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Mehr zum Thema / Jochen Stadler / Mittwoch 01.12.21

Wie die CO2-Emis­sio­nen ermit­telt werden

In jedem Land der Welt, das die Kli­ma­rah­men­kon­ven­ti­on der Ver­ein­ten Natio­nen (UNFCCC) unter­schrie­ben hat, wer­den die Treib­haus­gas­emis­sio­nen nach genau­en Vor­schrif­ten des Welt­kli­ma­rats (IPCC) berech­net, erklär­te Micha­el Anderl von der Abtei­lung Kli­ma­schutz und Emis­si­ons­in­ven­ta­re des Umwelt­bun­des­amts in Wien. 
Foto: APA/dpa

Die­se umfas­sen fünf Bän­de for­mi­da­blen Umfangs und wur­den zuletzt auf­grund neu­er wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se um die „Metho­di­schen Ver­fei­ne­run­gen 2019“ (2019 Refi­ne­ment to the 2006 IPCC Gui­de­li­nes) ergänzt.

Das Grund­prin­zip ist laut Anderl ein­fach: „Die Akti­vi­tät mal dem Emis­si­ons­fak­tor ergibt die Emis­si­on“. Die CO2-Emis­sio­nen aus dem Ver­kehr wären nach die­ser simp­len Berech­nungs­me­tho­de das Pro­dukt aus der Men­ge des im jewei­li­gen Land ver­kauf­ten Sprits und der CO2-Men­ge, die pro Sprit­men­gen­ein­heit aus dem Aus­puff strömt. „Nach die­ser Metho­de kann grund­sätz­lich jedes Land der Welt auf ver­gleich­ba­re Art sei­ne Emis­sio­nen berech­nen“, so Anderl. Aller­dings, für Indus­trie­staa­ten sind die Anfor­de­run­gen höher als für Ent­wick­lungs­län­der. Das bedeu­tet, für Sek­to­ren wie z. B Ver­kehr oder Gebäu­de sind detail­lier­te­re Berech­nungs­ver­fah­ren her­an­zu­zie­hen.  Dabei wer­den zusätz­lich lan­des­spe­zi­fi­sche Fak­to­ren in die Berech­nun­gen ein­ge­baut, spe­zi­fi­sche Tech­no­lo­gien berück­sich­tigt und kom­ple­xe Model­le erstellt, um die Genau­ig­keit zu maxi­mie­ren. Das pas­siert zum Bei­spiel in Österreich.

Berech­nungs­quel­le natio­na­le Energiebilanz

Die wich­tigs­te Grund­la­ge für die Emis­si­ons­be­rech­nung ist die natio­na­le Ener­gie­bi­lanz, sag­te der Exper­te. Sie wird jähr­lich von der Sta­tis­tik Aus­tria erstellt und ver­öf­fent­licht. „Dort sind sämt­li­che Ener­gie­trä­ger, die in Öster­reich pro Jahr ver­braucht wur­den, detail­liert ver­zeich­net”, so Anderl: „Also z.B. jene, die in kalo­ri­schen Kraft­wer­ken, in den ver­schie­de­nen Indus­trie­sek­to­ren wie etwa der Eisen- und Stahl­in­dus­trie, in den Pri­vat­haus­hal­ten, im Stra­ßen­ver­kehr usw. ein­ge­setzt wur­den.“ Auf Basis die­ser Daten kön­nen dann für die Bilan­zie­rung der Treib­haus­ga­se im Umwelt­bun­des­amt detail­lier­te Berech­nun­gen ange­stellt wer­den: „Man weiß zum Bei­spiel sehr genau über den fos­si­len Koh­len­stoff­ge­halt der Brenn- und Treib­stof­fe Bescheid, weil er immer wie­der ana­ly­siert wird. Im Ver­kehrs­sek­tor wird z. B. ergän­zend mit Emis­si­ons­fak­to­ren vom Prüf­stand und detail­lier­ten Fahr­leis­tungs­mo­del­len gerech­net. Dadurch ent­spricht das Ergeb­nis viel eher der Rea­li­tät.“ Bei den Haus­hal­ten wer­de glei­cher­ma­ßen ver­fah­ren: Man berech­net anhand der in Öster­reich ver­kauf­ten Heiz­öl­men­gen und den ermit­tel­ten Emis­si­ons­wer­ten von Ölhei­zun­gen etwa den Aus­stoß aus die­sem Bereich.

Betrei­ber und Betrie­be mel­den oft exak­te Daten

Aus man­chen Sek­to­ren gibt es die exak­ten Wer­te: „Emis­si­ons­han­dels­be­trie­be müs­sen all­jähr­lich ihre Emis­sio­nen berich­ten, die­se Daten flie­ßen direkt in die Inven­tur ein“, erklärt Anderl. Halb­lei­ter-Her­stel­ler z.B. haben wie­der­um laut Indus­trie­gas­ver­ord­nung die ein­ge­setz­ten Stoff­men­gen (F‑Gase) zu mel­den, Betrei­ber von Abfall-Depo­nien mel­den die depo­nier­ten Men­gen , aus denen sich wie­der­um die spe­zi­fi­schen Methan­emis­sio­nen berech­nen las­sen. Vie­le Groß­be­trie­be berich­ten ihre Emis­sio­nen laut einer gesetz­li­chen Rege­lung  für Kes­sel­an­la­gen. Hier ste­hen den Exper­tin­nen und Exper­ten dann die tat­säch­lich emit­tier­ten Men­gen zur Ver­fü­gung. „Wir fra­gen auch bei den Fach­ver­bän­den von Indus­trie­bran­chen Daten ab, mit denen wir dann die Emis­sio­nen sehr detail­liert berech­nen kön­nen“, erklär­te der Experte.

CO2-Steu­ern und ‑Prei­se

Ein­nah­men durch CO2-Preis, Rück­zah­lung über Kli­m­abo­nus, 2022–2025

Öster­reich befin­det sich preis­lich im Mittelfeld 

Vieh­zahl, Hal­tungs­be­din­gun­gen und Milch­leis­tung wer­den einberechnet

Die­se Anstren­gun­gen wer­den übri­gens jähr­lich unter­nom­men. „Ich bin zum Bei­spiel für die Inven­tur der Land­wirt­schaft zustän­dig. Wir über­neh­men alle Jah­re zum Bei­spiel die neu­en Vieh­be­stands­zah­len, die Mine­ral­dün­ger­men­gen, Daten der Ern­te­er­trä­ge, Milch­leis­tungs­da­ten, Flä­chen­zah­len und berück­sich­ti­gen aktu­el­le Daten zur land­wirt­schaft­li­chen Pra­xis in Öster­reich für unse­re Berech­nun­gen“, erläu­ter­te Anderl. Auf­grund wis­sen­schaft­li­cher Publi­ka­tio­nen kön­ne man zum Bei­spiel anhand der Milch­leis­tungs­da­ten und wenn man weiß, womit die Rin­der gefüt­tert und in wel­chen Sys­te­men sie gehal­ten wur­den, die von ihnen pro­du­zier­ten Treib­haus­gas­men­gen viel exak­ter berech­nen, als mit einer ein­fa­chen Milch­mäd­chen­rech­nung: „Rin­der-mal-Emis­si­ons­fak­tor“. „Län­der ohne solch einem aus­ge­feil­ten Sys­tem rech­nen die Emis­sio­nen simp­ler hoch, aber grund­sätz­lich ist das Sys­tem so aus­ge­legt, dass sie über­all bere­chen­bar und welt­weit ver­gleich­bar sind“, so der Exper­te. In Öster­reich kommt man mit dem kom­ple­xen Sys­tem aus Berech­nun­gen, Model­len, direk­ten Daten und Mes­sun­gen auf eine Unsi­cher­heit der Treib­haus­gas­in­ven­tur  von vier bis fünf Pro­zent, berich­tet er.

EU und Ver­ein­ten Natio­nen prü­fen oft und streng

Die Treib­haus­gas­in­ven­tu­ren wer­den sowohl von der EU-Kom­mis­si­on als auch vom Kli­ma­se­kre­ta­ri­at der Ver­ein­ten Natio­nen in jedem Indus­trie­land peni­bel kon­trol­liert, so Anderl: „Es ist wie bei einer Steu­er­prü­fung, die Exper­ten prü­fen eine Woche lang inten­siv die Inven­tur, in regel­mä­ßi­gen Abstän­den kom­men sie auch direkt zu uns.“. Auch Mit­ar­bei­ter des Umwelt­bun­des­amts sind für die UN als Emis­si­ons­in­ven­tur­prü­fer unter­wegs, frei­lich in ande­ren Län­dern und nicht dem eige­nen. Die Prüf­teams geben dann Stel­lung­nah­men ab, was zu ergän­zen oder kor­ri­gie­ren ist. „Grö­ße­re Feh­ler sind uns glück­li­cher­wei­se noch nicht unter­lau­fen , dazu haben wir ein Qua­li­täts­ma­nage­ment­sys­tem mit wei­sungs­frei­en Mit­ar­bei­tern“, berich­tet er.

Die inten­si­ven Prü­fungs­ver­fah­ren die­nen der Ver­bes­se­rung der Qua­li­tät der Inven­tu­ren und sol­len ver­hin­dern, dass Län­der trick­sen. „Etwa, indem man die Emis­sio­nen in den Basis­jah­ren etwas höher ansetzt, könn­te man stär­ke­re Abnah­men der Emis­sio­nen vor­täu­schen, oder indem man sie in den Ziel­jah­ren künst­lich nach unten rech­net“, sag­te Anderl. Des­halb wür­den „ganz genau nach Unter- oder Über­schät­zen geprüft“ und bei Bedarf rigo­ro­se Kor­rek­tu­ren verlangt.

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