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Mehr zum Thema / Mario Wasserfaller / Dienstag 24.08.21

„Gebär­den­spra­che ist in einem stän­di­gen Wandel“

Wie ande­re leben­di­ge Spra­chen ist auch die öster­rei­chi­sche Gebär­den­spra­che (ÖGS) in einem stän­di­gen Wan­del begrif­fen – sei es durch Social Media oder regio­na­le Dia­lek­te und Sozio­lek­te. Die Viel­zahl an Gebär­den­va­ri­an­ten erschwert zwar eine Ver­ein­heit­li­chung der Spra­che, es tut der inner­ös­ter­rei­chi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on unter Gehör­lo­sen jedoch kei­nen Abbruch, weiß Chris­ti­an Stal­zer, der an der Uni­ver­si­tät Graz ÖGS unterrichtet.
Foto: Pri­vat

Dol­met­schung: Mar­ti­na Zöh­rer (simul­tan via Zoom)

Bereits gut zehn Jah­re lang gab es an der Uni Graz das Ange­bot, ÖGS zu ler­nen, bevor 2003 dar­aus ein regu­lä­res Stu­di­en­an­ge­bot für das Fach Dol­met­schen ent­stand. Heu­te ist ÖGS eine von zwölf Spra­chen, die das Insti­tut für Theo­re­ti­sche und Ange­wand­te Trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft im Port­fo­lio hat. Das sechs Semes­ter dau­ern­de Bache­lor­stu­di­um legt den Fokus auf Sprach­kom­pe­tenz, wäh­rend des vier Semes­ter dau­ern­den Mas­ter­stu­di­ums lernt man das Dol­met­schen in ÖGS. “Ich muss ehr­lich dazu sagen, dass die meis­ten Stu­die­ren­den im Mas­ter drei Jah­re brau­chen”, schränkt der selbst gehör­lo­se Stal­zer im – gedol­metsch­ten – Gespräch mit APA-Sci­ence ein, denn es sei auch der Über­set­zungs­pro­zess zu berück­sich­ti­gen: “In zwei Jah­ren ist es ein­fach zu knapp mit dem Dol­met­schen, auch wie man mit den Set­tings umgeht.”

Einer der Knack­punk­te der welt­wei­ten Gebär­den­spra­chen und auch in der Alpen­re­pu­blik ist ob der Vari­an­ten­viel­falt die noch feh­len­de Stan­dar­di­sie­rung – ein durch­aus heik­les The­ma in der Com­mu­ni­ty, das immer wie­der für Debat­ten sorgt. Den Haupt­grund dafür sieht Stal­zer dar­in, dass die Gebär­den­sprach-For­schung erst in den 1960er-Jah­ren gestar­tet ist – zunächst in den USA aus­ge­hend von Wil­liam C. Sto­koe, im deutsch­spra­chi­gen Raum um 1980. “In Öster­reich gab es erst 1990 ers­te For­schungs­ar­bei­ten, des­halb ist es eine sehr, sehr jun­ge Wis­sen­schaft.” Trotz Fort­schrit­ten in der Basis­gram­ma­tik gebe es in der ÖGS noch vie­le zu erfor­schen­de Berei­che. Inter­na­tio­nal ver­wen­den Gehör­lo­se laut dem Öster­rei­chi­schen Gebär­den­sprach-Dol­met­sche­rIn­nen- und ‑Über­set­ze­rIn­nen-Ver­band (ÖGSDV) immer häu­fi­ger ASL (Ame­ri­can Sign Lan­guage) – „ähn­lich wie Hören­de, die Eng­lisch als Zweit­spra­che benüt­zen“, wie es auf der Web­sei­te heißt. Stal­zer selbst setzt hier­bei auf  „Inter­na­tio­nal Sign“ (sie­he was​li​.org).

Ver­su­che einer Standardisierung

“Man kann nicht sagen, dass ÖGS die Stan­dard­spra­che ist”, so der Exper­te. Nicht, dass es kei­ne dahin­ge­hen­den Ver­su­che gege­ben hät­te. Etwa habe man vor Jah­ren in einem gemein­sa­men Pro­jekt mit dem Öster­rei­chi­schen Gehör­lo­sen­bund (ÖGLB) ver­sucht, Stan­dard­va­ri­an­ten zu fin­den. Der erwünsch­te Erfolg sei unter ande­rem des­halb aus­ge­blie­ben, weil vie­le Gehör­lo­se es gewohnt sind, sich in ihren eige­nen, loka­len Gebär­den­va­ri­an­ten zu ver­stän­di­gen und ungern davon abrü­cken. Selbst bei zwei Gehör­lo­sen-Ver­ei­nen in Graz wür­den sich Gebär­den unter­schei­den, geschwei­ge denn von ent­fern­te­ren Regio­nen und Bun­des­län­dern. “Aber man muss trotz­dem sagen, dass in Öster­reich, auch wenn jeder sei­nen unter­schied­li­chen Dia­lekt ver­wen­det, trotz­dem bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on kaum Schwie­rig­kei­ten auf­tre­ten”, erklärt Stal­zer. Gleich­zei­tig kön­ne die­ser Umstand natür­lich die Arbeit von Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­schern erschwe­ren, die es stän­dig mit unter­schied­li­chen Gebär­den zu tun haben und erst einen ent­spre­chen­den Erfah­rungs­pro­zess durch­lau­fen müssen.

“Gebär­den­spra­che ist in einem stän­di­gen Wan­del, des­halb ist es extrem schwie­rig, zu einer Stan­dard­va­ri­an­te zu kom­men”, sagt der Sprach­wis­sen­schaf­ter etwa mit Ver­weis auf Social Media, in deren Umfeld immer wie­der neue Gebär­den ent­stün­den. Anders sehe es im Bereich der Fach­ge­bär­den aus, hier habe man es geschafft, sich auf Stan­dards zu eini­gen. Wer wis­sen will, wie Begrif­fe von A wie “Abbil­dungs­ver­zeich­nis” bis Z wie “Zyto­to­xi­sche T‑Zelle” gebär­det wer­den, kann sich das zum Bei­spiel auf GESTU, der Fach­ge­bär­den­platt­form der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät (TU) Wien, anse­hen: https://​fach​ge​ba​er​den​.tsc​.tuwien​.ac​.at/​g​e​b​a​e​r​den.

For­schung rund um die Lehre

Stal­zer selbst forscht im Zusam­men­hang mit ÖGS vor allem im Bereich der Leh­re. Er beschäf­tigt sich damit, was Leh­re­rin­nen und Leh­rer im Unter­richt beherr­schen müs­sen, von den lin­gu­is­ti­schen Grund­la­gen der Gebär­den­spra­che bis zur Gram­ma­tik. Zudem betei­lig­te er sich etwa an einem Pro­jekt, das die unter­schied­li­chen Gebär­den­spra­chen in Euro­pa vergleicht.

Ein bedeu­ten­der Aspekt der gegen­wär­ti­gen For­schung hängt für ihn damit zusam­men, dass sich die Gebär­den­spra­che im Unter­schied zur linea­ren Schrift­spra­che bzw. Laut­spra­che im drei­di­men­sio­na­len Raum abspielt. “Gebär­den­spra­che ist, wie wenn man alles auf einer Büh­ne auf­baut”, ver­an­schau­licht Stal­zer die für Gehör­lo­se übli­che und für Hören­de unge­wöhn­li­che Gesprächs­si­tua­ti­on. Für sei­ne Stu­die­ren­den heißt das, dass sie sowohl den bilin­gu­al-bimo­da­len als auch den drei­di­men­sio­na­len Cha­rak­ter des Dol­met­schens ver­in­ner­li­chen müs­sen. Gebär­den­spra­chen wer­den visu­ell und gespro­che­ne Spra­chen akus­tisch wahr­ge­nom­men, wobei zwei unter­schied­li­che Moda­li­tä­ten aus­ge­nutzt wer­den. Man spricht vom bimo­da­len Bilin­gua­lis­mus, wenn bei einer Zwei­spra­chig­keit eine der Spra­chen eine Gebär­den­spra­che und die ande­re eine Laut­spra­che ist. Daher sei es wich­tig, dass die ange­hen­den Dol­met­scher im Raum arbei­ten kön­nen, nicht auf die Mimik ver­ges­sen und es ver­ste­hen, ihren Kör­per ein­zu­set­zen. “Genau zu die­sen Berei­chen stel­le auch ich mei­ne For­schung an”, erläu­tert der ÖGS-Lehrgangsleiter.

Dol­met­scher statt Ava­tare

Die­sen facet­ten­rei­chen mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Inter­ak­ti­ons­mus­tern ist es auch geschul­det, dass sich Stal­zers Begeis­te­rung für vir­tu­el­le Über­set­zungs­hil­fen in Gren­zen hält. Ani­mier­te Ava­tare, die von Deutsch zu ÖGS über­set­zen, sei­en zumin­dest heu­te noch nicht in der Lage, klei­ne aber bedeut­sa­me Details der Gebär­den­spra­che zu erfas­sen. Schon bei einer win­zi­gen Augen­be­we­gung kön­ne das zu Miss­ver­ständ­nis­sen füh­ren: “Die Gebär­de wird bei­spiels­wei­se gleich aus­ge­führt, aber die Mimik ist eine ande­re und dadurch hat die Gebär­de dann eine kom­plett ande­re Sinnbedeutung.”

Kei­nes­wegs will der tech­nik­be­geis­ter­te Wis­sen­schaf­ter Ava­taren jedoch ihr Poten­zi­al völ­lig abspre­chen – etwa für Info­s­creens auf Bahn­hö­fen oder bei Ver­an­stal­tun­gen -, zumin­dest beim der­zei­ti­gen For­schungs­stand könn­ten sie aber „nie einen Dol­met­scher erset­zen“. Letzt­lich spie­le auch die zwi­schen­mensch­li­che Kom­po­nen­te eine tra­gen­de Rol­le: “Ich mag Dol­met­scher. (…) Da arbei­tet ein Mensch und das funk­tio­niert ein­fach super. Beim Dol­met­schen ist es auch so, dass ich ein Feed­back brau­che und mit dem Gebär­den­sprach­dol­met­scher qua­si gleich­zei­tig eine Par­al­lel­kom­mu­ni­ka­ti­on star­te. Damit ich auch sehe, ob das alles passt.”

In der Gehör­lo­sen-Com­mu­ni­ty ste­hen Dol­met­sche­rin­nen und Dol­met­scher, oft lie­be­voll „Dol­mi“ genannt, hoch im Kurs. Das Ange­bot wird der Nach­fra­ge der­zeit aber bei wei­tem nicht gerecht. Laut dem „Posi­ti­ons­pa­pier Bil­dung 2021“ des Öster­rei­chi­schen Gehör­lo­sen­bun­des (ÖGLB) hat die Bun­des­re­gie­rung im „Natio­na­len Akti­ons­plan Behin­de­rung“ zwar aner­kannt, „dass es einen Man­gel an Dol­met­sche­rIn­nen gibt, aber kei­ne kon­kre­ten Maß­nah­men ange­führt“. Den kon­kre­ten Bedarf schätzt der ÖGLB auf ins­ge­samt mehr als 600 Personen.

Akzep­tanz, Respekt und ÖGS-Kurse

Was den Umgang und die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Hören­den betrifft, wür­de sich Stal­zer wün­schen, dass Gehör­lo­se im öffent­li­chen Raum stär­ker akzep­tiert und respek­tiert wer­den. Dazu gehö­re auch, dass bei Ent­schei­dun­gen, die gehör­lo­se Men­schen betref­fen, die­se auch ein­be­zo­gen wer­den. Trotz der ver­fas­sungs­recht­li­chen Aner­ken­nung der ÖGS füh­re die unter­schied­li­che Aus­le­gung der Geset­ze in den Bun­des­län­dern mit­un­ter zu Schief­la­gen und büro­kra­ti­schen Schwie­rig­kei­ten. Etwa sei es in Wien ten­den­zi­ell ein­fa­cher, einen Dol­met­scher bewil­ligt zu bekom­men, als in der Steiermark.

Wer als Hören­der ver­stärkt auf Gehör­lo­se zuge­hen möch­te, kann den ers­ten Schritt natür­lich schon durch den Besuch eines Gebär­den­sprach­kur­ses set­zen. Aber oft, so Stal­zer an Hören­de gerich­tet, rei­che es auch ganz ein­fach, lang­sam zu spre­chen oder Mut an den Tag zu legen, indem man uni­ver­sel­le, iko­ni­sche Ges­ten wie für “Schla­fen”, „Rau­chen“ oder “Trin­ken” ver­wen­det. “Wenn man den Kör­per, die Hän­de, die Mimik ein­setzt, ist das für uns Gehör­lo­se extrem ange­nehm und der ers­te Schritt zu einer leich­te­ren Verständigung.”

Zur Per­son

Chris­ti­an Stal­zer wur­de gene­tisch bedingt gehör­los gebo­ren. Der Stei­rer ist bimo­dal-bilin­gu­al mit ÖGS und Deutsch auf­ge­wach­sen. Nach einem Son­der­schul­jahr in der Taub­stum­men­an­stalt Graz (heu­te: Lan­des­in­sti­tut für Hör- und Sprach­för­de­rung) mit laut­sprach­li­chem Unter­richt besuch­te er die Volks­schu­le, das Gym­na­si­um und das BORG. Er hat vie­les nach­mit­tags nach­ler­nen müs­sen, da er dem gespro­che­nen Unter­richt durch Lip­pen­le­sen nur müh­sam fol­gen konn­te. Dar­auf­hin woll­te Stal­zer selbst Leh­rer wer­den, um gehör­lo­sen Kin­dern einen ein­fa­che­ren Schul­weg zu ermög­li­chen. Der Zugang zum Lehr­amts­stu­di­um wur­de im auf­grund sei­ner Gehör­lo­sig­keit jedoch ver­wehrt. Er wur­de aber zum Stu­di­um der Sprach­wis­sen­schaft und Päd­ago­gik zuge­las­sen und ist nun seit 1995 am Insti­tut für theo­re­ti­sche und ange­wand­te Trans­la­ti­ons­wis­sen­schaft (ITAT) der Karl-Fran­zens-Uni­ver­si­tät Graz beschäf­tigt. Sein Auf­ga­ben­be­reich umfasst unter ande­rem die Erstel­lung von Gebär­den­sprach­cur­ri­cu­la, Leh­re, Gebär­den­sprach­for­schung und die Erfor­schung der Gehörlosenkultur.

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