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Mehr zum Thema / Jochen Stadler / Donnerstag 10.06.21

Didak­tik aus der Ferne

„Wir stan­den vor der rie­si­gen Her­aus­for­de­rung, inner­halb ganz kur­zer Zeit ohne Vor­war­nung vie­les auf rein digi­ta­len Unter­richt umzu­stel­len“, sag­te Paul Kim­ber­ger von der Gewerk­schaft für Pflicht­schul­leh­re­rin­nen und Pflicht­schul­leh­rer (APS) der  Gewerk­schaft Öffent­li­cher Dienst (GÖD). Dass das so gut geklappt hat, sei dem gro­ßem Know-how, der hohen Pro­fes­sio­na­li­tät und unzäh­li­gen Eigen­in­itia­ti­ven von Leh­rern geschul­det, erklär­te er im Gespräch mit APA-Science. 
Foto: APA/AFP

Vie­le von ihnen hät­ten sich näm­lich schon lan­ge vor der Covid-19-Kri­se mit moder­nen Tech­no­lo­gien und neu­en Medi­en beschäf­tigt und die­se im Unter­richt ver­wen­det. Dar­auf konn­te man glück­li­cher­wei­se sehr gut auf­bau­en, meint er. Ins­ge­samt wur­de von allen  – Schü­ler, Eltern und Leh­rer – Groß­ar­ti­ges geleis­tet, sei es digi­tal oder auch ana­log über Abla­ge­sys­te­me in unse­ren Schu­len. Die Eltern haben frei­lich vor allem bei den Jün­ge­ren gehol­fen, indem sie aus­ge­druck­te Papier­sta­pel mit Arbeits­blät­tern von den Schu­len abhol­ten, und die grö­ße­ren Schü­ler muss­ten mehr Eigen­ver­ant­wor­tung zeigen.

Trotz­dem hat der Schul­be­trieb geru­ckelt, als die Pan­de­mie und der ihr geschul­de­te Lock­down den Prä­senz­un­ter­richt in den Klas­sen­räu­men unver­ant­wort­bar mach­te. „Was mich erstaunt hat, ist, dass im Lock­down die meis­ten Leh­ren­den offen­bar am fal­schen Fuß erwischt wor­den sind, und ein­fach ver­such­ten, ihren ana­lo­gen Unter­richt ein­fach in die digi­ta­le Welt über­zu­füh­ren“, erklärt Chris­to­pher Hanzl vom Tea­ching Sup­port Cen­ter der Fach­hoch­schu­le Cam­pus Wien. Dabei wis­se man schon seit gut zehn Jah­ren aus der Auf­merk­sam­keits­for­schung, dass es nicht funk­tio­niert, Stun­den­plan-mäßi­gen Unter­richt in Form von Video­kon­fe­ren­zen abzu­hal­ten. Soge­nann­ter „dar­bie­ten­der Unter­richt“ – „im Volks­mund sagt man dazu Fron­tal­un­ter­richt, also: wenn alles schweigt und einer spricht, das ist Unter­richt“, so Hanzl, „ist in solch einem Set­ting nach 15 bis 20 Minu­ten auf­grund der schwin­den­den Auf­merk­sam­keit der Zuhö­ren­den nicht mehr zu bewerk­stel­li­gen.“ Nach einer kur­zen Schock­star­re habe man sich vor allem über­legt, wel­che Tools man ver­wen­den kön­nen, um das Prä­senz­for­mat ins Digi­ta­le zu über­tra­gen. „Das ist aber etwas, das nicht funk­tio­niert“, sagt er: „Gera­de dort ist es aber ganz wich­tig, sich dar­um zu küm­mern, wie man dies didak­tisch umsetzt.“

Das klappt aber nicht über­all gleich gut. „Es klafft lei­der wei­ter­hin ein Spalt zwi­schen didak­tisch bes­ser aus­ge­bil­de­ten Pflicht­schul­leh­re­rin­nen und ‑leh­rern und der nach wie vor wenig didak­tisch affi­nen Grup­pe der AHS-Leh­re­rin­nen und ‑Leh­rer“, so der Bil­dungs­tech­no­lo­ge: „Durch das Enga­ge­ment einer didak­tisch und bil­dungs­tech­no­lo­gisch affi­nen Grup­pe konn­te das Distance Lear­ning aber trotz aller Wid­rig­kei­ten gemeis­tert werden”.

Man­geln­de Infrastruktur

„Zur Ver­tei­di­gung der Leh­re­rin­nen und Leh­rer, muss man frei­lich sagen, dass die Aus­stat­tung und die Infra­struk­tur schlecht sind“, sagt Hanzl: „Es gibt zum Bei­spiel in Öster­reich kei­ne ein­heit­li­che Lern­platt­form, was ich in eigent­lich unglaub­lich fin­de.“ So muss­ten sich die Leh­ren­den und Schul­lei­tun­gen zunächst um Kurs­sys­te­me umse­hen, sich unter­ein­an­der abspre­chen und die­se auf­set­zen. „Die Schul­au­to­no­mie war nun, böse gesagt, irgend­wie dafür da, die Ent­schei­dun­gen und das Leid nach unten zu diri­gie­ren“, sagt Hanzl: „Auf ein­mal muss­ten die Direk­to­rin­nen und Direk­to­ren, die meist selbst nicht digi­tal-affin sind, damit aus­ein­an­der­set­zen, wel­che Tools es da gibt und wie Lern­platt­for­men funk­tio­nie­ren. Das war genau genom­men ganz schön gruselig.“

„Könn­ten wir nur auf dem auf­bau­en, was uns der Dienst­ge­ber tech­no­lo­gisch bis jetzt zur Ver­fü­gung stellt, dann hät­te Vie­les sicher nicht so gut funk­tio­niert“, meint auch Kim­ber­ger: „Dann wäre es mit Sicher­heit chao­tisch gewor­den“. Doch so sei es in ganz kur­zer Zeit über­aus erfolg­reich gelun­gen, die Sys­te­me mit hoher päd­ago­gi­scher Qua­li­tät umzu­stel­len. Nach­satz: „Was natür­lich ein erheb­li­cher Auf­wand war, kei­ne Frage“.

Aus­ge­merz­te Kommunikationsdefizite

„Es war eine Erkennt­nis aus dem ers­ten Lock­down, dass die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­fi­zi­te umso gra­vie­ren­der waren, umso jün­ger die Schü­le­rin­nen und Schü­ler waren“, berich­tet Iris Rauska­la, Sek­ti­ons­chefin der Prä­si­di­al­sek­ti­on im Bun­des­mi­nis­te­rin für Bil­dung, Wis­sen­schaft und For­schung: „Man hat an den Schul­stand­or­ten alles erlebt: von zu viel Kom­mu­ni­ka­ti­on bis kei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on, von Whats-App und Lern­platt­for­men bis zu Papier­pa­ke­ten war alles dabei.“

Des­halb habe man sich im Minis­te­ri­um als eine der Maß­nah­men im 8‑Punkte Plan zur digi­ta­len Schu­le (näm­lich als Punkt 2, Ein­heit­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­se“) dar­um geküm­mert, und bereits im zwei­ten Lock­down habe die Kom­mu­ni­ka­ti­on laut einer Stu­die der Uni­ver­si­tät Wien unter der Lei­tung von Chris­tia­ne Spiel viel bes­ser funktioniert.

Föde­ra­lis­mus-Gap

Die Covid-Kri­se habe offen gelegt, dass es in Öster­reichs Schul­we­sen einen pro­ble­ma­ti­schen „Föde­ra­lis­mus-Gap“ gibt, sagt Ger­hard Brand­ho­fer vom Depart­ment Medi­en­päd­ago­gik der Päd­ago­gi­sche Hoch­schu­le Nie­der­ös­ter­reich: „Selbst wenn sich das Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um die schöns­ten Kon­zep­te aus­denkt, so ist es von den Bun­des­län­dern abhän­gig, was die Leh­rer­schaft betrifft, und den Gemein­den, was die Schul­erhal­tung betrifft, ob die­se umge­setzt wer­den kön­nen.“ Letz­te­re ermög­li­chen zum Bei­spiel Wlan (draht­lo­sen Inter­net­an­schluss) in den Klas­sen­räu­men, oder auch nicht. „Wenn das Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um um vie­le Mil­lio­nen Gerä­te für die Schü­le­rin­nen und Schü­ler kauft, aber kein Wlan in den Klas­sen­räu­men vor­han­den ist, gibt es offen­sicht­lich Hand­lungs­be­darf“, erklärt er.

Dass dem (schlech­te Inter­net­an­bin­dung, feh­len­des WLan) oft so war, bestä­tigt Paul Kim­ber­ger: „Wir haben immer wie­der die Situa­ti­on, dass in man­chen Gebie­ten Öster­reichs die Abde­ckung mit WLan oder Glas­fa­ser­lei­tun­gen so schlecht ist, dass Fern­un­ter­richt an nicht her­stell­ba­ren oder ruckeln­den Inter­net­ver­bin­dun­gen schei­tert.“ Des­halb sei­en im digi­ta­len Bereich mas­si­ve Inves­ti­tio­nen in die Infra­struk­tur drin­gend nötig.

Orga­ni­sa­ti­on und Didak­tik waren entscheidend

Vor allem hat aber die Orga­ni­sa­ti­on der Leh­rer und die didak­ti­sche Umset­zung an den Schu­len ent­schie­den, ob das Distance Lear­ning erfolg­reich war, oder nicht, berich­tet Brand­ho­fer: „Das ist in der Bericht­erstat­tung viel zu wenig in den Fokus gekom­men.“ Kon­kret sei es ent­schei­dend gewe­sen, wie gut sich die Leh­ren­den und Schul­or­ga­ni­sa­tio­nen abge­spro­chen haben bezüg­lich der Auf­ga­ben­ver­tei­lung, der Län­ge der Arbeits­pha­sen, und der Lern­platt­for­men. Ganz wesent­lich war frei­lich die Didak­tik: „Hier haben man­che unglaub­lich übers Ziel geschos­sen und die Kin­der sehr stark über­for­dert, ande­re haben sie wie­der­um unter­for­dert“, so der Exper­te. Man­che sei­ner Kol­le­gen wären lei­der beim Ver­tei­len von Arbeits­blät­tern hän­gen­ge­blie­ben. „Arbeits­blät­ter, die die Schü­le­rin­nen und Schü­ler aus­fül­len müs­sen, ohne dass ein päd­ago­gi­sches Kon­zept dahin­ter ist, sind aber mäßig sinnvoll.“

Ande­re wie­der­um hät­ten wie­der­um die Situa­ti­on genutzt, um „wirk­lich Inno­va­ti­ves zu machen“, vie­le Vor­ga­ben, die im Prä­senz­un­ter­richt herr­schen, ein­fach aus­ge­setzt und zum Bei­spiel sehr viel Pro­jekt­un­ter­richt gemacht. „Wir haben im Früh­jahr 2020 eine gro­ße Umfra­ge gestar­tet, wel­che Mate­ria­li­en wo ver­wen­det wur­den“, berich­tet Brand­ho­fer: „Gera­de in den Volks­schu­len waren es oft Papier­auf­ga­ben, wo die Eltern das Mate­ri­al von der Schu­le geholt und dann auch wie­der abge­ge­ben haben, und je wei­ter man dann hin­auf­geht in die Sekun­dar­stu­fen I und II, umso mehr wur­den Lern­platt­for­men ver­wen­det, und umso sel­te­ner Papier­aus­tausch­sys­te­me.“ Dass in den Volks­schu­len oft mehr in ana­lo­ger Art und Wei­se statt auf digi­ta­len Platt­for­men gear­bei­tet wur­de, erklärt Kim­ber­ger damit, dass man ein sechs­jäh­ri­ges Kind nicht stun­den­lang vor den Com­pu­ter­bild­schirm set­zen kön­ne, und für das digi­ta­le Ler­nen von zuhau­se aus sehr viel Eigen­in­itia­ti­ve und Eigen­ver­ant­wor­tung not­wen­dig ist. „Das gelingt logi­scher­wei­se 16-Jäh­ri­gen frei­lich bes­ser als Sechs­jäh­ri­gen“, meint er.

Auch bei den Leh­ren­den gab es frei­lich Unter­schie­de, wie gut sie die Umstel­lung bewerk­stel­lig­ten. Wer schon vor der Kri­se didak­tisch moder­ne Metho­den ver­wen­de­te und viel­leicht sogar Tech­nik-affin war, tat sich dabei leich­ter und lös­te die Pro­ble­me schnell. Die gro­ße Men­ge fiel jedoch auf Fron­tal­un­ter­richt über das Inter­net zurück. „Aus mei­ner Sicht war es ein Reflex, auf das zurück­zu­grei­fen, was in der Prä­senz statt­fand“, sagt Hanzl: „Die Leh­re­rin­nen und Leh­rer, die sich auch schon im Prä­senz­un­ter­richt in der didak­ti­schen Sahel­zo­ne auf­hiel­ten, und sich zusätz­lich in der Kri­se über­for­dert fühl­ten, digi­ta­le Tools nut­zen zu müs­sen, haben in der Regel auf rei­nen Fron­tal­un­ter­richt umge­stellt.“  Dabei wur­de auch deut­lich, dass in der Schu­le noch sehr klas­sisch Wis­sens­ver­mitt­lung betrie­ben wird, und nicht die viel geprie­se­ne Ver­mitt­lung von Kom­pe­ten­zen. „Es wird oft groß­spu­rig von Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung gespro­chen, im End­ef­fekt hab man aber im Digi­tal­un­ter­richt gemerkt, dass davon nichts zu sehen war“, so Hanzl: „Fai­rer­wei­se muss man da aber auch die Schul­lei­tun­gen in die Pflicht neh­men, man hät­te schon sehr rasch sagen müs­sen, dass der stun­den­plan­mä­ßi­ge Unter­richt hier abso­lut nicht ziel­füh­rend ist.“ Statt­des­sen hät­te er auf Blo­ckun­gen auf Fächern gesetzt, wie zum Bei­spiel einen Eng­lisch­tag, einen Mathe­ma­tik­tag, und dazwi­schen Pau­sen. Oder man lie­ße die Kin­der in einer Frei­ar­beit selbst­stän­dig ein The­ma erar­bei­ten. Ein sol­ches didak­ti­sches Kon­zept ist „Umge­dreh­ter Unter­richt“ (Flip­ped Class­room). Dabei wird nicht in der Schu­le gepaukt und zuhau­se das Gelern­te in Haus­auf­ga­ben umge­setzt, son­dern die Schü­ler erar­bei­ten sich ihre Lern­in­hal­te zuhau­se und wen­den sie im Unter­richt an. „Sol­che Din­ge funk­tio­nie­ren aber nicht bei einem stun­den­plan­mä­ßi­gen Unter­richt“, erklärt Hanzl.

Hit: Erklär­vi­de­os

Sehr bewährt hät­ten sich hin­ge­gen kur­ze Erklär­vi­de­os, meint er. Jene wür­den vie­le Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen ver­wen­den, sagt auch Her­bert Weiß, Vor­sit­zen­der der AHS-Gewerk­schaft der GÖD. Er selbst habe gute Erfah­run­gen damit gemacht.  „Der Vor­teil gegen­über dem nor­ma­len Unter­richt ist, dass die Schü­le­rin­nen und Schü­ler die­se jeder­zeit stop­pen und belie­big oft abspie­len kön­nen“, erklärt er. Er wür­de die­se auch wei­ter­hin für sie dre­hen, wenn Leh­ren­de und Schü­ler nicht mehr zu Distance Lear­ning gezwun­gen wären, und wie­der in den Klas­sen­räu­men sit­zen dür­fen. „Damit haben jene, die den Lern­in­halt im ers­ten Durch­gang nicht so gut erfasst haben, die Chan­ce, ihn anhand des Vide­os im eige­nen Tem­po zu erar­bei­ten“, so der Pädagoge.

Flop: Hybrid­un­ter­richt

Als am schlech­tes­ten habe sich der Hybrid­un­ter­richt her­aus­ge­stellt, wo eini­ge Schü­ler im Klas­sen­raum saßen, und ande­re von zuhau­se mit­mach­ten, berich­tet Brand­ho­fer. „Das war für die Schü­le­rin­nen und Schü­ler sehr belas­tend und inef­fi­zi­ent.“ Jene daheim hät­ten oft nicht gewusst, ob sie jetzt dazu­ge­schal­tet sind oder nicht, und Stö­run­gen in der Schu­le wür­den frei­lich auch digi­tal zu ihnen über­tra­gen. „Für die Leh­ren­den war es auch inso­fern ein Pro­blem, weil das Inter­net in der Schu­le oft viel schlech­ter ist, als bei den Schü­lern zuhau­se“, sagt er.

Top: Moder­ne Didaktik

Das Distance Lear­ning habe deut­lich gemacht, wie wich­tig Didak­tik und ein gut geplan­tes Lehr-Lern­kon­zept sind, meint Hanzl. Bei letz­te­rem gäbe es mit einem Kon­zept namens „Con­struc­ti­ve Align­ment“ einen „Gold­stan­dard“. „Zuerst über­legt man sich dabei, wel­che Kom­pe­tenz man för­dern will, dann, mit wel­cher Prü­fungs­form man die Lern­zie­le abfragt, und schließ­lich, mit wel­chen didak­ti­schen Metho­den man sie erreicht“, erklärt der Exper­te: „Im Regel­fall kommt man da mit weni­gen didak­ti­schen Tools, aus.“ Als die Covid-19 Kri­se die Schu­len erreich­te, wären end­los vie­le und lan­ge Link­lis­ten ent­stan­den. „Jene, die sich zuvor noch nicht damit beschäf­tigt haben, waren natür­lich dadurch kom­plett über­for­dert, und die ande­ren haben sie gar nicht gebraucht, weil sie schon vor­her ihre Tools hat­ten, mit denen sie arbei­ten“, berich­tet Hanzl: „In Wahr­heit braucht man recht weni­ge didak­ti­sche Metho­den, und auch von der Tech­nik her rei­chen weni­ge Werk­zeu­ge, wie etwa eine Lern­platt­form, ein Video­kon­fe­renz-Tool und eine digi­ta­le Pinnwand.

Vor allem müss­ten sich aber die didak­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen ändern, und zwar soll­te man sich nun sehr gut über­le­gen, den schu­li­schen All­tag moder­ner zu gestal­ten, und dür­fe hier vor dem Stun­den­plan und Fächer­ka­nons nicht Halt machen, meint Hanzl.

Ände­run­gen wer­den bleiben

„Nach­dem jetzt die Hem­mun­gen gefal­len sind, die digi­ta­len Tools zu nut­zen, gibt es glau­be ich ein gro­ßes Momen­tum für Ver­än­de­run­gen“, sagt der Exper­te. Vie­le Leh­ren­den hät­ten den Mehr­wert zum Bei­spiel von kur­zen Erklär­vi­de­os erkannt. Damit nach der Kri­se nicht der Groß­teil wie­der zurück zum „Nor­ma­len“ kehrt und die posi­ti­ven Effek­te schwin­den, müss­ten die Schul- und Hoch­schul­lei­tun­gen die­ses Momen­tum aber auch nut­zen. Posi­ti­ven Druck erwar­tet Brand­ho­fer vom 8‑Punkte Plan des Bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums: „Die Sekun­dar­stu­fe I bekommt zu 93 Pro­zent Gerä­te zum Arbei­ten, wie Note­books und Tabletts – da kommt also noch ein­mal eine gro­ße Her­aus­for­de­rung auf uns zu, damit sinn­voll zu arbei­ten und neue Din­ge aus­zu­pro­bie­ren.“ Auf die­se Art kön­ne man die Schu­le auch wider­stands­fä­hi­ger gegen zukünf­ti­ge Kala­mi­tä­ten machen, mei­nen die Experten.

„Wir haben an den nor­di­schen Staa­ten gese­hen, die schon frü­her in die Digi­ta­li­sie­rung ein­ge­bo­gen sind, dass sie die­se Kri­se durch­aus bes­ser bewäl­tigt haben“, sagt Rauska­la: „Sobald die aktu­el­le Kri­se über­wun­den ist, wer­den wir natür­lich wie­der in den Prä­senz­un­ter­richt zurück­keh­ren, aber dort sol­len die qua­li­täts­vol­len Bestand­tei­le des eLear­ning und Blen­ded Lear­ning ganz selbst­ver­ständ­lich als moder­ne Tech­no­lo­gien in den Unter­richt ein­ge­baut wer­den.“ Durch die Pro­ble­me wäh­rend der Lock­downs habe man erkannt, war­um die Fähig­kei­ten, mit der Digi­ta­li­sie­rung umzu­ge­hen, gebraucht wer­den. Sie soll­ten wei­ter in der Schu­le ver­mit­telt wer­den, damit die Schü­le­rin­nen und Schü­ler gut und sys­te­ma­tisch aus­ge­bil­det ins Berufs­le­ben und die höhe­ren Aus­bil­dun­gen ein­stei­gen. „Dort sind die­se Kom­pe­ten­zen heu­te zwin­gend erfor­der­lich“, so Rauskala.

„Was wir uns jetzt auch anschau­en müs­sen, ist die Fra­ge der ver­nünf­ti­gen Dosis“, erklärt Kim­ber­ger, „also wann wir digi­ta­le und wann ana­lo­ge Unter­richts­for­men und ‑mit­tel sinn­vol­ler­wei­se ein­set­zen. Je klei­ner die Kin­der sind, des­to gerin­ger muss auch die Dosis sein.“ „Man muss ganz bewusst sagen, dass die Tech­nik nicht das Maß aller Din­ge ist, sie darf nicht alles erschla­gen, son­dern es müs­sen bei­de Platz haben: und die Leh­rer indi­vi­du­ell ent­schei­den, was sie für ein Lern­ziel ein­set­zen wol­len“, sagt Weiß.

Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung bei Lehrenden

Außer­dem gilt es, das Per­so­nal, vul­go die Leh­re­rin­nen und Leh­rer fit­ter in der Didak­tik mit digi­ta­len Tools zu machen. Dazu hat es unter ande­rem zwei beglei­te­te Durch­gän­ge von „Mas­si­ve Open Online Cour­ses (MOOCs)“ zum Distance Lear­ning des Bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums gege­ben. Er wur­de mitt­ler­wei­le von über 23.000 Päd­ago­gin­nen und Päd­ago­gen besucht, berich­tet Rauska­la. Der Wil­le bei den Leh­ren­den ist dem­nach vorhanden.

„Ich kann auch nicht das alte Vor­ur­teil bestä­ti­gen, dass nur die jun­ge Genera­ti­on durch­gän­gig Tech­nik-affin ist und die älte­re Genera­ti­on damit nichts mehr anfan­gen kann“, sagt Kim­ber­ger. In jeder Alters­grup­pe gäbe es vie­le Leh­re­rin­nen und Leh­rer, die schon jah­re­lang moderns­te Unter­richts­me­tho­den ein­set­zen, und auch sol­che, die nach sehr klas­si­schen Vor­stel­lun­gen leh­ren. Bei­des hat jeden­falls sei­ne Berech­ti­gung. Letz­te­re von den Vor­tei­len moder­ner Didak­tik und Tools zu über­zeu­gen, könn­te schwie­rig sein, mei­nen die Exper­ten. „Die Leh­re­rin­nen und Leh­rer haben zwar ver­pflich­ten­de Fort­bil­dungs­kon­tin­gen­te, die sie erfül­len müs­sen, die Schul­lei­tung hat aber kei­nen Ein­fluss dar­auf, in wel­che Rich­tung sie sich wei­ter­bil­den“, kri­ti­siert Hanzl. Sie könn­te ihre Päd­ago­gen nicht gezielt in Schu­lun­gen etwa für digi­ta­len Unter­richt schi­cken, was er für einen Sys­tem­feh­ler hal­te. „Wenn der Kol­le­ge, über­spitzt gesagt, meint, ein Töp­fer­kurs in Zell am See wäre das Ange­nehms­te für ihn, gilt das auch für sein 20-Stun­den Fort­bil­dungs­kon­tin­gent“, sagt er.

Ein wei­te­rer Punkt, den die Kri­se trans­pa­rent gemacht hat, ist, dass es für die Leh­ren­den kei­ne didak­ti­sche Lauf­bahn gibt. „Wenn man sich wei­ter­ent­wi­ckeln möch­te, geht das nur in der Admi­nis­tra­ti­on“, so Brand­ho­fer. Es bräuch­te dem­nach Auf­stiegs­chan­cen auch durch didak­ti­sche Wei­ter­bil­dung, zum Bei­spiel, dass Leh­ren­de ihre Kol­le­gen pro­fes­sio­nell unterstützen.

Sol­che Kar­rie­re­chan­cen wären auch ein Ansporn für die Päd­ago­gen. „Wir mer­ken in unse­ren Online­sprech­stun­den, dass die Leh­ren­den ein emo­tio­nal sehr her­aus­for­dern­des Jahr mit sehr hohem admi­nis­tra­ti­ven Auf­wand hat­ten“, berich­tet er. Es wäre dem­nach durch­aus ange­bracht, „hier den Fak­tor Moti­va­ti­on zu stärken.“

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