apa.at
Mehr zum Thema / Stefan Thaler / Donnerstag 10.06.21

„Schu­len hat­ten Distance Lear­ning nicht am Radar“

Der Über­gang zum Fern­un­ter­richt ver­lief an vie­len Schu­len eher holp­rig. Ein Haupt­schul­di­ger war schnell gefun­den: die Tech­nik. „Das hat zum Teil natür­lich gestimmt, viel ent­schei­den­der war aber die feh­len­de Orga­ni­sa­ti­on und Didak­tik des Onlineler­nens“, erklär­te Ger­hard Brand­ho­fer vom Depart­ment Medi­en­päd­ago­gik der Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le Nie­der­ös­ter­reich im Gespräch mit APA-Science.
Foto: APA/AFP Bei Orga­ni­sa­ti­on und Didak­tik des Onlineler­nens gibt es noch Nachholbedarf

Ja, es gibt sie. Die Geschich­ten von Schü­le­rin­nen und Schü­lern, die früh­mor­gens auf einen Hügel gestie­gen sind, um sich Arbeits­auf­trä­ge her­un­ter­zu­la­den. Oft war in der Anfangs­pha­se tat­säch­lich die Inter­net­ver­bin­dung ein Knack­punkt oder es fehl­ten die not­wen­di­gen End­ge­rä­te. „Im Gegen­satz zur Dar­stel­lung in Medi­en­be­rich­ten war die tech­ni­sche Aus­stat­tung aber nicht das wich­tigs­te Kri­te­ri­um für die erfolg­rei­che Umset­zung des Distance Lear­nings“, ver­wies Brand­ho­fer auf eige­ne Stu­di­en. Auch bei den oft genann­ten rund zehn Pro­zent der Schü­ler, die für die Leh­ren­den nicht erreich­bar waren, sei­en nicht aus­schließ­lich die tech­ni­schen Rah­men­be­din­gun­gen ver­ant­wort­lich gewe­sen. „Man­che waren nicht mehr in Öster­reich, bei ande­ren schei­ter­te es wegen sprach­li­cher Pro­ble­me und der eine oder ande­re woll­te gar nicht erreicht wer­den“, so der Experte.

„Arbeits­blät­ter bit­te aus­dru­cken und ausfüllen“

Die Schu­len wie­der­um sind gänz­lich unvor­be­rei­tet in die Pan­de­mie geschlit­tert. „Distance Lear­ning war bei nie­man­dem am Radar, des­halb kann man da auch nie­mand die Schuld geben. Die­se Situa­ti­on ist voll­kom­men uner­war­tet gekom­men“, beschrieb Brand­ho­fer. In den Schü­ler­ver­wal­tungs­pro­gram­men waren Tele­fon­num­mern hin­ter­legt, aber kei­ne E‑Mail-Adres­sen und was an Infra­struk­tur zuhau­se zur Ver­fü­gung steht, war gänz­lich unbe­kannt. Erst durch den Wech­sel mit dem Prä­senz­un­ter­richt sei klar gewor­den, dass die Auf­ga­be „Arbeits­blät­ter bit­te aus­dru­cken und aus­fül­len“ ohne Dru­cker nicht mach­bar ist. „Das waren am Anfang ganz ein­fa­che Din­ge, die aber unglaub­li­che Hür­den dar­stell­ten“, fass­te der Hoch­schul­pro­fes­sor zusammen.

„Man­che haben Arbeits­auf­trä­ge für die nächs­ten drei Wochen gege­ben und ande­re für die nächs­ten drei Stun­den. Das hat natür­lich bei den Schü­lern einen enor­men Druck erzeugt.“ Ger­hard Brand­ho­fer, PH Niederösterreich

Als Haupt­pro­ble­me erwie­sen sich aber letzt­end­lich die Orga­ni­sa­ti­on und Didak­tik des Onlineler­nens. „An vie­len Schu­len haben sich die Leh­ren­den unter­ein­an­der schlecht abge­stimmt und im Stress der Umstel­lung wenig mit­ein­an­der kom­mu­ni­ziert. Da haben man­che die Arbeits­auf­trä­ge für die nächs­ten drei Wochen gege­ben und ande­re für die nächs­ten drei Stun­den. Das hat natür­lich bei den Schü­lern einen enor­men Druck erzeugt“, so der Fach­mann. Auch Eltern hät­ten kri­ti­siert, dass unzäh­li­ge Nach­rich­ten zu Arbeits­auf­trä­gen ein­ge­tru­delt sind und weder Auf­ga­ben, Umfang, noch Zei­ten abge­spro­chen waren. In der Volks­schu­le wur­den Auf­ga­ben und Übun­gen laut Stu­di­en vor allem auf Papier sowie mit­tels Schul­bü­chern gege­ben. In Rich­tung Sekun­dar­stu­fe eins und zwei wur­de stär­ker auf Lern­platt­for­men wie Mood­le, Teams, Goog­le Class­room, Apps und Video­kon­fe­ren­zen gesetzt.

Föde­ra­le Schul­struk­tu­ren sind enor­mes Hindernis

Holp­rig ver­lief der Start auch hin­sicht­lich die­ser hete­ro­ge­nen Land­schaft an Platt­for­men. „Gera­de am Anfang haben vie­le Leh­rer die unter­schied­lichs­ten Sys­te­me genutzt. Im Rah­men des Acht-Punk­te-Plans des Bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums gibt es nun die­se Fokus­sie­rung: pro Schu­le ein Sys­tem – ein Lern­ma­nage­ment-Sys­tem und ein Video­kon­fe­renz-Sys­tem“, erklär­te Brand­ho­fer. Bun­des­weit auf ein Sys­tem zu set­zen, sei auf­grund der föde­ra­len Schul­struk­tu­ren nicht umsetz­bar: „Da bräuch­te man so etwas wie einen Staats­ver­trag.“ Genau die­se föde­ra­len Struk­tu­ren erschwe­ren auch die Aus­stat­tung der Schu­len mit Note­books, Inter­net und Co. erheb­lich. „Jetzt wäre ein guter Zeit­punkt über man­che grund­le­gen­de Struk­tu­ren im hei­mi­schen Bil­dungs­we­sen zu dis­ku­tie­ren und Ver­bes­se­run­gen umzu­set­zen“, so der Experte.

Die Pha­se des Distance Lear­nings hat also bekann­te Aspek­te und Pro­ble­me des Schul­we­sens trans­pa­ren­ter gemacht, medi­en­di­dak­tisch aber wenig neue Erkennt­nis­se gebracht. „Mit Tech­nik allein kann man das nicht lösen, viel­mehr beein­flus­sen Orga­ni­sa­ti­on und Didak­tik den Erfolg“, bekräf­tig­te Brand­ho­fer. So sei­en in der Pha­se des Fern­un­ter­richts wöchent­lich rund 23 Mil­lio­nen Sei­ten Papier zu Hau­se aus­ge­druckt oder von der Schu­le ver­teilt wor­den. „Die Fra­ge ist, ob das der Weis­heit letz­ter Schluss ist, dass man unzäh­li­ge didak­tisch zum Teil nicht gut auf­be­rei­te­te Arbeits­blät­ter ver­teilt. Sind das 21-Cen­tu­ry-Skills, wenn ich Bil­der aus­ma­le? Es ist nicht inno­va­tiv, alles so zu machen wie bis­her, nur digi­tal. Mir per­sön­lich fällt außer­dem auf, dass die Funk­ti­on der Schu­le bezüg­lich Ler­nen und Lern­er­folg sehr stark betont wird, aber die wahn­sin­nig wich­ti­ge sozia­le Funk­ti­on ger­ne ver­ges­sen wird“, kri­ti­sier­te Brandhofer.

Lan­ge­wei­le durch Viel­zahl an Video­kon­fe­ren­zen abfedern

Außer­dem müs­se für Abwechs­lung gesorgt wer­den. „Es gibt ja nicht nur die Mög­lich­keit, dass einer vor­trägt und die ande­ren zuhö­ren. In Wirk­lich­keit lässt sich sehr viel mehr abbil­den als man eigent­lich am Radar hat. Auch For­men von Grup­pen­ar­beit und Kol­la­bo­ra­ti­on sind mit Online-Tools mög­lich. Das umzu­set­zen ist natür­lich eine gewis­se Her­aus­for­de­rung, aber letzt­end­lich kommt man so zu einem viel­fäl­ti­ge­ren und leben­di­ge­ren Unter­richt, um die Lethar­gie und Lan­ge­wei­le durch die Viel­zahl an Video­kon­fe­ren­zen abzu­fe­dern. Man muss aber sagen: Das ersetzt den Prä­senz­un­ter­richt nicht“, zeig­te sich Brand­ho­fer gegen­über APA-Sci­ence überzeugt.

Er plä­diert dafür, eine Reform­kom­mis­si­on ein­zu­set­zen und die Leh­ren, die aus der Pan­de­mie gezo­gen wur­den, auch trans­pa­rent umzu­set­zen. „Wir soll­ten das Bil­dungs­sys­tem nicht nur im Bereich des Digi­ta­len, son­dern auch in der Admi­nis­tra­ti­on ins 21. Jahr­hun­dert brin­gen. Durch den Acht-Punk­te-Plan wird es zu einer mas­si­ven Ände­rung im Schul­all­tag kom­men, wenn Schü­ler ab der 5. Schul­stu­fe auf­bau­end Gerä­te zur Ver­fü­gung haben. Wie die­se Ver­än­de­rung aus­sieht, hängt aber sehr stark von uns Leh­ren­den ab. Ent­schei­dend wird sein, ob wir die­se Note­books als bes­se­re Notiz­bü­cher ver­wen­den oder ob es auch im Ler­nen Adap­tie­run­gen gibt“, so Brandhofer.

Stichwörter