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Mehr zum Thema / APA / Mittwoch 01.12.21

COP26 – Kli­ma­gip­fel in Glas­gow ende­te mit „his­to­ri­schem” Kompromiss

Der UN-Kli­ma­gip­fel in Glas­gow (COP26) hat zum ver­zö­ger­ten Ende einen „his­to­ri­schen” Kom­pro­miss gebracht, der für vie­le Dele­gier­te und die meis­ten NGOs vor allem eine Ent­täu­schung war. Öster­reichs Umwelt­mi­nis­te­rin Leo­no­re Gewess­ler (Grü­ne) sag­te zur APA: „Es wäre unvor­stell­bar gewe­sen, ohne ein Ergeb­nis von der Kon­fe­renz abzureisen.”
Demons­tra­tio­nen wäh­rend des Kli­ma­gip­fels (Foto: APA/AFP)

Für Kli­ma­schüt­zer beson­ders bit­ter war, dass in letz­ter Minu­te die For­mu­lie­rung zu einer Abkehr von der Koh­le auf Betrei­ben Chi­nas und Indi­ens deut­lich abge­schwächt wur­de. Erhal­ten blieb aber ein Bekennt­nis zum 1,5‑Grad-Ziel und zu einer schnel­le­ren Über­ar­bei­tung der natio­na­len Klimaschutzziele.

Kurz vor ihrer Rück­rei­se rela­ti­vier­te Gewess­ler gegen­über der APA die viel­leicht für man­chen Mit­strei­ten­den schwa­chen Ergeb­nis­se der COP26, der von 31. Okto­ber bis 12. Novem­ber statt­fand. Ein Schei­tern, wie zuletzt vor zwei Jah­ren auf der COP25 in Madrid, „dafür haben wir kei­ne Zeit mehr”, hob die Minis­te­rin her­vor. Wei­ter­hin orte­te sie in dem Ergeb­nis des UN-Gip­fels in Glas­gow viel Licht, aber auch Schat­ten: „Viel Licht heißt, dass wir ein star­kes Ergeb­nis haben”, näm­lich eines mit der Ver­an­ke­rung des 1,5‑Grad-Ziels. „Wir haben einen Pro­zess in die­sem Text ver­an­kert, mit dem wir uns schon kom­men­des Jahr für eine Nach­bes­se­rung der Kli­ma­zie­le bis 2030 aus­ein­an­der­set­zen müs­sen”, hob die Minis­te­rin her­vor. Und nach­dem es genau um die­se Deka­de gin­ge, sei das ein so wich­ti­ger Teil der heu­ti­gen Abschlusserklärung.

„Moment der Wahrheit”

COP-Prä­si­dent Alok Sharma

COP-Prä­si­dent Alok Shar­ma hat­te zuvor zum End­spurt der COP26 einen „Moment der Wahr­heit” ange­kün­digt. Die­ser mani­fes­tier­te sich im kleins­ten gemein­sa­men Nen­ner. Mit dem ange­nom­me­nen Schluss­text erhält der Pari­ser Kli­ma­ver­trag aber zumin­dest ein abge­schlos­se­nes Regelwerk.

Die UN-Kli­ma­kon­fe­renz hat die Staa­ten der Welt zudem erst­mals dazu auf­ge­for­dert, den Aus­stieg aus der Koh­le ein­zu­lei­ten. Die am Sams­tag gebil­lig­te Erklä­rung von rund 200 Staa­ten for­dert zudem, „inef­fi­zi­en­te” Sub­ven­tio­nen für Öl, Gas und Koh­le zu strei­chen. „Freun­de, die Welt beob­ach­tet uns”, hat­te Shar­ma zuvor gewarnt. Er habe von Anfang an gesagt: Ent­we­der wer­de man gemein­sam zum Erfolg kom­men, „oder gemein­sam schei­tern”. Gestärkt wur­de das 1,5 Grad-Ziel, das trotz­dem immer wei­ter ent­fernt scheint.

Shar­ma mein­te, es tue ihm „zutiefst leid”, wie das Tref­fen mit den in letz­ter Minu­te vor­ge­nom­me­nen Ände­run­gen an der For­mu­lie­rung über Koh­le zu Ende gegan­gen sei, die wegen der Ein­sprü­che von Indi­en vor­ge­nom­men wur­de. Mit gebro­che­ner Stim­me reagier­te er auf die Ver­är­ge­rung ande­rer Staa­ten: „Ich möch­te mich bei allen Dele­gier­ten ent­schul­di­gen, wie die­ser Pro­zess ver­lau­fen ist, und es tut mir sehr leid.” Die bis­her gemach­ten natio­na­len Zusa­gen zur Emis­si­ons­sen­kung wür­den den durch­schnitt­li­chen glo­ba­len Tem­pe­ra­tur­an­stieg jedoch nur auf 2,4 Grad Cel­si­us begren­zen. Shar­ma äußer­te aber die Hoff­nung, dass die end­gül­ti­ge Abschluss­ver­ein­ba­rung den Weg für tie­fe­re Ein­schnit­te in der nahen Zukunft ebnen könnte.

„Kli­ma­ka­ta­stro­phe” steht wei­ter „vor der Tür”

UN-Gene­ral­se­kre­tär Antó­nio Guterres

UN-Gene­ral­se­kre­tär Antó­nio Guter­res warn­te nach der COP26, dass die „Kli­ma­ka­ta­stro­phe” wei­ter „vor der Tür” ste­he: „Unser zer­brech­li­cher Pla­net hängt am sei­de­nen Faden.” Das Ergeb­nis der Welt­kli­ma­kon­fe­renz „hält die Paris-Zie­le am Leben”, erklär­te EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ursu­la von der Ley­en. „Das macht uns zuver­sicht­lich, dass wir der Mensch­heit einen siche­ren und gedeih­li­chen Platz auf die­sem Pla­ne­ten bie­ten kön­nen.” Die Ver­hand­ler in Glas­gow hät­ten wich­ti­ge Fort­schrit­te gemacht, erklär­te die Kom­mis­si­ons­chefin weiter.

Bun­des­prä­si­dent Alex­an­der Van der Bel­len appel­lier­te, den Kli­ma­schutz wei­ter zu for­cie­ren. „Auch wenn wich­ti­ge Fort­schrit­te erzielt wur­den, ins­ge­samt rei­chen die Ergeb­nis­se der UN-Kli­ma­kon­fe­renz deut­lich nicht aus, um die glo­ba­le Erd­er­hit­zung auf 1,5 Grad zu begren­zen und die Kli­ma­kri­se wirk­sam ein­zu­däm­men. Die Staa­ten­ge­mein­schaft muss ihre Ambi­tio­nen bis zur nächs­ten Kli­ma­kon­fe­renz in Ägyp­ten im Herbst 2022 deut­lich erhö­hen und den Aus­stieg aus der Nut­zung kli­ma­schäd­li­cher fos­si­ler Ener­gien beschleu­ni­gen”, so Van der Bellen.

NGOs kri­ti­sie­ren „zahn­lo­se Beschlüsse”

„Die Beschlüs­se hier sind zahn­los, schö­ne Wor­te rei­chen nicht, um die Kli­ma­kri­se zu lösen. Wir sind nach der Kli­ma­kon­fe­renz in Glas­gow noch immer auf direk­tem Weg in die Kli­ma­ka­ta­stro­phe”, stell­te die NGO Glo­bal 2000 zum Ergeb­nis fest. Kri­tisch sieht die NGO die Rol­le der EU: „Die Ein­rich­tung von Koh­len­stoff­märk­ten öff­net der Auf­wei­chung der Kli­ma­plä­ne Tür und Tor”. Die EU hat habe einem fau­len Kom­pro­miss zuge­stimmt, statt eine wich­ti­ge rote Linie zu zie­hen”, so Kli­ma­spre­cher Johan­nes Wahlmüller.

Green­peace reagier­te unter ande­rem mit Kri­tik an der Eini­gung bei Arti­kel 6: Mit dem glo­ba­len Emis­si­ons­han­del wur­de für die Staa­ten eine Hin­ter­tür geöff­net, um sich ein grü­nes Män­tel­chen umzu­hän­gen und sich aus der Ver­ant­wor­tung zu steh­len, lau­te­te der Kom­men­tar. „Ech­ter Kli­ma­schutz wird dadurch ver­wäs­sert. Auch Gewess­ler, die für die EU die Ver­hand­lun­gen in die­ser Sache führ­te, konn­te ihr Ver­spre­chen, Schlupf­lö­cher beim Han­dels­sys­tem zu schlie­ßen, nicht gänz­lich hal­ten”, hielt die Spre­che­rin der NGO, Jas­min Dureg­ger fest. Eini­ge schwa­che Licht­bli­cke sah man trotzdem.

Die Beschlüs­se hier sind zahn­los, schö­ne Wor­te rei­chen nicht, um die Kli­ma­kri­se zu lösen. Glo­bal 2000

WWF sah indes „viel Schat­ten und wenig Licht” und kri­ti­sier­te den „ambi­ti­ons­lo­sen Ver­hand­lungs­text”, samt einem 1,5‑Grad-Ziel in wei­ter Fer­ne. Gefor­dert wur­de statt­des­sen Kli­ma­ge­rech­tig­keit und ein rasches Ende des fos­si­len Zeit­al­ters. „Der Ver­hand­lungs­text beinhal­tet zwar eini­ge Über­ra­schun­gen, wie zum Bei­spiel die erst­ma­li­ge Erwäh­nung der Bedeu­tung des Schut­zes und der Wie­der­her­stel­lung der Natur – von vie­len wei­te­ren gro­ßen Ankün­di­gun­gen ist am Ende aber nicht viel übrig­ge­blie­ben”, kri­ti­sier­te Kli­ma­ex­per­tin Lisa Platt­ner, die den WWF Öster­reich in Glas­gow ver­tre­ten hat.

Oxfam stell­te in einer Aus­sendung fest, dass die klei­nen Schrit­te, wel­che die COP26 nach vor­ne gemacht habe, uns nicht zu der Illu­si­on ver­lei­ten dür­fen, mit einem ech­ten Erfolg nach Hau­se zu fah­ren. „Es ist schon bit­ter, dass wie­der ein­mal die von der Kli­ma­kri­se beson­ders betrof­fe­nen, ärme­ren Län­der des Glo­ba­len Südens an den Rand gedrängt wur­den”, lau­te­te das Resü­mee von Oxfam. Auch Care-Exper­te Sven Har­me­ling mein­te: „Die Indus­trie­län­der über­neh­men immer noch kei­ne Ver­ant­wor­tung für ange­rich­te­te Klimaschäden.”

Papst Fran­zis­kus hat nach Abschluss des UN-Kli­ma­gip­fels zum sofor­ti­gen Han­deln auf­ge­ru­fen. Er ermu­ti­ge alle poli­tisch und wirt­schaft­lich Ver­ant­wort­li­chen mutig die Beschlüs­se umzu­set­zen, sag­te das Kir­chen­ober­haupt beim sonn­täg­li­chen Mit­tags­ge­bet auf dem Peters­platz in Rom. Zugleich for­der­te er laut Kath­press jeden Ein­zel­nen auf, sich um den Kli­ma­schutz und das „gemein­sa­me Haus” zu küm­mern – ins­be­son­de­re mit Blick auf die Armen und Bedürftigsten.

Demons­tra­tio­nen wäh­rend des Klimagipfels

Fal­sche Grab­stei­ne sym­bo­li­sie­ren die gestor­be­nen Hoffnungen.

Eine Trau­er­ze­re­mo­nie sym­bo­li­siert das Schei­tern des Klimagipfels.

„Das Kli­ma ver­än­dert sich – wie­so wir nicht?”

Ein Demons­trant hält ein Pla­kat mit dem Slo­gan „Stoppt die Kli­ma­kri­mi­na­li­tät“ in der Hand

„Kli­ma­kri­se – jetzt handeln!”

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