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Mehr zum Thema / Stefan Thaler / Mittwoch 17.12.25

„Weltraum wird zum nächsten Schlachtfeld“

Auch wenn Dual-Use bei Weltraumtechnologie schon immer ein Thema war, scheint nun das Pendel in Europa in Richtung militärische Anwendung auszuschlagen. „Die Verteidigung des Weltraums und die Nutzung des Weltraums für Verteidigungszwecke wird immer dringlicher, denn wir werden bereits angegriffen.“ Das sagte der EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius bei seiner Eröffnungsrede zur Konferenz „Space for European Resilience“ Ende Oktober in Brüssel. Eine Entwicklung, die weite Kreise zieht.
Credit: ESA/J. Van de Vel EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius

Störungen und Täuschungen globaler Satellitennavigationssysteme seien „in großen Teilen Europas tägliche Realität“, verwies Kubilius auch auf einen Zwischenfall bei einem Flug von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Dabei wurde durch „GPS-Jamming-Signale“ das satellitenbasierte Navigationssystem GPS gezielt gestört oder blockiert. Man habe den Weltraum inzwischen zentral in die Roadmap zur Verteidigungsbereitschaft eingebunden, sagte der Kommissar: „Der Weltraum wird zum nächsten Schlachtfeld.“ So entwickle Russland „mächtige Laserwaffen“, die Satelliten dauerhaft blenden könnten.

Moderne Kriegsführung auf All angewiesen

Es gehe nicht nur darum, den Weltraum zu verteidigen, sondern auch den Weltraum für die Verteidigung zu nutzen, verwies er auf den geplanten europäischen „European Defence Space Shield“. In der modernen Kriegsführung brauche es drei Dinge: Erstens: sichere Aufklärung, Überwachung und Erkundung. Zweitens: sichere Positionierung, Navigation und Zeitmessung. Und drittens: sichere Kommunikation und Konnektivität.

„Weltraum und Verteidigung gehen Hand in Hand. Und hier hat Europa wirklich aufzuholen.“ ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher

Auch der aus Tirol stammende Generaldirektor der ESA, Josef Aschbacher, erklärte kürzlich gegenüber der APA: „Weltraum und Verteidigung gehen Hand in Hand. Und hier hat Europa wirklich aufzuholen.“ Die geopolitische Lage führe dazu, dass in Europa momentan große Kapazitäten in der Verteidigung aufgebaut werden. „Das geht von Panzern über Kampfflugzeuge und Ähnliches. Der Weltraum ist integrierter Teil dieser Militärinfrastruktur“, so der ESA-Chef.

Allerdings würde die Förderung dieser Infrastruktur in Europa größtenteils aus zivilen Töpfen stammen. Weltweit betrage das Verhältnis ziviler und militärischer Fördermittel etwa 50 zu 50, in Amerika würden 60 Prozent aus militärischen Budgets kommen, in Europa im Schnitt nur 15 Prozent. Hier gebe es also noch Nachholbedarf.

Satelliten identifizieren Panzer am Boden

Im Rahmen der ESA-Ministerratskonferenz, die jüngst in Bremen stattfand, war dann auch von einer historischen Wende für die ESA die Rede. Man habe den „klaren Auftrag“ Weltraumanwendungen für Verteidigungszwecke zu nutzen. Unter anderem soll ein System entwickelt werden, das Zugang zu Satellitenbildern mit hoher zeitlicher und räumlicher Auflösung bietet. Letztendlich will man das genaue Modell eines Panzers am Boden identifizieren können – Tag und Nacht, unabhängig vom Wetter und quasi in Echtzeit. „Missionskritisch“ für die Zukunft im Weltraum seien auch die Trägerraketen Ariane 6 und Vega-C.

Trägerraketen wie Ariane 6 sind „missionskritisch“ für die Zukunft im Weltraum (Credit: APA/AFP)
"Argumentation aus dem letzten Jahrhundert"

Weltraumtechnologie würde schon jetzt sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke – Stichwort „Dual-Use“ – eingesetzt, sagte Aschbacher. So habe man im Bereich Meteorologie nicht jeweils einen militärischen und einen zivilen geostationären Satelliten, sondern nur einen, dessen Beobachtungen der Wettervorhersage dienen. Diese Prognosen würden für den Landwirt gemacht – „oder für das Militär, um zum Beispiel Kampfeinsätze zu fliegen“. Deshalb sei der Weltraum auch nicht entweder militärisch oder zivil. „Das ist eine Argumentation aus dem letzten Jahrhundert und heute nicht mehr zutreffend“, erklärte Aschbacher.

 

Auch Raketen wie Ariane 6 würden sowohl zivile als auch militärische Satelliten ins All bringen. Derzeit nutze man Kourou in Französisch-Guayana als Weltraumbahnhof für die Starts. In Zukunft werde es in verschiedenen Ländern, „die sich momentan positionieren“, auch kleinere Weltraumbahnhöfe geben, „die wahrscheinlich auch für häufigere, taktische Raketenstarts verwendet werden. Und taktisch heißt in dem Fall wirklich auch, um die Verteidigungsbedürfnisse zu befriedigen“, sagte der ESA-Generaldirektor.

Handlungsfähigkeit von Staaten gefährdet

Weltrauminfrastrukturen und weltraumbasierte Daten seien mittlerweile zur „sicherheitskritischen Komponente der wirtschaftlichen Stabilität, des politischen Handlungsspielraums und der strategischen Autonomie“ geworden, argumentierte auch der für die Weltraumagenden zuständige Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) anlässlich der kürzlich abgehaltenen ESA-Ministerratskonferenz. Werden solche Systeme „gestört, blockiert oder manipuliert“, dann gefährde das „die Handlungsfähigkeit unserer Staaten unmittelbar“.

Der Weltraum sei heute „weit mehr als ein Ort wissenschaftlicher Neugier oder geopolitischer Projekte. Er ist zu einem sicherheitspolitisch hochrelevanten Raum geworden“, gab sich Joanneum Research-Geschäftsführer Heinz Mayer überzeugt. Anwendungen wie Satellitenkommunikation, Erdbeobachtung und Navigationssysteme seien zentrale Bestandteile kritischer Infrastrukturen – häufig in Form sogenannter Dual-Use-Technologien.

Industrie sieht Segen und Fluch

Akteure der Industrie sehen den doppelten Verwendungszweck von Weltraumlösungen sowohl als Segen als auch Fluch, heißt es in einem Report des European Space Policy Institute mit Sitz in Wien. So würden „zivil-militärische Satelliten” zwar zusätzliche Einnahmen ermöglichen, aber auch Fragen hinsichtlich ihres Schutzes aufwerfen. Letztendlich könnte die Wahrscheinlichkeit, dass Satelliten angegriffen werden, steigen, erklärte Kurt Kober, Geschäftsführer des Wiener Weltraumunternehmens Beyond Gravity, im Gespräch mit APA-Science.

Kurt Kober, Geschäftsführer von Beyond Gravity; Credit: Beyond Gravity/Anna Rauchenberger

Innovationsschub erwartet

Die Palette reiche von gezielter Annäherung an einen Satelliten, um die Signale zu stören, über eine Ankoppelung zum Datenabgriff bis zu einem künftig denkbaren Aus-der-Umlaufbahn-Stoßen durch „Service-Satelliten“. Zusätzliche militärische Mittel könnten allerdings mittelfristig auch zu einem „Innovationsschub“ im zivilen Bereich führen, ist der Experte überzeugt. Optimierte Satellitennavigationslösungen, die das Stören von Signalen oder das Vorgaukeln einer anderen Position erschweren, würden beispielsweise zivile Indoor-Navigation ermöglichen. Hier könnte es zu einer „Querfinanzierung“ kommen, die in Österreich und Deutschland bisher kaum der Fall war.

Satelliten seien klassische Dual-Use-Technologie, also sowohl zivil als auch militärisch nutzbar. „Das ist wie ein leerer Lkw am Boden. Entscheidend ist die Nutzlast, also die Beladung, etwa mit Kommunikations- oder Navigationslösungen“, sagte Kober. Und die könnte künftig vermehrt militärischen Zwecken wie der Überwachung elektronischer Störsignale am Boden oder zur Generierung hochauflösender Bilder dienen.

Satelliten können mit Kommunikations- oder Navigationslösungen beladen werden; Credit: Beyond Gravity/www.noeflum.ch
Eigene Satelliten für das Bundesheer

Satelliten ermöglichen das Streben nach größerer Unabhängigkeit und eigener Infrastruktur im All: Auch in Österreich gibt es erste Schritte in diese Richtung, nämlich über ein vom Verteidigungsministerium mitfinanziertes Projekt namens LEO2VLEO, über das insgesamt vier eigene Satelliten, drei für den operativen Einsatz und ein weiterer als Testobjekt, entwickelt werden – ein Auftakt, so Kober.

 

Bei Beyond Gravity, das aktuell vor allem als Zulieferer von Thermalschutz und von Navigationsempfängern für Weltraum- und Satellitenmissionen bekannt ist, will man sich künftig als Komplettanbieter von Nutzlasten positionieren. So steuere man im Projekt LEO-PNT (Celeste), bei dem die europäische Weltraumorganisation ESA ein neues, widerstandsfähigeres Satellitennavigationssystem entwickelt, erstmals wesentliche Teile der datengenerierenden Satelliteneinheit bei. Konkret sollen bei LEO-PNT neue Navigationssatelliten in niedriger Erdumlaufbahn bestehende Systeme wie Galileo ergänzen und sicherer machen.

Navigationsempfänger für gepanzerte Fahrzeuge

Außerdem werde man versuchen, „Weltraumtechnologie auf den Boden zu bringen und militärische oder halbmilitärische Produkte zu verkaufen“. Kober denkt hier unter anderem an gefechtstaugliche Navigationsempfänger für Bodensysteme, etwa gepanzerte Fahrzeuge oder mobile Radarstationen. Konkrete Gespräche dazu seien im Laufen.

Europa werde in den kommenden zehn Jahren zu den USA aufholen, was das Verhältnis ziviler und militärischer Weltraumausgaben betrifft. „Die 60 Prozent für Verteidigung im Weltraumsektor werden wir nicht erreichen, aber ein Anstieg auf 40 Prozent könnte möglich sein“, so Kober. Ein damit einhergehender „Hebel“ für den zivilen Bereich würde auch der Wirtschaft nutzen.

Der „finanzielle Big Bang“ in Europa, wie es jüngst Kubilius formulierte, der zu massiven Zuwächsen im Verteidigungssektor führt, schwappt offensichtlich zumindest in Teilen auch in den Weltraum über. „Dual-Use“ wird damit in diesem Bereich nicht nur einzementiert, sondern vermutlich zum Standard werden.

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