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Mehr zum Thema / Katharina Polsterer / Dienstag 24.08.21

ÖGS steht hoch im Kurs

Unter Hörenden wird die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) immer beliebter. Darauf lassen etwa die Anmeldezahlen für ÖGS-Kurse am Sprachenzentrum der Universität Wien schließen. APA-Science hat darüber mit Nicola Kraml, der Leiterin des Zentrums, gesprochen.
Foto: Melanie Steger

APA-Science: Können Sie die Beobachtung bestätigen, dass der Andrang auf ÖGS-Kurse sehr hoch ist?

Kraml: Das kann ich absolut bestätigen. Vor allem für unsere Anfängerkurse ist der Anmeldeandrang immer sehr hoch. Teilweise fehlt uns auch das qualifizierte Lehrpersonal, um noch weitere Kurse anzubieten. Die Menschen möchten aus privaten oder auch aus beruflichen Gründen ÖGS lernen. Manche haben jemanden in ihrem persönlichen Umfeld, der/die gehörlos oder schwerhörig ist, andere sind beispielsweise Pädagog/innen oder Sozialarbeiter/innen. Unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Sprachenzentrum setzen sich in der Regel in allen Kursen aus Studierenden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Universität Wien und Externen zusammen. Vor allem in den ÖGS-Kursen sind aber meist viele Personen, die die Kurse eben aus beruflichen Gründen oder aufgrund von Berufswünschen besuchen.

Wie viele Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer haben bisher am Sprachenzentrum ÖGS gelernt?

Die ÖGS wurde erstmals im Wintersemester 2002/2003 am Sprachenzentrum der Universität Wien angeboten. Damals wurden zwei Kurse mit insgesamt 18 Teilnehmenden abgehalten. Bis heute haben wir insgesamt 5.222 Teilnehmende unterrichtet.

Wie läuft ein ÖGS-Kurs in der Regel ab?

Der Ablauf ist in Gebärdensprachkursen natürlich ein bisschen anders als in Lautsprachkursen. Es wird zum Teil mit kurzen Videosequenzen gearbeitet und die Teilnehmenden geben ihre Hausaufgaben auch in der Form von Videos ab. Es geht nämlich nicht darum zu schreiben, sondern es geht darum etwas gebärden zu können. Die Lehrenden schauen sich dann diese Videos an und geben ein Feedback. Der Aufbau hat aber auch Ähnlichkeiten zu einem Lautsprachkurs. Man lernt zu Beginn erste Phrasen: „Guten Morgen, ich heiße so und so. Wie heißt du?“ Man lernt also Floskeln, die man anfangs noch nicht in die einzelnen Gebärdenelemente zerlegen kann. Dann werden auf diesem Grundstock der Wortschatz und die Grammatik, die es genauso wie in einer Lautsprache gibt, aufgebaut. So kann man sich das in etwa vorstellen.

Wie schnell lernt man als Hörende oder Hörender die ÖGS?

Das ist wie bei der Lautsprache durchaus ein längerer Prozess. Es kommt, wie in allen Sprachen, auch darauf an, wie viele Übungsmöglichkeiten eine Person außerhalb des Kurses tatsächlich hat. Wie oft hat jemand Kontakt zu gebärdenden Menschen? Wie oft schaut sich jemand zum Beispiel auch im Fernsehen etwas mit einer ÖGS-Dolmetscherin oder einem ÖGS-Dolmetscher an? Und so weiter. Es gibt für die ÖGS aber auch eine Anlehnung an den gemeinsamen europäischen Referenzrahmen. Unser ÖGS-Lehrendenteam arbeitet in diesem Zusammenhang international vernetzt, um diesen Rahmen zu standardisieren. Ein Gespräch führen zu können ist beim gemeinsamen europäischen Referenzrahmen beispielsweise ungefähr bei B1 angesiedelt. Für diese Stufe ist in etwa mit sechs Semestern zu rechnen. Man kann in den Sommermonaten allerdings auch Intensivkurse besuchen. Also wenn man auch diese Zeiträume nützt, kommt man in einem oder eineinhalb Jahren schon weit. Wie gesagt, das hängt auch von den Zeitressourcen außerhalb des Kurses ab. Das ist natürlich ein bisschen schwierig zu sagen.

Sind Ihre Lehrenden hörend oder gehörlos?

Unsere Lehrenden sind allesamt gehörlos beziehungsweise sehr stark hörbeeinträchtigt. Das funktioniert in der Regel aber auch mit den hörenden Lernenden im Anfängerkurs ausgezeichnet. Beim ersten Kurstermin im Anfängerkurs stellen wir eine Gebärdensprachdolmetscherin oder einen Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung. So werden einmal die organisatorischen Punkte geklärt. Dann geht es sozusagen ins kalte Wasser und es wird nur noch gebärdet. Teilweise ist dann natürlich auch noch die deutsche Schriftsprache eine Brücke. Dazu möchte ich aber wirklich sagen, dass die Muttersprache unserer ÖGS-Lehrenden ÖGS ist. Die deutsche Sprache, also auch die deutsche Schriftsprache, ist wirklich als Zweitsprache zu bezeichnen. Die Deutschkompetenz der Lehrenden ist unterschiedlich, so wie Sie und ich vielleicht auch unterschiedliche Englisch- oder Französischkompetenzen haben. Jemand, der nicht hört, kann in der deutschen Schriftsprache nicht unbedingt genauso fehlerfrei kommunizieren, wie das jemand macht, der oder die von klein auf hört. Das ist auch sehr schwierig, weil diese tausenden Stunden an Input, die ein hörendes Kind hat, wegfallen. Das heißt, das ist ein ganz anderes Sprachkompetenzniveau als bei jemandem, der Deutsch als Muttersprache spricht. Es erfordert auch viel mehr Aufwand seitens der nicht-hörenden Menschen ein hohes Schriftsprachniveau zu erreichen. Das war auch etwas, das mir lange nicht so bewusst war, obwohl ich Sprachen studiert habe und mich mit dem Zweit- und Fremdspracherwerb gut auskenne.

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