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Mehr zum Thema / Anna Riedler / Donnerstag 02.06.22

Rück­kehr zur Atomkraft?

Kli­ma­neu­tra­li­tät durch Atom­ener­gie, geht das? Und soll das über­haupt gehen? Hat die Atom­ener­gie das Poten­zi­al, die Ret­tung der dro­hen­den Ener­gie­kri­se zu über­neh­men? Alles nur „mas­si­ves Lob­by­ing“, sind sich Mar­tin Bau­mann und Gün­ther Pau­ritsch von der Aus­tri­an Ener­gy Agen­cy (AEA) einig. 
Foto: APA/dpa

„Mas­si­ves Lob­by­ing unter dem Deck­man­tel des Kli­ma­wan­dels mit dem Ziel, die Atom­kraft im Spiel zu hal­ten“, so for­mu­liert es Bau­mann im Pod­cast Peta­joule der AEA über Ener­gie- und Kli­ma­po­li­tik in Öster­reich. Kern­kraft als zwin­gend erfor­der­lich im Sin­ne des Kli­ma­schut­zes zu prä­sen­tie­ren, das sei die aktu­el­le Stra­te­gie der Atom-Lob­by­is­ten – und ihr letz­ter Strohhalm.

Denn die Atom­kraft, so die Exper­ten, befin­det sich seit Jahr­zehn­ten auf dem abstei­gen­den Ast. Die welt­weit 415 Kern­re­ak­to­ren (weni­ger als beim Höhe­punkt der Atom­ener­gie 2002) haben ein durch­schnitt­li­ches Alter von 31 Jah­ren. Zwar wur­de bei­spiels­wei­se für Frank­reich (mit 56 Reak­to­ren und einem Alters­schnitt von 35 Jah­ren) die Lauf­zeit auf 55 Jah­re ver­län­gert, aktu­ell befin­det sich aber nur ein ein­zi­ger Reak­tor in Bau – die­se ver­al­te­ten Reak­to­ren in den nächs­ten zwan­zig Jah­ren kom­plett zu erset­zen, wer­de das Land, das aktu­ell 70 Pro­zent sei­ner Ener­gie aus Atom­ener­gie bezieht, vor eine gro­ße Her­aus­for­de­rung stellen.

Die Kos­ten (von der Errich­tung über die Ein­hal­tung der stei­gen­den Sicher­heits­vor­schrif­ten bis hin zur End­la­ge­rung) sind hoch – und die Nach­tei­le schwer­wie­gen­der als der eine gro­ße Vor­teil, näm­lich die Erzeu­gung gro­ßer Ener­gie­men­gen und hoher Leis­tun­gen, unab­hän­gig von Tages­zeit und Wit­te­rung. „Wenn man die­ses gesam­te Pro­blem der Kos­ten, der Radio­ak­ti­vi­tät, der End­la­ge­rung, der gan­zen Sicher­heits­fra­gen, wenn man das aus­klam­mern wür­de, dann hät­te es für die Strom­ver­sor­gung einen gewis­sen Charme“, erklärt Pau­ritsch mit einem zyni­schen Unter­ton. Allein wenn man sich die Kos­ten für die Errich­tung anse­he, befin­de man sich „jen­seits von Gut und Böse. Es gibt kein Kern­kraft­werk welt­weit, das nach mark­wirt­schaft­li­chen Kri­te­ri­en errich­tet oder betrie­ben wur­de“, ver­weist er statt­des­sen auf „staat­li­che ener­gie­po­li­ti­sche Weichenstellungen“.

Hoff­nungs­trä­ger oder Luftschlösser?

Tho­ri­um­re­ak­to­ren, Small Modu­lar Reac­tors, Kern­fu­si­on – sind viel­leicht die­se neu­en Tech­no­lo­gien und Kon­zep­te die Vor­bo­ten einer „strah­len­den“ Rück­kehr der Atom­ener­gie? Die SMR („klei­ne modu­la­re Reak­to­ren“) unter­schei­den sich pri­mär durch Sicher­heits­aspek­te und die Per­spek­ti­ve auf eine bes­se­re Öko­no­mie von ihren grö­ße­ren Brü­dern, so Bau­mann – die Pro­ble­me der Ent­sor­gung blie­ben bestehen. Tho­ri­um­re­ak­to­ren bau­en auf einem ande­ren Brenn­stoff als her­kömm­li­che Kraft­wer­ke auf. Bei­de Tech­no­lo­gien haben eines gemein­sam: Sie sind von der Markt­rei­fe weit ent­fernt und kön­nen nicht im gro­ßen Stil gebaut werden.

„Kern­fu­si­on [Anm.: so wer­den Kern­re­ak­tio­nen bezeich­net, bei denen je zwei Atom­ker­ne zu einem grö­ße­ren Atom­kern ver­schmel­zen] befin­det sich sogar noch tie­fer im For­schungs­sta­di­um“, rech­net Bau­mann frü­hes­tens 2050 oder 2060 mit einem Demons­tra­ti­ons­re­ak­tor. Eine schnel­le Lösung für den Herbst? Schwer vorstellbar.

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