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Mehr zum Thema / Stefan Thaler / Montag 04.08.25

Gibt Gummi – Reifen und Schuhe sorgen für Mikroplastik

Reifenabrieb macht laut Schätzungen einen großen Teil des gesamten entstehenden Mikroplastiks aus. "In Österreich spricht man von rund einem Kilo pro Kopf pro Jahr, also neun Millionen Kilo im Jahr", erklärt der Umweltgeowissenschafter Thilo Hofmann vom Zentrum für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft und Leiter des Forschungsverbundes Umwelt und Klima der Universität Wien gegenüber APA-Science.
APA (dpa) Abrieb von Autoreifen landet unter anderem im Salat

Reifenabrieb lande einerseits in der Luft, andererseits bei Starkregenereignissen im Abwasser, das nicht immer geklärt werde. Problematisch, aber bald verboten, sei auch, dass in Österreich noch Klärschlamm als Düngemittel eingesetzt werde, mit dem man diese Substanzen auf den Ackerboden und damit in die Pflanzen bringe. Deshalb habe es wenig überrascht, dass man giftige Zusatzstoffe aus dem Abrieb von Autoreifen in Salat aus dem Supermarkt nachgewiesen habe, wie Proben aus zahlreichen Ländern – darunter Österreich – gezeigt hätten.

Die gleichen Stoffe wie im Autoreifen finden sich auch im Gummi für Kletterschuhe. Hier habe man herausgefunden, dass in Boulderhallen hohe Konzentrationen von Partikeln mit potenziell schädlichen Chemikalien vorkommen, die aus dem Abrieb der Gummisohlen der Kletterschuhe stammen, sagt Hofmann. So wie Autoreifen werden auch den Schuhsohlen sogenannte Additive zugesetzt, die den Gummi widerstandsfähiger und haltbarer machen, aber in Verdacht stehen, Mensch und Umwelt zu schädigen.

Thilo Hofmann von der Uni Wien; Credit: Nora Gau
Additive als große Unbekannte

„Wir kennen bis zu 16.000 Kunststoffadditive, also chemische Stoffe, die im Plastik drinnen sind, die auch ausdampfen. Allerdings wird das nicht deklariert“, so der Experte. Reifenhersteller würden etwa auf das Betriebsgeheimnis verweisen. Neben dem bekannten Stichwort Mikroplastik geht es noch kleiner, Stichwort wasserlösliche Kunststoffe: dies sind ganz kleine Plastikmoleküle mit vielfältigen Anwendungen, zum Beispiel in Waschmitteln, Kosmetika oder der Landwirtschaft und bisher in der öffentlichen Diskussion kaum bekannt.

Eine große Quelle für Mikroplastik seien auch Lacke und Beschichtungen, gefolgt von Verpackungsmaterialien. Exakte Zahlen gebe es auch aufgrund der teils unkontrollierten Abfallströme nicht. Für Nachschub scheint aber gesorgt: „Es wird in zehn Jahren eine Verdopplung und bis 2050 eine Verdreifachung der Plastikproduktion erwartet. Da gibt es bisher kein Bremsen“, so Hofmann. Bereits jetzt sei dieser Bereich laut einer Studie aus Berkeley für rund 3,5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich – Tendenz deutlich steigend.

Mikroplastik wird auch bei Stopp mehr

Plastik sei ein tolles Material für viele Anwendungen, wenn es wiederverwendet werde und nicht in der Umwelt lande. Aber selbst bei einem totalen Stopp der Plastikverschmutzung, was siehe Reifenabrieb oder Flüssigpolymeren in Waschmitteln gar nicht funktioniere, würde die Anzahl von Mikroplastik und Nanoplastik weiter ansteigen, weil es genug Makroplastik in der Umwelt gebe, das im Laufe der Zeit kleiner werde.

„Unser Wissen reicht schon jetzt, um zu handeln. Wir müssen jetzt stoppen, dass so viel Plastik in die Umwelt emittiert wird." Thilo Hofmann, Universität Wien

„Viele betrachten Persistenz bereits als Warnsignal, weil sich viele Risiken erst nach 20, 30 Jahren herauskristallisieren“, erklärt der Wissenschafter: „In den 70er-Jahren sind die ersten Studien zu Plastik im Ozean erschienen. Und dann ist erstmal 30 Jahre nichts passiert.“ Er plädiert dafür, keine Zeit mehr zu verschwenden: „Unser Wissen reicht schon jetzt, um zu handeln. Wir müssen jetzt stoppen, dass so viel Plastik in die Umwelt emittiert wird und nachhaltige Alternativen entwickeln, zu der auch vollständig bioabbaubare Polymere gehören können. Ansonsten wird das immer problematischer und teurer.“

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