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Mehr zum Thema / Katharina Polsterer / Dienstag 24.08.21

Bil­dung als Dreh- und Angelpunkt

Die Ver­flech­tung von Spra­che und Gesell­schaft ist eines der Kern­the­men der öster­rei­chi­schen Gebär­den­sprach­for­schung. Im Gespräch mit der Sprach­wis­sen­schaf­te­rin Vere­na Kraus­neker kommt etwa die Fra­ge auf, wie­so die Gehör­lo­sen, eine auto­chtho­ne Min­der­heit, aus unse­rem Bil­dungs­sys­tem ver­drängt wer­den. Die ÖGS sei eine leben­di­ge Spra­che mit einer akti­ven Sprach­ge­mein­schaft. Den ÖGS-Unter­richt an Gehör­lo­sen­schu­len sieht Kraus­neker als Recht, das Ange­bot von ÖGS an regu­lä­ren Schu­len als Chance.
Foto: APA/AFP In man­chen Län­dern gibt es bereits Gebärdensprach-Lehrpläne.

In vie­len euro­päi­schen Län­dern wer­den Gebär­den­spra­chen an Uni­ver­si­tä­ten gelehrt und beforscht. Öster­reich hin­ke in die­sem Bereich noch etwas nach, sagt Kraus­neker im Inter­view mit APA-Sci­ence. „Es gibt im gan­zen Land nicht einen Ort, wo man an die Uni­ver­si­tät gehen und ein­fach ÖGS stu­die­ren kann“, so die Exper­tin. Sie ver­deut­licht die­sen Umstand anhand eines Ver­gleichs: „Ich fin­de es gut, sich zu über­le­gen, wel­che Phi­lo­lo­gien es an öster­rei­chi­schen Uni­ver­si­tä­ten gibt. Da gibt es über Anglis­tik, Roma­nis­tik bis hin zur Fin­no-Ugris­tik all die­se Spra­chen. Gebär­den­spra­chen soll­ten da nicht als etwas ganz Spe­zi­el­les betrach­tet werden.“

Obwohl es in Öster­reich bis­her kei­ne uni­ver­si­tär-insti­tu­tio­nel­le Ver­an­ke­rung der ÖGS und somit auch kei­nen Lehr­stuhl gibt, wird ver­ein­zelt Gebär­den­sprach­for­schung betrie­ben. Die öster­rei­chi­schen Sprach­wis­sen­schaf­te­rin­nen und Sprach­wis­sen­schaf­ter mit dem Fokus ÖGS sei­en jeden­falls inter­na­tio­nal sicht­bar, so Kraus­neker. Sie stel­len selbst­stän­dig Finan­zie­run­gen für ihre For­schungs­pro­jek­te auf, da auf den Uni­ver­si­tä­ten kein Platz geschaf­fen wor­den sei. „Eine län­ger­fris­ti­ge Per­spek­ti­ve auf ÖGS-For­schung ist in die­ser mar­gi­na­li­sier­ten Posi­ti­on aber nicht mög­lich zu ent­wi­ckeln“, sagt die Fachfrau.

Gesell­schaft­li­che Wahr­neh­mung der ÖGS: His­to­ri­sche Meilensteine

In Wien sei zwar bereits 1779 die zwei­te Gehör­lo­sen­schu­le welt­weit gegrün­det wor­den, den­noch habe die Gebär­den­sprach­for­schung in Öster­reich noch kei­ne lan­ge Tra­di­ti­on, ver­deut­licht Kraus­neker die Situa­ti­on. Erst in den 1990er-Jah­ren habe der Sprach­wis­sen­schaf­ter Franz Dot­ter, der als Pio­nier der ÖGS-For­schung gilt, mit sei­nem Team an der Alpen-Adria-Uni­ver­si­tät Kla­gen­furt die ers­te unge­fäh­re gram­ma­ti­ka­li­sche Beschrei­bung der ÖGS verfasst.

Wenig spä­ter, 1995, hat eine Kon­fe­renz des Welt­ver­ban­des der Gehör­lo­sen (WFD) in Wien einen gro­ßen Bedarf an pro­fes­sio­nel­len ÖGS-Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­schern bedingt. Bis dahin haben die­se Auf­ga­be Sozi­al­ar­bei­te­rin­nen und Sozi­al­ar­bei­ter oder Ver­wand­te von Gehör­lo­sen über­nom­men, erzählt Kraus­neker. Aus die­ser Not­wen­dig­keit her­aus habe sich das Feld professionalisiert.

„In wei­te­rer Fol­ge ist eine Aus­bil­dung für tau­be Men­schen ent­stan­den, damit sie Hören­den ihre eige­ne Spra­che in Kur­sen ver­mit­teln kön­nen“, fährt die Exper­tin fort, „und das Inter­es­se dar­an ÖGS zu ler­nen ist bis heu­te gigan­tisch, dafür dass es so eine klei­ne Spra­che ist.“ Das berich­tet eben­so Nico­la Kraml, die Lei­te­rin des Spra­chen­zen­trums der Uni­ver­si­tät Wien: „Teil­wei­se fehlt uns dann das qua­li­fi­zier­te Lehr­per­so­nal, um noch wei­te­re Kur­se anzubieten.“

Der nächs­te anzu­stre­ben­de Schritt sei nun eine ver­stärk­te Sicht­bar­keit von Gehör­lo­sig­keit im Bil­dungs­we­sen, so Kraus­neker. In die­sem Bereich ist die Fach­frau seit 20 Jah­ren tätig. „ÖGS war in Schu­len lan­ge Zeit ganz offi­zi­ell ver­bo­ten, auch in Gehör­lo­sen­schu­len. Schü­le­rin­nen und Schü­ler soll­ten mög­lichst von den Lip­pen able­sen und reden ler­nen“, erklärt die Sprach­wis­sen­schaf­te­rin. Ein Anfang ist dahin­ge­hend seit 2005 bereits gemacht: Durch eine par­la­men­ta­ri­sche Initia­ti­ve für Chan­cen­gleich­heit im Bil­dungs­we­sen ist die ÖGS als eigen­stän­di­ge Spra­che in die öster­rei­chi­sche Bun­des­ver­fas­sung auf­ge­nom­men worden.

ÖGS im Bil­dungs­we­sen: Aktu­el­le Lage

Kraus­neker beschäf­tigt sich als Sozio­lin­gu­is­tin mit Spra­che in ihrer all­täg­li­chen Ver­wen­dung, wobei ihr Fokus in ers­ter Linie auf Chan­cen­gleich­heit in der Gesell­schaft liegt. „Der Dreh- und Angel­punkt ist das Bil­dungs­we­sen“, sagt die For­sche­rin. Trotz der Aner­ken­nung der ÖGS als Min­der­hei­ten­spra­che sei der Bil­dungs­weg für Gehör­lo­se in Öster­reich nicht bar­rie­re­frei. „Ja, Schrift ist sicht­bar. Aber um sinn­ver­ste­hend lesen zu kön­nen, muss ich Deutsch kön­nen. Wenn ich aber Deutsch nicht über das Ohr gelernt habe, dann ist Deutsch also eine Zweit- oder Fremd­spra­che. Der Zugang zu Infor­ma­ti­on ist über Deutsch, auch wenn es geschrie­ben ist, nicht bar­rie­re­frei“, erläu­tert die Sprachwissenschafterin.

An fünf von sechs Gehör­lo­sen­schu­len Öster­reichs unter­rich­ten Leh­re­rin­nen und Leh­rer ohne (genü­gend) ÖGS-Kennt­nis­se. Sie kön­nen die Spra­che der Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft daher nicht als Unter­richts­fach anbie­ten. Das kri­ti­siert eben­falls der ÖGLB auf sei­ner Web­sei­te. „War­um soll­ten wir eine auto­chtho­ne Min­der­heit aus dem Bil­dungs­we­sen ver­drän­gen?“, fragt Kraus­neker dem­ge­mäß. Es sei ein ethi­sches Pro­blem, dar­auf zu bestehen, dass gehör­lo­se und schwer­hö­ri­ge Kin­der hören müs­sen, um zu Bil­dung zu kom­men. „Sobald ÖGS-kom­pe­ten­te Päd­ago­gin­nen und Päd­ago­gen an den Schu­len unter­rich­ten, heißt das, dass ÖGS neben Deutsch eine gleich­wer­ti­ge Unter­richts­spra­che ist und kein Hilfs­mit­tel, kei­ne Zufäl­lig­keit und kein freund­li­ches Geschenk von uns Hören­den“, ergänzt sie.

Gehör­lo­sen­schu­len in Österreich

Die öster­rei­chi­schen Schu­len für gehör­lo­se und schwer­hö­ri­ge Kin­der befin­den sich in Wien (13., Hiet­zing; 22., Donau­stadt), Linz, Mils in Tirol, Graz und Salz­burg. 1980 hat der Unter­richts­mi­nis­ter Hel­mut Zilk das Gebär­den­sprach­ver­bot in die­sen Schu­len auf­ge­ho­ben. Den­noch wird die ÖGS neben Deutsch bis­her noch nicht über­all als gleich­wer­ti­ge Unter­richts­spra­che ver­wen­det. Das Kon­zept von Gehör­lo­sen­schu­len wird aller­dings auch kri­tisch betrach­tet. Statt­des­sen wer­den gehör­lo­se und schwer­hö­ri­ge Kin­der heu­te zuneh­mend auch in Inte­gra­ti­ons­klas­sen regu­lä­rer Schu­len aufgenommen.

Auch für hören­de Kin­der, die Gebär­den­spra­chen oft fas­zi­nie­rend fin­den, soll es die Mög­lich­keit geben ÖGS zu ler­nen, so Kraus­neker. Es sei aus ihrer Sicht nicht nahe­lie­gen­der, etwa Spa­nisch oder Fran­zö­sisch in Schu­len anzu­bie­ten. Ent­spre­chen­de Lehr­plä­ne für gehör­lo­se sowie hören­de Kin­der sind jetzt auf dem Weg.

Lehr­plan­ent­wick­lung

Bereits 2016 sei Kraus­neker vom Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um beauf­tragt wor­den, ÖGS-Lehr­plä­ne für zwölf Schul­jah­re, von der ers­ten Klas­se bis zur Matu­ra, zu ent­wi­ckeln. An der Erar­bei­tung die­ser habe die Wis­sen­schaf­te­rin in einem Team Gehör­lo­ser und Hören­der mit fach­li­cher Exper­ti­se gear­bei­tet. Zur Vor­be­rei­tung wur­den Gebär­den­sprach­cur­ri­cu­la aus dem Schul­be­reich diver­ser euro­päi­scher Län­der gesam­melt und ver­gli­chen. Zur Ori­en­tie­rung sei­en des Wei­te­ren öster­rei­chi­sche Bil­dungs­pro­gram­me ande­rer Spra­chen her­an­ge­zo­gen worden.

Als Ergeb­nis die­ser Arbeit lie­gen nun Sprach­lehr­plä­ne für ÖGS als Mut­ter­spra­che und als leben­de Fremd­spra­che vor. Man kön­ne die­se in Haupt­fä­chern, Frei­fä­chern oder Wahl­pflicht­fä­chern umset­zen, so Kraus­neker. Am 9. Juni 2021 ist im Unter­richts­aus­schuss des öster­rei­chi­schen Natio­nal­ra­tes auch der Ent­schlie­ßungs­an­trag im Sin­ne sol­cher Lehr­plä­ne all­par­tei­lich ver­ab­schie­det wor­den. Die Lehr­plä­ne sol­len im Schul­jahr 2023/24 zum Ein­satz kommen.

Den an der Ent­wick­lung Betei­lig­ten sei es wich­tig gewe­sen, dass die Lehr­plä­ne nicht zu einem Spe­zi­al­pro­gramm wür­den, das auf Son­der­schu­len beschränkt wäre. „Das sind ein­fach Sprach­lehr­plä­ne. Die sagen nicht, du musst hörend sein oder du musst gehör­los sein, um ÖGS ler­nen zu dür­fen“, sagt Krausneker.

Gebär­den­sprach­päd­ago­gik

Damit ein­her­ge­hend ist die Aus­bil­dung von Leh­ren­den an der Uni­ver­si­tät Wien neu kon­zi­piert wor­den. Es ist jetzt mög­lich, sich im Fach Inklu­si­ve Päd­ago­gik auf Gebär­den­sprach­päd­ago­gik zu spe­zia­li­sie­ren. „Das bedeu­tet, dass wir jetzt zum ers­ten Mal in der Geschich­te die­ses Lan­des Päd­ago­gin­nen und Päd­ago­gen an Schu­len haben, die schon mit guter ÖGS-Kom­pe­tenz ihren Dienst antre­ten“, berich­tet Kraus­neker. Im Bereich Gebär­den­sprach­päd­ago­gik sei das Ange­bot der For­schung jedoch etwas vor­aus, weiß die Sozio­lin­gu­is­tin. Es kön­ne noch mehr beforscht wer­den, wie man ÖGS gut unterrichtet.

„Sprach­for­schung ist die Grund­la­ge für Päd­ago­gik“, betont Kraus­neker. Im Ver­gleich unter­schied­li­cher Bil­dungs­si­tua­tio­nen in Euro­pa habe sich gezeigt, dass häu­fig der Bil­dungs­sek­tor eine Vor­rei­ter­rol­le ein­nimmt. „Die pro­bie­ren ein­fach ein­mal etwas aus, weil dort der Druck so viel grö­ßer ist. Wenn man als Leh­re­rin oder Leh­rer in einer Schu­le steht und kei­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­weg mit sei­nen tau­ben Schü­le­rin­nen und Schü­lern fin­det, ent­steht ein­fach ein wahn­sin­ni­ger Druck“, erklärt die Exper­tin. Dar­auf­hin habe in vie­len Fäl­len die Poli­tik gesetz­li­che Grund­la­gen geschaf­fen und erst dann sei durch den ent­stan­de­nen Wis­sens­be­darf häu­fig die For­schung nachgezogen.

Gebär­den­spra­chen im (digi­ta­len) Wandel

Sowohl die Bil­dung als auch die For­schung im Bereich der Gebär­den­spra­chen haben durch die Digi­ta­li­sie­rung einen Auf­schwung erlebt. „Gebär­den­spra­chen sind nicht-geschrie­be­ne Spra­chen. Die wur­den immer nur von Hand zu Hand tra­diert und konn­ten vor der Erfin­dung des Films über­haupt nicht doku­men­tiert wer­den“, erzählt Kraus­neker. Als die Sprach­wis­sen­schaf­te­rin ihre Dok­tor­ar­beit geschrie­ben hat, habe sie fil­mend geforscht und das gesam­te Mate­ri­al, dem tech­ni­schen Ent­wick­lungs­stand der Zeit geschul­det, auf Mini-DV-Kas­set­ten ohne Sicher­heits­ko­pie spei­chern müs­sen. Heu­te kön­ne sie Video­ma­te­ri­al viel ein­fa­cher auf­neh­men und spei­chern. Auch in Aus­bil­dun­gen neh­men Schü­le­rin­nen und Schü­ler bei­spiels­wei­se Auf­sät­ze in ÖGS auf Video auf. Man kön­ne das Auf­ge­nom­me­ne so unab­hän­gig vom Hier und Jetzt anschau­en. „Das heißt, es hat sich in den letz­ten Jah­ren sowas wie eine Schrift­lich­keit her­aus­ge­bil­det. Wir nen­nen das ‚media­les Gebär­den‘“, sagt Krausneker.

Eine leben­di­ge Spra­che geht mit der Zeit

Mit­un­ter auf­grund der Digi­ta­li­sie­rung und sozia­len Medi­en sei die Gebär­den­spra­che in einem leben­di­gen Wan­del begrif­fen. „Genau­so wie in allen ande­ren Spra­chen haben Alter, Bil­dung, Geschlecht, geo­gra­phi­sche Wohn­or­te und so wei­ter einen Ein­fluss dar­auf, wie jemand gebär­det oder spricht“, erklärt Kraus­neker. In einem Pro­jekt zur ÖGS-Gemein­schaft der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Zeit hat die Sprach­wis­sen­schaf­te­rin ein Jahr lang gehör­lo­se Zeit­zeu­gen inter­viewt. Dabei habe sie fest­ge­stellt, dass die­se Genera­ti­on ganz anders gebär­de als sie selbst es tue. Die­sel­be Erfah­rung habe sie glei­cher­ma­ßen in die umge­kehr­te Rich­tung gemacht. „Unlängst habe ich einer Kol­le­gin im For­schungs­pro­jekt einen Wochen­tag gesagt und sie hat lachen müs­sen, weil ich so eine alt­mo­di­sche Gebär­de ver­wen­de“, erzählt sie. „Also was ich sagen kann, ist, dass sich die ÖGS schnel­ler ent­wi­ckelt und von Genera­ti­on zu Genera­ti­on ver­än­dert als viel­leicht die gro­ße Spra­che Deutsch“, schluss­fol­gert die Fachfrau.

Wei­ters sei­en Dia­lek­te ein Rie­sen­the­ma. Es gebe dia­lek­ta­le Vari­an­ten und Fär­bun­gen wie in jeder natür­li­chen Spra­che, aber inner­halb Öster­reichs ver­ste­hen sich alle pro­blem­los unter­ein­an­der. „Hören­de Men­schen for­dern immer wie­der ein, es müss­te doch einen Stan­dard geben. Die Fremd­spra­chen­ler­nen­den, die hören­den Gebär­den­den, tun sich anfangs oft schwer damit, dass es mehr als eine Gebär­de für zum Bei­spiel einen Wochen­tag gibt“, sagt Kraus­neker. Eine Stan­dar­di­sie­rung sei nicht das drän­gends­te For­schungs­the­ma, das aus der Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft kom­me, da man sich ver­ste­he. Es beschäf­ti­ge immer nur Hörende.

Digi­ta­le Hände

Eine wei­te­re Ent­wick­lung, die mit dem tech­ni­schen Fort­schritt ein­her­geht, besteht im Ange­bot von gebär­den­den Ava­taren. Man kön­ne sich die Idee dahin­ter vor­stel­len, wie jene von com­pu­ter­ge­ne­rier­ten Stim­men. Um die­se ani­mier­ten Figu­ren gebär­den las­sen zu kön­nen, müs­se aller­dings ein laut­sprach­lich geschrie­be­ner Text erst in eine Gebär­den­spra­che über­setzt wer­den. „Der Satz­bau der ÖGS ist aber zum Bei­spiel ganz anders als der der deut­schen Schrift­spra­che“, erläu­tert Kraus­neker. „Was mich als Sozio­lin­gu­is­tin dar­an inter­es­siert, ist, dass die­se Ava­tare so schwer ver­ständ­lich sind. Da habe ich mich gefragt: Was ist denn eigent­lich die Mei­nung der Com­mu­ni­ty dazu?“, erzählt die Forscherin.

Aus­ge­hend von die­ser For­schungs­fra­ge hat sie in Zusam­men­ar­beit mit einer gehör­lo­sen Kol­le­gin daher zehn Fokus­grup­pen­dis­kus­sio­nen geführt. Aus dem gewon­ne­nen Mate­ri­al ist dar­auf­hin ein zehn­sei­ti­ger Best-Prac­ti­ce-Leit­fa­den für den Ein­satz von Gebär­den­sprach­a­va­taren erar­bei­tet wor­den. Der­zeit füh­re Kraus­neker Inter­views mit Exper­tin­nen und Exper­ten aus der Ava­tar­for­schung, in denen sie deren Kom­men­ta­re zum Leit­fa­den­ent­wurf ein­ho­le. Die fina­le Ver­si­on soll im Okto­ber in zwei Schrift­spra­chen und zwei Gebär­den­spra­chen publi­ziert wer­den. Es wird dar­in auf ver­schie­de­ne Fra­gen ein­ge­gan­gen: Wie sol­len Ava­tare gebär­den kön­nen? Wo kön­nen sie zum Ein­satz kom­men? Wel­cher Text­län­ge kann man fol­gen? Dar­über hin­aus sol­len in die­sem Zusam­men­hang Sor­gen der Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft ange­spro­chen wer­den. „Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht mit Navis und ande­ren Com­pu­ter­stim­men. Hören­de Men­schen hät­ten eben­so Schwie­rig­kei­ten, wenn sie stun­den­lang einem Blech­ma­xi zuhö­ren müss­ten. Das ist anstren­gend“, begrün­det Kraus­neker die kri­ti­sche Hal­tung der Gehör­lo­sen gegen­über Avataren.

Wes­halb die ani­mier­ten Figu­ren oft so unver­ständ­lich gebär­den, hat die Sprach­wis­sen­schaf­te­rin eben­falls erör­tert. „Die Hän­de bewe­gen sich zwar, aber die nicht-manu­el­len Kom­po­nen­ten sind ein Rie­sen­pro­blem. Man­che kön­nen zum Bei­spiel den Ober­kör­per nicht rotie­ren, was aber unab­ding­bar für Gebär­den­spra­chen ist. Ich muss mich dre­hen kön­nen, weil sonst gewis­se Sät­ze agram­ma­ti­ka­lisch sind“, so die Fach­frau. Sie selbst ver­ste­he den öster­rei­chi­schen Ava­tar sehr schlecht und habe das ursprüng­lich dar­auf zurück­ge­führt, dass die ÖGS eine Fremd­spra­che für sie ist. Aus ihren Fokus­grup­pen­dis­kus­sio­nen mit den gehör­lo­sen Exper­tin­nen und Exper­ten weiß Kraus­neker aber woher die­se Ver­ständ­nis­pro­ble­me rüh­ren: „Die nicht-manu­el­len und manu­el­len Gebär­den­kom­po­nen­ten pas­sen nicht exakt zusam­men. Es geht dabei nicht ein­mal um Sekun­den, son­dern um Frames.“

For­schung für die Gesellschaft

Wie auch in ihrer Arbeit zu gebär­den­den Ava­taren legt Kraus­neker grund­sätz­lich aus einer ethi­schen Per­spek­ti­ve gro­ßen Wert auf den eng­ma­schi­gen Kon­takt zur Gehör­lo­sen­ge­mein­schaft. Aus ihrer wis­sen­schaft­li­chen Per­spek­ti­ve räumt sie fer­ner eini­ge Miss­ver­ständ­nis­se über Gehör­lo­se aus dem Weg. Gebär­den­spra­chen sei­en nicht inter­na­tio­nal. „Es gibt nicht die Gebär­den­spra­che. Das ist das Glei­che wie die Laut­spra­che“, merkt sie an. Genau­so wenig sei­en Gebär­den­spra­chen von jeman­dem erfun­den wor­den, so wie etwa Espe­ran­to. Ganz im Gegen­teil: „Die sind ganz, ganz tief ver­wur­zelt mit einer Gemein­schaft“, klärt Kraus­neker auf. Für sie ist außer­dem die Zuge­hö­rig­keit zu die­ser Grup­pe nicht über eine Sin­nes­be­hin­de­rung gere­gelt, son­dern viel­mehr über die Sprach­kom­pe­tenz. „Es gibt Leu­te, die nur mit­tel- oder hoch­gra­dig schwer­hö­rig sind und Hör­ge­rä­te tra­gen, aber trotz­dem zur ÖGS-Gemein­schaft gehö­ren, weil das die ers­te und wich­tigs­te Spra­che in ihrem Leben ist“, erläu­tert sie. Gebär­den­spra­chen sei­en für die Wis­sen­schaf­te­rin im Prin­zip nichts ande­res als Laut­spra­chen. Sie müss­ten genau­so gelehrt und geforscht wer­den, was in Öster­reich noch viel zu wenig geschehe.

Zur Per­son

Vere­na Kraus­neker wur­de 1973 in Wien gebo­ren. Sie ist Sozio­lin­gu­is­tin mit der Spe­zia­li­sie­rung ÖGS und seit 2002 Lek­to­rin am Insti­tut für Sprach­wis­sen­schaft sowie am Insti­tut für Bil­dungs­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Wien. Frau Kraus­neker hat­te bereits zwei Ver­tre­tungs­pro­fes­su­ren (2007, 2015) am Insti­tut für Deut­sche Gebär­den­spra­che der Uni­ver­si­tät Ham­burg inne.

 

Sie ist Grün­dungs­mit­glied der Anti-Ras­sis­mus-Orga­ni­sa­ti­on ZARA und war dort auch sechs Jah­re lang im Vor­stand aktiv. Über­dies war sie von 2001 bis 2007 Vor­stands­mit­glied des ÖGLB. Sie beschreibt die­se Jah­re als eine sehr schö­ne Pha­se, da die Gemein­schaft wäh­rend die­ser Zeit die offi­zi­el­le Aner­ken­nung der ÖGS erreicht hat. Sie war außer­dem von 2009 bis 2015 ehren­amt­lich für den Welt­ver­band der Gehör­lo­sen (WFD) tätig.

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