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Mehr zum Thema / Mario Wasserfaller / Donnerstag 03.03.22

Ein Trip ins Jen­seits und zurück

„Wenn du stirbst, bevor du stirbst, wirst du nicht ster­ben, wenn du stirbst.” Mit die­sem Spruch, der im grie­chi­schen Klos­ter Agiou Pav­lou am Berg Athos ver­ewigt ist, eröff­net Bri­an Mur­a­res­ku sein Buch „The Immor­ta­li­ty Key” (Der Schlüs­sel zur Unsterb­lich­keit). Im Gespräch mit APA-Sci­ence erklärt der Autor, was es damit auf sich hat und wel­che ent­schei­den­de Rol­le Psy­che­de­li­ka für die west­li­che Zivi­li­sa­ti­on und das frü­he Chris­ten­tum gespielt haben könnten. 
Foto: Ili­as Monacholias Der Autor in der archäo­lo­gi­schen Fund­stät­te Eleusis

Mur­a­res­ku, der bereits an einem zwei­ten Buch und einer Doku­men­ta­ti­on zum The­ma arbei­tet, führt im Inter­view aus, wie es zu sei­ner zwölf Jah­re dau­ern­den Odys­see gekom­men ist, wel­che har­ten wis­sen­schaft­li­chen Bewei­se es für sei­ne The­sen gibt (sie­he dazu „The Immor­ta­li­ty Key“: Wenn Psy­che­de­li­ka unsterb­lich machen) und was im Reich der Spe­ku­la­ti­on blei­ben muss.

APA-Sci­ence: Sie lei­ten Ihr Buch mit dem Leit­ge­dan­ken ein, mit Hil­fe von bewusst­seins­ver­än­dern­den Sub­stan­zen visio­nä­re Ein­sich­ten zu erle­ben, und so eine Art Vor­schau ins Jen­seits zu bekom­men, habe eine Tau­sen­de Jah­re alte Tra­di­ti­on. Was ist die dane­ben zen­tra­le Bot­schaft, die Sie Ihren Lesern ver­mit­teln möchten?

Mur­a­res­ku: Ich den­ke, die all­ge­mei­ne Auf­fas­sung ist, dass der Gebrauch von Psy­che­de­li­ka, ins­be­son­de­re der ritu­el­le Gebrauch von Psy­che­de­li­ka, etwas Exo­ti­sches oder Frem­des ist und das irgend­wie nicht zur west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on gehört. Wenn also die meis­ten Leu­te über Psy­che­de­li­ka nach­den­ken, ist das haupt­säch­lich auf eini­ge der Erkun­dun­gen zurück­zu­füh­ren, die in Ame­ri­ka statt­fan­den. Zum Bei­spiel geht Gor­don Was­son im 20. Jahr­hun­dert bekann­ter­ma­ßen nach Mexi­ko und ent­deckt Psi­lo­cy­bin-hal­ti­ge Pil­ze wie­der. Der gro­ße Har­vard-Eth­no-Bota­ni­ker Richard Evans Schul­tes reist in den Ama­zo­nas und ent­deckt Aya­huas­ca wie­der, heu­te haben wir eine gan­ze Aya­huas­ca-Tou­ris­mus­bran­che, zu deren Anhän­gern auch Will Smith gehört.

Ich habe mich aus aka­de­mi­scher Sicht oft gefragt, wie die­se Ent­de­ckun­gen und der Krieg gegen Dro­gen in den 1970er-Jah­ren unse­re Sicht auf den his­to­ri­schen Gebrauch von Hal­lu­zi­no­ge­nen, Psy­che­de­li­ka und bewusst­seins­ver­än­dern­den Sub­stan­zen in der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on beein­flusst haben. Und je mehr ich mir die­ses gro­ße Dilem­ma anschau­te, je mehr Daten ich gefun­den habe, des­to mehr ent­deck­te ich, dass es dort tat­säch­lich eine Ver­bin­dung gibt.

Und die Ver­bin­dung, die ich her­stel­len woll­te, war haupt­säch­lich mit der anti­ken grie­chisch-römi­schen Welt – den alten Grie­chen einer­seits, und wie das dann das Ur-Chris­ten­tum auf der ande­ren Sei­te beein­flusst: Ein gro­ßes, kon­tro­ver­ses The­ma, das bis in die spä­ten 1970er-Jah­re zurück­reicht. Aber mit dem Auf­kom­men der Wis­sen­schaft und eini­gen hart­nä­cki­gen Nach­for­schun­gen in alten Zeit­schrif­ten stellt sich her­aus, dass es eini­ge Daten gibt, die dar­auf hin­deu­ten, dass die­se Dro­gen tat­säch­lich einen wich­ti­gen Ein­fluss auf die Ent­wick­lung der soge­nann­ten west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on gehabt haben.

Auf For­schungs-Odys­see

Alter­tums­for­scher Carl Ruck mit dem Gefäß (Mit­te), in dem Über­res­te von Mut­ter­korn-Bier gefun­den wurden.

Schon in der Kult­stät­te Göbe­kli Tepe wur­den 12.000 Jah­re alte Hin­wei­se auf Bier entdeckt.

In Gefä­ßen wie die­sen wur­de der „Kyke­on” zubereitet.

Ter­ra­kot­ta-Kopf von Deme­ter oder Per­se­pho­ne, der in Mas Cas­tel­lar de Pon­tós gefun­den wurde…

…eben­so wie die­se grie­chisch-römi­schen Amphoren.

Sie spre­chen etwa auch die Kult­stät­te Göbe­kli Tepe auf dem Gebiet der heu­ti­gen Tür­kei an, wo 12.000 Jah­re alte Bier­res­te gefun­den wur­den. Was wis­sen wir über den Gebrauch von bewusst­seins­er­wei­tern­den Sub­stan­zen noch lan­ge vor dem Ent­ste­hen der west­li­chen Zivilisation?

Das ist eine sehr gute Fra­ge. Ich bin mir nicht sicher, ob es end­gül­ti­ge archäo­bo­ta­ni­sche oder archäo­che­mi­sche Bewei­se für den Ein­satz von Psy­che­de­li­ka gibt, die auf Göbe­kli Tepe zurück­ge­hen. Das ist unge­fähr die Zeit, die wir die land­wirt­schaft­li­che Revo­lu­ti­on nen­nen. Ich den­ke, es gibt fas­zi­nie­ren­de Bewei­se für die Gärung von Bier, und so fand wur­de in der Süd­tür­kei zumin­dest vor 12.000 Jah­ren schon das Bewusst­sein ver­än­dert. Auch in der Raqe­fet-Höh­le in Isra­el, die ich erwäh­ne, gibt es in 13.000 Jah­re alten Stein­mör­sern eini­ge Bewei­se für das Brau­en eines prä­his­to­ri­schen Bieres.

Ganz kon­kret wer­den die wis­sen­schaft­li­chen Nach­wei­se für den Gebrauch für psy­che­de­li­sche Sub­stan­zen aber dann spä­tes­tens in Mas Cas­tel­lar de Pon­tós, einer archäo­lo­gi­schen Fund­stät­te in Spa­ni­en, wie Sie im Buch beschreiben?

Die­ser Fund in Mas Cas­tel­lar de Pon­tós war schon in den neun­zi­ger Jah­ren. Was dort gefun­den wur­de, ist außer­ge­wöhn­lich. Jor­di Juan-Tres­ser­ras von der Uni­ver­si­tät Bar­ce­lo­na hat mit Hil­fe von opti­scher Mikro­sko­pie und Ras­ter­elek­tro­nen­mi­kro­sko­pie mikro­bo­ta­ni­sche Über­res­te von Bier, das schein­bar mit Mut­ter­korn ver­setzt war, ent­deckt. Das ist die­ser berüch­tig­te Pilz, der bereits Ende der 1970er-Jah­re von Carl Ruck in sei­nem berühm­ten Buch ‘The Road to Eleu­sis’ ver­mu­tet wur­de, das er gemein­sam mit Gor­don Was­son und Albert Hof­mann geschrie­ben hat, der bekann­ter­ma­ßen LSD ent­deck­te. Und ihre Idee war, dass die­se Getrei­de­kör­ner für den Auf­stieg der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on sehr wich­tig waren.

Wir haben über die land­wirt­schaft­li­che Revo­lu­ti­on gespro­chen, die vor zwölf­tau­send Jah­ren auf Göbe­kli Tepe zurück­geht. Aber Carl Ruck und Albert Hoff­man und Gor­don Was­son dach­ten, dass die­se Kör­ner viel­leicht nicht nur zum Brau­en von Bier oder zum Backen von Brot ange­baut wur­den, obwohl sie dafür gut sind. Aber sie wis­sen auch, dass der Pilz Mut­ter­korn auf die­sen Getrei­de­pflan­zen ziem­lich leicht wächst. Es kommt häu­fi­ger bei Rog­gen, aber auch bei Gers­te und Wei­zen vor. Und in den spä­ten 1970er-Jah­ren mut­maß­ten sie, dass eine Art Alka­lo­id aus Mut­ter­korn die berühm­te feh­len­de Zutat für die­se psy­che­de­li­sche Erfah­rung bei Eleu­sis vor 2500 Jah­ren gewe­sen sein könn­te, einer Art spi­ri­tu­el­ler Haupt­stadt des anti­ken Griechenlands.

Es gab kei­ne har­ten Daten, die es auf die eine oder ande­re Wei­se bewei­sen könn­ten, bis ich auf die­se unglaub­li­che Ent­de­ckung von Jor­di und Enri­que­ta Pons, die Archäo­lo­gen in den 1990er-Jah­ren, stieß. Soweit ich das beur­tei­len kann, wur­de ein­fach nicht viel dar­über berich­tet, weil es auf Kata­la­nisch geschrie­ben wur­de. Jor­di schrieb eini­ge Arti­kel auf Spa­nisch in Comp­lu­tum und ande­ren spa­nisch­spra­chi­gen Zeit­schrif­ten. Aber auch die haben es ein­fach nicht in die aka­de­mi­schen Run­den geschafft. Das lag wohl an einer moder­nen Sprach­bar­rie­re, die ver­rückt ist, wenn man es mit der Anti­ke zu tun hat.

So erhär­te­ten sich die Hin­wei­se auf eine Art absicht­li­chen Kon­sum eines Getränks, das mit die­sen grie­chi­schen Mys­te­ri­en ver­wandt war. Es war eine sehr, sehr hel­le­nis­ti­sche Stät­te voll mit Hin­wei­sen auf die Geheim­nis­se von Eleu­sis, obwohl sie so weit ent­fernt in Spa­ni­en liegt.

Wel­che wei­te­ren evi­denz­ba­sier­ten Fak­ten wür­den Sie nen­nen, die Sie in Ihrer The­se bestärkt haben? Ich ver­mu­te, die Fun­de in der Vil­la Vesu­vio in Pom­pe­ji haben viel damit zu tun?

Ja, das ist mei­ne Num­mer zwei. Das sind die bei­den Ergeb­nis­se, die Eck­pfei­ler für das Buch sind. Ich ver­su­che, die Geschich­te auf unter­halt­sa­me Art zu erzäh­len, aber wir stel­len sehr gro­ße Fra­gen: Dar­über, wo das alles ange­fan­gen und wie alles geen­det hat? Wel­che Rol­le spiel­te die Kir­che bei der Unter­stüt­zung oder Unter­drü­ckung die­ser uralten geheim­nis­vol­len Ritua­le? Aber die bei­den har­ten wis­sen­schaft­li­chen Daten, mit denen ich zufrie­den bin, sind Mas Cas­tel­lar de Pon­tós und Vil­la Vesu­vio. Dabei sprin­gen wir in das ers­te Jahr­hun­dert vor Chris­tus. Und wir kön­nen es defi­ni­tiv datie­ren, weil es die Über­res­te die­ses alten Bau­ern­hau­ses waren, die durch den Aus­bruch des Vesuvs (79 n.Chr.; Anm.) erhal­ten blie­ben, sodass wir es mit Über­zeu­gung auf die zwei­te Hälf­te des ers­ten Jahr­hun­derts datie­ren kön­nen – unge­fähr zur glei­chen Zeit, als sich die frü­hes­ten Chris­ten in die­sem Teil Ita­li­ens ansiedelten.

Ein wei­te­rer fas­zi­nie­ren­der archäo­bo­ta­ni­scher Fund hat mit die­sen alten Wein­krü­gen zu tun, die Dolia genannt wer­den. In einer die­ser Doli­en fand die ita­lie­ni­sche Archäo­bo­ta­ni­ke­rin Mari­na Cia­ral­di die Über­res­te aller mög­li­chen Din­ge wie über 50 Arten ver­schie­de­ner Bäu­me und Pflan­zen, dar­un­ter Opi­um, Can­na­bis, Bil­sen­kraut und schwar­zen Nacht­schat­ten, was auf einen ziem­lich unkon­ven­tio­nel­len Wein hin­weist. Ich mei­ne, nicht gera­de dein durch­schnitt­li­cher Tafel­wein – und nicht zu ver­ges­sen, da waren auch Über­res­te von Eidech­sen, Frö­schen und Krö­ten drin.

Und an wel­chen Punk­ten betre­ten wir den spe­ku­la­ti­ven Bereich der Geschich­te? Wo kön­nen wir wirk­lich nur ver­mu­ten, was pas­siert ist?

Es gibt zwei Punk­te. Der Fund des Mut­ter­kon-Biers in Mas Cas­tel­lar de Pon­tós im zwei­ten Jahr­hun­dert vor Chris­tus bedeu­tet also nicht unbe­dingt, dass in Eleu­sis, drü­ben in der wich­tigs­ten spi­ri­tu­el­len Haupt­stadt, ein Mut­ter­korn-Bier getrun­ken wur­de. Wir haben dafür kei­ne orga­ni­schen Bewei­se von der Fund­stät­te. Ich ging dort­hin, um mit der Archäo­lo­gin in Eleu­sis, Kal­lio­pe Papan­ge­li, über all die­se wil­den Theo­rien zu spre­chen, und nach ihrem Wis­sen wur­den vor Ort kei­ne Gefä­ße mit ähn­li­chen Bewei­sen gefun­den. Es ist natür­lich spe­ku­la­tiv, Mas Cas­tel­lar de Pon­tós mit Eleu­sis zu ver­bin­den, aber es gibt den­noch sehr über­zeu­gen­de Hinweise.

Eine Schlüs­sel­rol­le könn­te dabei dem See­fah­rer­volk der Pho­kä­er zukommen?

Ja, war­um ich die Pho­kä­er inter­es­sant fin­de, obwohl das eben­so spe­ku­la­tiv ist: Sie haben, soweit wir wis­sen, nur eine Hand­voll Kolo­nien gegrün­det. Eine war in Mas­sa­lia, dem heu­ti­gen Mar­seil­le. Eine war in Empu­ries (ursprüng­lich Empo­ri­on), unweit von Mas Cas­tel­lar de Pon­tós an der Küs­te Kata­lo­ni­ens. Und der drit­te Ort, den sie grün­de­ten, befand sich in Velia in Süd­ita­li­en, nicht all­zu weit süd­lich von Pom­pe­ji im Her­zen von Magna Grae­cia, wo wir wis­sen, dass die anti­ken grie­chi­schen Geheim­nis­ri­tua­le in den Jah­ren vor Chris­tus über­lebt haben.

Ich mei­ne, es ist natür­lich ein biss­chen spe­ku­la­tiv anzu­neh­men, dass das phar­ma­ko­lo­gi­sche Wis­sen von den Pho­kä­ern in den gesam­ten anti­ken Mit­tel­meer­raum getra­gen wur­de. Aber es ist selt­sam, dass es an den bei­den Stel­len, an denen die­se archäo­bo­ta­ni­schen Daten auf­tau­chen, eine Ver­bin­dung zu den Pho­kä­ern besteht. Davon aus­ge­hend wird es nun inter­es­sant her­aus­zu­fin­den, ob und wie ein Teil die­ses phar­ma­ko­lo­gi­schen Wis­sens in die frü­hes­ten grie­chisch­spra­chi­gen Kir­chen in und um Rom gelangt ist. Ich kon­zen­trie­re mich aus einem bestimm­ten Grund auf Ita­li­en, wo die katho­li­sche Kir­che ent­stan­den ist. Die katho­li­sche Kir­che ist es, die im Zeit­al­ter der Ent­de­ckun­gen zum glo­ba­len Chris­ten­tum führt. Wir spe­ku­lie­ren also über die Ver­brei­tung die­ser Phar­ma­ko­lo­gie. Aber ich bin zuver­sicht­lich, dass die Daten, such die noch kom­men­den, den Weg wei­sen sollten.

Es wird noch mehr kommen?

Wir fan­gen gera­de erst an.

Alle Wege füh­ren nach Rom

Der Autor in einer ita­lie­ni­schen Klosterbibliothek.

Die Rei­se führt bis in die Kata­kom­ben Roms und die gehei­men Archi­ve des Vati­kan – im Bild der Petersdom.

Wie hat sich Ihre eige­ne Wahr­neh­mung von Reli­gi­on, Chris­ten­tum und Gott im Lau­fe Ihrer zwölf­jäh­ri­gen For­schung verändert?

Ich bin katho­lisch auf­ge­wach­sen. Ich glau­be, ich hat­te ziem­lich viel Glück, weil ich mit den bes­ten Tei­len des Katho­li­zis­mus auf­ge­wach­sen bin. Ich in einer Erz­diö­ze­se in Phil­adel­phia groß gewor­den und wur­de von Jesui­ten aus­ge­bil­det. Die Iro­nie für mich ist also, dass ich nur Latein und Grie­chisch von den Jesui­ten gelernt habe. Ich bezweif­le, dass sie erwar­tet haben, dass ich die­ses Wis­sen anneh­men und dann all die­se uralten Hin­wei­se auf Psy­che­de­li­ka und die­se gewal­ti­ge Ver­schwö­rung unter­su­chen wür­de. Die Wahr­heit ist, dass die Jesui­ten gro­ße Fra­gen stel­len und ich habe das getan.

Des­halb macht für mich die Rich­tung mei­nes Glau­bens und die­ses Buch für mich abso­lut Sinn, weil mir immer bei­gebracht wur­de, dass ein Glau­be, der unhin­ter­fragt bleibt, irgend­wie hohl ist. Um die Fra­ge zu beant­wor­ten: Je mehr ich die anti­ke Welt stu­die­re, des­to näher kom­me ich einer Arbeits­hy­po­the­se von Gott und der Bedeu­tung von Reli­gi­on, von der ich den­ke, dass sie den Men­schen heu­te nicht nur einen Sinn ver­leiht, son­dern dies auch damals ein­deu­tig getan hat. Weil ich sehe kei­nen star­ken Unter­schied zwi­schen Reli­gi­on und Wis­sen­schaft, wenn wir über Eleu­sis und über die­se Mys­te­ri­en spre­chen Was in den Kata­kom­ben und Haus­kir­chen des frü­hen Chris­ten­tums pas­siert sein könn­te, unter­schei­det sich kom­plett davon, wie Reli­gi­on heu­te prak­ti­ziert wird. Damals war man noch nicht auf Schrif­ten fokus­siert. Es gab noch kei­ne hei­li­gen Bücher.

Zuerst ein­mal war Eleu­sis eine geheim gehal­te­ne münd­li­che Über­lie­fe­rung. Es gibt also kei­ne Dok­trin und kein Dog­ma. Im frü­hen Chris­ten­tum, spe­zi­ell im ers­ten Jahr­hun­dert, hat man viel­leicht eini­ge der Evan­ge­li­en gehört, aber auch hier war es größ­ten­teils eine kaum gebil­de­te Per­so­nen­grup­pe, wo die Fähig­keit zu lesen sehr gering war. Was die Men­schen zu die­sen Tra­di­tio­nen hin­zog, war also die Erfah­rung. Wir haben zu Beginn über das Kon­zept des Ster­bens vor dem Tod gespro­chen. Ich mei­ne, je mehr ich nach­forsch­te, des­to mehr wur­de mir klar, wie viel Bedeu­tung das für das Leben die­ser Men­schen hat­te. Und wenn man dar­über nach­denkt, ist das der Wis­sen­schaft viel näher als der Religion.

Auf der einen Sei­te gibt es die Vor­stel­lung eines abs­trak­ten Got­tes, der durch Leh­re und Dog­ma wahr­ge­nom­men wird. Auf der ande­ren Sei­te geht es um das Expe­ri­men­tie­ren und dabei even­tu­ell eine selig­ma­chen­de Visi­on zu emp­fan­gen, für die Men­schen nach Eleu­sis strö­men. Oder war es das Gefühl der Gemein­schaft, viel­leicht sogar Eksta­se, das die Men­schen in den frü­hes­ten Eucha­ris­tie­fei­ern fan­den. Die gro­ße Fra­ge lau­tet also: Wie ist es dazu gekom­men? Was hat die­se reli­giö­se Manie befeu­ert, die­se Eksta­se? Da war kein hei­li­ges Buch. Was brach­te die Leu­te dann eigent­lich zusam­men? Die Phar­ma­ko­lo­gie, obwohl sie bis­her über­se­hen wur­de, hat mei­ner Mei­nung nach eine gro­ße Rol­le in die­sen reli­giö­sen Tra­di­tio­nen gespielt, sowohl in der heid­ni­schen als auch in der christ­li­chen Welt.

Im Gegen­satz zu den lee­ren Ritua­len der „Pla­ce­bo-Eucha­ris­tie” der katho­li­schen Kirche?

Nun, das (z.B. die sym­bo­li­sche Gabe von Brot und Wein; Anm.) ist nicht gera­de das, was zur Reli­gi­on hin­führt, und ich den­ke auch nicht, dass das die Leu­te dazu bringt, wie­der dar­auf zurück­zu­kom­men. Selbst bei aus­ge­wie­se­nen Gelehr­ten des frü­hen Chris­ten­tums wie Elai­ne Pagels besteht weit­ge­hend Einig­keit dar­über, dass das Chris­ten­tum mit visio­nä­rer Erfah­rung gebo­ren wird. Der größ­te Evan­ge­list der Reli­gi­on, Pau­lus, traf Jesus nie per­sön­lich. Er kom­mu­ni­ziert außer­sinn­lich mit Jesus und schreibt sei­ne Brie­fe im gesam­ten Mit­tel­meer­raum, in denen er die gute Nach­richt einer Per­son ver­kün­det, die er nie getrof­fen hat, son­dern nur durch „Gehör-Hal­lu­zi­na­tio­nen“ erfah­ren hat. Oder beim Apos­tel Petrus, der im Neu­en Tes­ta­ment in einer Tran­ce gefan­gen ist.

Es besteht also kein Zwei­fel, dass das Chris­ten­tum mit visio­nä­rer Erfah­rung gebo­ren wird. Auch nicht dar­über, dass es im Her­zen des anti­ken Grie­chen­lands in Eleu­sis und in den ande­ren Mys­te­ri­en-Schu­len eine visio­nä­re Erfah­rung gab. Die ein­zi­ge gro­ße Fra­ge ist, was die­se Visi­on aus­ge­löst hat? War es Medi­ta­ti­on, war es Tran­ce? Waren es Gebe­te oder war es eine Kom­bi­na­ti­on aus all dem, plus den psy­che­de­li­schen Stof­fen, die gefun­den wurden?

Wie wür­den Sie heu­te Jesus beschrei­ben, hat sich ihre Vor­stel­lung von der Per­son geändert?

Für die Zwe­cke des Buches gehe ich davon aus, dass es eine phy­si­sche his­to­ri­sche Per­son namens Jesus gab. Nach einer Schät­zung gibt es über 30.000 christ­li­che Kon­fes­sio­nen. Den­ken Sie dar­über nach, über 2,5 Mil­li­ar­den Men­schen in 30.000 Grup­pie­run­gen, weil wir uns nicht dar­über eini­gen kön­nen, wer Jesus war.

Ein Freund von mir sagt, dass Jesus ein Ror­schach-Test ist. Du siehst in Jesus, was du sehen willst. Wir haben die­se vier wider­sprüch­li­chen Berich­te, die Evan­ge­li­en genannt wer­den, und vie­le ande­re zusätz­li­che bibli­sche Tex­te. Die 52 Bücher des Nag Ham­ma­di-Kor­pus (eine Samm­lung früh­christ­li­cher Tex­te, die haupt­säch­lich der Gno­sis zuzu­rech­nen sind; Anm.) zeich­nen ein ganz ande­res Bild von Jesus, ins­be­son­de­re das Evan­ge­li­um von Tho­mas. Außer­dem wir haben das Evan­ge­li­um von Maria Magdalena.

Es gibt also all die­se kon­kur­rie­ren­den Berich­te dar­über, wer die­se Per­son war und wie wir mit ihrer Bot­schaft umge­hen sol­len. Die gnos­ti­sche Inter­pre­ta­ti­on Jesu ist, dass er gekom­men ist, um uns mit unse­rer eige­nen Gött­lich­keit bekannt zu machen. Das war eine Idee, die mir als Teen­ager ein­ge­pflanzt wur­de. Aber je mehr Bewei­se ich fand, je tie­fer die Recher­che ging, des­to mehr sah ich Jesus als einen grie­chisch beein­fluss­ten Phi­lo­so­phen und Magi­er. Wäre über ihn genau­so viel auf Ara­mä­isch oder Hebrä­isch berich­tet wor­den wie auf Grie­chisch, wäre es eine ande­re Geschichte.

Aber die Art und Wei­se, wie er doku­men­tiert wur­de, ins­be­son­de­re durch das Johan­nes­evan­ge­li­um und die Spra­che, mit der Johan­nes die­se Per­son beschreibt, ist ganz spe­zi­ell. Der Jesus, den ich im Johan­nes­evan­ge­li­um und in der gnos­ti­schen Lite­ra­tur vor­fand, spricht zu einem Volk im ers­ten und im zwei­ten nach­christ­li­chen Jahr­hun­dert, – und hier zitie­re ich Den­nis Mac­Do­nalds Buch „The Dio­ny­si­an Gos­pel“ – das in grie­chi­schen Ritua­len, Prak­ti­ken und grie­chi­scher Spra­che gera­de­zu schwimmt, und der Jesus, der ihnen prä­sen­tiert wird, ist ein Zau­be­rer, der Was­ser in Wein verwandelt.

Man wird nicht nur wie die­se Per­son, deren Fleisch und Blut man kon­su­miert, man wird sie selbst. Theo­pha­gie ist eine wirk­lich alte Idee, und ich glau­be nicht, dass das Chris­ten­tum den Erfolg gehabt hät­te, ohne die­se sehr grie­chi­schen Vor­stel­lun­gen der Apo­theo­se anzusprechen.

Könn­te Jesus beim Letz­ten Abend­mahl Dro­gen-Wein aus­ge­schenkt haben?

(Lacht) Wir befin­den uns wie­der im Bereich der Spe­ku­la­ti­on, aber ich ver­su­che, nicht über­prüf­ba­re Din­ge zu ver­mei­den. Was wis­sen wir über das letz­te Abend­mahl? Heu­te nen­nen wir die­ses Ereig­nis­ses die Mes­se. Es wird auf allen Kon­ti­nen­ten der Welt mehr­mals am Tag die Nach­bil­dung des letz­ten Abend­mahl gefei­ert. Selbst wenn wir nicht genau in die­sem Moment in die Geschich­te zurück­bli­cken kön­nen, kön­nen wir uns Berich­te und archäo­lo­gi­sche Bewei­se durch­se­hen. Wir kön­nen uns anschau­en, wie die Men­schen der Anti­ke die­ses Ereig­nis inter­pre­tiert haben. Des­halb den­ke ich, dass die Jagd nach die­sen hei­li­gen Gra­len so auf­re­gend ist, weil wir Kel­che haben, die seit die­ser Zeit über­lebt haben, Behäl­ter im gesam­ten anti­ken Mit­tel­meer­raum, die mög­li­cher­wei­se Bewei­se dafür beinhal­ten, wie die­se Leu­te das letz­te Abend­mahl und wie sie Jesus inter­pre­tiert haben.

Sie über­span­nen in Ihrem Buch gro­ße Zeit­räu­me, ver­schie­dens­te Regio­nen und Kul­tu­ren. Was sind die gemein­sa­men Nen­ner in der Geschichte?

Ich muss dabei zurück zur Vor­stel­lung des Todes kom­men. Wenn man nicht nur die anti­ke grie­chisch-römi­sche Welt oder das frü­he Chris­ten­tum betrach­tet, son­dern zurück in die Bron­ze­zeit oder zu den alten Ägyp­tern geht, oder den gan­zen Weg zurück nach Göbe­kli Tepe (vor 12.000 Jah­ren) geht, dann fin­det man immer wie­der Men­schen, die von der Vor­stel­lung vom Tod und den Vor­fah­ren beses­sen sind.

In einer Mischung aus Wis­sen­schaft und Reli­gi­on, sehe ich Men­schen, die nicht vor dem Tod flie­hen oder die unan­ge­neh­men Details an Kran­ken­häu­ser oder Lei­chen­be­stat­ter aus­la­gern. Das waren Leu­te, die das aus ers­ter Hand her­aus­fin­den woll­ten. Und es gibt vie­le Mög­lich­kei­ten zu ster­ben, bevor man stirbt und sich mit dem Tod ver­traut macht. Aber der ein­zi­ge gemein­sa­me Nen­ner, den ich fand, waren Men­schen, die ihren Lie­ben sehr nahe stan­den, auch nach dem Tod.

Die Fei­er der Eucha­ris­tie ist ein Geden­ken an den Tod und die Auf­er­ste­hung Jesus. In den Riten von Eleu­sis wird behaup­tet, dass Unsterb­lich­keit im Grun­de genom­men an einem ein­zi­gen Abend durch die­se Kon­fron­ta­ti­on mit dem Tod erlangt wer­den könn­te. Das sel­be sieht man vor 12.000 Jah­ren, wo Ahnen­kul­te auf­tauch­ten, die­se Schä­del­kul­te bei Göbe­kli Tepe, sei es durch das Trin­ken von Bier oder ande­ren bewusst­seins­ver­än­dern­den Sub­stan­zen und Ritua­len. Dort pas­sier­te etwas, wo die Leben­den nach Inter­ak­ti­on mit den Toten dürs­ten. Die Toten waren den Men­schen auf eine Wei­se prä­sent, wie das heu­te nicht mehr der Fall ist. Der gemein­sa­me Nen­ner ist, wie nahe die­se Men­schen dem Tod waren und der Glau­be, dass Infor­ma­tio­nen über das Leben nach dem Tod in die­sem Leben gewon­nen wer­den konnten.

Auf­fal­lend war auch die pro­mi­nen­te Rol­le von Frau­en im Lau­fe der Geschich­te, nicht wahr?

Die bei­den grö­ße­ren Prot­ago­nis­ten in dem Buch sind Frau­en und Dro­gen. Wenn der Tod von der prä­his­to­ri­schen Zeit bis in die Anti­ke und dar­über hin­aus im Mit­tel­punkt der Auf­merk­sam­keit stand, dann waren die Ver­mitt­ler die­ser Erfah­rung nor­ma­ler­wei­se Frau­en. Eleu­sis zum Bei­spiel war ursprüng­lich ein Frau­en­in­itia­ti­ons­ri­tus, der Män­nern nicht offen stand. In der frü­hen Kir­che waren Frau­en auch wich­ti­ger als spä­ter. Frau­en wer­den im gesam­ten Neu­en Tes­ta­ment erwähnt. In den Kata­kom­ben unter den Stra­ßen Roms sieht man oft Frau­en die Wein wei­hen – nicht Män­ner. Ich habe mir meh­re­re Fres­ken unter der Erde ange­se­hen, wo man Frau­en am Kopf­en­de des Tisches sieht, die eine Art eucha­ris­ti­sches Ban­kett für die Toten lei­ten. Und immer wie­der, wenn man in die prä­his­to­ri­sche Zeit zurück­geht, waren es Frau­en, die die­se Geträn­ke misch­ten, sei es das Bier oder der Wein. Sie waren die­je­ni­gen, die alle Zuta­ten sam­mel­ten und die Geträn­ke zube­rei­te­ten, um sich in eine Rei­se in die Jen­seits­welt zu katapultieren.

Auf wel­che Art von psy­che­de­li­schen Sub­stan­zen sind Sie bei Ihren Recher­chen gestoßen?

Heu­te denkt man bei Psy­che­de­li­ka an DMT, Psi­lo­cy­bin, LSD oder Mes­ka­lin, aber nur eines von ihnen hat eine ech­te nach­ge­wie­se­ne Kon­ti­nui­tät in der alten Welt: Und das ist LSD, eines der Ergo­li­ne (Mut­ter­k­ornal­ka­lo­ide). Wir wis­sen immer noch nicht, wel­ches Alka­lo­id im Mut­ter­korn die Visio­nen tat­säch­lich ange­trie­ben hat, wenn über­haupt. Ich den­ke, dass es noch viel Arbeit mit dem Mut­ter­korn gibt. Aber der Fund in Spa­ni­en („Mut­ter­korn-Bier“ in Mas Cas­tel­lar de Pon­tós; Anm.) lässt mich wirk­lich über die Rol­le von Ergo­li­nen in eini­gen die­ser Geträn­ke nach­den­ken, die wir in der Vil­la Vesu­vio erwähnt haben. Offen­sicht­lich sind Opi­um und Can­na­bis in der alten Welt und in Eura­si­en ziem­lich gut doku­men­tiert. Dazu kom­men Bil­sen­kraut, schwar­zer Nacht­schat­ten und die ande­ren Nacht­schat­ten­ge­wäch­se, die kei­nes­wegs klas­si­sche Psy­che­de­li­ka sind. Das sind Deli­ri­an­tia und kei­ne lus­ti­gen Partydrogen.

Gibt es in Ihrer 12-jäh­ri­gen For­schung gewis­se Mei­len­stei­ne, die her­aus­ste­chen? Wo sie gemerkt haben, ich bin da an etwas Bedeu­ten­dem dran?

Ich höre mich viel­leicht wie eine kaput­te Plat­te an, aber ich glau­be wirk­lich, dass es das mit Mut­ter­korn ver­setz­te Bier von Mas Cas­tel­lar de Pon­tós war.

Wie hat Sie die­se Odys­see per­sön­lich verändert?

Mein Leben wur­de kom­plett auf den Kopf gestellt, beson­ders nach der Ver­öf­fent­li­chung. Ich habe ja zunächst nicht ver­sucht, ein Buch zu schrei­ben. Ein gutes Jahr­zehnt lang war das nur mein pri­va­tes Aben­teu­er, was es jetzt nicht mehr ist. Der Buch­vor­schlag kam unge­fähr 2017 zusam­men und wir haben ihn 2018 an St. Mar­tins Press verkauft.

Ich arbei­te jetzt an einem zwei­ten Buch und füh­re wun­der­ba­re Gesprä­che mit Leu­ten von den füh­ren­den Uni­ver­si­tä­ten der Welt, die viel klü­ger als ich sind. Und das ist zu einem ech­ten The­ma der aka­de­mi­schen For­schung gewor­den. Ich muss­te mich dar­an gewöh­nen, mit den Medi­en dar­über zu spre­chen. Die größ­te Ver­än­de­rung für mich ist, dass ich nicht mehr auf pri­va­ter Suche bin. Ich bin froh, dass es gele­sen wird, aber ich habe es eigent­lich für mich geschrie­ben und bin damit übri­gens nicht zufrie­den. Tat­säch­lich habe ich zurück­bli­ckend auf die letz­ten zwölf Jah­re wahr­schein­lich mehr Fra­gen als Ant­wor­ten – die Jagd nach dem Gral geht weiter.

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