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Mehr zum Thema / Mario Wasserfaller / Donnerstag 03.03.22

„The Immor­ta­li­ty Key“: Wenn Psy­che­de­li­ka unsterb­lich machen

In sei­nem Buch „The Immor­ta­li­ty Key“ begibt sich der US-Autor Bri­an Mur­a­res­ku auf die Suche nach einer „Reli­gi­on ohne Namen“, die ihn von den Mys­te­ri­en in Eleu­sis bis in die gehei­men Archi­ve des Vati­kans führt. Das Ergeb­nis liest sich aben­teu­er­lich: Der Gebrauch psy­che­de­li­scher Sub­stan­zen könn­te die Mensch­heit schon seit Tau­sen­den Jah­ren stär­ker geprägt haben als bis­her ange­nom­men und gar ein Eck­pfei­ler von Reli­gi­on und Zivi­li­sa­ti­on gewe­sen sein. 
Foto: The Trus­tees of the Bri­tish Museum Trip­to­le­m­os, Ver­brei­ter des Acker­baus und der Kul­tur und zen­tra­le Figur der Mys­te­ri­en von Eleu­sis, flan­kiert von der Frucht­bar­keits­göt­tin Deme­ter und deren Toch­ter Persephone. 

Im Som­mer 2007 liest Mur­a­res­ku, damals in einer New Yor­ker Anwalts­kanz­lei beschäf­tigt, einen 2006 erschie­ne­nen Arti­kel in „The Eco­no­mist”, der ihn nicht mehr los­las­sen und auf ein mehr als zwölf Jah­re dau­ern­des Aben­teu­er schi­cken soll­te. Unter dem Titel „The God Pill” wer­den dar­in die Ergeb­nis­se einer Stu­die beschrie­ben, die der Neu­ro­wis­sen­schaf­ter Roland Grif­fiths an der Johns Hop­kins Uni­ver­si­ty durch­führ­te. Zwei Drit­tel der Stu­di­en­teil­neh­mer erklär­ten den Psi­lo­cy­bin-Trip zu einer der spi­ri­tu­ell bedeut­sams­ten Erfah­run­gen ihres Lebens, und berich­te­ten auch lan­ge danach von einem gestei­ger­ten Wohl­be­fin­den und Glücksgefühl.

Mur­a­res­ku, der eine Jesui­ten­schu­le besuch­te und Stu­di­en­ab­schlüs­se in Grie­chisch, Latein, Sans­krit sowie Rechts­wis­sen­schaf­ten vor­wei­sen kann, fällt sofort ein erst­mals 1978 erschie­ne­nes Buch ein, das er wäh­rend des Stu­di­ums gele­sen hat. In „The Road to Eleu­sis” stel­len die Psy­che­de­lics-Pio­nie­re R. Gor­don Was­son, Albert Hof­mann und der Alter­tums­wis­sen­schaf­ter Carl Ruck die The­se auf, dass hin­ter den lebens­ver­än­dern­den Visio­nen, die von den Ritua­len in Eleu­sis über­lie­fert wur­den, ein psy­che­de­li­sches Gebräu namens „Kyke­on” ste­cken könn­te – und dass die­se bewusst­seins­er­wei­tern­den Ritua­le nichts weni­ger als ein Fun­da­ment der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on bedeu­ten könnten.

Deme­ter, Peres­pho­ne und der Kykeon

Bei den Mys­te­ri­en von Eleu­sis, einem Ort unge­fähr 30 Kilo­me­ter nord­west­lich von Athen gele­gen, han­del­te es sich um gehei­mes Fes­ti­val, das von unge­fähr 1500 v.Chr. bis 392 n.Chr. jähr­lich zu Ehren der Göt­tin Deme­ter und ihrer Toch­ter Per­se­pho­ne abge­hal­ten wur­de. Bei dem thea­tra­li­schen Spek­ta­kel tran­ken die Initi­ier­ten vom Kyke­on und waren her­nach über­zeugt, „dass der Tod nicht das Ende unse­rer mensch­li­chen Rei­se bedeu­tet”, schreibt Muraresku.

 

Ruck, Was­son und Hof­mann ver­mu­ten hin­ter den in ver­schie­de­nen Quel­len beschrie­be­nen Visio­nen einen psy­che­de­li­schen Zusam­men­hang. Hof­mann, der 1938 aus dem gif­ti­gen Mut­ter­korn­pilz LSD extra­hiert hat­te, stellt in den Raum, dass Alka­lo­ide von Cla­viceps Pur­pu­rea (Pur­pur­brau­ner Mut­ter­korn­pilz) auch ein Bestand­teil des Kyke­on, einem bier­ar­ti­gen Gebräu aus Was­ser und Gers­te, gewe­sen sein könn­ten. Die Hypo­the­se fin­det, wohl auch aus Man­gel an Bewei­sen Ende der 70er-Jah­re in aka­de­mi­schen Krei­sen kaum Beach­tung, wie­wohl sich immer wie­der ein­zel­ne Wis­sen­schaf­ter damit befassen.

Die mut­maß­lich psy­che­de­li­schen Mys­te­ri­en blei­ben in der Öffent­lich­keit ein Nischen­the­ma, bis Mur­a­res­ku den Faden wie­der auf­nimmt und sich gan­ze zwölf Jah­re lang inten­siv damit beschäf­tigt. Zunächst forscht er lan­ge Zeit in Eigen­in­itia­ti­ve, bis ein Ver­lag dar­auf auf­merk­sam wird und sei­ne Erkennt­nis­se in Buch­form gießt – was sein bis dahin geruh­sa­mes Leben schließ­lich kom­plett auf den Kopf stel­len soll­te, wie er im Inter­view mit APA-Sci­ence erklär­te. Bei sei­ner Spu­ren­su­che wühlt er sich im Sti­le eines Inves­ti­ga­ti­v­jour­na­lis­ten durch wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­tio­nen, alt­grie­chi­sche Bibel­pas­sa­gen, Biblio­the­ken und Muse­en wie den Lou­vre, besucht archäo­lo­gi­sche Aus­gra­bungs­stät­ten u.a. in Ita­li­en, Spa­ni­en und Grie­chen­land, spricht mit betei­lig­ten For­schen­den und Pries­tern über den „Hei­li­gen Gral” und fin­det sich sogar in den gehei­men Archi­ven des Vati­kans wieder.

Tritt­si­cher zwi­schen Fak­ten und Spekulation

Kein Wun­der, dass man sich dabei an Dan Browns „Da Vin­ci Code” oder India­na Jones erin­nert fühlt. Mur­a­res­ku ent­führt den Leser auf eine dra­ma­tur­gisch wohl dosier­te Odys­see zwi­schen Fakt und Plau­der­ton. Rei­se­sta­tio­nen und mensch­li­che Begeg­nun­gen kom­men anek­do­tisch und salopp-humo­rig daher, wäh­rend wis­sen­schaft­li­che Fak­ten aus­führ­lich erklärt und doku­men­tiert wer­den. Dem kri­ti­schen Leser fällt ange­nehm auf, dass Spe­ku­la­ti­on und Evi­denz jeweils als das benannt wer­den, was sie sind.

Die­sem Mus­ter fol­gend spürt Mur­a­res­ku auf der Suche nach archäo­bo­ta­ni­schen Bewei­sen aus­ge­hend von „The Road to Eleu­sis” dem Erbe der Mys­te­ri­en nach. Über einen Arti­kel in der Publi­ka­ti­on Comp­lu­tum wird er auf eine Ent­de­ckung in Mas Cas­tel­lar de Pon­tós, nahe der von grie­chi­schen Sied­lern im sechs­ten Jahr­hun­dert v.Chr. gegrün­de­ten Kolo­nie Empo­ri­on (heu­te Empú­ries), auf­merk­sam. Dort fan­den kata­la­ni­sche Wis­sen­schaf­ter in einem Deme­ter und Per­se­pho­nes geweih­ten Tem­pel Rück­stän­de von Mut­ter­korn-Sklero­ti­en, also ver­här­te­te Dauer­for­men des Pil­zes, zwi­schen Zäh­nen eines mensch­li­chen Kie­fer­kno­chens und mikro­sko­pi­sche Res­te des glei­chen Orga­nis­mus in klei­nen Bier­kel­chen. Einer der betei­lig­ten For­scher, der Archäo­bo­ta­ni­ker Jor­di Juan-Tres­ser­ras von der Uni­ver­si­tät Bar­ce­lo­na, ver­mu­tet dar­auf­hin, dass die aus Klein­asi­en stam­men­den Pho­kä­er, die unter ande­rem auch Mas­sa­lia (heu­ti­ges Mar­seil­le) gegrün­det hat­ten, die Mys­te­ri­en von Eleu­sis in ihre neue Hei­mat impor­tiert und die Tra­di­ti­on fort­ge­setzt haben könnten.

Mur­a­res­ku ver­folgt sodann die The­se, dass sich von den Pho­kä­ern aus­ge­hend psy­che­de­li­sche Geträn­ke und Ritua­le im Mit­tel­meer­raum ver­brei­tet und im frü­hen Chris­ten­tum ihre Fort­set­zung gefun­den haben könn­ten. Einen Hin­weis dar­auf ortet der Autor in einem Fund­ort in Pom­pe­ji, das 79 n.Chr. nach einem Vul­kan­aus­bruch des Vesuvs unter Asche, Schlamm und Lava begra­ben wur­de und immer wie­der spek­ta­ku­lä­re Fun­de aus der Römer­zeit her­vor­bringt. In einem  Bau­ern­haus wer­den dort Dolia (Ton­ge­fä­ße) mit ver­schie­dens­ten Über­res­ten von Pflan­zen, Kräu­tern und sogar Eidech­sen, Frö­sche und Krö­ten gefun­den und archäo­bo­ta­nisch ana­ly­siert (publi­ziert 2000 in Vege­ta­ti­on Histo­ry and Archaeo­bo­ta­ny). „Aber der eigent­li­che Knal­ler war das mar­kan­te Gemisch aus Opi­um (Papa­ver som­ni­fer­um), Can­na­bis (Can­na­bis sati­va) und zwei Mit­glie­dern der Nacht­schat­ten-Fami­lie, das wei­ße Bil­sen­kraut (Hyos­cya­mus albus) und der schwar­ze Nacht­schat­ten (Sola­num nig­rum)”, schreibt Muraresku.

Aus für Eleu­sis, Start­schuss für die Paläo-Christen

Der römi­sche Kai­ser Theo­dosi­us ließ die Fei­ern von Eleu­sis, an denen zum Bei­spiel auch schon der Kai­ser und Phi­lo­soph Mar­cus Aure­li­us (121–180 v.Chr.) teil­ge­nom­men hat­te,  im Jahr 392 n.Chr. per Dekret ver­bie­ten, nach­dem er 380 das Chris­ten­tum zur offi­zi­el­len Staats­re­li­gi­on ernannt hat­te. Die Prak­ti­ken von Eleu­sis könn­ten aber im Gehei­men über vie­le Jahr­hun­der­te wei­ter­ge­führt wor­den sein, tra­diert meis­tens von Frau­en. Im frü­hen Chris­ten­tum könn­te also sehr wohl mit einem psy­che­de­li­schen Wein in Haus­kir­chen und unter­ir­di­schen Kata­kom­ben Roms ein direk­ter Draht zu Gott und den Vor­fah­ren her­ge­stellt wor­den sein. Dar­auf deu­ten zumin­dest Fres­ken und Wand­ge­mäl­de hin, die der Öffent­lich­keit zum Teil nicht zugäng­lich sind, die der Autor aber besucht und doku­men­tiert hat.

Damit – und übri­gens auch mit ent­spre­chen­den Prak­ti­ken indi­ge­ner Völ­ker in Ame­ri­ka – konn­te die Pla­ce­bo-Eucha­ris­tie der katho­li­schen Kir­che nicht mit­hal­ten und setz­te alles dar­an, die­se Ritua­le aus­zu­lö­schen, argu­men­tiert Mur­a­res­ku, der selbst bis­her noch nicht „von der psy­che­de­li­schen Klip­pe gesprun­gen ist“, es in der Zukunft aber vor­hat. Da die Ritua­le und das Wis­sen dar­über fast aus­schließ­lich von Frau­en wei­ter­ge­ge­ben wur­den, habe das zusätz­lich die Römi­sche Inqui­si­ti­on und „Hexen“-Verfolgungen befeu­ert. Durch den enor­men Ein­fluss der Grie­chen zu Zei­ten der römi­schen Herr­schaft im gesam­ten Mit­tel­meer­raum sei es zumin­dest denk­bar, dass selbst Jesus von Naza­reth psy­che­de­li­schen Wein getrun­ken und aus­ge­schenkt hat. Dafür gibt es natür­lich kei­ne „Smo­king Gun“, aber Mur­a­res­ku hat noch so vie­le offe­ne Fra­gen, wie er gegen­über APA-Sci­ence erklär­te, dass er dem „Hei­li­gen Gral“ nun in einem zwei­ten Buch und einer Doku­men­ta­ti­on nach­ja­gen will, die bereits in Arbeit sind.

The Immor­ta­li­ty Key

Erschie­nen im Sept. 2020 im eng­li­schen Ori­gi­nal (bis­her noch nicht auf Deutsch) bei St. Martin’s Press; ISBN 9781250207142; 29,90 US-Dol­lar (Hard­co­ver).

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