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Mehr zum Thema / Stefan Thaler / Donnerstag 02.06.22

„Schwei­zer Mes­ser“ Geo­ther­mie: Viel Poten­zi­al, viel Konkurrenz

Geo­ther­mie gilt nicht erst seit dem Ukrai­ne-Krieg und der Debat­te über einen mög­li­chen Gas­boy­kott Russ­lands als einer der Hoff­nungs­trä­ger der Ener­gie­wen­de. Tat­säch­lich ist der Wärm­ein­halt der Erde groß genug, um theo­re­tisch den glo­ba­len Ener­gie­be­darf zu decken. In der Rea­li­tät gibt es aber noch zahl­rei­che Hür­den – von der „Unsicht­bar­keit“ über den erneu­er­ba­ren Mit­be­werb bis zu Forschungslücken.
Foto: APA/AFP/Themenbild Öster­reich ist nicht Island – Erd­wär­me könn­te aber auch hier­zu­lan­de eine wich­ti­ge­re Rol­le spielen

“Geo­ther­mie ist unter den erneu­er­ba­ren Ener­gien die­je­ni­ge, bei der die Lücke zwi­schen Poten­zi­al und der­zei­ti­ger Nut­zung am wei­tes­ten aus­ein­an­der­klafft”, heißt es in der aktu­el­len FTI-Road­map Geo­ther­mie des Ener­gie­mi­nis­te­ri­ums. Für Heiz­zwe­cke wird Erd­wär­me bis­her nur zu 1,6 Pro­zent ein­ge­setzt, für die erneu­er­ba­re Strom­erzeu­gung so gut wie gar nicht. Spe­zi­ell die tie­fer in der Erde lie­gen­de Wär­me ist noch zu 85 bis 90 Pro­zent unge­nutzt. Ober­flä­chen­na­he Geo­ther­mie wird vor allem für Wär­me­pum­pen genutzt.

Im Wär­me­be­reich birgt die Geo­ther­mie zahl­rei­che Vor­tei­le: Sie ist sai­so­nal spei­cher­bar, kos­ten­güns­tig, sta­bil und importu­n­ab­hän­gig. Im Unter­grund gespei­cher­te Wär­me, die aus dem geo­lo­gi­schen Auf­bau der Erde resul­tiert, kann zum Hei­zen und Küh­len von Gebäu­den oder Städ­ten bis hin zur Gewin­nung von elek­tri­scher Ener­gie ein­ge­setzt wer­den. Öster­reichs Ener­gie­be­darf fürs Hei­zen und Küh­len macht über 50 Pro­zent des Gesamt­ener­gie­ver­brauchs aus. Damit Erd­wär­me mit ande­ren erneu­er­ba­ren Tech­no­lo­gien kon­kur­renz­fä­hig wird, muss aber noch eini­ges pas­sie­ren. Unter ande­rem eine Kos­ten­sen­kung bei Boh­run­gen und Bohr­tech­no­lo­gien und eine Ver­kür­zung der Ent­wick­lungs­zeit­räu­me um 30 bis 50 Pro­zent, heißt es in der Roadmap.

Gas und Öl lan­ge Zeit zu billig

„Heizen/Kühlen, Strom­ge­win­nung und Wär­me­spei­che­rung – die Geo­ther­mie ist das Schwei­zer Mes­ser unter den Ener­gie­for­men“, ist Edith Has­lin­ger vom AIT Aus­tri­an Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy über­zeugt. Noch sei man aber mit gewis­sen Hür­den kon­fron­tiert. „Die Sicht­bar­keit ist sehr gering, weil die Anla­gen im Unter­grund sind. Bei der ober­flä­chen­na­hen Geo­ther­mie sieht man eine Wär­me­pum­pe im Tech­nik­raum und bei der tie­fen Geo­ther­mie ein Heiz­werk wie alle ande­ren. Die­se bewähr­te Tech­no­lo­gie ist lei­der ein biss­chen in Ver­ges­sen­heit gera­ten, auch des­we­gen, weil Gas und Öl lan­ge Zeit zu bil­lig und zu ein­fach zu haben waren“, so Haslinger.

Nach einem Boom von Geo­ther­mie und Wär­me­pum­pen für die Raum­wär­me in den 70er-Jah­ren durch die ers­te Ölkri­se und dem Ent­ste­hen der ers­ten Ther­men mit Tie­fen­boh­run­gen wur­de es mit dem Preis­rutsch bei Öl und Gas schnell wie­der ruhig um das The­ma. „Seit der Coro­na­kri­se und dem Ukrai­ne-Krieg ist aber alles anders. Die Leu­te wol­len zuse­hends unab­hän­gi­ger wer­den“, erklärt die Geo­lo­gin. Vor allem in der Raum­wär­me kön­ne die Geo­ther­mie einen gro­ßen Bei­trag leis­ten, das tech­ni­sche Poten­zi­al sei noch kaum ausgeschöpft.

Erd­wär­me prak­tisch über­all einsetzbar

 

Von indi­vi­du­el­ler Raum­wär­me durch ober­flä­chen­na­he Geo­ther­mie bis zur tie­fen Geo­ther­mie für die Fern­wär­me: Abge­se­hen von spe­zi­el­len Anwen­dun­gen, etwa im Hoch­tem­pe­ra­tur­be­reich, kön­ne Erd­wär­me – zumin­dest in Kom­bi­na­ti­on mit ande­ren Ener­gie­for­men – prak­tisch über­all ein­ge­setzt wer­den. Ob das indi­vi­du­ell bei jedem Haus und jedem Gebäu­de­ver­band Sinn mache und ob Geo­ther­mie der allei­ni­ge Ener­gie­trä­ger sei, müs­se man sich trotz­dem indi­vi­du­ell anse­hen, meint Haslinger.

 

Ein gewis­ser Fla­schen­hals sei­en der­zeit lang­wie­ri­ge Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren und die zur Ver­fü­gung ste­hen­den Instal­la­teu­re und Bohr­un­ter­neh­men. Hier gebe es vie­le Anstren­gun­gen sei­tens des Bun­des und ent­spre­chen­de Aus­bil­dungs­of­fen­si­ven – unter ande­rem ver­stärkt Brun­nen­meis­ter-Kur­se. „Es wird Umschu­lun­gen und Wei­ter­bil­dungs­maß­nah­men geben, zum Bei­spiel für Gas- und Ölkes­sel-Instal­la­teu­re oder Per­so­nen, die in der Öl- oder Gas-Explo­ra­ti­on tätig sind. Aber natür­lich hat das eine gewis­se Vor­lauf­zeit. Es ist klar, dass man nicht von jetzt auf gleich hun­der­te Instal­la­teu­re und Bohr­leu­te aus­bil­det“, so Has­lin­ger gegen­über APA-Science.


EXTRA: Ober­flä­chen­na­he Geothermie 

Unter ober­flä­chen­na­her Geo­ther­mie ver­steht man die Nut­zung der Erd­ener­gie bis in eine Tie­fe von 300 Metern und Tem­pe­ra­tu­ren von bis zu 25 Grad, etwa mit­tels Flach­kol­lek­to­ren, Tie­fen­son­den, erd­be­rühr­ten Bau­tei­len oder seich­tem Grund­was­ser. Haupt­ein­satz­ge­biet ist die Behei­zung und Küh­lung von Gebäu­den durch eine Kopp­lung mit einer Wär­me­pum­pen­an­la­ge. Die gene­rier­te Wär­me wird laut dem Ver­ein GTÖ – Geo­ther­mie für Öster­reich in den Sek­to­ren Haus­hal­te (60 Pro­zent), Indus­trie (10 Pro­zent) und Dienst­leis­tung & Gewer­be (30 Pro­zent) eingesetzt.


Erneu­er­ba­rer Mitbewerb

Bei der indi­vi­du­el­len Raum­wär­me sind Luft­wär­me­pum­pen und Pel­lets­hei­zun­gen der­zeit, was Neu­in­stal­la­tio­nen betrifft, deut­lich belieb­ter als Erd­wär­me. Mit ledig­lich 90.000 instal­lier­ten Anla­gen hat die ober­flä­chen­na­he Geo­ther­mie einen Anteil am Wär­me­markt von unter fünf Pro­zent. „Luft­wär­me­pum­pen sind auf­grund der Ein­fach­heit und der nied­ri­ge­ren Inves­ti­ti­ons­kos­ten sehr beliebt. Es gibt aber Schall­emis­sio­nen. Außer­dem sind sie weni­ger effi­zi­ent als eine Sole-Wär­me­pum­pe oder eine Was­ser-Was­ser-Wär­me­pum­pe, was zu deut­lich höhe­ren Betriebs­kos­ten führt. Das ist eigent­lich ein unschlag­ba­res Argu­ment für die Geo­ther­mie“, sagt Haslinger.

Luft­wär­me­pum­pen wür­den dort Sinn machen, wo man viel Platz hat, also im länd­li­chen Raum. Im dicht ver­bau­ten urba­nen Bereich könn­ten für ein gro­ßes Haus oder Gewer­be damit aber nicht alle Leis­tun­gen abge­deckt wer­den. Pel­lets-Öfen wie­der­um sei­en in man­chen Lagen, etwa in der Stadt, auf­grund der Fein­staub­be­las­tung sowie der Trans­port­we­ge und Lager­mög­lich­kei­ten für die Pel­lets tech­no­lo­gisch nicht unbe­dingt die ers­te Wahl. „Da ist es bes­ser man bohrt. Es gibt aber nicht nur Boh­run­gen oder Grund­was­ser-Wär­me­pum­pen, son­dern auch fla­che­re Ener­gie­for­men wie Spi­ral-Kol­lek­to­ren, die sich dann eig­nen, wenn man nicht boh­ren kann“, erklärt die Expertin.

Weg von Individuallösungen

Grund­sätz­lich müs­se man weg von Indi­vi­du­al­lö­sun­gen. „Jeder hat sein Heiz­sys­tem, jede Woh­nung eine Gas­ther­me, jedes Haus eine Ölhei­zung. In Zukunft muss man ver­netz­ter den­ken – Stich­wort Ener­gie­ge­mein­schaf­ten. Das ist eine tol­le Sache, dass sich Leu­te in einer Gemein­de oder einem Grätzl zusam­men­tun und sagen, wir machen unse­re Wär­me gemein­sam. Zen­tra­le Boh­run­gen und dezen­tra­le Wär­me­pum­pen ver­schal­tet mit ande­ren Wär­me­quel­len machen die Ener­gie­ver­sor­gung lokal, dezen­tral und unab­hän­gig. Das geht natür­lich auch in länd­li­chen Gemein­den oder sub­ur­ba­nen Gemein­den wun­der­bar“, so Haslinger.

 


EXTRA: Tie­fe Geothermie

Tie­fen­geo­ther­mi­sche Anla­gen nut­zen die Wär­me aus einer Tie­fe von etwa 1.500 bis 5.000 Metern mit Tem­pe­ra­tu­ren von nor­ma­ler­wei­se über 60 Grad. Es gibt hydro­ther­ma­le Anla­gen die auf den Ener­gie­ge­halt von war­mem bis hei­ßem Ther­mal­was­ser abzie­len und petro­ther­ma­le Sys­te­me, die Wär­me aus tief­lie­gen­den eher tro­cke­nen Gesteins­schich­ten nutz­bar machen.


 

Tie­fe Geo­ther­mie hat laut Exper­ten einen gro­ßen Hebel, wenn sie ver­stärkt in loka­le Wär­me­net­ze ein­ge­speist wird. Ein viel­ver­spre­chen­der Ansatz ist hier auch die soge­nann­te Ener­gie­raum­pla­nung. „Man nutzt zum Bei­spiel tie­fe Geo­ther­mie für die Ver­sor­gung von Indus­trie­be­trie­ben und/oder von loka­len Nah­wär­me­net­zen mit Hoch­tem­pe­ra­tur. Die über­blei­ben­de Wär­me mit Tem­pe­ra­tu­ren zwi­schen 30 und 80 Grad geht an Gewer­be­be­trie­be, die sie für die Trock­nung oder ihre inter­nen Las­ten nut­zen kön­nen. Dann kann man Häu­ser, die eine gewis­se Vor­lauf­tem­pe­ra­tur brau­chen, weil sie zum Bei­spiel Radia­to­ren haben, ver­sor­gen und den Rest, also die Nie­der­tem­pe­ra­tur, schickt man in die neu­en Stadt­tei­le, wo die Häu­ser in der Regel schon nach einem sehr moder­nem Stan­dard gebaut sind. Die brau­chen die hohen Vor­lauf­tem­pe­ra­tu­ren nicht“, erläu­tert die Expertin.

Was die tie­fe Geo­ther­mie brem­se, sei­en man­geln­der Wis­sens­trans­fer und feh­len­de Koope­ra­ti­on. „Man kann viel von­ein­an­der ler­nen, wenn man sich viel stär­ker ver­netzt, vor­aus­schau­end plant und alle an einen Tisch holt. Gibt es einen Aus­tausch über Work­flows und Schnitt­stel­len, muss man nicht jede Anla­ge als Spe­zi­al­fall betrach­ten. Die­se Mul­ti­pli­zier­bar­keit ist sehr wich­tig“, so die stell­ver­tre­ten­de Obfrau des Ver­eins Geo­ther­mie Öster­reich. Auch bei der seis­mi­schen Explo­ra­ti­on soll­te laut der Exper­tin mehr zusam­men­ge­ar­bei­tet wer­den: „Das könn­te auch die Geneh­mi­gun­gen, die bei Tie­fen­boh­run­gen in der Regel ein paar Jah­re dau­ern, um eini­ges beschleunigen.“

Hei­ßes Was­ser 3.000 Meter unter der Stadt

 

In Wien wer­den gro­ße Ener­gie­re­ser­ven in Form von hei­ßem Was­ser unter dem Stadt­ge­biet ver­mu­tet. 2012 war eine Boh­rung jedoch ein teu­rer Fehl­schlag. Vor einem neu­en Ver­such hat man 2016 ein umfang­rei­ches Son­die­rungs­pro­jekt gestar­tet, das seit kur­zem grü­nes Licht geben kann. Das geor­te­te Reser­voir liegt in 3.000 Meter Tie­fe. Das Auf­spü­ren der­ar­ti­ger Ener­gie­re­ser­ven sei „eben­so eine tech­ni­sche wie eine wis­sen­schaft­li­che Her­aus­for­de­rung”, sagt die Geo­phy­si­ke­rin Maria-The­re­sia Apo­lo­ner. „Man hat mitt­ler­wei­le mehr Mög­lich­kei­ten als 2011. Das For­schungs­team hat an über 16.000 Mess­punk­ten gemes­sen und dabei etli­che Tera­byte Daten gesam­melt. Damit konn­ten wir nun erst­mals ein detail­lier­tes 3D-Modell des Wie­ner Unter­grunds erstellen.“

 

Fün­dig wur­de man in einer „Ader­klaaer Kon­glo­me­rat” genann­ten porö­sen Gesteins­schicht unter­halb eines Gebiets, das von Donau­stadt bis Sim­me­ring reicht. „Unser Ziel­ho­ri­zont lag eigent­lich in vier Kilo­me­tern Tie­fe.“ Nun wird man deut­lich weni­ger tief boh­ren müs­sen, um an die hei­ßes Was­ser füh­ren­den Schich­ten zu kom­men, die laut einer ers­ten Schät­zung von Wien Ener­gie bis 2030 bis zu 125.000 Haus­hal­te mit Wär­me ver­sor­gen könnten.

„Tie­fe Geo­ther­mie macht dort Sinn, wo vie­le Men­schen leben und ein Fern­wär­me­netz vor­han­den ist”, erklärt Apo­lo­ner, die an der Zen­tral­an­stalt für Meteo­ro­lo­gie und Geo­dy­na­mik (ZAMG) beschäf­tigt ist. Am Ener­gie-For­schungs­pro­jekt „Geo­Tief Wien” sind unter der Lei­tung von Wien Ener­gie neben der ZAMG unter ande­rem auch das AIT, die Geo­lo­gi­sche Bun­des­an­stalt, die Mon­tan­uni Leo­ben sowie OMV und die RAG Aus­tria AG betei­ligt. Die zur Erschlie­ßung nöti­gen Inves­ti­tio­nen sind nicht unbe­trächt­lich. Der Druck auf die Wis­sen­schaf­ter wie auf die Tech­ni­ker, die mit ihrer Boh­rung genau im Ziel­ge­biet lan­den soll­ten, ist daher groß.

Geo­ther­mie wer­de auch in Öster­reich ein wich­ti­ger Bau­stein für den künf­ti­gen Ener­gie­mix wer­den, sagt die Wis­sen­schaf­te­rin. Der Ver­ein Geo­ther­mie Öster­reich schätzt, dass hier­zu­lan­de dadurch der Anteil erneu­er­ba­rer Ener­gie in der Fern­wär­me­er­zeu­gung von 46 (im Jahr 2016) auf bis zu 86 Pro­zent im Jahr 2050 erhöht wer­den könn­te. Laut dem Ver­ein wer­den erst fünf Pro­zent des Poten­zi­als der tie­fen Geo­ther­mie in Öster­reich genutzt, der mög­li­che Anteil die­ser Ener­gie­quel­le an den not­wen­di­gen CO2-Ein­spa­run­gen sei enorm.

Noch eini­ge Forschungslücken

 

Vor allem in der ober­flä­chen­na­hen Geo­ther­mie sind aber noch vie­le For­schungs­fra­gen offen, etwa was die „Ern­te” sola­rer urba­ner Über­schuss­wär­me von Gebäu­de­ober­flä­chen, Geh­we­gen, Stra­ßen und Plät­zen betrifft. „Die­se Wär­me kann man im Unter­grund gewin­nen und auch wie­der spei­chern. Da braucht es noch For­schung zum ther­mi­schen Ver­hal­ten einer­seits von Ober­flä­chen und ande­rer­seits zu den Aus­wir­kun­gen von ver­schie­de­nen Be- und Ent­la­dungs­sze­na­ri­en von Erd­son­den­spei­chern bei unter­schied­li­chen Unter­grün­den“, so Has­lin­ger. Wich­tig sei, sicher­zu­stel­len, dass das kei­ne nega­ti­ve ther­mi­sche Aus­wir­kung auf Nach­bar­grund­stü­cke hat.

 

Auch bei den Bohr­tech­no­lo­gien gebe es noch Ver­bes­se­rungs­po­ten­zi­al. „Eine der größ­ten Hür­den ist, dass der Bohr­pro­zess bei man­chen Unter­grün­den sehr lan­ge dau­ert. Um nicht nur den Unter­grund anzap­fen zu kön­nen, wo man unmit­tel­bar Was­ser hat, ist bei­spiels­wei­se die Fest­ge­stein­bohr­tech­nik sehr wich­tig. Das gilt sowohl für die ober­flä­chen­na­he als auch die tie­fe Geo­ther­mie“, stellt die Geo­lo­gin fest.

Unter­grund als Wärmespeicher

Auch in der Nut­zung von Geo­ther­mie als Spei­cher gibt es Fort­schrit­te. So könn­te Wär­me, die im Som­mer durch Solar­ener­gie gewon­nen, aber nicht gebraucht wird, tem­po­rär ein­ge­la­gert wer­den. Hier gibt es drei Kon­zep­te, das soge­nann­te „ABC“ der Spei­che­rung: ATES‑, BTES- und CTES ‑Sys­te­me. Geforscht wird unter ande­rem an den Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Was­ser, Mate­ri­al und dem umge­ben­den Erd­reich oder Gestein.

ATES (Aqui­fer Ther­mal Ener­gy Sto­rage) steht für Aqui­fer­spei­cher, also grund­was­ser­ba­sier­te Sys­te­me, die sich zum Bei­spiel für die Spei­che­rung von Abwär­me oder Fern­wär­me eig­nen. Dabei wird war­mes Was­ser über ein Bohr­loch in die was­ser­füh­ren­de Schicht gepumpt, gleich­zei­tig kal­tes Was­ser über ein zwei­tes Bohr­loch ent­nom­men. In Öster­reich sei­en eher die tie­fen Reser­voi­re inter­es­sant, die kaum oder kei­nen Grund­was­ser­fluss haben. Ober­flä­chen­na­he Grund­was­ser­kör­per könn­ten even­tu­ell für Trink­was­ser her­an­ge­zo­gen wer­den, wes­halb eine Nut­zung durch das Was­ser­recht eher unter­bun­den wer­de, sagt Has­lin­ger. Die ATES-Tech­no­lo­gie ist hier­zu­lan­de tech­no­lo­gisch nicht eta­bliert, eig­net sich aber wegen dem extrem gerin­gen Ober­flä­chen­be­darf gut für Bal­lungs­zen­tren. Das Poten­zi­al für Fern­wär­me­netz­an­wen­dun­gen wird der­zeit im Pro­jekt ATES Vien­na erkundet.

BTES-Sys­te­me (Bore­ho­le Ther­mal Ener­gy Sto­rage) sind Erd­son­den­spei­cher und tech­nisch schon sehr aus­ge­reift. Sie wer­den vor allem zur Spei­che­rung von Nie­der­tem­pe­ra­tur-Wär­me (bis 30 Grad) in Tie­fen von 50 bis 200 Meter ein­ge­setzt. Dabei nutzt man nicht wie bei ATES was­ser­füh­ren­de Schich­ten, son­dern Gestein im Unter­grund. Außer­dem wer­den geschlos­se­ne Rohr­sys­te­me in den Boden ver­bracht. Ein­ge­setzt wer­den BTES-Sys­te­me vor allem bei Büro­ge­bäu­den und in Nie­der­tem­pe­ra­tur-Wär­me- und-Käl­te­net­zen (Aner­gie­net­zen).

Pro­jekt SANBA

 

Im Pro­jekt SAN­BA (Smart Aner­gy Quar­ter Baden) wur­de ein Nie­der­tem­pe­ra­tur­netz (4 bis 30 Grad) zur Wär­me­ver­sor­gung und Küh­lung (Aner­gie­netz) für die ehe­ma­li­ge Mar­ti­nek-Kaser­ne ent­wi­ckelt. Im Gegen­satz zu einem Fern­wär­me­netz ver­fügt ein Aner­gie­netz nicht über eine zen­tra­le Wär­me­ver­sor­gung, son­dern kann dezen­tral auf Quar­tiers­ebe­ne betrie­ben wer­den. Als wich­tigs­te Wär­me­quel­le des Net­zes war die indus­tri­el­le Nie­der­tem­pe­ra­tur-Abwär­me aus der benach­bar­ten NÖM-Mol­ke­rei vor­ge­se­hen, ergänzt durch ther­mi­sche Solar­an­la­gen, Pho­to­vol­ta­ik, Wär­me­pum­pen sowie ein Erd­son­den­feld, das als sai­so­na­ler Spei­cher ver­wen­det wer­den sollte.

 

Als Basis der Ener­gie- und Sanie­rungs-Berech­nun­gen wur­den drei kon­kre­te Sze­na­ri­en defi­niert. Die­se rei­chen in der ers­ten Aus­bau­stu­fe von der exklu­si­ven Nut­zung des Bestands­ge­bäu­des ohne neue Gebäu­de über eine mitt­le­re bis zu einer ver­dich­te­ten Bebau­ung. Als wirt­schaft­lich sinn­voll haben sich die letz­ten bei­den Sze­na­ri­en erwie­sen. Das Pro­jekt hat den Anga­ben zufol­ge gezeigt, dass eine aut­ar­ke Wär­me­ver­sor­gung für alle Objek­te durch die Kom­bi­na­ti­on von Erd­son­den­fel­dern als Wär­me­spei­cher und der Abwär­me­nut­zung aus der Käl­te­er­zeu­gung bei der NÖM mög­lich wäre.

CTES (Cavern Ther­mal Ener­gy Sto­rage) sind Kaver­nen- und Minen­spei­cher. Genutzt wer­den haupt­säch­lich künst­lich errich­te­te Hohl­räu­me wie Berg­wer­ke, Stol­len oder Tun­nel. Gefüllt mit hei­ßem Was­ser die­nen sie als sai­so­na­ler Spei­cher. Bis­her gibt es nur weni­ge Bei­spie­le für CTES, etwa in Schweden.

Strom­erzeu­gung als extre­me Nische

Was die geo­ther­mi­sche Strom­ge­win­nung anbe­langt, ist Öster­reich ein Nie­der­tem­pe­ra­tur-Land bezie­hungs­wei­se ein soge­nann­tes Nie­derenthal­pie-Land. Damit fällt auch schon eines von zwei poten­zi­el­len Ver­fah­ren weg: Für die direk­te Anwen­dungs­mög­lich­keit braucht es hohe Tem­pe­ra­tu­ren im Unter­grund von 150 Grad Cel­si­us auf­wärts, noch bes­ser 200 Grad. So kann direkt Dampf erzeugt wer­den, um Tur­bi­nen anzu­trei­ben. Hier­zu­lan­de kom­men die der­zeit genutz­ten Ther­mal­quel­len geo­lo­gisch bedingt aber nicht über 125 Grad hinaus.

Bleibt nur Opti­on zwei: Indi­rek­te Ver­fah­ren wie ORC (Orga­nic Ran­ki­ne Cycle) und Kali­na. Hier wird die Wär­me aus dem Unter­grund (ab 80 Grad) zuerst an ein Käl­te­mit­tel über­tra­gen, das dann ver­dampft. „Vom Wir­kungs­grad ist das nicht sehr berau­schend. Wir haben zwei Anla­gen in Öster­reich, bei denen durch Geo­ther­mie Strom gewon­nen wird. Es sind maxi­mal zwei Mega­watt elek­trisch instal­liert, das ent­spricht einem klei­ne­ren Wind­rad“, so Has­lin­ger. ORC-Anla­gen wür­den doch eine gewis­se Inves­ti­tio­nen dar­stel­len, wes­we­gen jeder Betrieb und jeder Anwen­der über­le­gen und berech­nen müss­te, ob sich das wirt­schaft­lich – zumin­dest für die inter­nen Pro­zes­se – aus­zahlt. Hier könn­ten tech­no­lo­gi­sche Fort­schrit­te für Schwung sorgen.

Noch ist der Anteil der Geo­ther­mie an den instal­lier­ten erneu­er­ba­ren Ener­gien für Heiz­zwe­cke mit 1,6 Pro­zent sehr gering und für die erneu­er­ba­re Strom­erzeu­gung mit weni­ger als 0,1 Pro­zent ver­nach­läs­sig­bar. Tech­nisch ist das Poten­zi­al groß. Ob tat­säch­lich ein „geo­ther­mi­sches Jahr­zehnt“ bevor­steht, wie von man­chen Bran­chen­teil­neh­mern behaup­tet, muss sich aller­dings erst zeigen.

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