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Mehr zum Thema / Paul Tschierske / Donnerstag 03.03.22

Per Trip zur psy­chi­schen Gesundheit?

Ein neu­er Trend macht sich breit in der Kli­ni­schen For­schung und Behand­lung von Men­schen mit psy­chi­schen Stö­run­gen: Psy­che­de­lics. Dabei ist der nicht wirk­lich neu, wie die Flower-Power-Genera­ti­on weiß, denn damals gab es schon einen „LSD-Papst“: den Psy­cho­lo­gie­pro­fes­sor Timo­thy Lea­ry. Nach Jahr­zehn­ten, in denen wohl auch sein Lebens­wan­del dazu bei­getra­gen haben dürf­te, die For­schung in die­sem Bereich zu dis­qua­li­fi­zie­ren, kommt sie nun zurück.
Foto: Jans­sen-Cilag Phar­ma GmbH

In Öster­reich hat dies bereits zu einer Zulas­sung eines Medi­ka­ments geführt, wel­ches zu den Psy­che­de­lics gezählt wird: Esket­amin. Es ist der S-Enan­tio­mer des Ket­amins und damit kon­sti­tu­tio­nell, im Mole­kül­auf­bau, mit die­sem iden­tisch. Ket­amin wird nor­ma­ler­wei­se als Nar­ko­ti­kum ein­ge­setzt und nun auch in der Behand­lung hart­nä­cki­ger Depressionen.

Den aktu­el­len Stand in der Anwen­dung von „Psy­che­de­lics“ in Öster­reich fasst Sieg­fried Kas­per zusam­men: „Es ist ein Medi­ka­ment in den Han­del gekom­men, das nennt sich ‚Esket­amin‘. Die Sub­stanz Esket­amin wird hier intra­na­sal ver­ab­reicht.“ Unglück­lich fin­det der Psych­ia­ter und eme­ri­tier­te Pro­fes­sor und For­scher der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien den Begriff „Psy­che­de­lics“. „Das klingt wie nach einem Trip unter Auf­sicht. Es geht aber um einen bio­lo­gi­schen Wirk­me­cha­nis­mus im Gehirn.“ Esket­amin ist zudem nicht als allei­ni­ge Medi­ka­ti­on gedacht, son­dern im Zusam­men­spiel mit Anti­de­pres­si­va aus der Grup­pe der Sero­to­nin- (SSRI) sowie Sero­to­nin-Nor­ad­re­na­lin-Wie­der­auf­nah­me­hem­mer (SNRI). Esket­amin hin­ge­gen wirkt am glut­ama­ter­gen Sys­tem, wel­ches unter ande­rem bei der Ver­mitt­lung von Stress eine Rol­le spielt und dem eine zuneh­men­de Bedeu­tung in der Patho­phy­sio­lo­gie affek­ti­ver Stö­run­gen (z.B. Depres­sio­nen, Bipo­la­re Stö­rung) zuge­schrie­ben wird. Hier arbei­tet Glut­amat, ein wich­ti­ger erre­gen­der Neu­ro­trans­mit­ter im zen­tra­len Ner­ven­sys­tem. Sobald das glut­ama­ter­ge Sys­tem wie­der­her­ge­stellt ist, sol­len die ande­ren Sys­te­me wie eben das sero­toner­ge Sys­tem den Zustand auf­recht­erhal­ten. Der Neu­ro­trans­mit­ter Sero­to­nin ist unter ande­rem mit­ver­ant­wort­lich für die Regu­la­ti­on der Nah­rungs­auf­nah­me, der Stim­mung und der Impuls­kon­trol­le. Laut „Dorsch – Lexi­kon der Psy­cho­lo­gie“ wer­den in „nach wie vor sehr vager Wei­se affek­ti­ve Stö­run­gen (ins­be­son­de­re depres­si­ve Epi­so­den) mit einer Dys­funk­ti­on im sero­toner­gen Sys­tem in Ver­bin­dung gebracht.“

Esket­amin wirkt syn­ap­to­ge­ne­tisch, neue Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Ner­ven­zel­len sol­len zu einer nach­hal­ti­gen Ver­bes­se­rung der Depres­si­on füh­ren. Denn nur für die Stö­rungs­grup­pe der Depres­si­on ist Esket­amin in Öster­reich zuge­las­sen und auch nur für zwei beson­de­re For­men der Depres­sio­nen: Die the­ra­pie­re­sis­ten­te Depres­si­on (TRD) und die Depres­si­on mit Sui­zi­da­li­tät. Bei ers­te­rer haben die Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten schon Behand­lun­gen hin­ter sich: Psy­cho­the­ra­pien, Phar­ma­ko­the­ra­pien, even­tu­ell sta­tio­nä­re Auf­ent­hal­te in psych­ia­trisch-psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Kli­ni­ken. Als Vor­aus­set­zung für die Esket­amin-Behand­lung müs­sen zuvor zwei Phar­ma­ko­the­ra­pien mit zwei ver­schie­de­nen Anti­de­pres­si­va nicht zu einer Ver­bes­se­rung geführt haben. „Bei den Pati­en­ten ist, ein­fach gesagt, syn­ap­tisch etwas zugrun­de gegan­gen und für sie wur­de die Anwen­dung von Esket­amin unter­sucht“, erklärt Kas­per. Für die­se kann es als Ver­stär­ker in vie­len Fäl­len hilf­reich sein. Dass die Bezeich­nung „the­ra­pie­re­sis­tent“ auch nicht ganz glück­lich ist, macht er an einer Illus­tra­ti­on deut­lich: „Stel­len Sie sich mal vor, Sie haben etwas und der Arzt sagt ihnen, dass das the­ra­pie- bzw. behand­lungs­re­sis­tent sei. Dann den­ken Sie sich ja ‚um Got­tes Wil­len was ist denn jetzt los?‘“ Bes­ser wäre es wie in der Onko­lo­gie von einer „Depres­si­on im drit­ten Behand­lungs­sta­di­um“ zu sprechen.

Wirkt schnel­ler als Anti­de­pres­si­va, aber nur ein­ge­schränk­ter Zugang in Österreich

Bei der Depres­si­on mit Sui­zi­da­li­tät sei die Behand­lung mit Esket­amin emp­foh­len, wenn ein Sui­zid­ver­such „unmit­tel­bar bevor­ste­hen könn­te.“ Hier hilft es, dass Esket­amin schnell wirkt, gera­de im Ver­gleich zu den han­dels­üb­li­chen Anti­de­pres­si­va. Aber: „Ein sui­zi­da­ler Pati­ent bleibt ein sui­zi­da­ler Pati­ent, auch bei einer Behand­lung mit Esket­amin wird es unge­fähr 14 Tage dau­ern, bis das abklingt. Man kann das nicht mit einer Behand­lung aus dem Gehirn raus­bla­sen.“ Trotz­dem ist es deut­lich schnel­ler als Anti­de­pres­si­va, denn die benö­ti­gen zehn bis 14 Tage, bis sie über­haupt anfan­gen zu wir­ken. Der Effekt bei Esket­amin stel­le sich hin­ge­gen „rela­tiv rasch ein und ist auch sta­bil. Schon nach der ers­ten Sit­zung gibt es eine Besserung.“

Eine Esket­amin-Behand­lung kön­ne bis zu sechs Mona­te dau­ern, am Anfang mit zwei Sit­zun­gen in der Woche, dies wird dann kon­ti­nu­ier­lich gesenkt bis auf eine im Monat. Das sei einer der Grün­de, war­um Kas­per kei­ne gro­ße Gefahr sieht, dass Pati­en­tin­nen oder Pati­en­ten in eine Dro­gen­ab­hän­gig­keit gera­ten könn­ten. Zum einen, weil die Abstän­de immer grö­ßer wür­den. Zum ande­ren wegen der gerin­gen Dosis, von 56 bis zu maxi­mal 84 Mil­li­gramm, die ver­ab­reicht wird. Ein Sub­stanz­ab­hän­gi­ger hin­ge­gen wür­de „schnell zehn bis 20 mal so viel neh­men. Außer­dem ist der rei­ne Sub­stanz­miss­brauch nur mit Esket­amin äußerst sel­ten, die sind in der Regel poly­to­xi­ko­man.“ Sprich, Esket­amin ist nur eine von vie­len Dro­gen. Dar­über hin­aus wird bei der Sucht „die Dosie­rung immer höher, genau­so wie die Fre­quenz der Ein­nah­me. Bei der Esket­amin-Behand­lung wird es weni­ger. Wür­de ein Pati­ent mehr haben wol­len, dann wüss­te man, dass man auf­pas­sen muss. Das ist mir aber noch nie passiert.“

Nasen­spray zur scho­nen­de­ren Behandlung 

 

Zudem kommt hin­zu, dass der Zugang in Öster­reich restrik­tiv ist. „Die Pati­en­ten müs­sen das selbst zah­len oder pri­vat­ver­si­chert sein. Für die gro­ße All­ge­mein­heit ist das nicht ver­füg­bar.“ Zur­zeit sei es wegen der gerin­gen Erfah­rung noch an Kli­ni­ken gebun­den, ambu­lant sei es bei der Uni­ver­si­täts­kli­nik am All­ge­mei­nen Kran­ken­haus in Wien ver­füg­bar. In Öster­reich gibt es als zuge­las­se­ne Indi­ka­ti­on nur die Anwen­dung mit­tels eines Nasen­sprays, die scho­nen­der ist als eine „off-label“ Behand­lung mit einer Infu­si­on in die Blut­bahn. „Die Infu­si­on wirkt zu schnell und hat mei­ner Mei­nung nach zu vie­le Nebenwirkungen.“

„Die Rea­li­tät ist voll von Begleiterkrankungen“

Aus­schluss­grün­de für eine Esket­amin-Behand­lung sind eine Manie, die bei der Depres­si­on hin­zu­kom­men kann, zum Bei­spiel bei der bipo­la­ren Stö­rung (frü­her „manisch-depres­siv“), eine Bor­der­li­ne­stö­rung sowie jeg­li­che Form von psy­cho­ti­schen Epi­so­den. Die Manie könn­te durch das Esket­amin ver­stärkt wer­den, Bor­der­li­ne­stö­run­gen haben mit einer ver­min­der­ten Impuls­kon­trol­le zu tun und sind daher pro­ble­ma­tisch. Bei Psy­cho­sen kann es zu einer ver­zerr­ten Wahr­neh­mung der Rea­li­tät kom­men, was im Zuge einer Behand­lung mit einem hal­lu­zi­no­ge­nen Medi­ka­ment ver­stärkt wer­den könn­te. Außer­dem soll­ten kei­ne Komor­bi­di­tä­ten, Beglei­ter­kran­kun­gen, vor­lie­gen, so Kas­per. „Das ist natür­lich immer schwie­rig, denn die Rea­li­tät ist im Gegen­satz zum For­schungs­ide­al voll von Komor­bi­di­tä­ten.“ Zum Bei­spiel haben Men­schen mit Depres­sio­nen gleich­zei­tig häu­fig Angst­er­kran­kun­gen. „Mei­ner Mei­nung nach wäre eine schwe­re Angst­er­kran­kung ein Aus­schluss­grund.“ Er selbst habe noch kei­nen Hor­ror­trip mit­be­kom­men, Esket­amin ver­stär­ke das Set­ting, daher kön­ne man die Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten dazu anlei­ten, an etwas Schö­nes zu den­ken. Doch die Gefahr für einen Hor­ror­trip ist bei Men­schen mit schwe­rer Angst­er­kran­kung wahr­schein­lich höher.

Zwar sei Esket­amin ver­gleichs­wei­se schnell wirk­sam, nichts­des­to­trotz sol­le man die Behand­lung von psy­chi­schen Stö­run­gen „bes­ser län­ger als kür­zer“ gestal­ten. „Wenn Sie sich einen Fuß bre­chen und der Ortho­pä­de ihnen sagt, ‚das dau­ert jetzt ein hal­bes Jahr‘, dann kön­nen Sie das mit der Neu­ro­bio­lo­gie einer Depres­si­on ver­glei­chen.“ Auch hier brau­che es Zeit, bis die Syn­ap­to­ge­ne­se voll­zo­gen ist. „Es ist eigen­ar­tig: Wenn der Phä­no­typ psy­chisch ist, mei­nen vie­le, es müs­se jetzt ganz schnell gehen. Psy­che wird immer mit irgend­was fast reli­giö­sem gleich­ge­setzt. Man erkennt gar nicht, dass das Hirn ein bio­lo­gi­sches Sys­tem ist.“ Wenig hält Kas­per daher von den spi­ri­tu­el­len Trips bzw. deren Ein­ar­bei­tung in eine Behand­lung. „Es ist ein Neben­ef­fekt, wie eine Neben­wir­kung. Zum Bei­spiel eine Derea­li­sa­ti­on: Die Pati­en­ten füh­len sich, als wären sie ein Stück von sich ent­fernt, wür­den sich von außen betrach­ten.“ Dage­gen sei prin­zi­pi­ell nichts ein­zu­wen­den und wenn Men­schen die­ses als hilf­reich emp­fän­den, umso bes­ser. Nur the­ra­peu­tisch soll­te man es eben nicht ver­wen­den. „Es gibt ein paar Kol­le­gen, die glau­ben, sie kön­nen damit die Pati­en­ten ret­ten“, stellt er kopf­schüt­telnd fest. „Dabei ver­un­si­chern sie die Men­schen nur unnö­tig, machen sie auf gut Deutsch ‚ver-rück­ter‘: Sie ver-rücken von der Rea­li­tät in eine Par­al­lel­welt und kom­men dann mit ihrer Umwelt noch schlech­ter zurecht.“ Ein Ortho­pä­de wür­de ja auch nicht auf die Idee kom­men, die Schmer­zen als not­wen­dig zu neh­men, um das Knie zu ver­ste­hen. „Nur in der Psych­ia­trie gibt es die­se eigen­ar­tigs­ten Aus­wüch­se, dass man meint, die­se Neben­wir­kun­gen auch the­ra­peu­tisch als ‚Rei­se ins Unbe­wuss­te‘ neh­men kann.“ Außer­dem brau­che es dafür deut­lich mehr Zeit. „Das Unbe­wuss­te auf­zu­ar­bei­ten braucht vie­le Jahre.“

Er per­sön­lich bevor­zu­ge indes The­ra­pien, die auf die Zukunft gerich­tet sind: „Logo­the­ra­pie, Exis­tenz­ana­ly­se oder Ver­hal­tens­the­ra­pie.“ Der Psych­ia­ter räumt der Phar­ma­ko­the­ra­pie einen gewich­ti­gen Platz ein: „Nicht jeder Depres­si­ve braucht eine Psy­cho­the­ra­pie. Viel­leicht 20 Pro­zent, bei den ande­ren 80 Pro­zent reicht eine medi­ka­men­tö­se The­ra­pie. The­ra­pie­re­sis­ten­te Depres­si­ve pro­fi­tie­ren nicht von einer Psy­cho­the­ra­pie, da die­se eine bio­lo­gisch spe­zi­fi­zier­te Unter­grup­pe dar­stel­len.“ Laut Kas­per begeht sei­ne Dis­zi­plin hier eine Art logi­schen Fehl­schluss. „Da wird ein gro­ßer Feh­ler bei psych­ia­tri­schen Kran­ken gemacht. Der Phä­no­typ ist psy­cho­lo­gisch, weil es mit Wor­ten aus­ge­drückt wird und man glaubt daher, der Zustand – eigent­lich die Krank­heit – wäre auch nur mit Wor­ten zu hei­len.“ Dies sei, als wür­de man jeman­den mit Gelb­sucht weiß anstreichen.

Esket­amin kein so star­kes Hal­lu­zi­no­gen wie Psi­lo­cy­bin oder LSD

Die Ansicht, dass medi­ka­men­tö­se The­ra­pien allein rei­chen, ist aller­dings in der For­schung umstrit­ten. Zum Bei­spiel fan­den Pim Cui­j­pers et al. (2013) in einer Meta­ana­ly­se einen stär­ke­ren Effekt von Phar­ma­ko­the­ra­pien gegen­über Psy­cho­the­ra­pien nur für Dys­thy­mi­en. Bei einer Dys­thy­mie hat man über einen Zeit­raum von zwei Jah­ren ein depres­si­ve Sym­pto­ma­tik, aller­dings nur eine sehr leich­te. Die Bewäl­ti­gung des All­tags ist weit weni­ger ein­ge­schränkt als bei einer klas­si­schen depres­si­ven Epi­so­de, die noch in leicht, mit­tel­gra­dig und schwer unter­teilt wird. Hier­für muss eine dem­entspre­chen­de Sym­pto­ma­tik für min­des­tens zwei Wochen vor­lie­gen. Die Ame­ri­can Psy­cho­lo­gi­cal Asso­cia­ti­on schreibt auf ihrer Home­page, bei­de The­ra­pie­for­men sei­en nach­weis­lich wirk­sam. Es gebe jedoch Evi­denz, dass eine Kom­bi­na­ti­on aus Psy­cho­the­ra­pie und Phar­ma­ko­the­ra­pie die wir­kungs­volls­te Behand­lungs­form gegen Depres­sio­nen sei.

Das Pro­blem hal­lu­zi­no­ge­ner Neben­wir­kun­gen habe man noch ver­stärkt bei Behand­lun­gen mit Psi­lo­cy­bin oder Lys­erg­säu­re­di­ethyl­amid (LSD), die viel stär­ke­re Hal­lu­zi­na­tio­nen erzeu­gen als Esket­amin. „Letzt­lich sind das alles Neben­wir­kun­gen, wie Müdig­keit.“ Im Ide­al­fall wür­de man daher ein Esket­amin-Medi­ka­ment ent­wi­ckeln, das die­se Neben­wir­kun­gen nicht mehr aus­lö­se, wobei ers­te Unter­su­chun­gen schon im Gan­ge sind. Des­we­gen sieht er den Trend aus der Schweiz, mit Psi­lo­cy­bin „Pati­en­ten zum Hal­lu­zi­nie­ren zu brin­gen und den Inhalt davon psy­cho­the­ra­peu­tisch zu ver­wen­den“, kri­tisch: „Man soll­te Men­schen nicht zu sehr ‚ver-rücken‘, es geht um den anti­de­pres­si­ven Effekt, das heißt hin zur Rea­li­tät des gesun­den Lebens.“

Dem wider­spricht der Psych­ia­ter und Neu­ro­lo­ge Tho­mas Platz. „Der Trip ist aus mei­ner Sicht kei­ne Neben­wir­kung, son­dern eine Haupt­wir­kung, den kann man natür­lich psy­cho­the­ra­peu­tisch nut­zen.“ Die Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten wür­den offe­ner, „weil ich mich nicht als iso­lier­tes Indi­vi­du­um erle­be, son­dern eine ganz­heit­li­che Erfah­rung mache.“ Dafür muss der Mensch frei­lich auf­ge­schlos­sen sein, sonst erle­be er es als beängs­ti­gend. Ist die Auf­ge­schlos­sen­heit gege­ben, dann „pro­fi­tiert er erheb­lich davon und fühlt sich dann eben auch stär­ker, der hat dadurch einen Zuwachs, einen Erfah­rungs­schatz, gewon­nen.“ Ähn­lich sieht es sei­ne Kol­le­gin Dia­na Schaf­fer. „Man­che Pati­en­ten oder Kli­en­ten machen wäh­rend des Trips sehr inten­si­ve spi­ri­tu­el­le Erfah­run­gen, sie sehen, wie man wie­der Sinn im Leben fin­den kann. Wenn ich einen Grund habe, am Leben zu sein, ist es leich­ter, Schwie­rig­kei­ten zu bewäl­ti­gen.“ Daher sieht es die Kli­ni­sche Psy­cho­lo­gin wie ihr Kol­le­ge: „Ich glau­be, dass das, was man wäh­rend des Trips erlebt, einen sehr posi­ti­ven Effekt auf die Hei­lung haben kann. Ich fin­de es sinn­voll, dies psy­cho­lo­gisch-psy­cho­the­ra­peu­tisch zu nutzen.“

Esket­amin-Behand­lung hat sub­jek­ti­ve und objek­ti­ve Seite

 

Die bei­den arbei­ten mit Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, die das Esket­amin in Form einer ora­len Lösung in der Wie­ner und Kla­gen­fur­ter Ordi­na­ti­on von Platz ein­neh­men. Die Medi­ka­ti­on in einer ambu­lan­ten Pra­xis kann Platz als Psych­ia­ter „off-label“ ver­schrei­ben. Neben der sub­jek­ti­ven Sei­te, den Erleb­nis­sen wäh­rend des Trips, arbei­ten sie selbst­ver­ständ­lich auch mit der objek­ti­ven Sei­te der Esket­amin-Behand­lung. „Ket­amin ist sehr sinn­voll bei Pati­en­ten, die auf ande­re Psy­cho­phar­ma­ka nicht aus­rei­chend anspre­chen. Es scheint die Ner­ven­wachs­tums­fak­to­ren,  Bra­in­de­ri­ved neu­ro­tro­phic Fac­tor (BDNF), im Gehirn anzu­re­gen“, erklärt Schaf­fer. Gera­de in den ers­ten Tagen nach der Behand­lung sei das Gehirn beson­ders lern­be­reit, kön­ne sich auf neue Erfah­run­gen ein­stel­len. Genau das ist wich­tig im Umgang mit psy­chi­schen Stö­run­gen bzw. etwas glo­ba­ler gesagt mit Stress. „Stress­re­sis­ten­te Men­schen haben meist ein Hirn, das sich schnell auf neue Erfah­run­gen ein­stel­len kann. Bei Men­schen, die weni­ger resi­li­ent sind, ist das weni­ger der Fall.“ Feh­len­de Resi­li­enz gilt als wich­ti­ger Fak­tor bei der Ent­ste­hung von psy­chi­schen Störungen.

Dass es über­haupt zum Ein­satz von Esket­amin für Men­schen mit psy­chi­schen Stö­run­gen gekom­men ist, liegt letzt­lich an einem Ver­sa­gen der Phar­ma­bran­che. „Auf dem Psy­cho­phar­ma­ka­sek­tor tut sich seit min­des­tens zehn Jah­ren nichts mehr“, stellt Platz fest. „Aus mei­ner Sicht als Psych­ia­ter ist es zur­zeit so, dass einem Drit­tel der Pati­en­ten mit den Medi­ka­men­ten gehol­fen wird, bei einem wei­te­ren Drit­tel weiß man nicht, ob es die The­ra­pie­be­zie­hung ist, Kran­ken­stand oder ande­re Fak­to­ren. Und beim letz­ten Drit­tel hel­fen die Psy­cho­phar­ma­ka über­haupt nicht.“ Genau des­we­gen spre­che man von the­ra­pie­re­sis­ten­ter Depres­si­on. Die Fokus­sie­rung auf Rausch­dro­gen sei geschicht­lich gese­hen nicht neu, man habe schon frü­her bemerkt, dass heil­sa­me Wir­kun­gen auf­tre­ten kön­nen. „Und Ket­amin ist das ein­zi­ge Psy­che­de­li­kum, das nicht unter das Sucht­gift­ge­setz fällt.“

Kein All­heil­mit­tel

Als All­heil­mit­tel sieht Platz Ket­amin jedoch nicht. „Ich wür­de sagen, unge­fähr drei­vier­tel mei­ner bis­her rund 30 Pati­en­ten haben einen nach­hal­ti­gen Erfolg durch die Behand­lung. Dabei gibt es sol­che, bei denen es ein­deu­tig die­se Behand­lung ist und sol­che, bei denen es nicht klar ist: Ist es das Set­ting, sind es Selbst­hei­lungs­kräf­te oder etwas ande­res? Man kann nicht alles der Sub­stanz zuspre­chen.“ Rund ein Vier­tel spre­che nicht dar­auf an. Psy­cho­the­ra­pie müs­se nicht zwangs­läu­fig mit der Esket­amin-Behand­lung ein­her­ge­hen. „Nicht alle wol­len Psy­cho­the­ra­pie. Man­che wol­len die­sen Zustand der Erleich­te­rung, der dann auch eine Nach­hal­tig­keit hat.“

Für Schaf­fer gibt es drei Grün­de für die Esket­amin-Behand­lung. „Ers­tens bei einer bio­lo­gisch beding­ten Depres­si­on. Die Inter­ven­ti­on mit Ket­amin greift so in die Neu­ro­bio­lo­gie ein, dass sich der Zustand ver­bes­sert. Mit der Hoff­nung, dass es zu einer lang­fris­ti­gen Ver­bes­se­rung kommt.“ Ein wei­te­rer Grund sei die sub­jek­ti­ve Sei­te. „Man möch­te den Trip selbst nut­zen, hat Psy­cho­the­ra­pie gemacht, ist aber über gewis­se unbe­wuss­te Schran­ken nicht hin­weg­ge­kom­men. Man nutzt den ver­än­der­ten Bewusst­seins­zu­stand, um zu erfor­schen, wo das gan­ze her­kommt, wo es sei­ne Wur­zeln hat.“ Dies gin­ge über eine psy­cho­lo­gi­sche Behand­lung wäh­rend des Trips oder als Nach­be­spre­chung. „Man kann das Ket­amin auch ver­ab­rei­chen, um sich ein­mal erleich­tert zu füh­len. An einem ande­ren Tag macht man eine psy­cho­lo­gi­sche Behand­lung, um an Hilf­lo­sig­keit oder Trau­ma­ta zu arbei­ten.“ Aus der Lite­ra­tur sei ersicht­lich, dass es dann leich­ter sei, weil die Lern­me­cha­nis­men im Gehirn bes­ser funktionieren.

Vie­le Wege füh­ren zur Besserung

Hier zeigt sich der ande­re Zugang als jener von Sieg­fried Kas­per: Die­se Form der Psy­cho­the­ra­pie blickt auch zurück, nicht (nur) nach vorn. Was für wen sinn­vol­ler ist, könn­te am Ende mehr mit der indi­vi­du­el­len Per­sön­lich­keit des Pati­en­ten oder der Pati­en­tin zu tun haben, als mit einer gene­ra­li­sier­ten Emp­feh­lung aus der Forschung.

In eine ähn­lich eklek­ti­sche Rich­tung geht die For­de­rung von Platz: „Man muss Pati­en­ten alle Mög­lich­kei­ten anbie­ten, die es gibt, sie infor­mie­ren. Psy­cho­the­ra­pie, Medi­ka­men­te, Ket­amin, Anäs­the­ti­ka, trans­kra­ni­elle Magnet­sti­mu­la­ti­on, Lach­gasthe­ra­pie.“ Es gebe vie­le Wege zu einer Bes­se­rung. „Wenn der Pati­ent sagt, ‚okay, ich will das pro­bie­ren‘, dann ist es, glau­be ich, auch ange­mes­sen, ihm das zu ermög­li­chen. Und nicht nur bei einer the­ra­pie­re­sis­ten­ten Depres­si­on.“ Dem schließt sich Dia­na Schaf­fer an. Bei­de hof­fen, „dass auf­grund der For­schungs­er­geb­nis­se Psi­lo­cy­bin bald zur Ver­fü­gung ste­hen wird, um den Pati­en­ten, die mit Ket­amin nicht aus der the­ra­pie­re­sis­ten­ten Depres­si­on her­aus­kom­men, auch eine Mög­lich­keit anzubieten.“

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