren es umge­rech­net 95 Euro (1.300 Schil­ling). Grund für die nied­ri­gen Prei­se sei unter ande­rem die gesun­ke­ne Nach­fra­ge nach Frisch­holz in den Säge­wer­ken rund um den ers­ten Lock­down. Inzwi­schen sta­bi­li­sie­re sich der Säge­holz­markt aber wie­der. Aller­dings hät­ten die Nach­bar­län­der Tsche­chi­en und Deutsch­land ihren Holz­ein­schlag in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wegen der Bor­ken­kä­fer­schä­den mas­siv erhöht, was sich auf den hei­mi­schen Markt auswirke.

„Käfer­pro­blem“ hin­ter­lässt tie­fe Spuren

Auch hier­zu­lan­de hin­ter­lässt das „Käfer­pro­blem“ tie­fe Spu­ren. Zwar lag die gesam­te Holz­ern­te 2019 mit 18,9 Mio. Fest­me­tern nur leicht unter dem Vor­jahr (19,2 Mio.), aller­dings ent­fie­len bereits knapp zwei Drit­tel auf Schad­holz – ein neu­er Nega­tiv­re­kord. Ins­ge­samt 11,7 Mio. Fest­me­ter waren schad­haft, davon 6,8 Mil­lio­nen durch Sturm‑, Eis- und Schnee­schä­den. Für sat­te 4,3 Mio. Fest­me­ter war bereits vor­ran­gig der Bor­ken­kä­fer­be­fall verantwortlich.

Sei­tens der Poli­tik hat das Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um schon im Juli ein För­der­pa­ket auf den Weg gebracht. In einem Wald­fonds wer­den 350 Mil­lio­nen Euro zur Ent­las­tung des und für Inves­ti­tio­nen in den Wald zur Ver­fü­gung gestellt. Kon­kret soll mit zehn Maß­nah­men der Wald wie­der fit gemacht wer­den. Eine zen­tra­le Stel­lung neh­men dabei laut Minis­te­ri­um die Auf­fors­tung von Misch­wäl­dern, die Abgel­tung von Schä­den und die For­schung ein.

Prä­mie für Kli­ma­funk­ti­on gefordert

In Deutsch­land bekommt man Holz für Faser­plat­ten, die Papier­in­dus­trie und Bio­mas­se laut Bran­chen­ken­nern inzwi­schen fast geschenkt. Die dor­ti­gen Wald­be­sit­zer sind eben­falls unter Druck und for­dern wegen der Kli­ma­schutz­funk­ti­on ihrer Fors­te eine Prä­mie von rund 112 Euro pro Jahr und Hekt­ar. Jeder Hekt­ar Wald spei­che­re im Jah­res­schnitt rund acht Ton­nen CO2. „Mit dem Ein­stieg in eine CO2-Beprei­sung ist es logisch und gerecht, dass auch die CO2-Spei­che­rung einen Preis erhält”, sag­te der Bun­des­vor­sit­zen­de der Fami­li­en­be­trie­be Land und Forst, Max Elverfeldt.

Das habe man auch schon dis­ku­tiert, erklär­te Tho­mas Leder­mann vom Insti­tut für Wald­wachs­tum und Wald­bau am Bun­des­for­schungs­zen­trum für Wald (BFW) gegen­über APA-Sci­ence: „Aber wenn so ein Regu­la­tiv kom­men soll­te, dann muss das sehr durch­dacht sein und alle Even­tua­li­tä­ten berück­sich­ti­gen“, so Leder­mann. Zuerst müs­se über­legt wer­den, wofür denn die Prä­mie über­haupt bezahlt wer­de. „Wenn Geld für den Auf­bau einer CO2-Sen­ke fließt, was pas­siert dann, wenn sich der Wald irgend­wann zur Quel­le ent­wi­ckelt? Muss das Geld dann zurück­ge­zahlt wer­den oder gibt es Stra­fen?“, hin­ter­frag­te der Experte.

„Wäl­der-Wert” liegt bei 150 Bil­lio­nen Dollar

Eine Ana­ly­se des Bera­tungs­un­ter­neh­mens Bos­ton Con­sul­ting Group (BCG) hat erge­ben, dass bis zu 90 Pro­zent des Werts des glo­ba­len Wald­be­stands von 150 Bil­lio­nen Dol­lar (132 Bil­lio­nen Euro) auf die Fähig­keit zur Kli­ma­re­gu­la­ti­on ent­fal­len. Der gewal­ti­ge „Wäl­der-Wert” ergibt sich auch aus der fast vier Mil­li­ar­den Hekt­ar umspan­nen­den Flä­che welt­weit. Fünf Natio­nen besit­zen dabei aber mehr als die Hälf­te der Wald­flä­che: Russ­land liegt mit 20 Pro­zent vor Bra­si­li­en (zwölf), Kana­da (neun), USA (acht) und Chi­na (fünf Prozent).

Holz ver­rot­tet im Wald

Der Preis sei inzwi­schen jeden­falls auf einem so nied­ri­gen Niveau, dass sich die Bau­ern zum Teil mit Hän­den und Füßen dage­gen weh­ren wür­den, Schad­holz aus dem Wald zu räu­men, weil sich der Abtrans­port nicht mehr loh­ne, beschreibt ein Gesprächs­part­ner, der seit mehr als 20 Jah­ren in der Holz­wirt­schaft tätig ist, die Situa­ti­on. Die­ses Holz ver­schär­fe wie­der­um das Käfer­pro­blem. „Wenn man es nicht schafft, das Holz aus dem Wald zu holen und es künf­tig weni­ger ver­reg­ne­te Som­mer gibt, dann wird die Dür­re zu einer extrem hohen Men­ge an Fich­ten am Markt füh­ren. Die kön­nen dann nicht ver­ar­bei­tet wer­den, weil die Maschi­nen, Arbeits­kräf­te und Lager­ka­pa­zi­tä­ten nicht da sind“, so der Fach­mann, der dar­auf hin­weist, „dass in Deutsch­land die Koh­le­kraft­wer­ke lau­fen und bei uns das Holz im Wald verrottet“.

Zwar wer­de es auf Jah­re kei­nen Man­gel geben, „aber irgend­wann wird einer herr­schen, wenn wir die Fich­ten nur mehr in den Höhen­la­gen haben. Dann kann man auch die Heiz­kraft­wer­ke nicht mehr belie­fern“. Bis eine neue Genera­ti­on hie­b­reif sei, daue­re es 30 bis 40 Jah­re. „Und dann ist die Fra­ge, ob die rich­ti­gen Baum­ar­ten gesetzt wer­den, bezie­hungs­wei­se wel­ches Kli­ma dann herrscht. Momen­tan weiß jeden­falls kei­ner, wel­chen Baum er set­zen soll, damit der Enkel irgend­wann damit noch Geld ver­die­nen kann“, meint der Bran­chen­ken­ner. „Aktu­ell 50 Jah­re vor­aus­den­ken, wenn man sieht, wie sich allein in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren das Kli­ma ver­än­dert hat, ist schwie­rig. Die Zeit für die Fich­te ist vor­bei. Die Fra­ge ist nur, ob wir das hin­aus­zö­gern, um sie zumin­dest noch ver­ar­bei­ten zu kön­nen. Die nächs­te Genera­ti­on hat jeden­falls nur Arbeit.“

Wich­ti­ger Exportfaktor

Ent­lang der gesam­ten Wert­schöp­fungs­ket­te Holz – vom Forst über die Säge bis zu unter­schied­lichs­ten End­pro­duk­ten – erzielt Öster­reich einen rie­si­gen Außen­han­dels­über­schuss. Die­ser lag im Vor­jahr bei 4,6 Mrd. Euro, beruft sich die Land­wirt­schafts­kam­mer Öster­reich (LKÖ) auf Daten der Koope­ra­ti­ons­platt­form Forst Holz Papier (FHP) mit.

Impor­te gab es dem­nach 2019 in der Höhe von 6,13 Mrd. Euro, Expor­te in der Höhe von 10,73 Mrd. Euro. Den größ­ten Anteil am Kuchen haben Papier, Papier­wa­ren, Pap­pe und Vis­ko­se. Hier lagen die Impor­te bei 2,078 Mrd. Euro und die Aus­fuh­ren bei 5,28 Mrd. Euro. Dahin­ter folg­ten Holz und Holz­wa­ren inklu­si­ve Schnitt­wa­ren. Hier lagen die Ein­fuh­ren bei 2,24 Mrd. Euro und die Expor­te bei 3,5 Mrd. Euro.

Laut LKÖ pro­fi­tie­ren 172.000 Betrie­be und 300.000 Ein­kom­mens­be­zie­her ent­lang der Wert­schöp­fungs­ket­te Holz. Die Wald­bau­ern müss­ten aber einen grö­ße­ren Teil des Kuchens abbe­kom­men, so die For­de­rung. Der Appell der LKÖ an die Poli­tik lau­tet dazu: „Wir müs­sen raus aus Erd­öl und Erd­gas, hin zu erneu­er­ba­ren Rohstoffen.”

Fich­te wird nicht aussterben

Vie­le der aktu­el­len Pro­ble­me haben also mit der hoch­pro­duk­ti­ven Fich­te, die in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten der Wald­baum schlecht­hin war, zu tun. Aber sie wird nicht aus­ster­ben – bei wei­tem nicht. Sie kommt als natür­li­che Baum­art auf fast der Hälf­te der Wald­flä­che Öster­reichs vor, näm­lich in den Ber­gen. Über 1.000 Metern See­hö­he wird sie wei­ter­hin eine der wich­tigs­ten Baum­ar­ten blei­ben, sind sich Wald­ex­per­ten einig. Dar­un­ter kön­ne sie durch­aus in Misch­wäl­dern wei­ter vor­kom­men, zum Bei­spiel in höhe­ren Lagen des Wald- oder auch Mühl­vier­tels. Wei­ter unter­halb mache die Anpflan­zung von Fich­ten kei­nen Sinn mehr, da fokus­sie­re man auf Laub- und Misch­wäl­der, so Peter May­er, Lei­ter des BFW.

„Die Fich­te wur­de nach dem 2. Welt­krieg aus wirt­schaft­li­chen Über­le­gun­gen for­ciert ange­baut –schon damals oft außer­halb oder am Ran­de ihrer Nische“, erklärt Nor­bert Putz­gru­ber, Lei­ter der Abtei­lung Wald, Natur­raum und Nach­hal­tig­keit bei den Bun­des­fors­ten, im Gespräch mit APA-Sci­ence. Aber was macht die Fich­te eigent­lich so attrak­tiv? „Sie lie­fert ein sehr gutes Holz zur Wei­ter­ver­ar­bei­tung, da sie sehr schön gera­de wächst, eher leicht ist, aber gute phy­si­ka­li­sche Eigen­schaf­ten auf­weist, was Fes­tig­keit und Bear­beit­bar­keit betrifft. Außer­dem spricht für sie, dass sie eine enor­me öko­lo­gi­sche Ampli­tu­de hat, was kaum eine ande­re Baum­art – even­tu­ell die Lär­che – anbie­ten kann“, so der Experte.

Risi­ko soll­te gestreut werden

Einig­keit herrscht unter Exper­ten weit­ge­hend dar­über, dass Mono­kul­tu­ren kei­ne Zukunft haben. Dar­in sind sie mit dem WWF einer Mei­nung (sie­he Gast­bei­trag „Lebens­ader Wäl­der”). Es gehe auch um Risi­ko­streu­ung, erklärt May­er: „Die Pro­duk­ti­ons­zy­klen eines Wal­des dau­ern bekannt­lich sehr lan­ge, da kann viel pas­sie­ren: Wie ent­wi­ckelt sich das Kli­ma, wie die Böden und wie reagie­ren die ver­schie­de­nen Baum­ar­ten dar­auf? Als Eigen­tü­mer tut man somit gut dar­an, sein Port­fo­lio zu streu­en und nicht alles auf eine Kar­te zu set­zen.“ Eben­so stel­le die För­der­po­li­tik mitt­ler­wei­le aus­schließ­lich auf Laub- und Misch­wald ab.

Wald statt Sparbuch

Bei Inves­to­ren ist Wald wei­ter heiß begehrt, auch wenn es sich erst für die nächs­te Genera­ti­on lohnt, betont der auf Forst­ob­jek­te spe­zia­li­sier­te Immo­bi­li­en­ex­per­te Klaus Bischof in sei­nem Gast­kom­men­tar. Zwar daue­re es je nach Boden­be­schaf­fen­heit 80 bis 120 Jah­re bis ein geschlä­ger­ter Wald nach­ge­wach­sen sei. Die Inves­to­ren wür­den aber von Wert­be­stän­dig­keit, Grund­buch­si­cher­heit sowie dem hohen Frei­zeit- und Erho­lungs­wert angezogen.

Den bei­den Exper­ten ist aber bewusst, dass sich grö­ße­re Wald­eig­ner bei der Neu­ge­stal­tung ihres Besit­zes leich­ter tun als klei­ne, da sie im Ide­al­fall unter­schied­li­che Stand­or­te bear­bei­ten kön­nen und von vorn­her­ein mehr Diver­si­tät in ihren Baum­be­stän­den haben. Putz­gru­ber meint außer­dem, es sei nicht gut, wenn sämt­lich Wald­ei­gen­tü­mer ihren Besitz nach dem glei­chen Sche­ma bewirt­schaf­ten wür­den. Kri­sen könn­ten dann auf das gesam­te Sys­tem durch­schla­gen, die Aus­fäl­le wären enorm und nicht mehr kom­pen­sier­bar. Daher hei­ße es jetzt, den Wald so divers zu gestal­ten, dass er mit den zu erwar­ten­den Kli­ma­ver­än­de­run­gen fer­tig wer­den kann.

Hil­fe gesucht

Im Moment quält also der Kli­ma­wan­del Öster­reichs Wald­be­sit­zer – beson­ders klei­ne Eig­ner. Einer davon erklärt in Gespräch mit APA-Sci­ence: „Hier bei uns (nörd­li­ches Wald­vier­tel, Anm.) sind sämt­li­che Fich­ten mehr oder weni­ger tot.“ Er habe sei­nen gesam­ten Besitz (rund drei Hekt­ar) aus­schla­gen müs­sen, um zumin­dest noch etwas Geld zu bekom­men. Schließ­lich sei­en kaum 25 Pro­zent des Baum­be­stands übrig­ge­blie­ben. Er will wie­der auf­fors­ten, pri­mär mit Laub­höl­zern. Was ihm aber fehlt, ist eine flä­chen­de­cken­de Bera­tung und Stra­te­gie. So gebe es zum Bei­spiel kein ein­heit­li­ches Kon­zept zur Abhol­zung und Auf­fors­tung für die kom­plet­te Blockheide.

„In ers­te Linie sind da natür­lich die Inter­es­sen­ver­tre­tun­gen wie die Land­wirt­schafts­kam­mern und die Wald­ver­bän­de die Ansprech­part­ner. Wir ver­su­chen aber, mit unse­ren For­schungs­er­kennt­nis­sen und unse­rem Know-how eben­falls rasch in die Bera­tung zu gehen. Das pas­siert zu einem gro­ßen Teil in unse­rer Aus- und Fort­bil­dungs­schie­ne“, erläu­tert May­er. Der­zeit erhe­ben die BFW-For­scher in der Stei­er­mark flä­chen­de­ckend Boden­da­ten. Der Boden sei schließ­lich immens wich­tig bei der Fra­ge, wel­cher Baum wo gut wach­sen kann. Dabei wer­den die Daten mit dem der­zei­ti­gen Kli­ma­mo­dell und mög­li­chen künf­ti­gen Sze­na­ri­en ver­schnit­ten. „Damit kön­nen wir pro­gnos­ti­zie­ren, wel­che Baum­ar­ten an wel­chen Stand­or­ten jetzt und unter künf­ti­gem Kli­ma bestehen kön­nen. Das hilft schließ­lich auch in der Bera­tung“, so der BFW-Lei­ter. Außer­dem bie­tet das BWF gemein­sam mit der Land­wirt­schafts­kam­mer eine Sei­te zur Her­kunfts­be­ra­tung an.

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